Achtes Capitel.
Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine und seiner Gegner gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten Grundsatze.

Da, wie gesagt, unser Held voraussetzte, dass er nie anders als recht haben könnte, und dass alle Welt gleichfalls, wenigstens im Herzen, derselben Ueberzeugung wäre, dass er nie unrecht haben könnte: so begegnete es ihm nicht selten, dass er seinem Gegner gerade dasselbe ernstlich verwies, was er selbst immer that, und vielleicht in demselben Augenblicke that, da er es jenem verwies. Sie sollten nemlich denken: ja dem Nicolai ist das wohl erlaubt, denn der hat recht; uns aber ist es nicht erlaubt, denn wir haben ja unrecht.

So, nachdem er in der berühmten Acte mit grossmüthigem Bedauern gemeldet, dass es das Schicksal der Jenaischen allgemeinen Literatur geworden, Kant zu loben, und Reinhold: sagt er einige Seiten später ohne Bedauern, vielmehr mit Ruhme, dass seine allgemeine Literatur der neuen und neuesten Philosophie stets im Wege gewesen[11]. Man sollte meinen, Parteilichkeit für und Parteilichkeit wider sey doch immer beides Parteilichkeit, und eine der andern werth. — Ja, aber die neue und neueste Philosophie ist ja falsch, denn sonst könnte die alte Nicolaische nicht wahr seyn; und es ist sonach allerdings ruhmwürdig, der ersten im Wege zu stehen, und sehr tadelnswürdig, sie zu loben.

In derselben Acte beschuldigte er die Herren Schelling, A. W. Schlegel, Fichte, dass sie günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die Jenaische Allgemeinheit zu bringen, ja, dass der letztere sogar die bibliothekarische Allgemeinheit sich geneigt zu machen gesucht habe. Wenn sich dies auch nun so verhalten hätte (mikrologische Geschichtsforscher jener Zeiten, die ihren Fleiss sogar über die Lebensumstände jener nun vergessenen Schriftsteller verbreiten, versichern einstimmig, diese hätten die Wahrheit jener Beschuldigung beständig abgeläugnet), wenn es sich nun auch so verhalten hätte, hätte es ihnen denn Nicolai so sehr verdenken sollen, der sich rühmt, in seiner Bibliothek nur ungünstige Recensionen jener Philosophie, die eben darum seiner eigenen günstig sind, zuzulassen; und von welchem es in jenen Tagen bekannt war, dass er auch der Jenaischen allgemeinen Literatur dasselbe Princip angemuthet, und einem der Statthalter jener Literatur derb den Kopf dafür gewaschen, dass man ein paar Schriften von Fichte durch Reinhold habe recensiren lassen, und nicht vielmehr durch einen Mann, — „der die Blössen jener Fichteschen Philosophie so recht an den Tag gebracht hätte?“ — Aber, war es denn jenen Männern noch nicht gesagt worden, dass sie unrecht hätten, von Nicolai selbst gesagt worden? War es nicht eine Schande, dass sie das Gift ihrer verworfenen Meinungen, mit dem sie für ihre Person leider angesteckt waren, nun auch durch die geheiligten Quellen der öffentlichen Literaturen in das Publicum zu bringen suchten, anstatt in die Einsamkeit sich zurückzuziehen und sich selbst heilen zu lassen?

Dem Fichte besonders wird in jener Acte ein schweres Sündenregister zu Gemüthe geführt[11]. „Er habe sich in Jena auf Reinholds Stuhl gesetzt“ (man hat mehrere Erklärungen der Antiquitätenkenner von dieser wichtigen Stelle, keine aber befriedigt uns, und wir müssen daher sie, die sehr leicht das grösste Verbrechen jenes Mannes enthalten mag, als unverständlich übergehen); „er habe gewusst, diesen so ungemein verehrten Lehrer bei den Studenten in Jena in kurzer Zeit fast in Vergessenheit zu bringen.“ Unser Held hat nicht hinzugesetzt, welcher Mittel sich hierbei der Mann bedient; auf jeden Fall aber sollte man hieraus beinahe schliessen, dass es demselben nicht an allem Lehrertalente gefehlt haben müsse. Dies ist doch wohl nicht sein Vergehen? — Vielleicht nur der üble Gebrauch, den er von jenem Talente machte? Aber der Reinhold, den er in Vergessenheit brachte, war ja, nach den Nachrichten der besten Geschichtschreiber, selbst ein Kantianer, und weit davon entfernt, in den Umkreis der allein wahren Bibliothek zu gehören. Diesen in Vergessenheit gebracht zu haben, kann Fichte’s Vergehen nicht seyn. — Lesen wir weiter. „Nun“ (hier mildert der grossmüthige Mann ganz offenbar die Schuld des Angeklagten. Nach den besten Nachrichten hatte Fichte nicht erst, nachdem es ihm bei den Studenten gelungen war, Reinhold in Vergessenheit zu bringen, sondern sogar schon vor seiner Ankunft in Jena eine Schrift verfasst und dem Drucke übergeben, in welcher er geradezu die Kantische Philosophie für unvollendet erklärt, von den Reinholdschen Bemühungen bloss schonend gesprochen, und seinen Vorsatz, die Sache zu vollenden, bestimmt angekündigt.) — „nun habe es jenem Manne ein Leichtes geschienen, auch Kant von dem hohen Stuhle, der ihm als dem ersten Philosophen Deutschlands gesetzt worden, herunterzustossen.“ Unser Held sprach nie und spricht auch hier nicht mit Billigung davon, dass Kant dieser hohe Stuhl gesetzt worden. Es war das unablässige Bestreben aller literarischen Thätigkeit seiner letzten Tage, ihn von diesem Stuhle herunterzustossen. Sonach wären ja Nicolai und Fichte einiger gewesen, als man glaubt, und der erstere hätte den letztern nimmermehr darüber tadeln können, dass er mit ihm für Einen Zweck arbeite. Lesen wir also weiter — „und sich selbst darauf zu setzen.“ Ja so, dies wollte Fichte, und hierin liegt sein Verbrechen! Dass er Reinhold in Vergessenheit brachte, war brav: dass er Kant vom hohen Stuhle herunterzustossen suchte, verdienstlich. Nur hätte er von da an in die Gemeine der Bibliothek, wo der wahre hohe Stuhl mit dem wahren ersten Philosophen Deutschlands schon längst besetzt war, selbst zurückkehren und die Seinigen dahin leiten sollen. Dann hätte man ihm seinen akademischen Beifall wohl gönnen mögen; er wäre vor seinen verderblichen Irrthümern bewahrt geblieben, hätte Reinholds Stuhl behalten bis an sein Ende, und sein Name lebte noch jetzt unter den andern berühmten Namen der Bibliothekare.

