Fortsetzung
von
Seume’s Leben,
mitgetheilt
von
C. A. H. Clodius.
„Und nun“ — das sind die letzten Worte, welche Seume geschrieben hat; das Folgende ist leider nur Erzählung aus den Erinnerungen einiger Freunde des Verewigten. Ihnen, welche ihn genau gekannt und innig geliebt haben, ist das Bild, welches er selbst gezeichnet hat, ein Vermächtniß, in welchem er bei ihnen fortlebt. Sie glauben ihn noch vor sich zu sehen und reden zu hören, weil sein Leben sich eben so anspruchslos und wahr, eben so heiter und gleichmüthig in Worten und Handlungen darstellte, als er es, während einer schmerzhaften Krankheit, beschrieben hat. Seine Selbstbiographie zeigt uns seine Jugend, seine übrigen Schriften zeigen den Mann, und folgende Züge von einer Hand, welche mit Treue zeignet, werden die Schilderung seines edlen und liebenswürdigen Charakters vollenden. Große Sorgfalt für sein Inneres, wenige für sein Aeußeres; ernstes Denken, ruhiges Erwägen und Tiefe des Gemüths; Mangel an Nachgiebigkeit und Reichthum an Nachsicht; Bewußtsein seines Werthes und Bescheidenheit eines gebildeten Menschen; Freundlichkeit und Liebe im Herzen, oft finster um Stirn und Auge; empfänglich für das Schöne und Erhabene; flammender Eifer für die Gerechtigkeit und eine gesetzmäßige Freiheit; selbstständig ohne Furcht; bitter gegen schlechte Menschen aus Liebe zur Menschheit; — so war Seume.
Wieland nannte Seumen, wegen seiner Tugenden und wenigen Bedürfnissen, den edlen Cyniker, einen Menschen von großem Werth. Dieses Lob des berühmten und liebenswürdigen Mannes hat ihn sehr glücklich gemacht und wird ihn ehren bei Allen, welche den Beifall der Besten unter den Menschen für den höchsten Ruhm halten, den ein Sterblicher gewinnen kann. Einer seiner Freunde, der allen seinen entfernten Geliebten ein Sternbild widmete, wobei er ihrer in stillen Nächten gedachte, wurde von Seume gefragt: wohin er denn ihn einmal künftig einquartiren würde? und als er darauf im scherzenden Ton antwortete: „Sie haben schon lange Ihren Platz in dem hellen, nicht untergehenden Gestirn des großen Bären;“ sagte Seume mit Lächeln: „So, so! Meinetwegen!“ — Die Begebenheiten, welche hier angeknüpft werden, sind Beweise zu dem Lobe, welches eine unpartheiische Freundschaft ausgesprochen hat und können als Belege dienen, daß ein widriges Schicksal der Hebel edler Naturen wird.
Das gutmüthige Volk der guten Stadt Bremen drängte sich als eine Schutzwehr um Seume herum und schob gewissermaßen den Fremdling hülfreich zum nächsten Thore hinaus. Seume, ein trefflicher Läufer, flog wie ein Pfeil. Demungeachtet waren seine Verfolger, die Hessischen Jäger, ihm immer ganz nahe und trieben ihn endlich in den Sack zwischen den beiden Flüssen der Hunte und der Weser. Hier, glaubten sie, könnte er ihnen nicht entspringen, und er hielt sich verloren: denn wollte er sich ins Wasser stürzen, so tödtete ihn, den durch und durch Erhitzten, der Schlag; blieb er stehen, so war er das Opfer seiner Flucht. Zum Glück sah er in einem Weidenbusch am Ufer der Hunte einen Fischerkahn und sprang hinein. Der mitleidige Fischer, welcher der Menschenjagd zugesehen hatte, hieß ihn sich gleich auf dem Boden niederlegen, und stieß augenblicklich vom Lande ab. Nun kamen auch die Jäger und schossen; aber die Kugeln flogen über das Schiff, und der gleichmüthige Schiffer arbeitete ruhig durch die Gefahr, bis er glücklich das jenseitige Ufer erreichte. „Hier Freund,“ sagte der Mann, „seid Ihr frei, und auf Oldenburgischen Grund und Boden. Gott helf Euch weiter!“ Das Leben war gerettet, die Kette zerbrochen, und der Landgraf litt einen Verlust von einer Handvoll Thaler, die er aus Seume’s Verkauf zum zweitenmal hätte lösen können.
