Aber was soll man sodann sagen, wenn in überschwänglicher Klarheit erhellet, dass unter diesen vorgeblichen Bearbeitern der Wissenschaft sogar der Begriff von der Wissenschaft selber, ihren blossen formalen und äusseren Eigenschaften nach, nicht nur fast gänzlich verschwunden, sondern dass sie auch innerlich vor diesem Begriffe erzittern, und jede Anregung desselben leidenschaftlich anfeinden, und dass der einzige Trost ihres Lebens die Hoffnung ist, dass es wohl niemals wirklich zur Wissenschaft kommen werde, und der einzige Zweck ihrer Bestrebungen, zu verhindern, dass es dazu komme? Müsste man nicht sodann urtheilen, dass an die Stelle des unter uns ausgestorbenen gelehrten Publicums die heftigsten Feinde aller Wissenschaft getreten, welche die Maske der Gelehrsamkeit nur vorhalten, um unter deren Schutze die Wissenschaft nur sicherer und sieghafter zu bestreiten?
Die Wissenschaft, so gewiss sie Wissenschaft ist, hat eine absolute und unveränderliche Evidenz in sich selber, vernichtend schlechthin alle Möglichkeit des Gegentheils und allen Zweifel; und, da diese Evidenz nur auf eine einzige unwandelbare und unveränderliche Weise möglich seyn kann, die Wissenschaft hat ihre feste und unveränderliche äussere Form. Dies gehört zum Wesen der Wissenschaft, als solcher; nur unter dieser Bedingung ist sie Wissenschaft; und so ist auch allenthalben, wo es ein wissenschaftliches Publicum gegeben hat, in demselben allgemein geglaubt und angenommen worden. Wie aber mögen über diesen Punct unsere vorgeblichen Gelehrten glauben und annehmen? Ich weiss nicht, wie viele es unter ihnen geben dürfte, denen nicht von Zeit zu Zeit Aeusserungen, wie die folgenden, entgangen seyen: es halte jemand sich für allein weise und allein Philosoph; es wolle jemand die Wissenschaft aus Einem Stücke haben; man müsse — als ob es nemlich mehr als Einen Standpunct für jede Wahrheit geben könne — bei Widerlegung der Gegner sich auf ihren Standpunct versetzen; man müsse es in der Untersuchung der Wahrheit nicht so strenge nehmen, sondern leben und leben lassen; und wie noch ins Unendliche fort die Wendungen lauten, in denen der Wissenschaft angemuthet wird, auf ihren absoluten Grundcharakter Verzicht zu thun: und dieses alles als gar nicht zu bezweifelnde Axiome, mit einer kindlichen Unbefangenheit, und so durchaus ohne alle Ahnung der eigenen Abgeschmacktheit, dass sie nicht nur sicher auf die Beistimmung aller übrigen hoffen, sondern sogar fest überzeugt sind, der wissenschaftliche Mann selber, den sie etwa des Anspruchs auf Alleinweisheit bezüchtiget, hätte sich dessen erst nur nicht besonnen; er werde auf ihre Erinnerung schon in sich gehen und sich schämen. Wenn nun etwa auch dieselben Schriftsteller, ein andermal von dem Wesen der Wissenschaft redend, sich ohngefähr ebenso darüber ausdrückten, wie wir es oben thaten: soll man dies für ihren Ernst halten? Wie könnte man? Dieses letztere sagen sie nur; das Gegentheil aber glauben sie wirklich, indem sie ja darnach in wirklicher Beurtheilung vorliegender Erscheinungen verfahren; wie denn auch einige zu dergleichen Geständnissen mit rührender Naivität hinzusetzen: das sey zwar wahr in abstracto, keinesweges aber in concreto; wodurch sie demnach klar bekennen, dass sie jenen Begriff der Wissenschaft nur für einen leeren Begriff des scherzhaften und spielenden Denkens halten, mit dem es hoffentlich niemals werde Ernst werden.
