Der zum Mord sein krummes Messer schleift,

Und sodann in blitzgeschwindem Rauschen

Uns den Schädel von dem Hirne streift u. s. w.

Das Uebrige ist verwischt und wohl schwerlich irgendwo wieder zu finden, oder des Aufsuchens werth. Das Skalpiren der Wilden ist bekannt genug: und man erzählt davon fürchterliche Beispiele. Mir selbst ist keines bekannt geworden. Sie skalpiren sehr ehrlich nur ihre Feinde; und unsere Wilden waren durchaus nur freundschaftliche Leute. Ich kann wenig von ihnen sagen, was nicht schon bekannt wäre. Sie kamen sehr häufig in großer Anzahl in die Stadt, um ihre Jagdbeute zu verkaufen, die meistens aus Moosthieren, Geflügel und zuweilen Fischen, vorzüglich Aalen, bestand. Dafür bekamen sie Rum, europäische Bedürfnisse und spanische Thaler. Sie wußten den Werth des Geldes schon sehr gut zu schätzen, und betrogen eben so oft, als sie betrogen wurden. Das Moosthier, oder das Elent, ist ein majestätisches Geschöpf, das an Größe dem größten Holsteiner Pferde nichts nachgiebt, Schaufelgeweihe wie der Dammhirsch hat, die prächtig und furchtbar ausgreifen und ihm ein schreckbares Ansehen geben. Das Fleisch ist nicht immer gut; von einem jungen kann man es zu den Leckerbissen zählen, wenn es gut zubereitet wird. Man kann sich die Menge dieser Thiere denken, die dort müssen gewesen sein, da ganze englische Regimenter Tornister von Elentsfellen hatten. Die sogenannten Wilden waren nicht viel schlechter gekleidet, als ich die Letten, Esthen und Finnen gefunden habe. Ein grobes, graues Tuch, künstlich genug um den Körper gewickelt, machte das Hauptkleidungsstück. Sie kamen gewöhnlich zur See, in ihren bekannten Booten von Birkenrinde, die meisterhaft gebaut waren und die sie mit ihren kleinen Rudern meisterhaft zu führen verstanden. Die englischen Matrosen, die es ihnen nachthun wollten, verloren sehr oft das Gleichgewicht und fielen in die See, worüber denn die Indier und über das europäische schwerfällige Schwimmen recht herzlich lachten. Sie machen mit diesen Booten große Küstenreisen und stechen damit außerordentlich weit in die See. Ich erinnere mich eines Falles, der uns wenigstens ziemlich unterhaltend war. Ich hatte auf einer kleinen Außenbatterie die Wache, saß auf einer Kanone und schaute behaglich in die See hinaus, die eben ziemlich hoch und hohl ging. Da entdeckten wir in großer Ferne etwas, worüber jeder seine eigenen Muthmaßungen hatte, was es wohl seyn könnte. Keiner rieth die Wahrheit. Als es näher kam, sahen wir, es war ein indisches Birkenboot, das der Wind grade zu uns ans Ufer trieb. Wir eilten hinab und es lag ein ziemlich alter Uramerikaner darin, der in Sturm und Wogenbruch recht ruhig schlief. Neben ihm lag eine leere und eine halbleere Rumflasche, die seinem Schlummer sehr behülflich gewesen seyn mochten. Er war nicht zu ermuntern; denn sein Zustand ist leicht zu errathen. Wir führten ihn hinauf ins Wachthaus, legten ihn auf dem ruhigsten Ort der Britsche nieder, wo er lethargisch fortschlief. Das Boot zogen wir ans Land, die Flaschen bargen wir; den Beutel, den er am Gürtel trug, und in dem vierzig spanische Thaler waren, schloß ich aus Vorsicht in den Schrank. Als er ernüchtert erwachte, blickte er wild verwundert um sich, daß er sich auf einer europäischen Wache befand. Da wir ihm aber die gefährliche Lage bedeuteten, in welcher er sich befunden hatte, ward er heiter und schien im Begriff zu seyn, uns danken zu wollen: da er aber auf den Gürtel blickte und seinen Beutel vermißte, ward sein Gesicht länger und breiter, und ein Gemisch von Gefühlen schien