So verhält es sich nun in der That; und dem zufolge würden, bis auf Kant, alle Denker und Bearbeiter der Wissenschaft ohne Ausnahme durch den verborgenen Strom jener inneren Verwandlungen der Erkenntniss herumgezogen, und mit sich selber und andern in Widerstreit versetzt. Kant war der erste, der diese Quelle aller Irrthümer und Widersprüche glücklich entdeckte, und den Vorsatz fasste, auf die einzig wissenschaftliche Weise, durch systematische Erschöpfung jener Modificationen, und, wie er es nannte, durch Ausmessung des ganzen Gebiets der Vernunft, sie zu verstopfen. Die Ausführung blieb jedoch hinter dem Vorsatz zurück, indem die Vernunft oder das Wissen nicht in seiner absoluten Einheit, sondern schon selbst in verschiedene Zweige gespalten, als theoretische, als praktische, als urtheilende Vernunft, der Untersuchung unterworfen; auch die Gesetze dieser einzelnen Zweige mehr empirisch gesammelt, und durch Induction als Vernunftgesetze erhärtet wurden, als dass eine wahre Deduction aus der Urquelle sie erschöpft, und als das, was sie sind, sie dargelegt hätte. Bei diesem Stande der Sachen ergriff die Wissenschaftslehre die durch jene Kantische Entdeckung an die Menschheit gestellte Aufgabe; zeigend, was der Wissenschaftsweg in seiner Einheit sey, sehr sicher wissend und darauf rechnend, dass aus dieser Einheit heraus die besonderen Zweige desselben sich von selbst ergeben, und aus ihr würden charakterisirt werden können.
Wir sind nicht gemeint zu läugnen, dass nicht von einigen jene Wissenschaftslehre einigermaassen gefasst, und ihr Zweck nothdürftig historisch ersehen worden sey, indem von mehreren gestanden worden, dass durch jenes Werk die absolute Nichtigkeit aller Producte des Grundgesetzes des Wissens, der Reflexion, dargethan sey. Nur machte man aus dieser Entdeckung über das Resultat jener Philosophie den Schluss, dass eben um dieses Resultates willen die Wissenschaftslehre nothwendig falsch sey, indem eine Realität denn doch sey, diese Realität aber, weil nemlich diejenigen, die also dachten, für ihre Person dieselbe nicht anders zu erfassen vermochten, nur innerhalb des Gebiets des Reflexionsgesetzes erfasst werden könne. Durch dieselbe Voraussetzung machten sie nun die Wissenschaftslehre, dieselbe mit dem in ihrer Gewalt einig befindlichen Organe fassend, wirklich falsch; indem sie, gar nicht zweifelnd, dass ein objectives Seyn gesetzt werden müsste, und dass von diesem allgemeinen Schicksal der Sterblichkeit auch die Wissenschaftslehre nicht frei seyn werde, meinten, der Fehler dieser Philosophie bestehe darin, dass sie ein subjectives-objectives Seyn, ein wirkliches und concret bestehendes Ich, als das Ding an sich, voraussetze; welchem Fehler sie für ihre Person nun dadurch abzuhelfen vermeinten, dass sie statt dessen ein objectives-objectives Seyn, welches sie mit dem Namen des Absoluten beehrten, voraussetzten. Zwar hat man in Absicht der der Wissenschaftslehre angemutheten Voraussetzung von Seiten derselben nicht ermangelt, wiederholt und in den verschiedensten Wendungen zu protestiren; jene aber bleiben dabei, wie sie denn auch nicht füglich anders können, dass sie besser wissen müssten, was der Verfasser der Wissenschaftslehre eigentlich wolle, als dieser selbst. In Absicht ihrer eigenen Verbesserung ist sonnenklar, und es wird, falls jemals einige Besonnenheit an die Tagesordnung kommen sollte, jedes Kind begreifen, dass dieses ihr Absolute nicht nur objectiv ist, welches das erste Product der stehenden Reflexionsform, sondern zugleich auch, als Absolutes, bestimmt ist durch seinen Gegensatz eines Nicht-Absoluten, welche ganze Fünffachheit, noch überdies mit der im Nicht-Absoluten liegenden ganzen Unendlichkeit, in jener Operation mit dem Absoluten und ihrer Einbildungskraft durch einander verwachsen liegt, und so ihr Absolutes überhaupt gar kein möglicher Gedanke, sondern nur eine finstere Ausgeburt ihrer schwärmenden Phantasie ist, um die Empirie, im Glauben an welche sie fest eingewurzelt sind, zu erklären.
