Und Nektar in dem Göttersaale;

Ich wußte nicht, wie mir geschah:

Und stände Zevs mit seinem Blitze nah,

Vermessen griff ich nach der Schale,

Mit welcher sie die Gottheit reicht,

Und wagte taumelnd jetzt vielleicht

Selbst dem Alciden Hohn zu sagen,

Und mit dem Gott um seinen Lohn zu schlagen. —

Du denkst wohl, daß ich bei dem marmornen Mädchen etwas außer mir bin; und so mag es allerdings seyn. Der Italiener betrachtete meine Andacht eben so aufmerksam, wie ich seine Göttin. Diese einzige Viertelstunde hat mir meine Reise bezahlt; so ein sonderbar enthusiastischer Mensch bin ich nun zuweilen. Es ist die reinste Schönheit, die ich bis jetzt in der Natur und in der Kunst gesehen habe, und ich verzweifle selbst mit meinem Ideale höher steigen zu können. Ich muß Canova’s Hände küssen, wenn ich nach Rom komme, wo er, wie ich höre, jetzt lebt. Das goldene Gefäß, die goldene Schale und das goldene Stirnband haben mich gewiß nicht bestochen; ich habe bloß die Göttin angebetet, auf deren Antlitz Alles, was der weibliche Himmel Liebenswürdiges hat, ausgegossen ist. In das Lob der Gestalt und des Gewandes will ich nicht eingehen; das mögen die Geweiheten thun. Alles scheint mir des Ganzen würdig.

In dem nämlichen Hause steht auch noch ein schöner Gypsabguß von des Künstlers Psyche. Sie ist auch ein schönes Werk; aber meine Seele ist zu voll von Hebe, um sich zu diesem Seelchen zu wenden. In dem Zimmer, wo der Abguß der Psyche steht, sind rund an den Wänden Reliefs in Gyps von Canova’s übrigen Arbeiten: eine Grablegung des Sokrates durch seine Freunde; die Scene, wo der Verurtheilte den Becher nimmt; der Abschied von seiner Familie; der Tod des Priamus nach Virgil; der Tanz der Phäacier in Gegenwart des Ulysses, wo die beiden tanzenden Figuren vortrefflich sind; und die opfernden Trojanerinnen vor der Minerva, unter Anführung der Hekuba. Alles ist eines großen und weisen Künstlers würdig; aber Hebe hat sich nun einmal meines Geistes bemächtiget und für das Uebrige nichts mehr übrig gelassen. Wenn der Künstler, wie man glaubt nach einem Modell gearbeitet hat, so möchte ich für meine Ruhe das Original nicht sehen. Doch, wenn dieses auch ist, so würde seine Seele gewiß es erst zu diesem Ideal erhoben haben, das jetzt alle Anschauer begeistert.