in seiner Seele zu arbeiten, die alle besagten: Ha, ha! so ists? du bist unter die weißen Leute gerathen: als ich ihm aber den Beutel aus dem Schranke darreichte und er schnell am Anblick merkte, daß wohl nichts fehlen würde, er wohl auch eilig den Schluß machen mochte, daß man nicht einen Theil behalten würde, wo man des Ganzen Meister war, ward seine Freude urpatriarchalische Ausgelassenheit. Er umarmte einen nach dem andern, und man sahe ihm an, daß ihm das Geld nicht so lieb war, als die Gesellschaft ehrlicher Leute; und als er die Summe endlich vollzählig fand, bestand er durchaus darauf, die Wache sollte eine Handvoll Thaler nehmen. Ich hatte gute Gründe das zu verweigern; aber einige mußten wir behalten. Nun bugsirten wir ihn wieder in sein Boot, mit guten Erinnerungen und Warnungen vor der Rumflasche. Er schien ganz Dankbarkeit; das Wetter war besser und er ruderte gutes Muthes durch die Bucht in den Ocean hinaus. Ein andermal hatte ich auf dem nämlichen Platze den grauenvoll großen Anblick, daß ein schönes herrliches Schiff aus Unkunde des Weges bei starkem widrigen Winde auf einen verborgenen Felsen lief. Ich hatte lange mit ängstlicher Theilnahme zugesehen, wie es mit Mühe und Schwierigkeit herein lavirte. Meine Augen waren mit gespannter Aufmerksamkeit dahin geheftet; meine Seele war ganz auf dem Schiffe, da setzte es in keiner großen Entfernung mit einem furchtbar krachenden Stoß auf das versteckte Riff, so daß die Maste zusammen brachen und die ganze Maschine in Trümmer zu zerbersten drohte. Das Geschrei der Leute war herzschneidend. Sogleich fielen einige Nothschüsse und sogleich eilten einige größere Schiffe, an ihrer Spitze eine Fregatte, und eine Menge kleinere Fahrzeuge, zur Hülfe heraus. Von der Mannschaft wurde Alles gerettet; aber von der Ladung fast nichts, da sie aus lauter Artikeln bestand, die nicht das Wasser vertragen konnten. Das schöne fast ganz neue Schiff saß fest auf der Spitze, die ein ungeheures Leck gerade unten mitten am Kiel eingebrochen hatte, und weder menschliche Kraft noch Kunst war es herabzubringen im Stande, bis endlich eine sehr einfache Maschinerie es mit der großen Springfluth herunter hob. Man legte nämlich bei der niedrigsten Ebbe auf beiden Seiten eine Menge großer leerer Rumfässer, befestigte sie korrespondirend unter dem Kiel weg mit Tauen, und auf diese Weise hoben die vielen leeren Gefäße mit Hülfe der hohen Fluth das Schiff aus dem Riff heraus und brachten es glücklich hinein auf den Werft. Ich war durch einen glücklichen Zufall eben wieder gegenwärtig, als es herabgehoben und hinein bugsirt wurde.

Die Wilden benahmen sich, so viel ich habe beobachten können, immer anständig; doch soll das nicht stets der Fall gewesen seyn, und der Gouverneur soll sie militärisch haben einstecken lassen müssen, um ihren Natürlichkeiten in Hinsicht des Geschlechts Einhalt zu thun. Wenn sie des Rums etwas voll und lustig wurden, führten sie drollig genug sogleich am Ufer den Ball auf und tanzten nach einer Art von brummendem Gesang, wozu einige mit Kieselsteinen aus dem Stegreife den Takt schlugen. Wir kamen nicht selten auf unsern größern Streifereien in ihre Hütten an Felsen und Bächen, die meisten hatten sich tiefer zurückgezogen; ich habe aber nie gehört, daß sie einem von den Unsrigen etwas zu Leide gethan hätten: und dann wäre es wahrscheinlich bloß die Schuld des Europäers gewesen. Einige hielten es mit uns, einige mit den Republikanern, nachdem ihre Stimmung und Lage war: und es wäre wohl schwer zu entscheiden, ob sie hier oder dort mehr betrogen