Zum Beweise hinlänglicher Geschicklichkeit zu einem Magister gehörte damals auch die Ausarbeitung einer Chrie nach hergebrachter Form. Das Formwesen war niemals Seume’s Sache gewesen und war es noch weniger jetzt. Da gab es denn beim Examen, statt der Fragen und Antworten, Diskussionen über das Wesentliche in der Meisterschaft der Kunst und in dem Gebiete der Wissenschaft, welche dem Examinator sehr bedenklich und anmaßend vorkommen mußten. Als aber Seume seine Disputation: Die Waffen der Alten, verglichen mit den Waffen der Neuen, vertheidigte, war man zufrieden, und hielt ihn des Rechts, Vorlesungen zu halten, vollkommen würdig. Der Soldat war in einen Magister verwandelt, oder, welches die Eitelkeit lieber hört, in einen Doktor der Philosophie. Man kann nicht mit Gewißheit entscheiden, ob die Natur Seumen mehr Anlage zum Militärstande, oder für die Wissenschaften gegeben habe. Sein Körper war stark, wie seine Seele. Aber es schien, als ob er zur Mathematik, die einem Anführer in Feldzügen unentbehrlich ist, weniger Talent und Neigung hätte, als zu den schönen Wissenschaften, der Philosophie und Philologie. Damals scheint Seume’s Absicht gewesen zu seyn, sich für eine akademische Lehrstelle zu bilden. Er hatte vermuthlich deshalb, als Vorbereitung, die Stelle eines Instruktors und Erziehers gesucht, und eine solche gefunden in dem Hause der Gräfin Igelströhm, durch seinen Gönner Weiße, welcher, durch seine Kinderschriften, das Zutrauen begüterter Eltern in halb Europa erworben hatte und ganz Deutschland mit Hofmeistern versorgte. Jene Dame hielt sich in Leipzig auf, so lange ihr Sohn, der Seume zum Führer erhielt, dort studirte. Der Eleve war wild und sein Erzieher nicht wenig muthig und rasch. Einst, als die jetzt verewigte edle Fürstin, Luise Henr. Wilh. von Dessau, bei der Gräfin von Igelströhm zum Besuch war und bei ihr in einer stillen Laube des Gartens saß, jagten die beiden Herren, wie ein Paar feurige junge Rosse, so gewaltsam vor den nervenschwachen Freundinnen vorüber, daß die Fürstin gar sehr erschrak. „Wer ist der finstre, wilde, junge Mann?“ fragte sie. „Der Führer meines Sohnes,“ antwortete die Gräfin mit Lächeln. „Führer?“ wiederholte die Fürstin und schüttelte den Kopf. „Ja,“ sagte die Gräfin, „und ein sehr guter, wohl unterrichteter Führer! ein sehr redlicher, interessanter Mann.“
Als der junge Graf seine akademischen Studien geschlossen hatte, holte ihn sein Vater von Leipzig ab. Dieser nahm auch Seume mit und führte ihn zu seinem Bruder, dem russischen bevollmächtigten Minister und General en chef. Er wurde Sekretär des Generals, kam mit demselben 1793 in Warschau an, gewann die Achtung desselben und erhielt von ihm eine Officirstelle bei den Grenadieren, damit er Gelegenheit zum Emporsteigen bekommen möchte. Im Besitze des unbeschränkten Vertrauens, mußte er alle wichtige diplomatische Papiere in jener kritischen Periode, welche der Theilungsgeschichte Polens folgte, für die große Kaiserin Catharina die Zweite ausarbeiten. Der General hat nicht unterlassen, den Verfasser dieser Aufsätze der Kaiserin zu nennen, und diese hatte ihm die Beförderung seines Grenadierlieutenants empfohlen.
Igelströhm und Seume! Das war eine Verbindung eigener Art. Der alte Hof- und Staatsmann war üppig, prachtliebend, sinnlich, verständig und klug; aus Diensteifer ein tüchtiger politischer Despot, übrigens ein braver Soldat, großmüthig und gutmüthig. Man hat ihn vieles Bösen beschuldigt: aber Seume hat ihn mit Unparteilichkeit gerechtfertigt in einer Schrift, welche er über die damalige Lage der Dinge in Polen geschrieben hat, und welche gleich erwähnt werden wird. Diesem Manne stand Seume zur Seite, wie wir ihn kennen; Seume, der immer die Wahrheit unverholen sagte und von den polnischen Angelegenheiten ganz andere Ansichten hatte, als der General und die Kaiserin. Demohngeachtet bewies Igelströhm seinem Sekretair privatim und öffentlich die größte Achtung und ein aufrichtiges Wohlwollen. Der polnische General Kosciusko hatte die Russen geschlagen; diese nannten ihn einen Meuter und Bösewicht; Seume sagte, er sei der edelste und bravste Pole, und Igelströhm erwiederte nichts weiter darauf, als: „Mon cher, Sie sind ein sonderbarer Mensch.“ Wenn Seume in seinem schlechten Oberrock manchmal von seinem Schreibetisch aufsprang, um den General über etwas zu fragen, und ohne Toilette durch das Vorzimmer eilte, worin die vornehmen Polen und Russen vom Militär- und Civilstande auf Audienz warteten, so hielten ihn diese für einen Domestiken des Generals und behandelten ihn herablassend; er sie dagegen ohne Komplimente, wie seines Gleichen. Der Mensch kam ihnen noch sonderbarer vor, wenn sie ihn hernach an der Tafel mitten unter sich sitzen sahen, wenn der General ihn nicht anders, als mon cher, nannte, und ihm auch wohl eine seltene Schüssel sandte, wenn er wußte, daß Seume sie gern aß. Die Erscheinung war ihnen ein Räthsel, das sie manchmal aus dem Takt brachte und dessen Auflösung oft komisch genug war. Der Ton an des Generals Tafel war ungezwungen, heiter, interessant und witzig. Nicht selten fochten die dort anwesenden Kriegsmänner mit Epigrammen gegen einander, und unter ihnen waren mehrere, welche, unbeschadet ihrer militärischen Verdienste, mit den Musen so vertraut waren, daß sie während dem Essen, sehr schöne Verse aus dem Stegereif machen konnten. Der junge, schöne Major von Igelströhm, eben so muthig, als geistreich und gut, ein naher Verwandter des Generals und ein glänzender Stern in jener Gesellschaft, war vorzüglich Seume’s Freund.