In derselben Acte, und sonst noch an mehreren Orten, verweist Nicolai Schelling und Fichte die Unanständigkeit sehr ernstlich, dass ihnen zuweilen ihren Gegnern gegenüber so ein Wort von Halbköpfigkeit entschlüpft sey. Zwar war dieses, so viel man weiss, immer nur geschehen, wenn sie im Allgemeinen sprachen, und nie gegen bestimmte genannte Personen. Zwar hatten diese Schriftsteller seit Jahren ein System dem Publicum vorgelegt, das seinen Grundtheilen nach vollendet und vollständig bewiesen und begründet war. Warum man nun auf dasselbe sich nicht ernstlich einlasse, darüber hatten sie bis zu jener Epoche noch das erste vernünftige Wort aus dem Publicum zu vernehmen. Keiner ihrer Gegner verstand sie, und alles schwatzte, und muthete ihnen an, zehnmal abgewiesene Misverständnisse zum eilftenmale abzuweisen. Es wäre ihnen vielleicht zu verzeihen gewesen, wenn ihnen im Unwillen zuweilen etwas Menschliches begegnete. Nicolai hatte sie unter ihrem Namen, und mit ihnen zugleich noch eine Menge anderer genannter Männer in öffentlichen Schriften Querköpfe genannt, und noch mancherlei andere Schimpfworte ihnen angeworfen. Man hätte denken sollen, eine Zusammensetzung mit Kopf sey der andern werth, und die Benennung des Halbkopfs, der ja wohl noch wachsen kann, sey immer milder, als die eines völlig in die Quere gedrehten Kopfes; und Nicolai hätte sonach recht gut gleiches mit gleichem aufgehen lassen können.

Aber wie können wir uns auch nur einfallen lassen, hier eine Gleichheit des Verhältnisses zu setzen? Hatte nicht zuvörderst Nicolai recht, und die Wahrheit auf seiner Seite? und war es an ihm zu tadeln, wenn im hohen Eifer für die Wahrheit ihm auch wohl ein derbes Scheltwort entfuhr? Vertheidigten die Gegner nicht den Irrthum, und war ihnen dies nicht etwa gesagt? Jemanden auch noch dazu zu schimpfen, weil er unsern Irrthum nicht gegen die Wahrheit vertauschen will: welche Verkehrtheit und Impertinenz! War nicht ferner Nicolai ein alter Mann, und jene Schriftsteller junge Leute; und ist es nicht eine ausgemachte Wahrheit unter allen alten Schriftstellern des Nicolaischen Kreises, dass die Alten auf die Jungen schimpfen dürfen, so viel sie wollen, diese aber nicht wiederschimpfen, sondern sich ziehen lassen müssen? Respect für das Alter! heisst es in dieser Schule; sogar wenn der alte Mann ein alter Narr ist. — War Nicolai nicht der angestellte Altmeister aller Schriftsteller, und war es nicht sein ausdrücklicher besonderer Beruf, die Jugend durch jedes Mittel zum Guten zu ziehen; und konnten nicht auch harte Scheltworte unter diese Mittel gehören? Und diese Jugend, statt sich weisen zu lassen, schimpfte wieder. Welche Insubordination! Kurz, wenn Nicolai schimpfte, so that er es immer am rechten Orte, zu rechter Zeit, und schimpfte mit Grazie. Wenn andere schimpften, so war es gemein und pöbelhaft. Nicolai allein verstand zu schimpfen, und darum musste man es ihm allein überlassen.

Anmerkung.

[11] M. s. S. 147 der angeführten Anzeige in der N. D. B.

Neuntes Capitel.
Wie unser Held, zufolge seines höchsten Grundsatzes, sich zu nehmen gepflegt, wenn derselbe angefochten worden.