So fest und unerschütterlich unsers Helden Meinung war, dass ihn jederman für den ersten Menschen des Zeitalters anerkenne, so beharrlich war, wie jeder andere bemerken musste, sein Misgeschick, dass man ihn nicht einmal so recht im Mittelschlage mit wollte gelten lassen. So beliebt auch sehr bald seine Bibliothek wurde, so wusste man doch im grössern Publicum nicht viel anderes darüber, als dass er sie eben drucken liesse. Man hielt ihn höchstens für einen industriösen Buchhändler, und für einen Dilettanten in der Wissenschaft, der, weil viele Bücher durch seine Hände gingen, glaubte, wie eben jeder andere Buchhändler auch, über Bücher mitsprechen zu können. Für einen unstudirten Buchhändler, meinte man, möchten seine Räsonnements noch so hingehen. Er hat es in seinen alten Tagen dem Publicum oft genug in die Ohren rufen müssen, dass er sich wirklich und in der That nicht für einen blossen unstudirten Buchhändler, sondern in allem Ernste für einen wirklichen und wahren Gelehrten gehalten. Dennoch hat er es in keinem Zeitpuncte seines Lebens im Publicum zu derjenigen Reputation gebracht, welche in seinem Zeitalter jeder Gelehrte sich erwarb, der nur ungefähr ein Jahrzehend hindurch fleissig und anhaltend Bücher schrieb.

Dies war wohl zum Theil Misgeschick, zum Theil aber auch eigene Schuld. Hätte er, nachdem er den Verstoss des Publicums merkte, nur mit seiner Emphase in der Welt verbreitet, dass er die Bibliothek nicht nur drucke, dass er auch an ihr recensire, ja, dass er sie redigire; hätte er sich vor aller eigenen Schreiberei unter seinem Namen sorgfältig gehütet: so würde er bald in dasselbe Ansehen gekommen seyn, welches so mancher andere höchst mittelmässige Redacteur berühmter gelehrter Zeitschriften geniesst, der der eigenen Autorschaft sorgfältiger aus dem Wege geht; und wir, sein Geschichtschreiber, wären der Hinzufügung des gegenwärtigen Capitels überhoben. Unser Held aber schrieb Bücher, dicke Bücher, unter eignem Namen, und dadurch verdarb er alles.

Sein Sebaldus zwar hätte hingehen mögen. Dieser war dem Zeitalter seiner Erscheinung so angemessen, dass man ihn der Fähigkeit unsers Helden sogar nicht zutrauen wollte. Es sind wohl nicht viel unter meinen Lesern, denen ein zu jener Zeit ziemlich allgemein verbreitetes Gerücht nicht zu Ohren gekommen seyn sollte: Nicolai sey gar nicht der Verfasser des Sebaldus, er habe sich unrechtmässigerweise dafür ausgegeben; der wahre Verfasser, ein immer Geld bedürfender Gelehrter, bediene sich dieses Nicolaischen Plagiats, um durch die Drohung, es bekannt zu machen, in jedem Bedürfnisse Geld von ihm zu erpressen. — Wir haben dieses Gerücht nicht angeführt, als ob wir selbst ihm Glauben zustellten; jenes Werk trägt zu unverkennbar das Gepräge der Nicolaischen Feder; sondern um zu zeigen, wie das Publicum von jeher über unsern Helden gedacht.

Es folgte John Bunkel. Diesen hatte unser Held, seiner eigenen Versicherung nach, nicht selbst gemacht, sondern übersetzt. Aber das Buch fiel auf als schlecht; und darum stritt man ihm hier die Autorschaft auf, die man dort ihm abstritt; er sollte und musste mit aller Gewalt nicht der blosse Uebersetzer, sondern der Urheber selbst seyn. Und als man nun nicht länger läugnen konnte, dass er es übersetzt habe, war er darum um nichts gebessert. Der Verfasser der durchaus originellen, leider nicht sehr bekannt gewordenen Geschichte einiger Esel fing schon damals an, treffliche Beiträge zur Geschichte unsers Helden zu liefern.