wurden. Mit dem Feuergewehr wußten sie schon seit langer Zeit sehr geschickt umzugehen, und hatten gemeiniglich alte große lange holländische Schießprügel, mit welchen sie mehrere hundert Schritte vortrefflich das Ziel trafen und manchen Posten im Gebüsche wegschossen, ohne daß man gewahr werden konnte, woher die Kugel kam. Als die Franzosen noch Herren von Kanada waren, ließen sie sichs angelegen seyn, durch ihre Missionarien die Amerikaner ins Christenthum einzupferchen: daher noch mancher Alte unter ihnen, wenn er die Glocken hört, sein Kreuz schlägt und „au nom de dieu, du père, du fils et du saint esprit“ dazu sagt. Das schien indessen auch der ganze Ueberrest von Kenntniß in Sprache und Religion zu seyn. Die Engländer kümmern sich um das Bekehrungsgeschäft wenig oder gar nicht: das hätte nichts zu sagen, da man die Neubekehrten nur gar zu gern in die Verhältnisse der Letten und Esthen treten läßt; wenn man die armen Urbewohner nur nicht ächt europäisch-christlich von allen Seiten so zurück zwänge, daß ihnen im Kurzen nichts als der Hals von Kalifornien oder die unbekannten Eisländer übrig bleiben werden. Die ich gesehen habe, waren alle ein großer, schöner, nerviger Menschenschlag, mit länglich regelmäßigen Gesichtern, ungefähr wie die alten ächten Brandenburger. Ich erinnere mich nicht einen unter ihnen gesehen zu haben, der über fünf Fuß neun Zoll oder unter fünf Fuß drei Zoll gewesen wäre; also sehr selten war einer so klein, wie meine eigene Personalität, die doch unter uns noch nicht zwerghaft ist. Die kupferbraune Farbe kleidete die Männer sehr anständig ernsthaft; ungefähr wie bei uns ein Grenadier, der ein halbes Dutzend Feldzüge mitgemacht hat, eine Farbe bekommt, die von seinem Feldkessel nicht sehr verschieden ist. Aber die nämlichen Züge und die nämliche Farbe sind den weiblichen Reizen nichts weniger als günstig; und ich habe keine Indianerin gesehen, die durch ihre Erscheinung den geringsten gefälligen Eindruck auf meinen europäischen Sinn gemacht hätte, ob ich gleich eine Menge junger Mädchen gesehen habe und damals selbst ein junger rüstiger Kerl war. Die meisten sprechen jetzt etwas Englisch, da sie vom höchsten Norden bis an die spanische Gränze hinab von lauter ursprünglich englischen Kolonien umgeben sind. Kriegerische Vorfälle haben wir außer einigen Märschen nicht gehabt: ein einziges Mal schien es zu etwas Ernsthaftem kommen zu wollen, da die Franzosen den Ort anzugreifen drohten. Aber außer einigen Schüssen von den äußersten Batterien fiel nichts vor: es blieb bei den Drohungen, vermuthlich da sie die Engländer stärker und in besserer Bereitschaft fanden, als sie vermutheten. Mich ärgerte das; denn ich sahe der Landung und dem blutigen Handel mit aller Neugier eines jungen Menschen entgegen, bei dem Kraftgefühl und Thätigkeitstrieb die natürliche Furchtsamkeit überwand. Wenn ich zuweilen von einigen Kriegsvorfällen gesprochen habe, als ob ich dort gegenwärtig dabei gewesen wäre, so ist das weniger jugendliche Eitelkeit gewesen, als vielmehr, weil mich die Leute durch ihr ungestümes Fragen hineinzwangen, und ich manchmal aus Aerger Ja sagte, weil ich beständig Nein gesagt hatte. Auch habe ich keine einzige Unwahrheit gesprochen, so viel ich mich erinnere: nur geschah nicht Alles unter meinen Augen. Es that mir nachher manchmal leid, da es doch gegen den Charakter der Wahrhaftigkeit ist, der immer mein Ziel war: aber ich wollte nicht gern zurücknehmen, und habe mich seit der Zeit gehütet, eine Sylbe über die strengste Wahrheit zu sagen: gegen dieselbe sprach ich nie.

