Singt, Freunde, singt: Es leben unsre Rosen

Auf unserm Berge hier!

Nach Vollendung dieser großen Wanderung ruhte er wieder in Leipzig aus, und schrieb seinen „Spaziergang nach Syrakus.“ Dieses Werk verschaffte ihm als Schriftsteller und als Mensch eine große Achtung bei allen Edeln von der Newa bis an den Rhein. Jetzt, da die öffentliche Meinung für ihn war, tadelte er mit Kühnheit alles, was er als Fehler und Mißbräuche in den gesellschaftlichen Verhältnissen erkannte, und sagte ohne Schonung der Personen das Gute und Böse einer jeden Verfassung gerade heraus. In der Vorrede zu seiner Uebersetzung von Percivals Beschreibung des Vorgebirges der guten Hoffnung (Leipzig 1805) macht er den Engländern wie den andern Eroberern, über ihr politisches Verfahren starke Vorwürfe und sagt ihnen seine Meinung ohne Zurückhaltung. „Der Verfasser,“ sagte Seume, „hat die Feinde seiner Nation so schlecht gemacht, als sich’s mit Ehre und einem Anschein von Wahrheit thun ließ; aber dadurch wird die Sache für seine Landsleute nicht besser; denn wo sie die Meister spielten und noch spielen, da geht es mit eben so wenig Mäßigung und Humanität zu, als überall — — — Andere wissen doch ihren Erpressungen und Malversationen noch einen Anstrich von Wohlwollen zu geben, wodurch sich freilich kein Sehender blenden läßt. Percival sagt ohne Scheu geradezu: wenn wir das Vorgebirge haben, beherrschen wir den Handel Indiens, folglich den Handel der Welt, folglich — die Folgen sind alle klar. Das ist ächt britisch. Britannia, Beherrscherin des Meeres! durch die Wogen mache den Erdball zinsbar! — Der jetzige politische Horizont kommt mir vor, wie die Lage vor der Schlacht von Zama; siegt die eine Partie, so haben wir wahrscheinlich eine Römerei, vielleicht etwas sanfter und glimpflicher, nach dem Geiste der Zeit, im Uebrigen aber ganz ähnlich. Wenn England im Streite nicht erliegt, ist dadurch nichts gewonnen, als Dauer des Kampfes, wozu die andern die Kräfte liefern. Die Energie der Engländer ist nicht zu verkennen, so wenig als ihr Freiheitssinn zu Hause; daß sie sich aber durch Gerechtigkeit, Humanität und reines Wohlwollen vor Nationen in andern Welttheilen auszeichnen sollten, wird ihnen Niemand glauben. — Wo der Begriff Sklave noch im Recht gilt, darf man durchaus nicht behaupten, daß man die erste Stufe reiner menschlicher Bildung erstiegen. Der Himmel bewahre uns auch vor römischer und griechischer Freiheit, wenn für das allgemeine Heil der Menschheit Hoffnung seyn soll. Freiheit ist durchaus nichts als Gerechtigkeit, und diese nichts, als gleiche Befugniß mit gleichen Pflichten im Staate. Und so lange man sich ein Haar breit von dieser Basis entfernt, so mag man Konstitutionen bauen, wie man will; es werden blitzende Meteore seyn, aber nicht halten. Nur die Natur mit ihren Gesetzen ist beständig.“ —

Wahrscheinlich hat er auch damals seine Anmerkungen zum Plutarch in lateinischer Sprache geschrieben, mit einer Vorrede, welche so kühn war, daß sie kein Buchhändler drucken konnte und kein Censor die Erlaubniß dazu gab. Wo die Handschrift hingerathen ist, weiß man nicht.

Der russische Konsul in Leipzig, Herr Hofrath Schwarz, suchte für einen jungen angesehenen Mann einen Begleiter bis Dorpat. Seume ergriff diese Gelegenheit um den längst gefaßten Vorsatz auszuführen, seine Freunde und ehemaligen Kriegsgefährten in Petersburg zu überraschen. Diese merkwürdige Reise durch Rußland, Finnland und Schweden hat er in dem Werke: „Mein Sommer,“ beschrieben, und er hat auch dieses Werk benutzt, um das Leben seiner Seele ohne Schleier darzustellen. Die Vorrede zu diesem Werke ist meisterhaft und gehört in dieser Rücksicht zu dem Besten, was die alte und neue Literatur in diesem Fache aufgestellt hat.