Jetzt trat unser Held seine Reisen an. Sein Weg führte den Berliner, der bisher zwischen dem protestantischen Berlin und dem protestantischen Leipzig und seiner Buchhändlermesse sein Wesen getrieben hatte, durch katholische Provinzen. Da sahe er Crucifixe an den Strassen, Heiligenbilder, Amulete, Votivtafeln; hörte, dass gewisse Heilige die Schutzpatrone gegen gewisse Landplagen oder Krankheiten wären; hörte, dass ein wohlmeinender Katholik, da seine Religion ihm allein seligmachend ist, jeden Menschen in den Schooss derselben zu bringen suchen müsse u. s. w. — Dergleichen hatte er in Berlin und Leipzig nicht gesehen; hatte er ja von andern, die es gesehen hatten, etwas der Art erzählen gehört, so hatte er es für Aufschneiderei und für schlechten Spass gehalten; denn wie könnte doch irgendwo etwas anders seyn, als zu Berlin oder zu Leipzig; wie in aller Welt könnte man doch ein katholischer Katholik seyn? Jetzt sah er es mit seinen Augen, und rief athemlos durch das heilige römische Reich: hörts, Deutsche hörts, das Unglück — die Entdeckung meines Scharfsinns; es giebt, o es giebt Katholiken, die da katholisch sind — und damit man es ihm doch ja glauben möchte, brachte er alle Bilder und Gebetzettel aus allen Gegenden zu Hauf, und gab sie in den Kauf obenein.

Nicht lange nachher begegnete ihm ein Verdruss mit seiner Bibliothek. Sie sollte — welches, dass ich es im Vorbeigehen sage, nur zu wahr, offenbar und klar ist — sie sollte ein der Religion gefährliches Werk seyn. Das war ihm zu hoch. Athmete doch dieses Werk seinem besten Wissen nach durchaus das, was er den reinsten Protestantismus nannte. Nur dem nunmehro seit seinen Reisen an den Tag gekommenen Antiprotestantismus, nur der katholischen Religion konnte es gefährlich seyn. Beide Visionen vermengten sich in seinem schwachen Kopfe, und dazu mischte sich noch eine dritte, die allein schon fähig gewesen wäre, ihn zu verwirren, die der geheimen Orden, der Gold- und Rosenkreuzerei. Nun konnten die Gegner seiner Bibliothek nichts Anderes seyn, als Kryptokatholiken, welche durch geheime Orden und andere Machinationen die Protestanten in den Schooss der römischen Kirche zurückzuführen suchten, und denen er durch seine Bibliothek und durch die wichtigen Entdeckungen seiner Reisen im Wege stand: und es musste von nun an alles von solchen Machinationen wimmeln. Noch im Jahre 1800 erzählte Nicolai in der Vorrede zum ersten Stück der von ihm wieder herausgegebenen Bibliothek sehr ernsthaft das alte Mährchen, und verrieth in aller Unbefangenheit den wahren Grund, der ihn auf diese Vision gebracht, die Anfechtungen nemlich, welche er und seine Bibliothek von einem Minister und einigen geistlichen Räthen unter der vorigen Regierung erdulden müssen. Jene vorgeblichen Verbreiter des Katholicismus thaten unserem Helden nur nicht die Liebe an, dass sie selbst katholisch geworden wären, geschweige, dass sie andere bedeutende Personen dazu gemacht hätten. Diejenigen, welche vielleicht anfangs durch das heftige Geschrei mit fortgerissen wurden, mussten sich denn doch nun, nachdem von allem Prophezeiten nichts erfolgte, und sie kälter wurden, erinnern, dass sie ja alles, was Nicolai ihnen erzählt, schon vorher auch gewusst und gesehen hätten, und dass beinahe alle Welt es gewusst und gesehen hätte, sie mussten sich wundern, dass es unserm Helden allein vorbehalten gewesen, diese Sachen so bedeutend zu nehmen, und so scharfsinnige Schlüsse daraus zu entwickeln, sich fragen, warum sie denn nicht selbst auch von denselben Prämissen aus auf dieselben Entdeckungen gekommen, und das Ganze konnte sich nur durch ein lautes und allgemeines Gelächter über unsern Helden beschliessen.

