Uebrigens ist auch das, was der Mann durch seine Speculation sucht und anstrebt, keinesweges etwas Schlechtes und Gemeines, sondern es ist das Höchste, dessen der Mensch theilhaftig werden kann; die Erkenntniss der Einheit alles Seyns mit dem göttlichen Seyn. Seine Absicht ist daher aller Ehren werth. Ebendasselbe will ja auch ich, und leiste es; er aber redet nur daran herum, und vermag es nicht zur Wirklichkeit zu bringen, tritt in den Weg denen, die es können, und macht irre andere, die ohne ihn vielleicht hören und verstehen würden; und dieses ist es, was ihm meinen Tadel zuzieht. Er hasset und fliehet die Besonnenheit, in welcher allein das Heilmittel vom Irrthume liegt, mit gutem Bedachte, indem er sie nur für leere Klarheit hält, und macht so die Unbesonnenheit zur ausdrücklichen Grundmaxime alles Realismus, erwartend von einer blinden Natur die Heilung. Dies ist nun absolute Unphilosophie und Antiphilosophie, und so lange er auf dieser Maxime beharrt, ist Alles, was er vorbringt, ohne Ausnahme nothwendig falsch, irrig und thöricht, und es vermag kein Funke von Speculation in seine Seele zu kommen. Und so werfe ich ihn denn, indem ich den Menschen an ihm in allem seinem möglichen Werthe lasse, als Philosophen ganz und unbedingt weg; und als Künstler erkenne ich ihn für einen der grössten Stümper unter allen, die jemals mit Worten gespielt haben.
Was hier insbesondere ihm nachgewiesen worden, leidet, als gegründet lediglich auf die blosse allgemeine Logik, durchaus keinen Widerspruch, Ausrede oder Ausflucht, und es kann dagegen nichts vorgebracht werden, ausser etwa, man habe in den Einheitspunct eben nicht recht hineinkommen können, man meine ja doch das Rechte, und habe recht in der Sache, wenn auch die Form mangelhaft geblieben sey, welches Alles, als selber absolute Antiphilosophie, schon ehe es vorgebracht worden, abgewiesen ist. Sollten seine Mitstreiter, im Schmerze, ihren Vorfechter also abgefertigt zu sehen, etwas vorbringen wollen, so werde ich antworten, oder auch nicht, wie es mir gefallen wird, indem ich hierüber zu nichts verbunden seyn will. Mit dem genannten Manne selber rede ich, da wir durchaus von contradictorisch entgegengesetzten Maximen ausgehen, niemals, wie ich denn auch hier nicht mit ihm, sondern mit seinem Publicum geredet habe.
[37] Durch diese, übrigens ihre guten factischen Gründe für sich habende Vermuthung haben wir indessen, wie hinterher sich gefunden, ihm zu viel Ehre erwiesen. Es ist uns nemlich seit Abfassung jener Stelle das erste Heft der Jahrbücher der Medicin etc. in die Hände gefallen, wo (S. 9.) die soeben berührte Darstellung, und besonders „die allgemeinen Gründe, wie sie §. 1 bis 50. aufgestellt seyen,“ noch immer als bewährt gepriesen und citirt werden. „Selbst dasjenige, was mehr noch aus Divination, als aus bewusster Erkenntniss entsprungen gewesen, habe sich — zum Wunder! — bewährt.“ Seine Divinationen also hat der Mann als Philosopheme drucken lassen, und sagt es selber, ohne ein Arges daraus zu haben? Welche Begriffe mag er von Philosophie haben und von Schriftstellerei überhaupt? Das Wunder inzwischen jener gerühmten Bewährung kann man irgendwo von uns sehr natürlich erklärt finden. Uebrigens ist in diesen Jahrbüchern die dogmatische Verstocktheit, das ohnmächtige Pochen auf die Unbesonnenheit, die trotzige Versicherung, dass diese eben das Rechte sey, und das grobe Misverstehen des Idealismus so arg, als jemals, und es ist Schonung, dass wir die gewählte Prüfung stehen lassen, und unseren Maassstab nicht an dieses neueste Product legen, das den sichtbaren Verfall seines Urhebers in jeder geistigen Kraft bezeugt.
[38] Zur Aufhellung der oben im Texte befindlichen Stelle ist Fichte’s Lebensbeschreibung (I. S. 366. II. S. 300.) zu vergleichen. H. E. G. Paulus, der hier gemeint war, hat indess gegen jede solche Beziehung zu Fichte in den „Skizzen aus meiner Bildungs- und Lebensgeschichte“ (Heidelberg, 1839. S. 168-170) protestirt, woraus eine Reihe von Verhandlungen zwischen ihm und dem Unterzeichneten sich ergeben hat, deren Erwähnung hier nicht umgangen werden kann, indem auch sie vorübergehend lebhafte Aufmerksamkeit erregten. Da jedenfalls beide Männer auch in dieser Beziehung mit einander vor die Nachwelt treten, so bleibt nichts übrig, um den Leser zu einem selbstständigen Urtheile in dieser Angelegenheit zu veranlassen, als ihn ausser dem schon Angeführten auf die weiteren Actenstücke zu verweisen. Man vergleiche: „Paulus und Fichte; über einen berichtigenden Zusatz zu J. G. Fichte’s Lebensbeschreibung, als Anfrage oder Gegenberichtigung von J. H. Fichte“ im Freihafen 1840. Zweites Heft S. 176-229; „Beleuchtung des Verhältnisses, welches zwischen Professor Fichte dem Vater und Dr. Paulus bei dem Atheismusstreit des Ersteren stattfand“ in Paulus neuem Sophronizon, I. Mittheilung 1841 S. 80-134; endlich: „Offenes Schreiben an Herrn Dr. Paulus in Bezug auf dessen Beleuchtung etc. von J. H. Fichte“ in dessen Zeitschrift für Philosophie, Bd. VII. S. 151-155.