Das innere Wesen der Wissenschaft ist auf sich selbst gegründet, und macht sich schlechthin durch sich selbst und aus sich selbst, so, wie es sich macht, absolut vernichtend alle Willkür; und es ist die allererste Forderung an einen wissenschaftlichen Menschen, vor deren Erfüllung niemals auch nur ein Funke von Wissen in seine Seele kommen wird, dass alle Neigung in ihm vor dem heiligen Gesetze der Wahrheit verstumme, und er für immer entschlossen sey, alles, was ihm als wahr einleuchten werde, mit ruhiger Ergebung sich gefallen zu lassen. Sollen wir glauben, entweder, dass sie diese Bedingung vollzogen hätten, oder auch nur, dass sie es als einen möglichen Fall dächten, es werde jemand diese Forderung an sie machen? — solche, welche ernsthaft vor dem gesammten Publicum uns benachrichtigen, dass unsere Wahrheit ihnen nicht gefalle, und auseinandersetzen, wie ihnen bei derselben eigentlich zu Muthe geworden, und beschreiben, wie diejenige Wahrheit aussehen müsse, die ihnen gefallen solle, und uns ersuchen, sie also zu machen und gelten zu lassen, und, wenn wir nicht wollen, sich ereifern und klagen, dass wir ihnen das Herz aus dem Leibe reissen wollten; welches letztere wir denn auch wirklich gerne thäten, wenn wir es vermöchten, bei eigenem Unvermögen aber es der göttlichen Gnade überlassen. Oder sollten wir das von denjenigen glauben, welche, noch unabhängig von dem Inhalte des Vorgetragenen, sich beklagen, dass man nicht freundlich genug sie belehre, dass man ihnen einen unsanften Ruck gegeben habe, der beinahe die ruhige Stimmung ihres Gemüthes gestört hätte; dass wir uns bessern, und ihnen künftig die Lehre und Arznei in die von ihnen geliebten Süssigkeiten einkleiden möchten, widrigenfalls sie zu unserer wohlverdienten Bestrafung nichts mehr von uns lernen würden? Soll man viele Ausnahmen von dieser Denkart glauben, wenn man sieht, dass eine neue Lehre fast mit keinen anderen Waffen bekämpft wird, als mit dieser Abneigung und der Erregung derselben in den Gemüthern der Leser, auf deren Sympathie und gleichmässigen Unverstand man sicher rechnet; ingleichen des Affects der Verwunderung über die ungeheure Abweichung der Lehre von der gemeinen Meinung, als ob jemand zuzugestehen dächte, dass etwas wahr sey, weil es gemein ist?
Die allererste, dem wissenschaftlichen Menschen anzumuthende Erkenntniss ist die, dass die Wissenschaft nicht ein leeres Spiel oder Zeitvertreib, nicht nur ein zum erhöhten Lebensgenusse dienender Luxus, sondern dass sie ein dem Menschengeschlecht schlechthin Anzumuthendes, und die einzig mögliche Quelle aller seiner weitern Fortentwickelung sey: dass die Wahrheit ein Gut, und das höchste, alle anderen Güter in sich enthaltende Gut, der Irrthum dagegen die Quelle aller Uebel, und dass er Sünde und die Quelle aller anderen Sünden und Laster sey; und dass derjenige, der die Wahrheit aufhält und den Irrthum verbreitet, die allerschaudervollste Sünde am Menschengeschlechte begehe. Kann man diese Erkenntniss denjenigen zutrauen, welche ihr ganzes Leben hindurch durch alle ihre Worte und Werke die absoluteste Gleichgültigkeit gegen Wahrheit und Irrthum zeigen; welche alle die Tage ihres Lebens fortfahren zu lehren, ohne jemals etwas zu wissen; welche, ohne alle Ueberzeugung, dass Wahrheit sey, was sie behaupten, dennoch fort behaupten auf das gute Glück hin, dass sie es gleichwohl auch getroffen haben könnten, und so, innerlich zu einer concreten Heuchelei und Lüge geworden, lügend fortleben und von der Lüge essen, trinken und sich kleiden? Ohne alle Ueberzeugung, sage ich: denn es ist ein himmlisch klarer Satz, ganz allein durch sich der Menschheit den Besitz der Wahrheit sichernd, und welcher, obwohl er die Verderbtheit jener aufdeckt, und darum ein verhasster Gräuel ist in ihren Augen, dennoch ihnen zu Liebe nicht kann aufgegeben werden; der Satz: dass die Evidenz eine specifisch verschiedene innere und überzeugende Kraft bei sich führe, welche niemals auf die Seite des Irrthums treten kann, dass jederman unter allen Umständen seines Lebens wissen kann, ob das, was er denke, mit dieser Kraft ihn ergreife oder nicht, dass daher jedweder, von welchem hinterher sich findet, dass er geirrt habe, dennoch, obwohl er gar füglich seinen Irrthum nicht eingesehen haben kann als Irrthum, ihn doch auch sicher nicht als Wahrheit eingesehen hat, und dass er auch hätte entdecken können, dass er ihn nicht als solche einsehe, wenn er sich nur hätte besinnen wollen; dass er daher auf keine Weise der Ueberführung zu entgehen vermag, dass er leichtfertig und ohne wahrhaften Respect für die Wahrheit dahergefahren sey.