Nach und nach wurde es in Warschau bekannt, daß der Sekretär bei seinem Chef viel galt; da versuchte man denn eine Zeit lang, ihn zu allerhand vortheilhaften Spekulationen zu benutzen, bis seine Uneigennützigkeit und Redlichkeit eben so bekannt wurden, als die Gunst des Generals, und bis die Bestecher sich einander in’s Ohr flüsterten: „mit dem Menschen ist nichts anzufangen.“ Unter andern bat ein Jude um seine Protektion bei Gelegenheit eines Magazinverkaufs. Er meinte, „es sei doch besser, daß ein so verdienstvoller Mann, wie der Sekretär und ein so ehrlicher Mann, als er, der Kauflustige, bei der Sache gewönnen, als ganz fremde und habsüchtige Menschen.“ „Was wollen Sie denn geben?“ fragte Seume; der Jude nannte eine Summe. „So viel,“ sagte Seume, „ist die Sache nicht werth; es scheint, Sie haben sich sehr verrechnet. Sie werden Ihre Verbindlichkeiten nicht erfüllen können. Bleiben Sie davon!“ „Was?“ erwiederte der Jude empfindlich, „ich mich verrechnen? Ich versichere Ihnen, daß noch eine hübsche Summe schöner Dukaten für Sie, und für mich ein ganz honettes Profitchen übrig bleibt.“ Seume wies den Mann zum General und fertigte ihn mit der Versicherung ab, daß er sich in ihm sehr geirrt habe und auf ihn gar nicht rechnen dürfe. So muß man es anfangen, wenn man arm, aber ruhig leben und sterben will.
Der General Igelströhm versuchte, den Stoiker ein wenig zu sybaritisiren; aber auch er sagte sehr oft in guter Laune: „an dem Menschen ist Hopfen und Malz verloren.“
Auf heiteres Wohlleben folgten nun wieder Schrecken des Todes. Die Kaiserin verlangte eine Reduktion der polnischen Nationaltruppen; die Polen widersetzten sich, und es brach die Revolution, welche schon lange unter der Asche glimmte, endlich in vollen Flammen aus. Ueber 100,000 Polen hatten sich verschworen, und, was unglaublich scheint, diese aus Menschen aller Art zusammengesetzte Verschwörung blieb zwei Jahre lang verschwiegen. Die interessante Begebenheit, ihre Veranlassung und Folge, erzählt Seume in einer Schrift unter dem bescheidenen Titel: Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen im Jahre 1794, Leipzig 1796, welche er dem Herrn Grafen von Hohenthal auf Knauthayn aus Dankbarkeit zugeeignet hat. Er sagt in der Vorrede:
„Es war einer der schönsten Tage meines Lebens als ein rechtschaffner Mann mich Ihnen, verehrungswürdiger Wohlthäter, einst mit den Worten empfahl: Er ist ein Knabe guter Art; der Segen seines Vaters ruht auf ihm. Seine Empfehlung galt, und noch jetzt thut dem Kriegsmanne die Erinnerung so wohl, als sie dem Jüngling am Grabe des Vaters that.“ — — —
Nachdem er die Verbindlichkeit, welche der Graf ihm aufgelegt, öffentlich erkannt hat, fährt er fort:
„Wenn irgend eine gute Seele bei einer gutgedachten und gutgesprochenen Stelle mir mit einer leisen Empfindung des Dankes lohnen sollte, so übergebe ich Ihnen den Zoll, den ich durch Ihre Güte zu empfangen in den Stand gesetzt wurde.“
Die Darstellung jener fürchterlichen Tage in der genannten Schrift, als ein wichtiges Stück aus Seume’s Leben, und von ihm selbst geschrieben, muß hier mit seinen eigenen Worten eingeschaltet werden.