Den folgenden Tag kamen Hessische Officiere mit freundlichen Worten, brachten Pardon, boten Geld, versprachen Beförderung; aber Seume ließ sich nicht verleiten, empfahl sich höflich und ging aus ihrer Gesellschaft weg nach der Stadt Oldenburg. Der damalige, jetzt noch in Rußland lebende Herzog dieses Landes, ein gebildeter, edler Fürst, unterstützte den einnehmenden, interessanten jungen Deserteur, und that Vorschläge zu künftigen Lebensplänen; als aber Seume die Sehnsucht nach der geliebten Mutter und dem Vaterlande äußerte, entließ er ihn mit einem ansehnlichen Geschenk. Durch diese Großmuth konnte der so lange Geplagte und Verkaufte nun bequem frei und froh die Rückkehr zur lieben Heimath antreten und der gerettete Sohn konnte wieder in die Arme der Mutter eilen. Schon hatte er wohlgemuth die Oldenburgische Gränze überschritten, als das unglückliche Vergessen, die Hessische Uniform mit einem Civilrock zu vertauschen, ihn gerade in den verhaßten Dienst brachte, dem er durch seine Flucht hatte entgehen wollen, und ihm in einem Augenblick wieder Freiheit, Hoffnung und kaum genossenes Glück raubte. Preußische Werber hielten ihn an und schleppten ihn, als Deserteur, ohne Umstände nach Emden, wo er gemeiner Soldat werden mußte. Den Käfig, in welchen man ihn, wie alle unfreiwillig genommenen Soldaten, eingesperrt hatte, zu zerbrechen, dem ehemals strengen Preußischen Dienst und der verächtlichen Behandlung der Soldaten wieder zu entgehen, das war die einzige tröstliche Aussicht, welche ihm hier in der Garnison übrig blieb, und die ihn reizte, so bald als möglich zu entfliehen. Einst in einer sternenhellen Nacht führte er seinen Entschluß wirklich aus. Er mochte ungefähr eine Stunde gelaufen seyn, als die Lärmkanone seine Flucht ankündigte und die ganze Gegend zum Verfolgen aufrief. Seume ließ sich dadurch nicht schrecken; aber ein dicker Nebel verhüllte ihm den Weg, machte ihn irre und führte ihn wieder gerade nach Emden in die Hände derer, welchen er zu entgehen glaubte. In seinem Arrest schrieb er mit Kreide einen lateinischen Vers an die Thüre der Wachstube, welcher die traurige Stimmung seiner Seele ausdrückte. Der wachhabende Officir fragte, wer den Vers geschrieben habe? „Vermuthlich der kleine schwarze Arrestant;“ antwortete die Wache. Das Kriegsverhör begann mit der Untersuchung über den Hexameter und ein Kapitän behauptete: er sei nicht richtig. Seume bewies aus der Prosodie, daß er vollkommen schön sei und lehrte die Richter, was zu einem guten Hexameter erfordert werde. Als aber demungeachtet der Kapitän seine Kritik noch zu behaupten suchte, brachte Seume einen Beweis vor, der entscheiden mußte: er zog seinen Virgil aus der Tasche und zeigte, daß jener Vers aus dem größten Künstler der lateinischen Poesie genommen war. Die Untersuchung über eine Stelle aus dem Virgil führte zu der Frage, wie er in den Dienst gekommen sei? und als Seume hierauf finster antwortete: „durch Gewalt von den Preußen, wie von den Hessen;“ ließ man Gnade für Recht ergehen und befreite ihn von dem Arrest. Der brave General Courbiere, welchen die Preußen, nach der Schlacht bei Jena, mit Achtung öffentlich genannt haben, nahm sich seiner an, erleichterte ihm den Dienst, trug ihm auf, seine Kinder zu unterrichten und empfahl ihn mehreren Familien. Jetzt hatte Seume keine Noth. Aber, weil er nicht hoffen durfte, wieder los zu kommen, und keine Aussicht hatte, befördert zu werden bei der Einrichtung Friedrichs II., nach welcher nur die Adeligen Officirstellen erhalten konnten, dachte er an einen neuen Versuch, zu entfliehen, ungeachtet der erste so wenig gelungen war. Es war Winter; die grundlosen Wege und Felder in Ostfriesland mochten eben hart und die weiten, tiefen Gräben eben