Welches konnte die Quelle dieser strafbaren Gleichgültigkeit seyn? Allein Trägheit, Leichtsinn, Egoismus, tiefe moralische Auflösung. Das Leben reisst unaufhörlich uns heraus aus uns selber, und treibt uns dahin oder dorthin, so wie es will, nach seinem Gutdünken sein Spiel mit uns führend. Diesem Hange zuwider dennoch sich zusammenzunehmen, und betrachtend sich zu halten, bis man vollendet, kostet Anstrengung, Selbstverläugnung, Mühe, und diese thut wehe dem verzärtelten Fleische. Es will schon etwas sagen, nur zuweilen sich zu besinnen: dass man es aber in der Wissenschaft, zumal in der höchsten, in der Speculation, zu etwas Bedeutendem bringe, dazu bedarf es einer bis zur absoluten Freiheit geübten Kunst der Besinnung, und der erworbenen Unmöglichkeit, jemals von dem Strome der blinden Einbildungskraft gefasst zu werden; welches alles wiederum einen ganzen klaren, nüchternen und besonnenen Lebenslauf erfordert. Wie hätte einen solchen die Kraftlosigkeit unserer Tage ertragen können?
Oder, selbst wenn sie gekonnt hätten, würden sie es auch nur gewollt haben, und würden sie jene Besonnenheit, wenn ohne alle ihre Mühe sie ihnen zu Theil würde, sich zur Ehre anrechnen oder zur Schmach? Ich sage, zu der letztern; denn es ist schon lange her, dass der Wetteifer mit jener Nation, von der wir jetzt für unsern guten Willen, ihr zu gleichen, und für unser Unvermögen dazu grausam bestraft werden, uns den Anschein deutschen Ernstes, Gründlichkeit und Fleisses verächtlich gemacht, und uns bewogen hat, alle Beschäftigung mit den Wissenschaften in ein Spiel zu verwandeln, und uns dem Strome unserer Einfälle, als dem einzigen, was den Anschein jener so sehr beneideten Leichtigkeit uns geben könne, zu überlassen. Um sicher zu seyn, dass wir nicht wie Pedanten aussähen, haben wir uns bestrebt, literarische Gecken zu werden, ohne dass es uns doch sonderlich gelungen. Ich möchte einmal, besonders unter unseren jüngeren Gelehrten, die Umfrage halten, um zu erfahren, wie viele darunter lieber dafür gelten möchten, dass sie die Wahrheit durch Fleiss und Nachdenken gefunden, als dafür, dass sie ihnen durch ihre glückliche Natur ohne alle ihre Mühe und Anstrengung von selber gekommen; und die nicht lediglich durch den Titel eines Genies sich geehrt, durch die Benennung aber eines fleissigen und besonnenen Denkers sich als beschränkte und geistlose Köpfe, und als solche, für welche die Natur doch auch gar nichts gethan, sich geschmähet finden würden. Und so brachte denn dasselbe Hinfliessen und Hinträumen in aus sich selbst erwachsenden Einfällen, welches der Bequemlichkeit zusagte, zugleich auch Ehre; und so liessen wir es uns denn besser gefallen, als den mühsamen und nicht ehrenden Ernst.
Wenn denn nun jene, wie seit länger denn Einem Menschenalter in unermesslicher Klarheit sich gezeigt hat, von der Wissenschaft so durchaus nichts wussten, dass ihnen nicht einmal der Begriff derselben, oder die allerersten Bedingungen, um zu ihr zu gelangen, bekannt waren; warum konnten sie dennoch es durchaus nicht unterlassen, sich für Gelehrte auszugeben und zu schreiben, zu lehren, zu urtheilen, als ob sie die gründlichsten wären? Da die einzig möglichen Triebfedern, die Liebe zur Wahrheit und zur Wissenschaft, von welchen beiden sie nie einen Funken erblickt, sie nicht treiben konnten, so konnten die ihrigen nur die äusseren Triebfedern seyn: die bekannten des Geltenwollens, der Ruhmsucht und der anderen Emolumente, welche damit verknüpft zu seyn pflegen. Von diesen werden sie denn auch also getrieben und begeistert, dass sie die wirkliche Wissenschaft, von welcher sie den Verlust ihres eigenen Ansehens sich richtig prophezeien, mehr fürchten und hassen, als irgend etwas anderes, und dass ihnen kein Mittel zu schlecht ist, durch dessen Anwendung sie hoffen, den Anbruch des Lichts, wenigstens noch so lange als sie leben, aufzuhalten; im schamlosen Kampfe für eine tausendfach verwirkte Existenz, der sie selber, wenn sie noch einen Funken Ehrgefühl hätten, fluchen würden.
