Um vor allen Dingen den Stand der Einstimmigkeit, sowie des Streites der Wissenschaftslehre mit dem Publicum festzustellen, und dadurch unseren eigentlichen dermaligen Zweck zu bestimmen:
Das Publicum will — wir fügen uns vorläufig seiner Sprache, bis wir tiefer unten dieselbe zerstören werden — das Publicum will Realität, dasselbe wollen auch wir; und wir sind sonach hierüber mit ihm einig.
Die Wissenschaftslehre hat den Beweis geführt, dass die, in ihrer absoluten Einheit erfasst werden könnende, und von ihr also erfasste Reflexionsform keine Realität habe, sondern lediglich ein leeres Schema sey, bildend aus sich selber heraus, durch ihre gleichfalls vollständig, und aus Einem Principe zu erfassenden Zerspaltungen in sich selbst, ein System von anderen ebenso leeren Schemen und Schatten; und sie ist gesonnen, auf dieser Behauptung fest und unwandelbar zu bestehen.
Das Publicum, welches sein geistiges Leben über diese Form nicht hinweg zu versetzen, noch dieselbe von sich abzulösen, und sie frei anzuschauen vermag, hat, eben ohne es selbst zu wissen, seine Realität nur in dieser Form; da es nun aber doch Realität haben muss, so ist es geneigt, jenen von der Wissenschaftslehre geführten Beweis für fehlerhaft zu halten, weil ihm dadurch seine Realität, die es nicht umhin kann, für die einzig mögliche zu halten, vernichtet wird.
Wenn wir nun bei diesem Stande der Sachen einen Augenblick annehmen wollen, dass diesem Publicum geholfen sey, und dass es uns zu verstehen vermöge; so könnte das Erstere nur dadurch geschehen, dass man mit ihm gemeinschaftlich und vor seinen Augen die Form, in der es befangen bleibt, ablöste und ausschiede und neu zeigte, dass zwar seine Realität, keinesweges aber alle Realität vernichtet sey, sondern dass im Hintergrunde der Form, und nach ihrer Zerstörung erst die wahrhafte Realität zum Vorschein komme. Dieses Letztere ist nun diejenige Aufgabe, welche wir zu seiner Zeit durch eine neue und möglichst freie Vollziehung der Wissenschaftslehre, in ihren ersten und tiefsten Grundzügen zu lösen gedenken.
So jemand will, so mag er eine solche Arbeit auch für die Erfüllung des vor langem gegebenen Versprechens einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre nehmen; welcher Erfüllung ich mich übrigens, weil mir immer deutlicher geworden, dass die alte Darstellung der Wissenschaftslehre gut und vorerst ausreichend sey, schon längst entbunden hatte, und jetzt sie weiter hinausschiebe. Wie es mir aus den öffentlichen Aeusserungen dieser Erwartung wahrscheinlich geworden, hoffte man besonders, dass durch die neue Darstellung das Studium dieser Wissenschaft bequemer werden sollte; welcher Hoffnung zu entsprechen ich weder ehemals noch jetzt grosse Fähigkeit oder Geneigtheit in mir verspüre.
Da ich soeben die ehemalige Darstellung der Wissenschaftslehre für gut und richtig erklärt habe, so versteht es sich, dass niemals eine andere Lehre von mir zu erwarten ist, als die ehemals an das Publicum gebrachte. Das Wesen der ehemals dargelegten Wissenschaftslehre bestand in der Behauptung, dass die Ichform oder die absolute Reflexionsform der Grund und die Wurzel alles Wissens sey, und dass lediglich aus ihr heraus Alles, was jemals im Wissen vorkommen könne, sowie es in demselben vorkomme, erfolge; und in der analytisch-synthetischen Erschöpfung dieser Form aus dem Mittelpuncte einer Wechselwirkung der absoluten Substantialität mit der absoluten Causalität; und diesen Charakter wird der Leser in allen unseren jetzigen und künftigen Erklärungen über Wissenschaftslehre unverändert wiederfinden.
Zur vorläufigen Erwägung.