zugefroren seyn, als Seume seinen Posten verließ und, in Dunkelheit der Nacht, das Weite suchte. Noch in eben der Nacht fing es an zu thauen; der Regen strömte vom Himmel und machte die Felder, worauf Seume seinen Weg in der Entfernung von der Landstraße und den Dörfern suchen mußte, zu tiefen Morästen. Länger als 24 Stunden war er, durchnäßt und erhitzt, fortgewadet, durch das Eis in tiefe Gräben gesunken, und hatte mit fast übermenschlicher Anstrengung sich bis nahe an die Gränze gearbeitet, als er sich erschöpft fühlte und der Ohnmacht nahe in ein Dorf ging. Die Leute halfen ihm; aus seinen Stiefeln floß das Blut; man legte ihn in ein Bett. Der freundliche Amtmann des Orts besuchte ihn, gab ihm Erquickungen, und sandte ihn den andern Tag auf einem Wagen, sorgfältig in Stroh gepackt, unter einer handfesten Bedeckung, wieder nach Emden in die Ketten zurück. Wer vermochte jetzt den Unglücklichen, welchen Jedermann schon froh in Sicherheit glaubte, den seine Officire selbst mit Jammer wieder eingeliefert sahen, zu retten? Zum Unglück war der General, sein Gönner, mit dem Obersten des Regiments gespannt; Keiner traute dem Andern, um etwas für den Arrestanten gegen die fürchterlichen Kriegsgesetze zu wagen. Die angesehensten Männer in Emden verwandten sich für Seumen mit allen Kräften, doch ohne glücklichen Erfolg; vergeblich bat fast die ganze Stadt. Endlich kam die Jugend, an ihrer Spitze die eigenen Kinder des Generals, und baten mit Thränen und Händeringen für ihren geliebten Lehrer um Gnade. „Kinder,“ sagte der General, konnte aber vor Wehmuth kaum sprechen, „Kinder, ich kann nicht, so gern ich wollte.“ — Man nahm Seumen die Ketten ab und stellte ihn vor das Kriegsgericht, welches ihn zu zwölfmal Spießruthen verurtheilte. Finster und schweigend trat er ab, als der Oberste „Halt!“ rief. Seume trat wieder vor. Der Oberste sprach weiter: „In Rücksicht des sonstigen guten Betragens des Arrestanten, seines moralischen Lebenswandels und des guten Gebrauchs, welchen er von seinen Talenten macht, auch wegen der Art und Weise, wie er in den Dienst gekommen ist, verwandelt das Kriegsgericht die bestimmte Strafe in sechswöchentliches Gefängniß bei Wasser und Brod.“ — Der General setzte halb laut hinzu: „Arrestant wird es wohl auch nicht übel nehmen, wenn ihm die Bürger zuweilen ein Stück Braten senden.“ Dieser Wink wurde gut verstanden. Seume schmausete während der sechs Wochen seines Arrestes, durch die Gutmüthigkeit der Bürger in Emden, besser als der General, und konnte noch von seinem Ueberfluß den Kameraden reichlich mittheilen.
Diese letzte Flucht, die blutige Strafe, welche die preußische Disciplin für eine zweite Desertion bestimmte, und die unerwartete glückliche Wendung, mußten Seumen noch bekannter machen, als er schon vorher war, und ihm allgemeine Theilnahme erwecken. Die Sache hatte durchaus keine nachtheiligen Folgen für ihn; der Dienst wurde ihm nicht schwerer gemacht, seine Freiheit nicht beschränkter, als sie vor seiner Entfernung war; er konnte seine Lehrstunden wieder fortsetzen, und es fehlte ihm an nichts, als an Unabhängigkeit von dem preußischen Dienstzwange. Einst fragte ihn ein begüterter, braver Mann, ein Bürger der Stadt: „Warum, Seume, suchen Sie nicht Urlaub, um einmal nach Sachsen zu reisen?“ — „Ich würde ihn nicht erhalten.“ — „Sie werden ihn gewiß erhalten; bieten Sie nur eine Kaution.“ — „Das kann ich nicht: denn ich habe nicht so viel Geld.“ — „Dann habe ich. Bieten Sie achtzig Thaler; sprechen Sie morgen mit dem General!“ — „Ich komme nicht wieder.“ — „Was geht das mich an? machen Sie das, wie Sie wollen; achtzig Thaler stehen parat.“ — Seume bat um den Urlaub, erhielt ihn, und kam glücklich bei seiner glücklichen Mutter in Poserne an.
