Geht mich nichts an.
In einem Badeorte müssen die Wirthe, welche Kranke einnehmen, eigentlich auf Todesfälle gefaßt seyn. Indessen kann man es eines Theils doch niemanden zumuthen, schon Sterbende einzunehmen, andern Theils einen Kontrakt auf längere Zeit gelten zu lassen, als man ihn eingegangen war. Seume’s Logis war weiter vermiethet, und diese sehr vortheilhafte Vermiethung konnte durch seinen Todesfall gehindert werden. Die Inhumanität lag also mehr in dem wunderlichen Spiele des Schicksals, als in den Menschen, daß Seume in dem Augenblicke, da sein Engel (um einen Seumischen, militärischen Ausdruck zu gebrauchen) abgelöst! rief, juristisch genommen, eigentlich ohne Quartier war; und doch hätte dieser Umstand, wenn Seume anders in dem Zustand gewesen wäre, ihn noch zu beachten, seine Bitterkeit gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse gewissermaßen rechtfertigen können. Alles war mit Seume’s Bewilligung — denn Sterbende verändern bekanntlich den Ort gern — schon eingepackt, um ihn hinüber in seine Wohnung zu schaffen, als die Sänftenträger, bei der unerwarteten Beschleunigung seiner Auflösung, eben so wenig Lust bezeigten, einen schon halb zur Leiche gewordenen Menschen fort zu tragen, wie der neue Wirth, ihn aufzunehmen. Mit vieler Mühe und nur durch die Dazwischenkunft der angesehensten Männer von Töplitz, ja der Polizei selbst, gelang es unseren Vorstellungen, die bisherigen Wirthsleute zu bewegen, ihm die Stätte, wo er krank gelegen hatte, auch zum Sterben zu lassen. Während man indeß noch über diesen irdischen Wohnungswechsel stritt, — löste Seume selbst den Knoten, brach seine morsche Hütte ab, und vertauschte die irdische Wohnung mit der friedlichen und seligen im Schooße seines Schöpfers. Dieses geschah in den Vormittagsstunden des 13ten Juni 1810. Seine schon zusammengepackte, für einen vorübereilenden Wanderer nicht unbeträchtliche Verlassenschaft, indem außer dem baaren Gelde seine Krankengarderobe sehr gut ausgestattet war, wurde nun dem Magistrat übergeben, und Anstalt zu seiner Beerdigung getroffen.
Hier darf nun der Edelmuth der katholischen Geistlichkeit von Töplitz nicht ungerühmt bleiben, die manchem frühern Herkommen zuwider, jedoch mit sichtbarer Zufriedenheit aller Einwohner, unserm, in verschiedenem Glauben gebornen Freunde nicht nur das ehrenvollste Begräbniß, ganz nach unsern deshalb geäußerten Wünschen, sondern auch auf ihrer eben so durch die Natur, als durch die Kirche geweihten Erde eine freundliche Ruhestätte gewährte. Und so ward Seume’s, des unruhigen Wanderers, der über manchen menschlichen Mißbrauch im Leben geeifert hatte, Grabstein zugleich ein schönes Denkmal friedlicher Gesinnungen zweier getrennter Religionsparteien.