Gegen Erinnerungen, wie die eben gemachte, meinen sie auf folgende Weise sich in Sicherheit bringen zu können. Es hat nemlich die Wissenschaftslehre, freilich nur fürs Erste, und als ein Hausmittel für diejenigen, denen der Zustand der Besonnenheit noch nicht der natürliche geworden ist, sondern in welchen er mit dem der Unbesonnenheit wechselt, vorgeschlagen, dass sie bei dergleichen Producten der stehenden Reflexionsform sich doch nur besinnen möchten, dass sie das Gedachte ja denken. Jene, wohl wissend, dass, wenn sie auf diesen Vorschlag eingehen, ihnen die geliebte Täuschung verschwinde, und das, was sie gern als das Ansich sähen, als ein blosser Gedanke sich gar klar manifestire, versichern, dass man an dieser Stelle sie nie zur Reflexion bringen solle; und berichten, dass gerade durch die consequente Durchführung jener Maxime die Wissenschaftslehre zu einem leeren Reflectirsystem werde, und dadurch eben, wie es sich denn auch wirklich also verhält, die ganze Reflexionsform in absolutes Nichts zerfalle, indem das eben die jenem Systeme verborgengebliebene Kunst sey, an der rechten Stelle die Augen zuzumachen und die Hand auf, um die Realität zu ergreifen. Es entgeht ihnen hierbei gänzlich, dass, völlig unabhängig von ihrem Reflectiren oder Nichtreflectiren auf ihren Denkact, derselbe an sich bleibt, wie er ist, und wie er durch die Form der Beschränkung, in der sie ihn vollziehen, nothwendig ausfällt; und dass es ein schlechtes Mittel ist gegen die Blindheit, vor der Blindheit selber wiederum die Augen zu verschliessen. So bleibt in dem angegebenen Falle ihr Absolutes, von dem sie doch durchaus nicht anders denken können, als dass es sey, immer ein Objectives, aus dem Schauen Hingeworfenes, und demselben in ihm selber Entgegengesetztes, durch sich und in seinem Wesen; ob sie nun den Gegensatz dazu, das Schauen, ausdrücklich hinsetzen oder nicht: und sie haben, wenn sie nicht mehr denn dieses Objectiviren vollzogen haben, nur das Seyn überhaupt, keinesweges aber, wie sie vorgeben, das Absolute gedacht; oder wollen sie doch auch dieses Letztere gedacht haben, so haben sie, innerhalb des Seyns überhaupt, noch durch einen zweiten Gegensatz mit einem nicht absoluten Seyn, eine weitere Bestimmung vollzogen, und ihr Absolutes ist ein besonderes Seyn, innerhalb des allgemeinen, und ihr Denken ist auf eine bestimmte Weise analytisch-synthetisch, weil nur durch ein solches Denken der Begriff, den sie zu haben versichern, zu Stande kommt, sie mögen es nun erkennen oder nicht.
Dieses Alles ist ihnen nun seit dreizehn Jahren oft wiederholt und in den mannigfaltigsten Wendungen gesagt worden, und sie haben es auch recht wohl vernommen. Aber sie wollen es nicht weiter hören, und hoffen, weil wir einige Jahre geschwiegen, und sie nach aller ihrer Lust ihr Wesen haben treiben lassen, desselben auf immer erledigt, und in den ungestörten Besitz der Weisheit, die ihnen gefällt, eingesetzt zu seyn.
Jedoch fehlt gar viel daran, dass dieses ihr Nichtwollen so ganz ein freies sey. Es gründet sich dasselbe vielmehr mit Nothwendigkeit auf die Beschaffenheit ihrer geistigen Natur. Sie vermögen nicht zu thun, was wir ihnen anmuthen, noch zu seyn, wie wir sie haben wollen. Wollen sie bei diesem Stande der Dinge nicht alles Seyn aufgeben und in die völlige Vernichtung fallen, so müssen sie sich auf das ihnen einzig mögliche Seyn stützen, und dasselbe aus aller Kraft aufrecht zu erhalten suchen.
Jenes, oben an einem Beispiele dargestellte analytisch-synthetische Denken ist eine Function der Phantasie, und mischt mit den aus ihr erzeugten Schemen die Realität zusammen; wir aber muthen ihnen das reine und einfache Denken oder die Anschauung an, durch welches allein die Realität, in ihrer Einheit und Reinheit, an sie gelangen könnte. Sie sind des Letzteren durchaus unfähig, und sind darum allerdings genöthigt, falls sie nicht lieber das Denken überhaupt aufgeben wollen, sich der Herrschaft ihrer dunklen und verworrenen Phantasie zu überlassen. Wie sie auch mit ihrem Geiste sich hin- und herbewegen mögen, so werden sie nur auf andere Formen der Phantasie getrieben, aus dieser überhaupt nie herauskommend. Die Form der Phantasie ist allemal zerreissend das Eine: sie gehen nie anders, als mit schon zerrissenem Geiste an die Sache, und es kann darum das Eine nie an sie gelangen, weil sie selbst niemals das Eine sind.