So kam denn endlich die Nachricht vom Frieden uns eben nicht erwünscht: denn junge thatendurstige Leute sehen nicht gern ihrer Bahn ein Ziel gesteckt. Man hatte mir geschmeichelt, ich könnte Officier werden und mir eine Laufbahn eröffnen. Mit dem Frieden war Alles geschlossen: denn nach unserer Ordnung konnte kein Bürgerlicher in der Regel weiter aspiriren, als bis zum Feldwebel; ein Ehrenposten, dessen lebenslängliche Dauer ich eben nicht sehr beneidete. Bei uns mußte man Edelmann seyn, oder viel Geld haben, um im Staate ein Mann zu werden; zwei Verdienste, deren Gültigkeit jedem Vernünftigen sogleich in die Augen springt. Zuweilen that Verbindung und Empfehlung auch etwas; und noch seltener wurde zufälligerweise auch wohl wirkliches Talent bemerkt. Im Kriege, wo oft periculum in mora ist, wo man Männer für Aemter und nicht Aemter für Männlein sucht, sind die Ausnahmen häufiger und es tritt da, dem Kastengeist zum schweren Aerger, nicht selten das alte primitive impertinente Menschenrecht wieder ein, daß jeder nur das gilt, was er werth ist. Doch hat es bei uns noch lange Zeit, ehe es dahin im Allgemeinen kommt: der Mensch gilt durchaus nur das, wozu ihn der Staat stempelt, und es ist keine Gefahr, daß Vernunft die Stempelordnung machen und halten werde.

Ich hatte in Amerika einen Freund, von dem ich nicht weiß, wo ihn das Schicksal hingeschlagen hat, der zu den besten gehört, die ich je gehabt habe: einen gewissen Serre aus Halberstadt, von der französischen Kolonie, der einige Zeit bei seinem Anverwandten Lavater in der Schweiz gewesen war, und dessen besseren vernünftigern Enthusiasmus glühend heiß besaß. Dieser war Unterofficier, wie ich, ein junger, muthvoller, leichtsinniger Kerl. Das Leben englischer Söldlinge war uns eben nicht angenehm, und wir beide hatten uns mit dem Gedanken getröstet, wir würden uns gelegentlich den Republikanern anschließen können; ein sehr natürlicher, verzeihlicher Gedanke für junge Leute, die mehr mit Plutarch, als mit Hobbes lebten. Die Gelegenheit wollte nicht kommen; Serre suchte sie also herbei zu führen; und er hatte eben den Entwurf gemacht, durch die großen Waldungen über die Buchten von Hallifax nach Boston zu gehen; freilich eine Unternehmung auf Tod und Leben. Er hatte sich schon über die englischen Posten unterrichtet, für Munition und nothwendige Bedürfnisse gesorgt; und die Ausführung war beschlossen, als eben der Friedensbote kam. Mich hatte nichts so sehr zurückgehalten, als der Gedanke, Münchhausen zu verlassen, der mit so redlicher Freundschaft an mir hing; und die Sache war von der Beschaffenheit, daß sie durchaus keine Mittheilung litt. Die einzige Bedenklichkeit in unsrer Freundschaft war, daß Münchhausen ein Edelmann war, der den Kopf voll alten Ritterwesens hatte, welches ich auf alle Fälle für halbe Barbarei hielt und noch halte. Freiheit und Gerechtigkeit hat bei Edelleuten einen ganz andern Sinn, als uns Philosophie und Staatswissenschaft lehrt: und das „verba valent sicut nummi“ ist nirgends mehr anwendbar, als in unserm sogenannten öffentlichen Rechte. Unserer Freundschaft stand also der Mangel endlicher Uebereinstimmung entgegen, welches der Fall bei Serre nicht war, der übrigens weder Münchhausens moralischen Werth, noch feinen Lebenstakt hatte. Der Friede zerschlug unsere Unternehmung, da wir nur nach Thätigkeit junger Leute geizten und nicht gesonnen waren, neben und unter Huronen und neuen Republikanern unser Leben fort zu vegetiren. Auf dem Schiffe wurde ich von Münchhausen getrennt; er kam auf ein anderes Fahrzeug. Der Guignon des Lebens wollte, daß ich ihn seit der Zeit nur zweimal wieder sahe; einmal, als sich auf dem Meere unsere Schiffe so näherten, daß wir mit der größten Anstrengung uns einige Worte zurufen konnten; das anderemal, als ich aus Italien und Frankreich kam, und ihn in Schmalkalden besuchte.