Am Morgen des 15ten Juni versammelten sich die in Töplitz anwesenden Freunde Seume’s in der Wohnung der Frau von der Recke, dem sogenannten Fürstenhause, um in Begleitung einiger anderen angesehenen Einwohner und Badegäste von Töplitz, die auch von fern den Namen des merkwürdigen Menschen geehrt hatten, und unter Vortritt des würdigen Geistlichen, Seume’s Reste der Erde zu übergeben. Außer der Frau von der Recke und ihrer nächsten Umgebung, befanden sich unter der Begleitung Herr Professor Fichte und seine Gattin, die Gattin des Herrn Hofrath Böttiger von Dresden, die Wittwe Naumanns, Herr D. Weigel, der Seumen ebenfalls in den letzten Stunden mit medicinischer Hülfe beigestanden hatte, und späterhin die Besorgung seines Grabsteines übernahm, Herr Hofrath Tittmann von Dresden, der Herr Graf Schönfeld der jüngere aus Wien, der sich Seume’s bildenden Umgangs von Leipzig her dankbar erinnerte, und andere mehr, welche die in ganz Deutschland verbreiteten Freunde des Verstorbenen in dieser ernsten Stunde würdig vertreten konnten. Das Begräbnißlied, das von den Schülern beim Eintritte in den kleinen, ländlich berasten Kirchhof aus ihren Notenbüchern gesungen ward, war zufälliger Weise ganz in Seume’s Sinne, und als wenn er es selber gedichtet hätte; zumal der letzte Vers, von dem ich mich erinnere, daß er den stolzen Sieger mit dem Erobererschwerte so gut wie jeden andern Adamssohn, der dazu geboren ist, der Erde Früchte zu verzehren, und sich — erobern zu lassen, vor das Todtengericht und die Schaufel des Todtengräbers lud. — Hierauf empfing die Leiche in der kleinen Kapelle den priesterlichen Segen als Mitgabe zu ihrer letzten Wanderung. — Der Sarg sank mit den Ueberresten unsers Geliebten in die schwarze, räthselvolle Tiefe hinab, und unter dem Klange der Sterbeglocken, welche das sichtbare Bild des Freundes hinabriefen, sprach der Endesunterzeichnete vor dem Kreise der stilltrauernden umstehenden Freunde folgende Worte:
„Hier also, auf diesem Hügel kalter Erde, legt unser Seume seinen Wanderstab für immer ... nieder. Wohl Ihm, und uns, seinen Freunden, daß wir es sagen können von Grunde des Herzens! Nicht ziellos war seine Reise, nicht vergebens sein wundervoll reiches Leben, so oft er diesem Leben am Abend seiner Tage auch wohl zürnen mochte, überwältigt von Schmerzen der Seele und ihrer irdischen Hülle! ...
„Was Seume war, ward er durch sich selbst. Nicht aus rohem Triebe durchwanderte unser geliebter Wanderer von Syrakus die Erde. Er suchte die Spuren der allwaltenden Ordnung in Schönheiten und Schrecknissen der Natur, in den Trümmern gesunkener Völker, in den Mordscenen seiner Zeit ... in den Gesinnungen der Menschen, seiner Brüder. Ach, der rauhe Sohn der Natur, mit gradem Blick, mit dem tiefsten, brennendsten Gefühle des Rechts im Herzen, und dieses Herz auf der Zunge tragend, konnte seine Menschen nur zürnend, nur murrend lieben. Dennoch liebte er sie, und die edelsten seines Volks entgegneten dankbar seine Liebe. Itzt empfängt ein fremdes Land, in dessen heilenden Quellen er Milderung seiner Qualen suchte ... seine Asche, und endet diese Qualen mit ewiger Ruhe. Segnet, Freunde, diesen heiligen Boden, der sein Grab ward! Unser Freund ward hier nicht getäuscht mit leeren Hoffnungen. Er wähnte hier von Schmerzen zu ruhen, die unheilbar waren, und fand hier das höchste Leben, das keiner Heilung bedarf. Friede seiner Asche! Die Erde deckt die Bösen, und die Guten drückt sie nicht.“ —
Dieselben Freunde, welche hierauf mit Thränen Erde auf seinen Sarg warfen, unterzeichneten sich mit noch mehreren theilnehmenden Menschen zu einem kleinen Denkmal auf dem Grabe nahe an den Mauern der schützenden Kapelle. Unser Seume hat nun in fremder Erde, fern von den Seinigen, einen Stein, schwerer, fester und in die Augen fallender, als wohl jemals der unruhige Erdenpilger sich es hätte träumen lassen. Aber selbst der Todtengräber hat dieses Denkmal des wunderbaren, menschenfreundlichen und menschenfeindlichen Weltbürgers lieb, und durch eine harmonische Veranstaltung des Schicksals, besuchen und bekränzen an diesem von Fremden aller Völker wimmelnden Orte, jährlich viele wandernde Fremdlinge das Grab desjenigen, der auf dieser Erde selbst immer ein pilgernder Fremdling blieb.
C. A. H. Clodius.