Noch stand ihm eine andere traurige Epoche seines Lebens bevor: seine Feldzüge gegen die neuere Philosophie. Zwar waren seine Einwendungen gegen diese Philosophie, — etwa, dass ja die Erscheinung der Sinnenwelt so gar nicht vor Blutigeln weiche, vor denen doch sonst jede Erscheinung verschwinde, oder dass, wenn alles, was da ist, das Ich selbst sey, ein Mensch, der eine wilde Schweinskeule ässe, sich selbst ässe, — diese Einwendungen waren sämmtlich von der Art, dass jeder Knecht und jede Magd im römischen Reiche, die sie vernahmen, finden mussten, sie hätten dieselben wohl auch vorbringen können. Aber dadurch, dass unser Held sie ihnen so vor dem Munde wegnahm, empfahl er sich schlecht ihrer Zuneigung. Ueberdies hörten sie auch nicht, dass man jene Philosophen von Obrigkeitswegen in die Tollhäuser gebracht, welches doch, wenn ihre Behauptungen durch jene Einwendungen getroffen würden, nothwendig hätte geschehen müssen. Sie blieben also immer geneigter, anzunehmen, dass jene Sätze wohl noch einen andern Sinn haben dürften, den Nicolai nur nicht verstände, oder hämischerweise verdrehe; und so that selbst bei den gemeinsten Lesern diese Art der Polemik der Ehre unsers Helden weit grössern Abbruch, als der Ehre jener Philosophen.

Diese zusammenhängende Reihe von Unglücksfällen musste nothwendig unsern Helden, der nie einen befestigten Credit besessen, immer verächtlicher und lächerlicher machen. Er kam in seinen letzten Tagen nach dem Jahre 1803 so herab, dass jeder Muthwillige, der gerade keinen spasshaftern Zeitvertreib hatte, den alten Steinbock zu Berlin neckte und am Barte zupfte, um sich an seinen Capriolen zu belustigen.

Wie benahm sich nun unser Held dabei? Ging ihm denn noch kein Licht darüber auf, dass das Zeitalter ihn nicht für seinen ersten Mann hielte? Keinesweges. Gegen diese Ahnung hatte er schon früher sich befestigt gezeigt.

War es irgend möglich zu hoffen, dass man eine gegen ihn ergangene Schmähung überhört habe, so pflegte er derselben lieber gar nicht zu erwähnen, sondern sie mit grossmüthigem Stillschweigen zu übergehen. So hatten allerdings mehrere aus der Schule der transscendentalen Idealisten ihn oft etwas respectwidrig behandelt. Fichte hatte das einzige Mal, da er seiner erwähnt, ihn als die seufzende Creatur charakterisirt; Schelling hatte ihn einmal einen alten Californier, und ein andermal einen alten Geck gescholten; Niethammer hatte gar die — zwar ungegründete, und tiefer unten zu widerlegende Hypothese geäussert: Nicolai sey nun wirklich übergeschnappt, und er sey der Gott Vater zu Bedlam, der gegen seinen Nachbar Jesus Christus, — etwa den Ritter Zimmermann, die Zähne fletsche. Dennoch hat Nicolai, so oft er auch hinterher veranlasst worden, diesen Männern ihr übriges Unrecht hart zu verweisen, dieser ihm selbst widerfahrenen Beleidigungen nie auch nur erwähnen mögen. Er hat vielmehr immer standhaft vorausgesetzt, dass jene Männer seiner Weisungen allerdings achteten, und lehrbegierig darauf hörten, und durch dieselben schon noch zur Besinnung gebracht werden würden. Tieck hatte ihn beinahe in allen seinen Schriften auf eine sehr empfindliche Weise durch wahren, tief eingreifenden Witz angezapft; besonders aber erschien im ersten Hefte seines poetischen Journals ein alter Mann, der unserm Helden wie aus den Augen geschnitten war; auch stellte im jüngsten Gerichte desselben Hefts Nicolai namentlich sich in einer höchst possirlichen Gestalt dar. Dadurch wurde unser Held so wenig beleidigt, dass er Kaltblütigkeit genug beibehielt, in eigner Person jenes Heft zu recensiren[12]. Zwar konnte er es nicht verbergen, dass die beiden Aufsätze, in denen er angegriffen war, nichts taugten; war aber schonend genug, den eigentlichen faulen Fleck in denselben nur ganz leise, wie wir unten sehen werden, zu berühren.