Gern hatte er vordem in dem Zirkel der Frau von der Recke von deren Begleiterinnen die Lieder Elisens und Tiedgens zur Guitarre, oder Schillers Ideale, nach Naumanns tief ins Herz dringender Composition, zum Fortepiano singen hören, und den Sängerinnen durch manche Herzlichkeit, ja selbst durch manche feinere Galanterie gedankt. Einst brachte er den beiden Begleiterinnen Elisens Eine Rose. — „Ich habe nicht mehr, als die Eine Rose,“ sagte er zu ihnen, „und ich glaube Sie damit zu ehren, daß ich Ihnen beiden nur Eine gebe.“ Noch in Töplitz, wo die Anwesenheit der liebenswürdigen und talentvollen Wittwe Naumanns manche Veranlassung zu musikalischen Unterhaltungen gab, war Seume ein aufmerksamer Zuhörer. Ja selbst in den letzten Tagen ehe er sich legte, ward er einst durch die Stelle in einem von Elisens Liedern:

„Hinter jenen Sternen

Hält die Liebe Wort.“

wunderbar ergriffen. Dieser Gedanke, welchen in einem spätern Liede Schiller auf eine ähnliche Weise ausdrückt, rührte unsern, düster und in sich gekehrt dasitzenden Seume so sehr, daß er mitten unter dem Gesange mit Thränen in den Augen aufstand; Elisen die Hand drückte und sagte; „Elisa, das ist ein herrlicher Gedanke!“ Dieses war aber auch die letzte Aeußerung unseres Freundes, die von Gefühl für die Außenwelt und für das höhere Schöne zeugte, wiewohl sie hinreichend seine Ueberzeugung von der Fortdauer des edleren Daseyns in uns beurkundet. Man bot ihm an, als er sich schon ganz in sein Krankenzimmer zurückgezogen und verschlossen hatte, ihn wenigstens noch von ferne Musik hören zu lassen; aber er verbat es, wie auch die Besuche selbst aller Freunde, die nicht, so zu sagen, zu seiner medicinischen Wartung angestellt waren, aber ihm dabei durch Handreichungen nützlich seyn konnten. Ganz schien von nun an der kräftige Geist in sich selbst zusammen gerollt, hatte das äußerliche Wesen den körperlichen Leiden, ja selbst den wehmüthigsten Aeußerungen derselben, überlassen, und verkündete sich nur noch durch den starren, aber durchdringenden, prüfenden Blick, mit dem er die Umstehenden ansah. Selbst auf meine mit möglichster Schonung und Vorsicht an ihn gerichtete Frage, ob er noch einem abwesenden oder gegenwärtigen Freunde etwas zu entdecken und aufzutragen habe, antwortete er nicht mehr verständlich, wiewohl er seinen Leipziger Arzt und vertrauten Freund, D. Braune, mit Namen nannte. Den Trost einer höhern Welt, der in den herrlichsten Sprüchen der Weisen des Alterthums ausgedrückt, und in einem vor seinem Sterbelager aufgeschlagenen Bande der Reisen des jüngern Anacharsis gesammelt, mehr seine trauernden Freunde erhob, als sein Ohr erreichte, schien er nicht mehr zu bedürfen. Ueber Seume’s religiöse Ueberzeugungen, über welche auch sein bei Göschen 1811 erschienener Nachlaß moralisch-religiösen Inhalts befriedigenden Aufschluß giebt, habe ich, so wie von einigen andern Zügen seines Charakters, bei Gelegenheit einer frühern Handschrift seiner Gedichte in der Minerva 1812 einige Worte gesprochen. Es sei mir erlaubt, die hierher gehörige Stelle zu wiederholen:

„Freilich hatte wohl die Ansicht seines Zeitalters Seumen in den spätern Jahren seines Lebens manches Symbol geraubt, das zu einer andern Zeit ihm in dem letzten Kampfe seiner Natur eine heitere, minder bittere, versöhnte Stimmung hätte geben können. Freilich sprach er wohl zuweilen in eben dem rauhen Tone mit dem Himmel, wie mit seinen nächsten Freunden, und glaubte vielleicht den Himmel, den er mit seinen Bitten nicht bestürmen zu wollen erklärte, eben so dadurch zu ehren, wie seine Freunde. Allein der Mann, der unter dem Sturme von Warschau, in einer Stunde, wo achtzehntausend Menschen um einer politischen Maxime willen hingeschlachtet wurden, zu Gott betete, — betete auch zu Gott, als einem Ewigseyenden, in seiner Todesstunde, und trat mit dem letzten Seufzer über das so grausende Gemälde des niedern Leben an die Schwelle einer richtenden, aber auch versöhnenden Ewigkeit. Eine Sterbenacht ist schon an sich feierlich, und die Nacht, wo unser Freund seinen letzten Kampf zu kämpfen begann, ward es noch mehr durch die Umgebungen, durch das tief unter dem matt erhellten Krankenzimmer im Schatten liegende Töplitzer Frühlingsthal, umringt und durchschnitten von grotesk gestalteten Bergen, deren Rücken sich bis an die Fenster zog, durch das fernher vom Begräbnißplatze leuchtende, ahnungsvolle Licht einer Kapelle, wo schon ein Leichnam bewacht wurde, der unserm Seume am folgenden Tage weichen mußte. Unmöglich konnte man in solcher Stunde die andächtigen Seufzer des sich verlassen fühlenden Sterbenden, der nur von einem Freunde und einem jungen Feldscheer (auch einem Bewunderer des berühmten Fußwanderers) bewacht wurde, für blos zufällige Wirkungen des Schmerzes, sein Aufstöhnen zu dem, namentlich von ihm genannten Gotte (wie der ungläubige Lamettrie auf seinem Krankenlager selbst gesagt haben soll) für eine bloße Redensart erklären.“ — Minerva 1812. S. 290.

Ein Umstand, der weniger den Sterbenden, als seine um ihn versammelten Freunde in den letzten Stunden beunruhigte, trug dazu bei, dem schaurig romantischen Bilde seines Lebens eine ästhetische Vollendung zu geben, es gerade so wunderlich und flüchtig schließen zu lassen, als es begonnen hatte, um eine poetische Weissagung unsres Diogenes zu erfüllen, die sich in der frühern Sammlung seiner unvollkommenen Gedichte (s. Minerva am angef. Orte S. 304) befindet.

Und weigerte man mir auch Sarg und Decke,

Was liegt mir dran?

Flaum oder Stein ist Eins; an welchem Flecke,