Mein Herr!
Wir kennen einander nicht; aber die Unterschrift wird Ihnen sagen, daß wir einander nicht ganz fremd sind. Meine ehemaligen Verhältnisse zu Ihrer Frau können, dürfen und müssen Ihnen nicht unbekannt seyn. Sie würden vielleicht nicht übel gethan haben, meine Bekanntschaft früher gemacht zu haben; ich störe Niemandes Glück. Ob Madam *** gegen mich ganz gut gehandelt hat, kann ich nicht entscheiden, eben so wenig als Sie; da wir Beide nicht gleichgültig sind. Ich vergebe ihr gern und wünsche ihr Glück; es war ja nie etwas anders der Wunsch meines Herzens. Einige meiner Freunde wollen mir Glück wünschen, daß die Sache so gekommen ist; sie überzeugen fast meinen Kopf, aber mein Herz blutet bei der Ueberzeugung. Da Sie mich nicht kennen, dürfen Sie über mich nicht urtheilen. Ich bin weder Antinous, noch Aesop, und Mademoiselle *** muß doch vorzüglich den ehrlichen, guten Mann zu sehen geglaubt haben, als sie mir sehr theuere Versicherungen gab. Doch stille davon! Es geziemt mir nicht, mich zu rechtfertigen, und noch weniger, Andere anzuklagen. Was die Leidenschaft that, hat — die Leidenschaft gethan. Ich bin nicht Ihr Freund, das leiden die Verhältnisse nicht: da ich aber ein ehrlicher Mann bin, ist es für Sie so gut, als ob ich es wäre. Sie selbst, mein Herr, haben bei der Sache als ein junger, nicht ganz ernsthafter Mann gehandelt. Ich wünsche Ihnen Glück; Sie haben das nöthig. Ihre Frau ist gut, ich habe sie tief beobachtet, und ich würde nicht im Stande gewesen seyn, mein Herz an eine Unwürdige zu verlieren. Daß zwischen uns nichts Strafbares vorgefallen ist, dafür muß Ihnen mein Charakter und meine jetzige Handelsweise bürgen. Sie hat Fehler: sie kann hassen, verzeiht nicht leicht, und ist leichtsinnig. Sie haben also keinen leichten Gang mit ihr. Sie müssen ihr manchen Fehler vergeben und selbst keinen begehen. Es ist mir daran gelegen, daß Sie Beide glücklich sind: das wird Ihnen begreiflich seyn, wenn Sie etwas vom Herzen des Menschen wissen und mich nicht für einen ganz gewöhnlichen Menschen halten. Ich werde höchst wahrscheinlich unterrichtet seyn, wie Sie leben, so weit man im Allgemeinen unterrichtet seyn kann: denn ich bin in B., wo ich oft war, nicht ganz Fremdling: Ich kann nun einmal nicht wieder gleichgültig werden, das hätte Madam *** ehemals glauben und ihre Maßregeln zur Zeit nehmen sollen. Das Schrecklichste würde mir seyn, wenn Sie je eine Ehe nach der Mode führen sollten. Ich bitte Sie bei Ihrem Glück und bei dem Rest von meiner Ruhe, noch mehr aber bei dem Glück der Person, die uns theuer seyn muß, nie — nie leichtsinnig zu seyn. Sie sind Mann; von Ihnen hängt Alles ab. Wenn M.... je von ihrem Charakter sinken könnte, ich würde den meinigen fürchterlich rächen. Verzeihen Sie und halten das nicht für Impertinenz. Sie müssen Zeiten und Menschen kennen. Furcht giebt Sicherheit. Ich werde Ihre Frau mit meinem Willen nie wieder sehen. Wenn Sie selbst Ihre Pflichten immer erfüllen, so führen sie ihr immer in einer ernsthaften Stunde mein Andenken wieder zu. Es kann ihr heilsam werden, und soll Ihnen nicht schaden. In meiner Seele kann in diesen Verhältnissen nur Liebe oder Verachtung wohnen; ich kenne mich; die erste kann nur mit dem Stufenjahre Freundschaft werden, und der Himmel bewahre Sie und mich vor der zweiten: ihr Vorbote würde schrecklich seyn.
Ich kann aus der Seele des Weibes herauslesen, was Madam *** jetzt über oder auch wohl wider mich sagen wird, und ich wünsche aufrichtig, daß sie nie mit Reue an mich zu denken Ursache habe. Es ist Ihr eigenes, großes Interesse, mein Herr, dafür mit beständiger Aufmerksamkeit zu sorgen (hier fehlt ein Stück von der sehr zerknitterten Handschrift) — — gewöhnliches Weib; nur — — Unglück, wenn sie — — wäre.
Höchst wahrscheinlich kann ich Ihnen nie einen Dienst leisten, so wenig als Sie mir bei meiner Denkungsart. Sollten Sie aber je glauben, daß ich es könnte, so hätte ich in mir Ursache genug, es mit Vergnügen und Eifer zu thun.
Ich erwarte weder Antwort, noch Dank; sehen Sie nur das, was ich so kalt als möglich sagte, mit meiner Seele oder nur mit gehöriger Gleichmuth an, und Sie werden Alles sehr natürlich finden.
Ich versichere Sie herzlich meiner völligen Achtung, und es muß Ihnen daran gelegen seyn, sie zu verdienen. Leben Sie wohl und glücklich! Auch dieser Wunsch geht ganz von Herzen, ob er gleich mit etwas mehr Wehmuth geschieht, als der Mann fühlen sollte.
Grimma.
Seume.
[15] Mein erster Gang war Schnorr aufzusuchen &c.
Ja auch mir thut es heute noch leid! —! Ich dachte so oft an meinen Freund, allein ich erwartete seine baldige Ankunft in Paris durchaus nicht. Hätte ich nur die leiseste Ahnung davon gehabt, ich würde mich gern auf’s möglichste eingeschränkt haben, so sehr auch mich der kleine Rest meiner Baarschaft an die Rückkehr in mein Vaterland mahnte.