Die oft genug wiederholten Behauptungen Seume’s waren jetzt eingetroffen: die Franzosen wurden Beherrscher des Kontinents, und er sah den Folgen in der Stille und Abgezogenheit zu. Er hatte einige Bogen Papier zusammengeheftet und den Titel: „Schmieralien“ darauf geschrieben. Die verhängnißvolle Zeit brachte gewissermaßen in jedem Menschen, nach seiner Individualität, Schmieralien hervor, Zunder, welchen die Begebenheiten entzündet hatten, und der bei andern bald erlosch, dem aber Seume in seiner Seele Nahrung gab, und dann in sein Magazin trug, welches, nach seinem Tode, unter dem Titel: „Apokryphen“ 1811 erschien. Im Jahre 1808 erschien sein „Miltiades.“ Dieses Werk ist kein Spiel bestimmt gesehen zu werden, und weichen Seelen zu Thränen zu verhelfen; es ist ein Bild für die Seele des Jünglings und des Mannes, der in Flammen für das Vaterland ausbrechen soll.

Gegen Johannis des eben genannten Jahres litt der Vielgewanderte an einer Schwäche des Fußes, welche er seit den amerikanischen Feldzügen, wiewohl ohne große Beschwerde, schon zuweilen empfunden hatte, die aber jetzt so groß war, daß er einige Wochen das Bett hüten mußte. Das war ein Vorbote der größeren Leiden, die bald über ihn ausbrachen. Am Ende des Augusts begann eine Krankheit des Unterleibes, der Blasenkatarrh, eine Krankheit, die mit den qualvollsten Schmerzen verknüpft ist, ihm fast allen Schlaf raubte, und, was noch grausamer für ihn war, ihm weder das Lesen, noch das Schreiben, ja nicht einmal das Sprechen verstattete. Während dieser Pein hat er seine Trauer und seinen Trost in dem rührenden Gedichte: „Kampf gegen Morbona“ ausgedrückt. Möge es Niemand ungelesen lassen! Sein edler Freund, der treffliche Doktor Braun, that, was er vermochte; er linderte die Schmerzen, hob die gesunkenen Kräfte immer wieder empor, und stellte ihn so weit wieder her, als es möglich war. Mit Anfang des Jahres konnte er wieder ausgehen und seine Freunde besuchen; jedoch blieb er immer schwach, weil der Same des Todes im Wachsthume zwar geschwächt, aber nicht erstickt werden konnte. Die treueste Freundschaft hat für ihn während dieser Krankheit gesorgt und ihn gepflegt. Der Kaufmann Haußner ließ sich ehemals von Seume in der englischen Sprache unterrichten, und nahm ihn hernach, um seinen Umgang zu genießen, in seine Wohnung auf. Mehr kann kein Bruder für den Bruder, kein Sohn für den Vater thun, als dieser Mann für seinen Freund, während der ganzen Krankheit, mit Delikatesse, mit Aufopferung, mit einer Art von Eifersucht gegen die Freundschaftsbezeugungen Anderer gethan hat.

Im Frühlinge 1810 wagte Seume, ungeachtet seiner Schwäche, eine Reise nach Weimar zu seinem verehrten Freunde Wieland. Dieser, erschüttert durch die Hinfälligkeit des ehemals so kräftigen Mannes, und besorgt wegen einer vielleicht hülflosen Zukunft, ging zu seiner Gönnerin, der Erbprinzessin von Weimar, einer der seltenen Fürstinnen, die alle gute und edle Menschen liebt und von allen geliebt wird, erzählte ihr Seume’s Geschichte und führte den edlen Mann selbst bei ihr ein. Sie nahm sich desselben an, und verlangte von ihm, daß er an ihren Bruder, den Kaiser Alexander, nach Petersburg schreiben sollte. Seume schrieb nach seiner Art wahr und würdig. Wieland fürchtete, der Ton des Briefes möchte hier und da dem Kaiser auffallend seyn, die Großfürstin fand es nicht, nahm den Brief und sandte ihn selbst an ihren erhabenen Bruder ab. Der gütige Monarch bestimmte für Seume eine Pension; aber leider bedurfte er derselben nicht mehr, er hatte das Ende seiner irdischen Wanderschaft und das Ende aller Sorgen erreicht.

Nach seiner Zurückkunft von Weimar fand er seine Wohlthäterin und Freundin, die Frau Elisa von der Recke, und den Dichter Tiedge, der ihn unbeschreiblich achtete und liebte, im Begriff, nach Töplitz in das Bad zu reisen. Er wurde dadurch zu dem Entschlusse bewogen, ihnen zu folgen und in ihrer Gesellschaft zu versuchen, ob auch er an jener Quelle Heilung und die Kraft seines Lebens wieder gewinnen könnte. Bei seinem Abschiede übergab er dem D. Braun, als ein Pfand seiner Liebe, die Handschrift des von ihm selbst niedergeschriebenen Lebens. Wir sehen aus diesem und aus dem Gedichte „Morbona,“ daß bis jetzt die Krankheit seinen Geist nicht überwältigt hatte. Ließen die Schmerzen nur etwas nach, so war sein Gespräch heiter, freundlich, lehrreich und oft witzig. Er war immer herzlich gegen die Freunde, zuweilen sanfter, als gewöhnlich, aber eben so stark und bitter, als sonst, gegen alle Feinde der Vernunft, des Lichtes und der Humanität.