Darum verliert auch an ihnen alle Belehrung ihren Effect, weil dieselbe, um an sie zu kommen, erst durch ihr Organ hindurchgehen muss; in diesem Durchgange aber ihre eigene Form verliert, und die Form ihres Organs annimmt. Wenn man z. B. mit ihnen vom Ich, als der Grundform alles Wissens redet, so vermögen sie dieses Ich gar nicht anders an sich zu bringen, denn als ein objectives, durch ein anderes ihm entgegengesetztes objectives, bestimmtes Seyn, weil diese letztere Form eben die Grundform der Einbildungskraft ist; es ist darum nothwendig, dass sie die Wissenschaftslehre also verstehen, wie das deutsche Publicum sie verstanden hat; und es ist eben dadurch klar, dass gar keine Wissenschaftslehre an sie zu kommen vermag, sondern statt derselben nur ein höchst verkehrtes System, welches sie durch die entgegengesetzte Verkehrtheit berichtigen wollen.
Das einfache Denken ist das innere Sehen; das Phantasiren dagegen ist ein blindes Tappen, dessen Grund dem Tapper ewig verborgen bleibt. Die Wissenschaftslehre war ein Gemälde, auf Licht und Augen berechnet, und wurde in der Voraussetzung, dass dergleichen vorhanden wären, dem Publicum vorgelegt. Man tappte einige Jahre herum auf dem Gemälde, und es fanden sich einige, welche Höflichkeitshalber versicherten, dass sie die angeblich abgezeichneten Gestalten unter dem Finger fühlten. Andere, die mehr Muth hatten, bekannten, dass sie nichts fühlten; dadurch verminderte sich denn auch die Schüchternheit und die falsche Scham der Ersteren, und sie nahmen ihr Wort zurück. Es fand sich indessen Einer, der der allgemeinen Noth sich annahm, und aus allerlei altem Abgange einen Teig zusammenknetete, den er ihnen darbot. Seit der Zeit befleissigt jeder, der Finger hat, sich des Befühlens, und es ist ein öffentliches Dankfest darüber angesagt, dass das Absolute betastbar geworden.
Wo der eigentliche Punct des Streites, den die Wissenschaftslehre gegen sie führt, wahrhaftig liege, weiss unter allen vorgeblich philosophirenden deutschen Schriftstellern Keiner; ich sage mit Bedacht Keiner, und gedenke hierüber dermalen keine Ausnahme zu gestatten. Dass auch dieses System dafür halte, die Betastung sey der einzige innere Sinn, und dass es auch ein blosses, nur etwas wunderbares und von dem ihrigen verschiedenes Betasten sey, darüber regt nirgends sich einiger Zweifel. Ferner halten sie dafür, der Streit sey über objective Wahrheiten, und unser System läugne bloss einige Sätze, die sie behaupten, und wolle dieses durch andere Sätze verdrängen; da doch dieses System eine Bestreitung ihres gesammten geistigen Seyns und Lebens in der Wurzel ist, und ihnen vor allen Dingen Klarheit anmuthet, worauf es sich mit der Wahrheit ohne Weiteres auch geben werde. Nicht darauf kommt es an, was ihr denket, würde die Wissenschaftslehre ihnen sagen; denn euer gesammtes Denken ist schon nothwendig Irrthum, und es ist sehr gleichgültig, ob ihr auf die eine Weise irret, oder auf die andere; sondern darauf, was ihr innerlich und geistig seyd. Seyd das Rechte, so werdet ihr auch das Rechte denken; lebet geistig das Eine, so werdet ihr dasselbe auch anschauen.
Nun aber ist das Erstere nicht ganz leicht, und wir haben keinen Grund, anzunehmen, dass dermalen mehr Geneigtheit und Fähigkeit dazu sich unter den Deutschen vorfinden werde, als ihrer seit dreizehn Jahren, oder wenn wir Kant, von welchem, nur mit etwas grösserem Aufwande des eigenen Scharfsinnes, dasselbe sich hätte lernen lassen, dazu nehmen, als seit fünfundzwanzig Jahren sich dargelegt hat. Dennoch wollen wir die neuerdings vom Publicum bei Seite gesetzte Sache wieder in Anregung bringen; unbekümmert übrigens darum, ob auch diese Anregung in derselben leeren Luft, in welcher seit geraumer Zeit alle Anregungen zum Besseren fruchtlos verhallet sind, gleichfalls ohne Erfolg verhallen werde.