Was insbesondere das erste aufgestellte todte Seyn betrifft, so würde erhellen, dass dieses durchaus nicht das Absolute, sondern dass es nur das letzte Product des in uns in der Form des Ich eingetretenen wahrhaft absoluten Lebens sey; das letzte, sage ich, also dasjenige, in welchem in dieser Form das Leben abgeschlossen, erloschen und ausgestorben, somit in ihm schlechthin gar keine Realität übriggeblieben ist. Es würde einleuchten, dass eine wahrhaft lebendige Philosophie vom Leben fortgehen müsse zum Seyn, und dass der Weg vom Seyn zum Leben völlig verkehrt sey und ein in allen seinen Theilen irriges System erzeugen müsse, und dass diejenigen, welche das Absolute als ein Seyn absetzen, dasselbe rein aus sich ausgetilgt haben. Auch in der Wissenschaft kann man das Absolute nicht ausser sich anschauen, welches ein reines Hirngespinnst giebt, sondern man muss in eigener Person das Absolute seyn und leben.

Ich füge nur noch folgende zwei Bemerkungen hinzu. Zuvörderst, dass durch diesen Satz alle Philosophie ohne Ausnahme, ausser der Kantischen und der der Wissenschaftslehre, für völlig verkehrt und ungereimt erklärt werde; und wir sprechen dieses bestimmt aus, indem wir niemals irgend eine Ausnahme, welchen Namen sie auch haben möge, zu gestatten gedenken. Sodann, so klar und so handgreiflich einleuchtend die gemachte Bemerkung auch jedem ist, der sie eben versteht, so möchte es doch Leser geben, die gar nicht leicht in dieselbe sich fänden. Der Grund ist der: weil es einiger Anstrengung bedarf, um sich zur Vollziehung der angemutheten Consequenz zu bringen, und dieselbe in seine freie und besonnene Gewalt zu bekommen, zuwider dem natürlichen Hange im Menschen, zum objectivirenden Denken, als dem leichtesten, und jedem ohne alle Mühe und Besonnenheit sich anwerfenden zurückzukehren. Dennoch kann die Vollziehung dieser Einsicht nicht erlassen werden, indem ausserdem es beim blinden Tappen bleibt und kein Sehen erfolgt, und der ganze Unterricht, aus Mangel eines tauglichen Organs der Aufnahme, seines Zweckes verfehlt.

Endlich, dass beim Leben angehoben werden müsse, und von diesem erst zum Seyn fortgegangen werden könne, hat nur vorläufig verständlich gemacht werden sollen, um den dermalen vorhandenen Grund alles Irrthums bei Zeiten aus dem Wege zu bringen. Keinesweges aber haben wir uns dadurch die Möglichkeit abschneiden wollen, falls es nothwendig werden sollte, sogar über das Leben hinauszugehen, und auch dieses als nichts Einfaches und Erstes, sondern als Product einer klar nachzuweisenden Synthesis, nur ja nicht aus dem Seyn, darzustellen. Einer der nächsten Aufsätze dieser Zeitschrift wird sich mit dieser Aufgabe beschäftigen.

Zweites Capitel.
Auskunft über die bisherigen Schicksale der Wissenschaftslehre.

I.
Schilderung des bisherigen Zustandes unserer Literatur überhaupt.

Es ist hier keinesweges unsere Absicht, bloss wieder zu sagen, wie sich das Publicum gegen die Wissenschaftslehre seit der Erscheinung derselben verhalten, sondern dasselbe aus seinen Gründen zu erklären, worauf dann derjenige, der das erstere nicht weiss, aus diesen Gründen selbst es a priori ableiten, oder auch in den seit jener Zeit erschienenen Schriften und Urtheilen es aufsuchen mag. Nur gründet ohne Zweifel dieses alles sich auf den bisherigen und noch dermalen fortdauernden Zustand der Literatur überhaupt; und es wird daher die begehrte Auskunft auf die von uns gewählte Weise ohne Zweifel gegeben, wenn der erwähnte Zustand gründlich geschildert wird.