Wenn es nun etwa jemand zu der Einsicht gebracht hätte, dass das Seyn — ich muss, um die Rede anknüpfen zu können, von diesem Begriffe, den ich demnächst zu zerstören gedenke, ausgehen — dass das Seyn schlechthin nur Eins, durchaus nicht Zwei, und ein in sich selber Geschlossenes und Vollendetes, eine Identität, keinesweges aber eine Mancherleiheit seyn könnte: so würde von einem solchen billigerweise zu fordern seyn, dass er nach dieser Einsicht nun auch wirklich verführe, nicht aber zur Stunde wiederum gegen sie handelte, dass er demnach, falls er etwa noch überdies ein solches Seyn nicht problematisch an seinen Ort gestellt seyn lassen, sondern positiv und bejahend dasselbe annehmen wollte, dasselbe, treu seinem Grundsatze, eben nur ins positive Seyn selber oder ins Leben setzen, und annehmen müsse, dass es eben nur unmittelbar lebend, und im unmittelbaren Erleben und durchaus auf keine andere Weise sich bewahrheiten könne. Wollte er nun etwa dieses Leben wiederum absolut nennen, wie ihm, wenn er nur dadurch keinen Gegensatz, der ja gegen die angenommene Einheit des Seyns streiten würde, aufstellen, sondern nur soviel sagen wollte, dass dies das Eine in sich vollendete Seyn sey, ausser welchem gar nichts Anderes seyn könne: so würde er annehmen müssen, dass das Absolute nur in dem einzig möglichen innern Leben von sich, aus sich, durch sich sey, und durchaus auf keine andere Weise seyn könne, dass nur im unmittelbaren Leben das Absolute sey, und ausser dem unmittelbaren Leben gar kein anderes Seyn es gebe, und alles Seyn nur gelebt, nicht aber auf andere Weise vollzogen werden könne. Könnte nun ein solcher auch wohl freilich sich nicht abläugnen, dass er in dieser Operation das Leben doch nur dächte, und objectiv vor sich hinstellte, so müsste sich derselbe nur recht verstehen, um sogleich einzusehen, dass er dennoch nicht diesen Gedanken seines Lebens und das Product seines Denkens meine, indem er ja das Leben aus sich und von sich selbst, nicht aber aus seinen Gedanken heraus gedacht zu haben vermeint, sonach an diesem Gedanken sein Denken ausdrücklich zerstört, und durch den Inhalt dieses einzig möglichen wahren Gedankens das Denken, als etwas für sich bedeuten wollend, völlig vernichtet würde. Geradezu aber würde gegen die vorausgesetzte Einsicht gehandelt werden, wenn jemand das Seyn, und da das Seyn durchaus das Absolute ist, das Absolute, in ein nicht Einfaches, sondern Mannigfaltiges, und in ein sichtbares Erzeugniss und Product eines Andern ausser ihm setzen wollte. Dergleichen ist nun eben der Begriff des Seyns, von welchem wir die Rede anhoben. Er ist nicht von sich, sondern aus dem Denken, und dieses Seyn ist in sich selbst todt, wie dies auch nicht anders seyn kann, da sein Schöpfer, das Denken, in sich selbst todt ist, und an dem einzigen wahren Gedanken, dem des Lebens, sich also bewährt. Auch bewährt dieses Seyn sich wirklich also todt im Gebrauche, indem es für sich selbst nicht aus der Stelle rückt, und durch mündliche Wiederholbarkeit doch ein Etwas aus ihm herauskommt, sondern erst durch einen zweiten Ansatz des Denkens ihm Leben und Bewegung als ein zufälliges Prädicat ertheilt wird. Alle diese, dem Seyn hinterher noch beigelegten Prädicate sind nun nothwendig willkürliche Erdichtungen, indem, falls das Denken auf eine glaubhafte Weise Bericht vom Leben abstatten sollte, das letztere selber darin eintreten und unmittelbar von sich zeugen müsste; jenes Denken eines Seyns aber gleich ursprünglich das Leben von sich ausgeschieden, und ausser aller unmittelbaren Berührung mit ihm sich gesetzt hat, und darum nicht berichten, sondern nur erdichten kann; an welchem letzteren freilich die Möglichkeit noch besonders zu erklären ist.
Würde nun etwa dennoch in einem gewissen Sinne, der noch näher zu bestimmen seyn würde, angenommen, dass Wir, oder was dasselbe bedeutet, dass Bewusstseyn sey: so wäre dieses, innerhalb der vorausgesetzten Grundeinsicht, nur also zu begreifen, dass das Eine absolute Leben eben das unsrige, und das unsrige das absolute Leben sey, indem es nicht zwei Leben, sondern nur Ein Leben zu geben vermöge, und dass das Absolute auch in uns eben nur unmittelbar lebend, und im Leben, und auf keine andere Weise dazuseyn vermöge, indem es überhaupt auf keine andere Weise dazuseyn vermag; und wiederum, dass nur in uns das Absolute lebt, nachdem es überhaupt in uns lebt, es aber nicht zweimal zu leben vermag. Inwiefern aber nun ferner angenommen wird, dass wir nicht bloss das Eine Leben, sondern zugleich auch Wir oder Bewusstseyn sind, so würde insofern das Eine Leben in die Form des Ich eintreten. Sollte sich, wie wir aus guten Gründen vorläufig vermuthen, diese Ichform klar durchdringen lassen, so würden wir einsehen, was an uns und unserem Bewusstseyn lediglich aus jener Form erfolge, und was somit nicht reines, sondern formirtes Leben sey; und vermöchten wir nun dieses von unserem gesammten Leben abzuziehen, so würde erhellen, was an uns als reines und absolutes Leben, was man gewöhnlich das Reale nennt, übrigbliebe. Es würde eine Wissenschaftslehre, welche zugleich die einzig mögliche Lebenslehre ist, entstehen.