Rund um ist Alles eingeweiht,

Und selbst der Schnee ist Feierkleid.

Werde nur wieder gesund, meine Liebe! Ich küsse Dich zärtlich, recht zärtlich. Ewig Dir treu und der Deinige, liebes Mädchen, ewig.

S.

Fünfter Brief an Dieselbe. (Einige Wochen später.)

M....

Dein Vater hat mir das Versprechen abgefordert, die Korrespondenz abzubrechen: ich hatte schon geschrieben, es ihm zu geben; er hatte aber nicht die Güte, den Brief, der es enthielt, anzunehmen; folglich habe ich es ihm nicht gegeben: und sein Wille ist für mich unbedingt kein Gesetz. Aber Du scheinst der nehmlichen Gesinnung zu seyn; und Deine Wünsche sollen mir heilig seyn, bis zu meinem letzten Hauche. Fürchte nicht, daß ich Dich weiter mit Zudringlichkeiten beschweren werde: nur das traurige Vergnügen kann ich mir nicht versagen, in diesem letzten Briefe noch einmal herzlich zu Dir zu sprechen. Ich will mich rechtfertigen vor Dir, rechtfertige Du Dich auch vor Dir selbst. Mein Herz soll und muß schweigen; ich habe Ursache zu fürchten, daß seine Sprache nicht mehr verstanden wird; und ich will seine Empfindungen nicht entweihen. Es ist seit einiger Zeit meine Beschäftigung gewesen, daß ich alle Deine Briefe mit bitterm Gefühle wiederholt durchgelesen; es ist, als ob die schöne Täuschung noch um mein Herz spielte, als ob ich nicht aus dem süßen Traum erwachen könnte. Ich kenne viele Arten des Zweifels; aber keiner giebt solche Scorpionenstiche, wie der Zweifel, den Du mir gegeben hast. Ich bin glücklich gewesen, in meinem Wahn glücklich gewesen, das danke ich Dir. Du kannst stolz seyn, es hat mich kein weibliches Geschöpf glücklich gemacht, als Du; Du kannst sehr stolz seyn, es wird mich keine wieder glücklich machen. Du bringst mich zu meiner alten Philosophie über die Weiber zurück, und noch sehr zu rechter Zeit. M...., Du hast nicht großmüthig, nicht redlich mit mir, nicht weise mit Dir selbst gehandelt. Warum hast Du mir nicht Wahrheit gesagt? Glaubst Du, daß ich Wahrheit scheue, auch wenn sie mich zu Boden schlägt? Ich merkte Deine Veränderung gleich mit den Feiertagen: ich lief herum voll Angst wie ein Gejagter. Von Dir kam kein Gruß, keine liebreiche Erkundigung, keine Nachfrage nach einem Briefe, deren ich wohl sieben geschrieben und zerrissen habe. Meine Seele war auf der Folter; endlich sagte mir Sch., das Verhältniß müsse abgebrochen werden, das wolltest Du; Du, die Du mir noch vor vierzehn Tagen die heiligsten Betheuerungen schicktest: Dein Vater habe Dir alle Hoffnung benommen, Dir mit seinem Fluche gedrohet. Von Allem dem war nichts wahr, wie ich aus Deines Vaters Briefe sehe. Welche Partie glaubst Du denn, daß ich nach meinem Charakter nehmen konnte, als Deinem Vater nun geradezu zu schreiben, da ich nach Deiner Botschaft annehmen mußte, er wisse schon Alles? Hättest Du mir die Wahrheit sagen lassen; ich hätte Dir mit einem kurzen Kampfe Alles zurückgeschickt. Du klagst über meinen Stolz, und nimmst Dir die Mühe, mich ganz zu demüthigen. Vielleicht gelingt es Dir, vielleicht nicht. Dein Vater will keine Briefe von mir annehmen, auch Deine Mutter nicht. Du vielleicht auch nicht. Das erniedrigt mich nicht; ich finde mein Betragen ziemlich konsequent, so konsequent man in meiner Gemüthsstimmung seyn kann. Was soll ich nun thun? Dein, Dein eigener Antrieb war es, zu brechen. Du hättest mir und Dir und Deinen Aeltern viele schmerzliche Gefühle ersparen können, wenn Du mit etwas mehr Ueberlegung gehandelt hättest. Es scheint, als ob Du Dir ein Vergnügen gemacht hättest, meine Empfindungen zu einer solchen Höhe zu winden, um mich dann mein Nichts fühlen zu lassen. Es ist Dir ganz gelungen. Das Mädchen, das noch kurz vorher an meinem Nacken hing, und mich um meine Treue bat, hat nun nicht einmal den Muth, zu sagen, daß es mich liebt. Ich bin zur Galanterie zu ernst, und Du hast Dich geirrt, wenn Du mich unter diese Rubrike gebracht hast. Wir haben einander, wie es scheint, Beide nicht gekannt; und dürfen also einander keine