Welcher Schmerz übrigens und innige Wehmuth uns ergreife, indem wir aus dem klaren Aether der tiefsten Betrachtung, in welchem wir am liebsten uns aufhalten, herunterzusteigen haben in den Abgrund der intellectuellen und moralischen Verkehrtheit in der Wirklichkeit, thut nicht noth zu beschreiben. Wahrhaftig nicht unsere Neigung führt uns, sondern eine tiefe Unlust begleitet uns zu diesem Geschäfte, welche zu überwinden wir dennoch uns entschlossen haben, indem, so sicher wir auch überzeugt seyn mögen, dass nichts besser werden wird, es dennoch unsere Schuldigkeit ist, zu handeln, als ob es besser werden könnte, ganz sicherlich aber es nicht besser werden kann, bevor nicht das Uebel in seiner ganzen Grösse bekannt worden, und ein beträchtlicher Theil des Publicums darüber in ein heilsames Erschrecken versetzt worden. Und wenn es auch wahr seyn sollte, dass der jetzt ausgebildet lebenden Generation durchaus nicht zu helfen sey, sondern diese, als unverbesserlich, aufgegeben werden müsse: so bliebe es gleichwohl nothwendig, diejenige, welche dermalen entsteht und sich bildet, abzuschrecken, dass sie nicht in die Fusstapfen jener ersten trete, indem, wenn es wirklich besser werden soll, die Besserung doch irgend einmal in der Zeit anheben muss, nichts aber verhindert, dass wir wünschen, dass, inwiefern es möglich ist, diese Zeit eben jetzt sey.

Nur zwei allgemeine Bemerkungen habe ich vorauszuschicken. Die erste ist die folgende: Ob das, was ich als den Charakter unseres gelehrten Publicums angeben werde, durchaus und ohne alle Ausnahme, oder ob es nur von der entschiedenen Majorität gelte, kann vorläufig an seinen Ort gestellt bleiben; und ich will es denjenigen unter meinen wissenschaftlichen Lesern, welche mit Wahrheit sich bewusst sind, dass ihnen niemals, weder in Schriften, noch auf dem Katheder, oder in mündlichen Unterhaltungen dergleichen Aeusserungen, wie wir anführen werden, entfallen sind, von Herzen gönnen; indem es mir wenig Vergnügen macht, mir die Zahl der Schuldigen recht gross zu denken. Gemeint sind nur diejenigen, welche selber, jedoch vor einer Selbstprüfung, in der sie sich nicht schmeicheln, sich getroffen fühlen.

Sodann: die gewöhnliche, auch ehemals schon uns gegebene Antwort auf dergleichen Vorwürfe ist die: man habe übertrieben, oder auch ganz und gar die Unwahrheit gesagt, und sie seyen nicht also, wie wir sie dargestellt hätten. Der hierbei ihnen selbst zwar grösstentheils verborgen bleibende Grund ihrer Täuschung ist der, dass, da sie selber in allen ihren Aeusserungen immer nur sagen, was gesagt worden, und vor dem Worte vom Worte niemals zum Worte von der Sache zu kommen vermögen, sie ebenfalls von uns glauben, wir wollten berichten, wie sie sprechen; und da mag es denn oft wahr seyn, dass sie also, wie wir sie darstellen, sich selber nicht aussprechen. Unser Vorsatz aber war und ist, zu sagen, was sie innerlich und in der That wirklich sind und leben, welches letztere unter andern auch recht gut an demjenigen dargelegt werden kann, was sie seyen, dem jenes, ob sie es nun selber wissen oder nicht, dennoch zur Quelle und Prämisse wirklich und nothwendig dient. Und wenn es sich auch zuweilen zutrüge, dass sie, zur ausdrücklichen und wörtlichen Erklärung über dieselben Verhältnisse kommend, das gerade Gegentheil von dem, was sie nach unserer Behauptung wirklich sind, sagten: so ist doch dieses letztere nicht der Ausdruck ihres wahren Seyns, sondern nur ein auswendig Gelerntes, und eine am Markte erhandelte Maske, mit welcher sie ihre natürliche Haut übel genug verdecken; jenes aber, als Princip eines wirklichen Dafürhaltens im Leben, ist ihr wahres innerliches Leben.

Und nun zur Sache! Dass das Organ für die Speculation, durch welche allein doch alles übrige Wissen begründet, geordnet und klar wird, und ohne welche alle Beschäftigung mit den Wissenschaften nur ein blindes, vom Ohngefähr mehr oder weniger begünstigtes Herumtappen bleibt, den gegenwärtigen Bearbeitern der Wissenschaften gänzlich abgehe, haben wir schon oben gesagt, und, falls jemand fähig seyn sollte, uns zu verstehen, durch unsere eigene Speculation es gezeigt. Nun würde ein Mangel, den unser Zeitalter mit der gesammten Vorwelt gemein hat, nicht jenem allein zum besonderen Vorwurfe gemacht werden können, wenn nicht der grosse Unterschied obwaltete, dass diese Vorwelt von wahrer Speculation niemals etwas vernommen, jenem aber nunmehr seit fünfundzwanzig Jahren, in einer ununterbrochenen Folge mannigfaltiger Schriften zweier in ihrem äusseren Vortrag sehr verschiedener Autoren, die Regeln der wirklichen Speculation, und die Ausübung derselben an mancherlei Materien, vorgelegt worden sind.