(Anmerkung des Herausgebers.)
Recensionen.
A.
Giessen, bei Heyer: Skeptische Betrachtungen über die Freiheit des Willens mit Hinsicht auf die neuesten Theorien über dieselbe, von Leonhard Creuzer. 1793. XVI. Vorrede (von Herrn Prof. Schmid). 252. 8.
(Jenaer Allgem. Literatur-Zeitung, 1793. No. 303.)
Wie es von jeher ergangen ist, ergeht es noch immer. Das dogmatische Verkennen der Grenzen der Vernunft erregte die Angriffe der Skeptiker auf dieses Vermögen selbst, und nöthigte dasselbe, sich einer Kritik zu unterwerfen.
Sowie diese Grenzen von neuem überschritten werden, regt sich von neuem der Widerspruch der Skeptiker, und nöthigt, — zum Glück nicht, eine neue Kritik zu unternehmen, aber — an die Resultate der ehemals unternommenen wieder zu erinnern. Herrn Creuzers freilich nur uneigentlich sogenannter Skepticismus — denn er nimmt mit der Kantischen Schule das Daseyn eines Sittengesetzes im Menschen als Thatsache des Bewusstseyns an — hat die Theorien über Freiheit zum Gegenstande; das Resultat seiner Untersuchungen ist, dass keine der bisherigen den Streit zwischen dem Interesse der praktischen Vernunft und dem der theoretischen befriedigend löse; und ihr lobenswürdiger Zweck, zu Erfindung einer neuen und genugthuendern die Veranlassung zu geben. Ohne von der ganzen Schrift, welche theils über einen unrichtigen Grundriss aufgeführt worden (eine Behauptung, die sich nur durch Vorlegung des einzig richtigen darthun liesse, welches die Grenzen einer Recension überschreitet), daher nicht mit der strengsten Ordnung geschrieben ist, jetzt sich wiederholt, jetzt Dinge in ihren Plan aufnimmt, die nicht hineingehören, z. B. die Widerlegung des Spinozistischen Pantheismus, des Egoismus u. dergl. m.; theils gegen die vor-Kantischen Freiheitstheorien nichts gesagt, was nicht schon ehemals gesagt worden, — ohne von ihr einen Auszug zu geben, möchte Rec. die Untersuchung nur auf denjenigen Punct lenken, der wenigstens für die Darstellung der Wissenschaft wahren Gewinn verspricht. — Es ist von mehreren Freunden der kritischen Philosophie erinnert, und von Reinhold einleuchtend gezeigt worden, dass man zwischen derjenigen Aeusserung der absoluten Selbstthätigkeit, durch welche die Vernunft praktisch ist und sich selbst ein Gesetz giebt, und derjenigen, durch welche der Mensch sich (in dieser Function seinen Willen) bestimmt, diesem Gesetze zu gehorchen oder nicht, sorgfältig zu unterscheiden habe. Dass Hr. Creuzer diese Unterscheidung bald zu beobachten scheint, bald wieder vernachlässigt und mithin in ihrer ganzen Bestimmtheit sie sicher nicht gedacht hat, wollen wir nicht rügen. Aber er nimmt die durch Reinhold, Heydenreich, und zuletzt durch Kant selbst gegebene, im Wesentlichen einstimmige Definition der Freiheit des Willens, dass dieselbe ein Vermögen sey, durch absolute Selbstthätigkeit sich zum Gehorsam oder Ungehorsam gegen das Sittengesetz, mithin zu contradictorisch entgegengesetzten Handlungen zu bestimmen, als gegen das Gesetz des logischen Grundes streitend, in Anspruch. Reinhold — (denn da es Rec. weniger um die Bestimmung des Verdienstes des Schriftstellers, als um die Bestimmung des bis jetzt fortdauernden Werthes seiner Schrift zu thun ist; so trägt er kein Bedenken, sich auf ein Buch zu beziehen, von welchem ihm, da er den deutschen Mercur nicht bei der Hand hat, unbekannt ist, ob Hr. Creuzer bei Abfassung des seinigen den Inhalt desselben habe benutzen können, oder nicht) — Reinhold also hat diesen möglichen Einwurf (S. 282 ff. 2. Bd. der Briefe über die Kantische Philosophie) zwar schon im voraus gründlich widerlegt, aber nach Rec. Ueberzeugung, die er mit voller Hochachtung gegen den grossen Selbstdenker gesteht, den Grund des Misverständnisses weder gezeigt, noch gehoben. „Das logische Gesetz des zureichenden Grundes,“ sagt Reinhold, „fordert keinesweges für alles, was da ist, eine von diesem Daseyn verschiedene Ursache“ — — „sondern nur, dass nichts ohne Grund gedacht werde. Die Vernunft hat aber einen sehr reellen Grund, die Freiheit als eine absolute Ursache zu denken“ — und tiefer unten — „als ein Grundvermögen, das sich als ein solches von keinem Anderen ableiten, und daher auch aus keinem Anderen begreifen und erklären lässt.“ Rec. ist mit dieser Erklärung vollkommen einverstanden; nur scheint ihm der Fehler darin zu liegen, dass man durch anderweitige Merkmale verleitet wird, dieses Vermögen nicht als ein Grundvermögen zu denken. — Es ist nemlich zu unterscheiden zwischen dem Bestimmen, als freier Handlung des intelligiblen Ich, und dem Bestimmtseyn, als erscheinendem Zustande des empirischen Ich.