Von diesem ihrem dumpfen Eigendünkel werden sie also geblendet und besessen, dass er sie zu den lächerlichsten und unglaublichsten Ungereimtheiten verleitet. Indess sie immerfort voraussetzen, dass keiner ganz recht habe, und dass es nirgends eine sichere und ausgemachte Wahrheit gebe, vergessen sie dennoch diesen, für alle anderen ausser ihnen ohne Ausnahme gelten sollenden Grundsatz gänzlich, sobald es ihre eigenen Personen sind, welche reden, indem sie immerfort aus dem Principe disputiren, sie hätten ja die, ohne Zweifel zugleich mit ihrem Munde ihnen angeborne wahre Wahrheit, und darum müsse der Gegner, der ihnen widerspricht, nothwendig unrecht haben; gar nicht sich besinnend, dass ja der andere ebenso schliessen könne, und das Privilegium des blinden Eigendünkels für sich allein und ausschliesslich begehrend. Ja, es ist sogar erlebt worden, und wird noch immerfort erlebt, dass jemand einer Lehre durch die Versicherung, er könne sie eben nicht verstehen, oder sie falle ihm so schwer, dass ihm Hören und Sehen dabei vergehe, das Zeichen der Verwerfung aufgedrückt zu haben geglaubt; mit kindischer Naivität bei der ganzen Welt dieselbe hohe Meinung von ihm, die er selbst hegt, als ihr absolutes Axiom und Prämisse aller ihrer Urtheile voraussetzend, und im Rausche seines Eigendünkels gar nicht ahnend, wie ihm geantwortet werden müsse.
Zunächst zwar ist diese Schilderung des literarischen Zustandes unserer Tage entworfen, um daraus die bisherigen Schicksale der Wissenschaftslehre zu erklären; die Zeit aber, in welcher ich dieselbe abfasse, erwirbt mir vielleicht Verzeihung, wenn ich zugleich bemerke, dass der politische Zustand unserer Tage, in welchem, wenn nicht durch ein Wunder und auf einem natürlich nicht abzusehenden Wege uns Rettung kommt, alle seit Jahrtausenden von der Menschheit errungene Cultur und deren Producte zu Grunde gehen zu müssen scheinen, bis nach neuen Jahrtausenden dermalen uns unbekannte Wilde und Barbaren denselben Weg wieder von vorn beginnen, — dass, sage ich, dieser politische Zustand lediglich und allein aus dem Zustande unserer Literatur entsprungen ist. Er ist herbeigeführt durch das allgemeine Unvermögen, irgend einen Gegenstand fest anzufassen und zu halten, und ihn nach seinem wahren Wesen zu durchdringen; und das Hülfsmittel dagegen ganz und ernst, und nicht noch zugleich sein Gegentheil zu wollen, und mit eiserner Consequenz, verläugnend alle Nebenzwecke, es durchzuführen. Bei wem aber sollten diejenigen, welche über unser Schicksal entschieden haben, Beispiele dieser Festigkeit holen, und wem dieselbe ablernen, wenn diejenigen, in deren Schulen sie zuerst gebildet sind und bei denen sie noch täglich, sey es auch nur für den Scherz, Unterhaltung suchen, ihnen keinen anderen Anblick geben, als den der absoluten Zerflossenheit? Wo eine Literatur ist, da sind es immerfort die Literatoren, welche ihr Zeitalter bilden. Gehen nun diese über in Fäulniss, so muss neben ihnen alles Uebrige nothwendig um so mehr verwesen.
Um jedoch zu unserem eigentlichen Zwecke zurückzukehren: wie hätte man denjenigen, mit denen noch über die ersten Buchstaben alles Unterrichts, ob es wohl auch überhaupt Wissenschaft geben möge, zu streiten war, glaublich machen können, dass es wohl eine Wissenschaft der Wissenschaft selber geben möge; oder diejenigen, die überhaupt gar keiner Besinnung fähig sind, und dessen sich rühmen, zur allerhöchsten und vollendeten Besinnung heraufleiten können? Es war nichts Anderes zu erwarten, als dasjenige, was erfolgt ist, dass sie die Worte und Formeln dieser angetragenen Wissenschaft, zu dem, was sie allein wollen und begehren, zu einigen Scherzen für die Belustigung ihrer Leser verarbeitet, und wenn man dennoch ernsthaft geblieben, voll Eifer und Zornes auf uns geschmähet haben.