Unser Leben in Hallifax bestand in einem Drittel deutscher Gewöhnlichkeit, einem Drittel huronischer Wildheit und einem Drittel englischer Verfeinerung; und nach dem verschiedenen Charakter der Individuen stach eins von diesen Dritteln hervor. Bei mir blieb wohl meistens der Deutsche sitzen, obgleich Britten und Huronen mein Studium waren, und bald diese, bald jene den Vorzug behielten. Ich habe schon oben gesagt, daß Hallifax vielleicht einer der besten Häfen des Erdbodens ist. Diese Insel und das Fort St. George am Eingange ist eben stark genug, mit gehöriger Besatzung jeder beträchtlichen Flotte die Annäherung zu verwehren. Die Stadt selbst, am Ufer hin, tief in die Bucht hinein, hat ungefähr zehntausend Einwohner. Der englische Preis aller Artikel ist immer etwas höher, als in andern Ländern, und im Kriege war er es dort ungewöhnlich. Ich erinnere mich, daß ich manchmal zum Abend nach unserm Gelde fast für acht Groschen Brot, für acht Groschen Butter und für acht Groschen Kartoffeln gegessen, und einmal für ein Stückchen Kälberbraten und einen Gurkensalat eine halbe Guinee bezahlt habe. Während eines ganzen Winters bestand mein Abendbrot fast immer aus geröstetem Butterbrot mit geräuchertem Lachs, dem wohlfeilsten Artikel der Gegend. Das Pfund frisches Fleisch kostete nicht selten nach unserm Gelde einen halben Thaler; frisches Gemüse war kaum zu bezahlen. Dafür konnte aber auch ein Handarbeiter am Hafen täglich drei spanische Thaler verdienen: Alles kam ins Gleiche. Verschiedene sparsame Kerle haben auf diese Weise mehrere hundert spanische Thaler gesammelt, und, wenn sie der Zufall verschonte, sie mit in die Heimath gebracht. Ich selbst hatte von dem Ertrag der Arbeitskommandos, welche von der Krone bezahlt wurden, einige schwere Goldstücke zurückgelegt. Einige ächt soldatische Kameraden, in deren Taschen sich kein blindes Kupferstück hielt, hänselten mich aber so lange und droheten mir, mir bei meinem seligen Ende mit meinem eigenen Golde tüchtig das Maul zu zerschlagen, daß ich sie sehr bald wieder in Umlauf gesetzt hatte. Wenn Münchhausen nichts Wildes lieferte, und ich den schwarzstriefigen Kommißspeck und auch den Rauchlachs zum Ueberdruß gegessen hatte, schoß uns Serre in den Außengegenden auch wohl einen fetten Hund, oder einen feisten Kater, deren frisches Fleisch und Fett uns nicht selten leckere Mahlzeiten gaben.

Unsere Hinfahrt dauerte, wie ich oben sagte, zwei und zwanzig Wochen, eine ungeheure Länge; den nämlichen Weg machten wir rückwärts in drei und zwanzig Tagen; also machte ich eine der besten und eine der schlimmsten Fahrten mit. Heimwärts segelten wir, als flögen wir davon; und es gewährte ein eigenes großes, kühnes Vergnügen auf den ungeheuern Maschinen im Sturm daher geschleudert zu werden. Es hatten sich eine große Menge Schiffe aller Arten und aller Nationen zuerst nach dem Frieden gesammelt, und wir liefen wohl über zweihundert zusammen in dem Kanal ein, unter denen sich auch zwei amerikanische Fregatten mit der neuen freien Staatenflagge befanden, für einen Alt-Engländer wohl das größte Herzeleid, seitdem die brittischen Flotten die Meere besegelten. Die letzte Nacht gehört zu den schönsten, die ich auf dem Wasser erlebt habe. Es war ein gewaltiger Gewittersturm auf dem Kanale in der Gegend von Portsmouth. Die zusammengeengte Flotte, das Heulen des Sturms, das Schlagen des Tauwerks, das Rollen des Donners, das Leuchten der Blitze, das grelle Aufhellen der glühenden Wogen und das augenblickliche Schließen zur schwärzesten Nacht, das Rufen und Schreien der Matrosen, das Geläute der Glocken, der ferne dumpfe Hall der Signalschüsse, das Dröhnen und Krachen der Schiffsfugen, und die Angst, daß wir vielleicht über Klippen stürzten — man denke sich die Wirkung des Ganzen auf die entzündete