Siebentes Capitel.
Eine andere fast noch unglaublichere Meinung unsers Helden von sich selbst, zufolge jenes höchsten Grundsatzes.

Ein anderes, beinahe unerklärliches Misgeschick unsers Helden war dies, dass, obgleich er allein mehr Papier beschrieben, als ein Dutzend seiner schreibseligsten Zeitgenossen, er doch bis an sein Ende nicht schreiben lernte. Man fand keine Zeile bei ihm, in welcher nicht ein oder ein paar unrecht angewendete Wörter und einige überflüssige vorgekommen wären. Am deutlichsten konnte man dies sehen, wenn man etwa das Unglück hatte, einiges aus seinen Druckschriften abschreiben zu müssen. Der Verfasser dieser seiner Geschichte sieht mit Schrecken vorher, dass tiefer unten diese Nothwendigkeit ohnedies ihn treffen werde. Er könnte es über das Herz bringen, grausamen Lesern, die ihm wohl gar anmuthen dürften, auch hier besondere Belege für seine Behauptung beizubringen, dafür anzuwünschen, dass sie selbst ein paar Seiten von Nicolai abschreiben müssten.

Das Ganze seines Vortrages aber war so beschaffen: Es lag ihm stets innig am Herzen, dass seine Leser ihn doch ganz vernehmen und recht verstehen möchten. Es kam ihm daher, so wie er den ersten Perioden geendet hatte, immer so vor, als ob er noch was vergessen und noch nicht deutlich genug geredet hatte. Er fing sonach in einem zweiten wieder von vorn an, um zu sehen, ob ihm nicht im Reden das Vergessene beifallen, und ob es ihm mit der Deutlichkeit diesmal nicht noch besser gelingen möchte. Da es ihm nun aber mit dem zweiten Perioden eben so ergangen seyn könnte, wie bei dem erstern, so musste er nun freilich in einem dritten, und nach Endigung dieses in einem vierten wiederum von vorn anfangen, und so immerfort. So rang er rastlos nach immer höherer Deutlichkeit und Vollständigkeit; und wenn er endlich doch einmal aufhörte, wie er denn wirklich zuletzt noch immer aufgehört hat, so geschah dies lediglich darum, weil seine übrigen wichtigen Geschäfte ihn abriefen und ihm die nöthige Zeit zur vollkommenen Ausführung seines Themas nicht verstatteten.

Dabei hatte er eine grosse Liebhaberei zum Witze, und seinen Geist schon früh bei den geistreichen Engländern, den Shaftsbury, Buttler, Smollet, den Verfassern des John Bunkel u. a. in die Nahrung gethan. Dennoch behielten bis in sein goldenstes Zeitalter, — das der Gundiberte und der witzigen Theile von den Reisen — seine Spässe eine gewisse dicke Zähheit, Plattheit und Gemeinheit. — Da man in Nicolai’s Witze den grössten Theil des polemischen Witzes seines Zeitalters zugleich mit charakterisirt, so dürfte vielleicht eine kurze Classification dieses Witzes hier nicht an der unrechten Stelle stehen.

Wir theilen diesen Witz trichotomisch ein, und finden an ihm eine vollständige Synthesis. Die erstere Art ist der repetirende Witz; wenn am Markte einer aus dem Pöbel vor dem ganzen herumstehenden Haufen einer Hökerin sagt: du bist eine Diebin; und diese sich zu dem Haufen wendet und schreit: „Ich bin eine Diebin; sagt er:“ Absolute Thesis des Witzes. Mit dieser Art pflegte unser Held seinen Widersachern die tiefsten Wunden zu schlagen; und die Schule der transscendentalen Philosophen soll allein daran sich zu Tode geblutet haben. — Die zweite Art des Witzes ist die der einfachen Retorsion; wenn jener sein Wort: „du bist eine Diebin“ wiederholt, und die Hökerin ihm nun antwortet: „nein du, du bist ein Dieb:“ Antithesis des Witzes. Auch diese Art wusste unser Held vortrefflich zu handhaben, und bediente sich derselben häufig. Endlich, die dritte Sorte ist die der spöttischen Retorsion; wenn unser Mann sein Wort nochmals wiederholt, und die Hökerin ihm antwortet: „ja du wärst mir der Rechte, dass du mir das sagen solltest, du sähst mir so aus, du hättest es auf dem Leibe:“ Synthesis des Witzes. Man muss es unserm Helden zum Ruhme nachsagen, dass er dieser letzten beissenden Sorte, ohnerachtet er auch sie sehr geschickt zu behandeln verstand, sich doch nur selten, und nur gegen sehr eingewurzelte Schäden bediente. Dies war der Umfang seiner Schalkheit, und andere Sorten haben in seinen zahlreichen Schriften sich nicht gefunden.

So war es mit Nicolai’s Talent zur Schriftstellerei nach der Wahrheit beschaffen.

Was glaubte nun er selbst über dieses Talent? — Lasset uns auch hier billig seyn. Wenn ein alter, misgeschaffener, von Gicht und Podagra zerrissener Faun, der in einem vorüberfliessenden Bache seine Gestalt erblickte, dieselbe männlich anständig und ehrwürdig fände: wer würde es ihm so sehr verdenken? Gehören doch die Augen, durch welche er sieht, auch zu ihm selbst. Wenn aber derselbe die krampfhaften Zuckungen der Gicht in seinem behaarten Gesichte für ein Lächeln der himmlischen Venus, und das Schlottern seiner verdorrten Schenkel und die Bebungen seiner spitzigen Bocksfüsse für die Tanzübung einer Grazie ansähe: so würde dies doch zu sehr das Mittelmaass der einem Faun allenfalls zu verstattenden Eigenliebe überschreiten.

Es erging unserm Helden nicht viel besser als diesem Faune. Dass er sich für einen Richter und Meister über Sachen des Stils gehalten, beweisen theils der Tadel, den er so oft gegen anderer Schreibart ergehen lassen, wenn er z. B. Jacobi, ohne Zweifel einem der besten Stilisten seines Zeitalters, vorrückte: er könne nicht schreiben; theils die Liebkosungen, die er von Zeit zu Zeit ganz unverhohlen seinem eignen Vortrage machte, indem er sagte: die blossen Büchergelehrten wüssten gar nicht, wie man dem Publicum etwas vortragen müsse; er aber, ein Mann, der in der Welt gelebt, wisse es, und darauf Proben von dieser Fertigkeit gab[10]. Für welchen satirischen Kopf und durchtriebenen Schalk er sich gehalten, ist daraus zu ersehen, dass er die Horazisch-Shaftsburysche Maxime, durch das Lächerliche die Thorheit an den Tag zu bringen, zu der seinigen gemacht, und bis an sein Ende geglaubt, dass er der geborne und bestellte Verfolger aller Thorheit durch jene Waffen des Lächerlichen sey. Diese Meinung, da sie durchaus ohne alle äussere Veranlassung und von aller Wahrscheinlichkeit entblösst war, konnte durch nichts Anderes entstanden und befestigt seyn, ausser durch die Begriffe, welche unser Held von seinen Talenten überhaupt hatte.

Anmerkung.

[10] In sehr vielen Stellen der Nicolaischen Reisebeschreibung.