Jetzt faßte er den Plan, sich in Leipzig ganz den Wissenschaften zu widmen, und während er seinem Körper, nach so vieler Anstrengung, Erholung gewährte, den Geist in größere Thätigkeit zu setzen. Wovon aber sollten die achtzig Thaler Kaution, die ihm so edelmüthig gegeben waren, wieder erstattet werden? Die gute Mutter hätte gewiß den letzten Heller für den geliebten Sohn und das wiedergefundene Glück hergegeben; aber der gute Sohn verschwieg die Schuld sorgfältig, weil er wollte, daß die liebende Mutter sich um seinetwillen nichts versagen, und in keine Verlegenheit kommen sollte. Der Kreissteuereinnehmer Weiße, der liebenswürdigste Mensch, den ich in einem Zeitraum von einem halben Jahrhundert habe kennen lernen, und dessen Gleichen ich auf meinen Reisen nirgends gefunden habe, schaffte Rath und half Seumen auch aus der Noth, die ihm jetzt noch auf dem Herzen lag. Weiße gab Seumen einen englischen Roman: Honorie Warren, zum Uebersetzen; als dieser mit der Arbeit fertig war, ging jener damit zu dem Buchhändler Goeschen, sagte ihm den Zweck derselben und erzählte ihm die Geschichte des Uebersetzers. Dieser Roman ist 1788 gedruckt erschienen. Das Honorar dafür wurde nach Emden an den Mann gesandt, welcher durch seine Großmuth Seume’s Befreier geworden war, und auf die Wiedererstattung wahrscheinlich gar nicht gerechnet hatte.
Vielleicht haben wenige Schriftsteller ihre Laufbahn aus so edlen Absichten, als Seume, begonnen; denn sein erstes Werk ist ein rührendes Denkmal des Edelmuths eines Bürgers (in Emden), der Dankbarkeit, Redlichkeit und kindliche Liebe des Verfassers, wodurch dieses Buch jedem fühlenden Herzen interessant werden muß.
Jetzt widmete sich Seume, nach einer langen und prüfungsvollen Unterbrechung, ganz den Wissenschaften mit aller der Freiheit, die er sich ehemals gewünscht hatte und mit angeborner Liebe und Ausdauer, an dem Orte, den er ehemals aus freiem Entschluß verließ. Der Abweg, welchen er damals von seiner akademischen Laufbahn einschlug, hatte ihn durch scharfe Dornen, durch ein zwar schmerzliches, doch läuterndes Fegefeuer geführt. Die wirkliche Welt, der Umgang mit edlen und niedrigen Naturen, die sonderbaren Verhältnisse wilder, roher und disciplinirter Menschen im Kampf unter einander und mit den Elementen hatten ihm Lektionen gegeben, welche eine herrliche Vorbereitung zu den Studien der Wissenschaften wurden, und ihn vor Pedanterie, Schulstaub, Gehaltlosigkeit und Uebertreibung sicherten. Um den Aufwand für die geistigen und leiblichen Bedürfnisse auf der Universität zu gewinnen, gab er Unterricht in lebenden Sprachen. Seine Methode war erleichternd für das Gedächtniß, bildend für den Geist, erweckend für das Gemüth; sie und die große Anhänglichkeit der Schüler an ihren Lehrer sind ein Beweis, daß ein vorzüglicher Mensch auf jedem Standpunkt das Rechte trifft und Achtung und Liebe einflößt.
1792 wurde Seume Magister. Der Küster Rothe an der Thomaskirche gab ihm dazu das Geld, zutrauensvoll, ohne Eigennutz, aus reiner Achtung und Zuneigung; ihm ist das Gedicht in den Obolen: An meinen Freund Rothe, gewidmet.