Einbildungskraft! Und mit dem sich heiternden Morgenhimmel waren wir wirklich in der Nähe der Kreideberge, die dem Lande den Namen Albion geben. Es war still und frisch und freundlich, wie nach einer Gewitternacht, und die Schiffe schaukelten nur noch unwillkührlich heftig auf der empörten See. Bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten war es mein gewöhnliches Vergnügen, mich im Raum unter die Oeffnung zu setzen und in die Höhe an den Horizont hinaus zu sehen; da sah ich denn die Schiffe rechts und links oben auf den Wellen tanzen. Man denke die Winkel, welche die Schiffe auf der Woge machen mußten, damit dieses möglich war. Oft war die Täuschung so groß, daß man minutenlang glaubte, ein Schiff sei von den Wellen verschlungen, das plötzlich mit Blitzesschnelle wieder auftauchte und eben so wieder verschwand. Bei Deal lagen wir einige Zeit in den Dünen vor Anker, und da wurde uns denn wohl einzeln erlaubt, an das Land zu gehen; das ist also das Ganze meines Aufenthaltes in Alt-England und kaum der Erwähnung werth. Die Fahrt über die Nordsee war dießmal sehr stürmisch und langweilig, welches desto verdrießlicher war, da die Reise über den Ocean so schnell ging und wir das Uebrige nur noch für einen Katzensprung hielten. Auf einmal befanden wir uns bei Cuxhaven und Ritzebüttel, vermuthlich weil wir nicht in die Weser einlaufen konnten. Ich erinnere mich hier eines Vorfalls, der die außerordentliche Gewalt der Fluth beweist. Ein Mensch saß auf dem Verschlage, der als Bequemlichkeit diente. Die Fluth war im Ablaufen; er mochte sichs bequem machen, und sein ganzes Gewicht ruhte auf dem Seitenstücke; das Stück brach, er fiel hinunter, und obgleich zwei der besten Schwimmer sogleich nachsprangen, so war er doch augenblicklich verschwunden und wurde nicht wieder gesehen. Mit vieler Mühe rettete das ausgesetzte Boot nur die beiden Matrosen und hatten einige Stunden zu arbeiten, ehe es wieder an das Schiff kam. Nach einigen Tagen segelten wir wieder nach Bremerlee, wo wir Fahrzeuge wechselten und eben so wieder heraufbugsirt wurden, wie wir hinunter fuhren.

Hier schreckte uns die Besorgniß, daß wir bei Minden würden an die Preußen verkauft werden. Es wurde laut gesprochen, und der bekannte gewissenlose Seelenschacher des alten Landgrafen machte die Sache nicht unwahrscheinlich. Serre also, ein gewisser Wurzner aus Gotha und meine Personalität hatten bei Elsfleth den löblichen Entschluß gefaßt, uns den Fesseln der schändlichen Dienstbarkeit zu entziehen. Einige Nächte lauerten wir ohne Erfolg auf Gelegenheit; denn die Büchsenschützen hatten ihre geladenen Läufe überall hin gerichtet. Aus Verdruß und Müdigkeit war ich auf meinem Habersack eingeschlafen, und als ich den Morgen erwachte, waren die beiden Hechte fort und hatten mich vermuthlich mit Sicherheit nicht wecken können. Ich kratzte mich hinter den Ohren und sahe ärgerlich nach dem Kahne, der sie in die Freiheit geführt hatte. In Bremen versuchte ichs indessen allein auf meine eigene Hand, und es gelang mir am hellen lichten Tage unter ziemlicher Gefahr. Die nächste Veranlassung war ein Gezänk mit dem Feldwebel über Brotlieferung, in welches sich der kommandirende Officir etwas diktatorisch handgreiflich mischte. Das Gespenst der Preußen saß mir fest im Gehirn; ich hatte ganz gegen meine Gewohnheit ohne alle Absicht in einigen Gläsern Wein mich etwas warm getrunken, und machte kurz und gut auf und davon, am Ufer hin, über die Brücke weg, in die Altstadt hinein. Ein guter, alter, ehrlicher Spießbürger mochte mir doch wohl einige Verwirrung ansehen; er kam freundlich zu mir und fragte: „Freund! Ihr seid wohl ein Hessischer Deserteur?“ „Und wenn ich denn einer wäre?“ sagte ich. „Da muß ich Euch sagen, unser Magistrat hat Kartel mit dem Landgrafen.“ Und nun —