Beschuldigungen machen. Daß ich Deine Ruhe gestört habe, vergieb mir; daß Du mir so schöne Hoffnungen geschaffen und vernichtet hast, daß durch Dich mein Friede zu Grunde gegangen ist, das will ich Dir vergeben, meine Blödsinnigkeit anklagen, und Dich zu den ganz gewöhnlichen Mädchen rechnen. Wenn ich das nur könnte, M...., ich wäre noch glücklich genug. Mein Ernst hat Dir nicht gefallen; um ihn zu heilen, hast Du Bitterkeit hineingegossen. Deinen Aeltern rechne ich nichts an; sie handeln nach ihrem Begriff der Pflicht: aber wie Du nach Deinem Begriff der Pflicht handelst, kann ich nicht einsehen. Du warst weder gegen Deinen Vater, noch gegen mich, wie Du solltest. Die Gründe, welche Dein Vater gegen mich anführt, sind alle gültig genug, da Du ihnen Gewicht giebst: ein einziger hat mich mehr als alle getroffen, er heißt die Wankelmüthigkeit des Weibes. Dein Vater läßt Dir Gerechtigkeit wiederfahren. M...., Du hättest redlicher mit mir seyn sollen. Ich bin nicht der Mann, der das weiche Herz eines Mädchens mißbraucht; ich fordere Dich auf, die Wahrheit zu sagen. Bin ich nicht offenherzig mit Dir gewesen? Habe ich Deine Empfindungen bestochen? Meine ganze Seele hängt noch an Dir, und wird sich ewig nicht loswinden können. Wenn Du meiner unwerth wärest, würde ich über Dich weinen und trauern. Sage mir nur offenherzig Deine Wünsche, und traue mir Großmuth genug zu, sie alle zu befriedigen, und wenn es mein Leben kostete. Wider meine Ehrlichkeit kannst Du nichts fordern. Deine Briefe solltest Du längst wieder haben, wenn sie Dein Vater nicht verlangte. Bekommen soll er sie nicht; aber lesen soll er sie, wenn er darauf dringt, zu seiner Beruhigung und Deiner Rechtfertigung. Hast Du etwas geschrieben, was Du zu gestehen Dich schämest? Dich zu schämen Ursache hast? Mädchen, dann sind wir Beide zu beklagen, Dein Vater und ich; und Du am mehrsten. Dann sollen sie zur Tilgung alles Mißtrauens vor seinen Augen vernichtet werden. Wenn ich auch das Angesicht Deines Vaters scheue, will ich mich doch vor ihm nicht schämen. Ich bin gewohnt, mir Achtung zu erzwingen, wenn ich mir auch keine Gewogenheit erwerbe. Ich kann mir vorstellen, wie viel Nachtheiliges man Dir auf meine Kosten vorsagen wird; wenn Du das so geradezu ohne Sichtung glaubst, so habe ich jede Empfindung meines Herzens umsonst verschwendet. Ich bedaure Dich bei allem meinem Schmerz noch weit mehr, als mich selbst: denn ich werde höchst wahrscheinlich zeitlebens Dir zum Vorwurf herumlaufen. Mein Betragen wird Deine Strafe seyn. Ich versichere Dich, Liebe, ich werde Dich nicht aus meiner Seele verlieren. Ich habe mit keinem Mädchen in einer nähern Verbindung gestanden; Du bist das einzige, das sich ganz in meinem Herzen festgesetzt hat. Gehe hin, wo Du willst; ich werde Dich mit zu Grabe nehmen. Du hörst vielleicht nach dreißig Jahren von mir noch den nämlichen Ton, wenn Du Dich meiner gelegentlich erinnerst. M...., ich bitte Dich um Gotteswillen, bei dem Glücke, das Du noch hoffst, sei Deiner werth; ich kann nichts Schlimmes von Deinem Herzen glauben. Sei Deines Vaters Freundin, wenn Du nicht meine Geliebte mehr bist. Wenn mein Kuß Dich nicht edler gemacht hat, bin ich ein Verworfener, oder Du ein Geschöpf ohne Sinn. Thue nichts, nichts heimlich: was ich that, geschah Deinetwegen; sonst trete ich immer in’s Licht. Meinetwegen zeige auch diesen Brief Deinen Aeltern; ich werde ihnen gelegentlich nicht bergen, daß ich ihn geschrieben.

Erlaube mir noch einmal, mich in die süße Täuschung der Harmonie unserer Herzen zu setzen. Du hast ein schönes Werk zerstört, Liebe; das hättest Du nicht thun sollen, oder nicht sollen bauen helfen. Du fragst, was ich denke? und nicht, was ich fühle? Ich bin unendlich traurig; und von welcher Art meine Empfindungen sind, magst Du in Zukunft von meinem Gesichte lesen. Ich bin vielleicht nie wieder so glücklich, eine Sylbe mit Dir zu sprechen; aber mein Herz wird Dich begleiten, denn ich bin unveränderlich.

Seume.

An Herrn ***.