Gegen das Ende des Monats Mai 1810 traf Seume in Töplitz ein, wo er im goldnen Schiffe, oder der sogenannten Töpferschenke, eine Stube bezog, welche ihm die heiterste Aussicht auf die Stadt und das Bad, von dem er noch entscheidende Hülfe hoffte, auf ein paradiesisch grünendes Thal, mit hohen, im Frühlingsdufte schwimmenden Bergen, aber auch auf die Stelle seines künftigen Grabes gewährte. Ganz nahe war er hier dem Fürstenhause, wo die Frau von der Recke und Tiedge wohnten, deren Umgang ihn den vorhergehenden Winter so oft zu einer wahrhaft menschenfreundlichen Heiterkeit gestimmt hatte, und ihm auch nun seine letzten trüben Stunden erhellte. Auch konnte so am leichtesten, aus der Küche der Frau von Recke, für seine, nach einer strengen Diät angeordneten Speisen gesorgt werden, und dieses diente ihm zu keiner geringen Beruhigung, da er selbst über diese Diät, wenigstens anfangs, sehr gewissenhaft hielt. Unterzeichneter, der ihn seit zwanzig Jahren kannte und schätzte, hatte seine Wohnung eine Treppe höher über ihm; bald sammelten sich auch einige andere Freunde und Bekannte um ihn her, und waren daher ebenfalls im Stande, durch kleinere Dienste für ihn zu sorgen, die Seume mit williger Dankbarkeit und anfangs unter freundlichen Scherzen annahm. Ungeachtet Seume dieses Mal natürlich Pferd und Wagen bei seiner Reise zu Hülfe genommen hatte, so ward es doch bald bei Menschen aller Art in Töplitz bekannt, daß der berühmte Fußwanderer angekommen sei, um hier das Bad zu gebrauchen, und seine Ankunft sowohl, als der mögliche Erfolg seiner Kur, erregte allgemeine Theilnahme. Er selbst wünschte diese Kur möglichst beschleunigt. Denn die mitgebrachte, nicht unbedeutende Menge von Dukaten seiner Baarschaft, über welche er mit der Genauigkeit eines Financiers häufige Revision hielt, wie auch die in seinem Taschenbuche aufgezeichneten Reiserouten und Städtenamen, wiesen auf einen Lieblingsplan hin, den Rhein oder wohl gar die Schweiz zu besuchen. Leider schlugen aber bald die Aeußerungen des würdigen Töplitzer Brunnenarztes, D. Ambrozy, den er wegen seines Zustandes um Rath fragte, seine und mit noch deutlichern Ausdrücken die Hoffnungen seiner Freunde nieder. Der Gebrauch des freilich weit wirksamern Stadtbades ward Seumen ganz untersagt, und nur die Steinbäder, in dem eine Viertelstunde Weges entfernten Dorfe Schönau, wurden gestattet, welche bei günstiger Witterung gebraucht, wenn auch den Grund seiner Krankheit nicht ganz heben, aber ihm doch etwas Stärke geben, wenigstens nichts schaden würden. Die größte Schwierigkeit lag für Seume und seine Freunde darin, ihm ein medicinisch zweckmäßiges Getränk zu verschaffen. Das laue Trinkwasser in Töplitz ist bekanntermaßen, selbst nach seiner Erkältung ohne Kraft und kaum trinkbar, weshalb man sich an die Biere und österreichischen Landweine, oder einen selbst mitgebrachten Weinkeller halten muß. Alle diese Getränke waren Seumen gerade, aus medicinisch bekannten Gründen, bei seiner Krankheit verboten. Seume versuchte vom mineralischen Wasser der benachbarten Brunnenstadt Bilin zu trinken. Aber das Wasser dieses Sauerbrunnens war ihm zu schwer, und vermehrte seine Uebel. Am Kloster Mariaschein, eine Stunde von Töplitz, fließt das Mariabrünnlein, eine erfrischende, mit zierlicher Kuppel überdeckte Quelle, von der ich Seumen eine Flasche zur Probe mitbrachte. Allein auch diese Gabe der Heiligen wollte unserm Kranken nicht zusagen, und überdem war die Quelle zu entfernt. Seume war einmal an das Selterwasser gewöhnt, welches man aber anfangs in Töplitz vergebens suchte. Schon bemeisterte sich der Unmuth unseres Freundes, und aus einer sehr gewöhnlichen Täuschung schob er alle