War aber der Verstoss in zu grosser und guter Gesellschaft gemacht, und liess sich nicht annehmen, dass er auf die Erde gefallen sey, so wusste unser Held immer gut nachzuweisen, warum die Gegner so sprechen müssten, wie sie sprachen. Es fand sich immer, dass er sie schon früher angegriffen, und ihre Eigenliebe gekränkt habe, dass sie nur dafür sich rächen wollten, und deswegen Dinge vorbrächten, denen ihre wahre Herzensmeinung widerspräche. So war in den bekannten Xenien der Spass mit unserm Nicolai wirklich weit gegangen, auch liess sich die Kunde davon nicht gut abläugnen. Unser Held aber zeigte, dass die Verfasser jene Gedichte nur deswegen publicirt hätten, um die tiefen Wunden, die er ihnen durch den 11. Band seiner Reisen geschlagen, zu rächen. „Freilich höre niemand gern die Wahrheiten, die er ihnen dort sage, es sey ihnen eben nicht zu verdenken, dass sie sich rächten, so gut sie vermöchten.“ Uebrigens wusste er, dass sie ihn im Herzen doch verehrten, ihn für einen Meister anerkannten, und gewaltige Furcht vor ihm hatten[13].

So sagte er von den transscendentalen Idealisten, dass sie die D. B. zu verachten nur affectirten[14]. Freilich waren sie eine rohe, ungeschlachte Rotte, jene Idealisten, die für manches Geachtete wenig Achtung bezeigten. Aber die Bibliothek, dieses grösste Werk unsers Helden, wirklich und in der That nicht zu achten — diese Verkehrtheit konnte selbst ihnen Nicolai nicht zutrauen. Nein, sie stellten sich nur so, sie affectirten nur Nichtachtung, weil ihnen die Trauben des schmackhaften Lobes jener Bibliothek zu hoch hingen.

So setzte er bei der oben erwähnten Recension des Tieckschen Journals hinzu: „Tieck äussere da sein Misfallen an einigen Personen, denen er selbst und seine Verse wohl auch nicht gefallen haben möchten.“ — Mochte doch diese Stelle denjenigen, die dieses Journal nicht gelesen hatten, dunkel bleiben. Was sollte doch er selbst durch seine Bibliothek das leider erhobene Skandal weiter verbreiten? Waren aber welche unter den Lesern, die jenes Journal gesehen hatten, so konnten diese nur glauben, Nicolai möchte Herrn Tieck früher etwas zu Leide gethan haben, dieser habe dafür sein Müthchen an ihm kühlen wollen; nicht, als ob er im Herzen nicht voller Achtung und Respect für ihn sey, sondern lediglich aus dem boshaften Grunde, sich an ihm zu rächen.

Auf diese Weise entging unser Held dem, was in jedem andern Falle sicher zu erwarten gewesen wäre, dem sichtbar erscheinenden und im bürgerlichen Leben sich äussernden Wahnsinne. Mit dem Ritter Zimmermann, welchem Nicolai seine Eitelkeit nicht verzeihen konnte, ohnerachtet er selbst daran einen grössern Antheil hatte, und mit demselben Wohlgefallen von seinem Schachspielen mit dem Minister Wöllner, und von der witzigen Abfertigung, die er ihm gegeben, erzählte, als jener von seinen Unterredungen mit Friedrich dem Zweiten erzählt hatte — mit dem armen Ritter endete es traurig, und auch dem unglücklichen Wetzel bekam seine Göttlichkeit übel. Es glaubten deswegen viele, dass es auch mit unserm Helden auf dieselbe Weise enden würde; und der oben angeführte Gelehrte glaubte sogar einstmals, dass dieser Fall wirklich eingetreten sey. Diesen Männern entging nur folgendes, dass man, um wahnsinnig werden zu können, doch noch irgend einen wahren und richtigen Gedanken unaustilgbar in sich haben muss, welcher mit den ebenso fest eingewurzelten unrichtigen und falschen in einen nie zu entscheidenden Widerstreit geräth, und dadurch das Phänomen der Geistesverwirrung erzeugt. Totale und radicale Verkehrtheit aber, mit welcher auch nicht Ein richtiger Gedanke verbunden ist, stimmt mit sich selbst innig zusammen, und macht das Verfahren ebenso fest und unerschütterlich und gleichmässig, als die Wahrheit. Ein solcher ist in seinem Ideenkreise beschlossen, und kein Gott würde einen Gedanken in denselben hineinbringen, der nicht darein passte. — Hierzu kommt, dass besonders diejenige Art der Verrücktheit, welche aus Eigendünkel entsteht, und in welcher die Menschen sich für ganz etwas Anderes halten, als sie sind, eigentlich nur durch den Widerspruch anderer erhitzt, erbittert, und zu den wilden Aeusserungen, in die sie öfters ausbricht, bewogen wird. Bete man nur jenen Gott Vater zu Bedlam, und seinen Sohn Jesus Christus gläubig an; lasse man sie nur ruhig bei der Meinung, dass sie die Welt regieren und alle Tage das Wetter machen, und sie werden sehr sanfte wohlthätige Gottheiten bleiben. Nur der Widerspruch reizt sie. Gegen diese Reizung war unser Gott Vater durch ein in seiner Narrheit selbst liegendes Mittel gesichert: er glaubte nie, dass der Widerspruch ernstlich gemeint sey. Die Schnippchen, die man gegen seinen papiernen Olymp heraufschlug, hielt er für eigen gestaltete Dämpfe des Weihrauchs. Handelten die Sterblichen unter ihm nicht nach seinem Sinne, so griff er zu etwas, das er treuherzig für seinen Donnerkeil hielt, schleuderte es, und war nun fest überzeugt, dass alles um ihn herum zerschmettert und vernichtet wäre.

Ein Narr war er freilich; denn es ist ohne Zweifel ebenso närrisch, wenn ein einfältiger unstudirter Buchhändler, der nie eines systematischen Unterrichts genossen, und nie die entfernteste Idee davon gehabt, was eine Wissenschaft sey, sich für den ersten aller Gelehrten, ein geborner stumpfer Kopf, der es nie dahin bringen können, auch nur einen Perioden sprachrichtig und logisch zu schreiben, sich für einen Mann von allgemeinem und ausserordentlichem Talent, und ein ausgemachter Berliner Badaud[15] und ungezogener tölpelhafter Schwätzer sich für einen grossen Weltkenner und Weltmann hält: als es närrisch ist, wenn ein armer Schuhflicker sich für den König von Jerusalem ansieht. Aber in dieser Verrücktheit blieb er sich so unerschütterlich gleich und alles sein Handeln, Glauben und Denken stimmte mit ihr, und unter sich so wohl überein, dass, wenn man bloss seine Aeusserungen unter einander verglich, und mit der ungeheuren Falschheit der ersten Voraussetzung nicht bekannt war, man bis an sein Ende nicht die geringste Spur einer Verstandesverwirrung an ihm entdecken konnte.

Anmerkungen.

[12] M. s. 3. Heft. 1. St. 56. B. der neuen deutschen Bibliothek.

[13] M. s. Nicolai’s Schrift gegen die Xenien.

[14] M. s. das 2. Heft des oben angeführten Stücks der N. D. B.

[15] Wir erklären uns über diese Benennung in der 4ten Beilage.