Schuld seiner Schmerzen nicht auf seinen unheilbaren Zustand, sondern auf den Mangel des Selterwassers, an das er gewöhnt sei. Es ist eine eben so bewährte, als rührende Erfahrung, daß die Hoffnung den Menschen selbst am Rande des Grabes nicht verläßt, um ihm, wenigstens durch ihren lieblichen Schein, die finstere Wahrheit der letzten Stunden zu verschleiern. Auch Seume war davon ein Beispiel. Sein Muth fand sich nicht wenig aufgerichtet, und sein Hang zur Selbstständigkeit vorzüglich geschmeichelt, als ihm selbst gelang, was keinem seiner Freunde gelungen war, bei einem Krämer in Töplitz noch einige Flaschen Selterwasser aufzutreiben. Aber bald sah er ein, daß auch diese seine Panacee das verlorne Gleichgewicht seiner Natur wieder herzustellen nicht mehr im Stande war. Nichtsdestoweniger brauchte er, anfangs mit aller Vorsicht, einige Steinbäder, und spürte auch deren gute Wirkung. Ja selbst der Gang nach Schönau und zurück, den er bei guter Witterung zu Fuß, in dem alten Reisecostüm, das wir an ihm kannten, wacker unternahm, ermattete ihn so wenig, daß er gewöhnlich seinen Mittag noch bei seiner Freundin Elise zubringen, und mit ihr und Tiedge, nach alter Weise, über die Welt und sein Zeitalter philosophiren konnte. Zuweilen äußerte er zwar hier im Schooße vertrauter Freundschaft den in seiner Lage wohl erlaubten Wunsch, durch den Tod bald von seinen Schmerzen befreit zu werden. Ja er gab wohl nicht undeutlich zu verstehen, daß ihn blos um der Schwachen und Thoren willen die Pflicht des Beispiels abhielte, seinem für sich, und, wie er meinte, für seine Freunde beschwerlichen Zustande ein Ende zu machen. Indessen wechselte diese trübe Stimmung mit andern der Lebensliebe und Lebenshoffnung wieder ab. Gewöhnlich wird die viele Sorge, welche ein Kranker an seine Heilung zu verschwenden pflegt, ein neuer Grund der Lebensliebe. Denn wer wünschte wohl vergebens gesorgt zu haben? Dies war auch bei Seumen der Fall, so wenig er sonst, in gesunden Tagen selbst, das Gute des Lebens zu preisen gewohnt schien. Diese abwechselnden Stimmungen brachten nun freilich einige Widersprüche in seinem Betragen, zuweilen ängstliche, übertriebene Folgsamkeit gegen die diätetischen Regeln, zuweilen auch halsstarrige Unfolgsamkeit, bald stoische Geduld, bald minder stoische Wunderlichkeit hervor, weswegen er denn manche moralische, wohlmeinende Vorhaltung von seinen Freunden anhören mußte, die er mit seinen gewöhnlichen Sarkasmen, oder mit einem lakonischen: „Schon gut!“ hinnahm. Leider war er aber keinesweges, bei der rauheren Witterung, die dem ersten Scheinfrühlinge folgte, dahin zu bestimmen, das Baden ganz auszusetzen. Ja an einem mit Regen drohenden Tage erwachte der alte militärische Geist in ihm so sehr, daß er die für Kranke freilich mit mancherlei Beschwerlichkeit und Unkosten verknüpfte, einzige Transportanstalt verschmähte und seinen Weg zu Fuß antrat, welcher denn mit einem von mir nachgebrachten Regenschirme rückwärts vollendet werden mußte. „Ich bin hierher gekommen, um zu baden,“ sprach er, „folglich muß ich baden und kann nicht auf die Witterung warten.“ Diese traurige Konsequenz, verbunden mit der kleinen Inkonsequenz, einmal nach dem Bade, der Einladung des gastfreien Prälaten von Ossegg zufolge, sich umzuziehen, und, trotz aller Erinnerung, bei Tische selbst seine diätetischen Regeln alle zu vergessen — war entscheidend. Nur ein paarmal saß er noch gebückt, in seinen Mantel gehüllt und mit aschgrauer Gesichtsfarbe, in dem gewohnten Kreise, und mußte seinen Sitz bald mit dem Sopha, endlich mit dem Bette vertauschen. Er konnte nun nicht mehr aufdauern, und alles, was ihm sonst lieb gewesen war, widerstand ihm.