Kant war, als er mit seinem Systeme hervortrat, schon bejahrt, und dieses Verdienst blieb in den reifern Jahren unsers Helden nie ohne Wirkung auf ihn. Auch mochte vielleicht jener Philosoph, der bekanntlich sehr verschiedene Stufen der Bildung durchgegangen war, auf einer der frühern dieser Stufen einigen Wohlgefallen an der Aufklärerei der Bibliothekare gefunden und geäussert haben. Kant war daher ein übrigens (inwiefern er Nicolai’s Grundprincip anzuerkennen schien) vernünftiger und gelehrter Mann, an welchem es umsomehr zu bewundern war, dass er Sätze als wahr behaupten könne, die Nicolai nicht aufgefunden. Die Streiche des Lächerlichen konnten ihm freilich nicht geschenkt, sondern mussten vielmehr, gerade weil er ein übrigens vernünftiger Mann war, von dem noch am ersten Besserung sich hoffen liess, wo möglich geschärft werden.

Jacobi, als er als Schriftsteller auftrat, eben so die transscendentalen Idealisten, waren jünger als Nicolai; und in Rücksicht des jungen Anwuchses hatte unser Held die Maxime, sie scharf zu züchtigen, damit er in reiferen Jahren Ehre und Freude an ihnen erlebe. Daher war Jacobi einer jener mittelmässigen Köpfe, die alles drucken lassen, was sie etwa im Discurs gehört haben, oder vielmehr halb gehört haben, um sich ein Ansehn zu geben, ein Mann, der seine Materie nie recht durchdacht hatte, der nicht einmal schreiben konnte[9]. Die transscendentalen Idealisten waren Querköpfe, und wer weiss was sie noch alles waren.

Und so benahm unserm Helden bis an sein Ende niemand die selige Ueberzeugung, dass im Umrütteln des oben erwähnten Sandhaufens das wahre Philosophiren bestehe; dass dies keiner besser könne, als er; und dass er sonach nicht nur der erste Philosoph aller Zeiten, sondern zugleich auch der gewaltigste philosophische Streiter sey. Die in seinen letzten Jahren häufiger an ihn ergehenden Zurufe, dass er in diesem Fache gar nichts verstehe, und hierüber am wenigsten eine Stimme habe, dienten ihm zum äussern, seiner innern Ueberzeugung freilich entbehrlichen Beweise, dass jene seine Meinung, von seiner philosophischen Superiorität, von jederman im Herzen anerkannt werde. Denn, sagte er bei sich selbst, wenn sie hoffen könnten, gegen meine Gründe etwas auszurichten, so würden sie ja diese zu entkräften suchen. Aber, da der blosse Anblick dieser Gründe sie zur Verzweiflung bringt (welches sich auch allerdings also verhielt): so bleibt ihnen nichts übrig, als einen Machtspruch zu thun, und zu sagen: ich verstehe nichts von der Sache. Dies aber beweist mir, dass sie wohl einsehen, ich allein verstehe die Sache.

Anmerkungen.

[7] M. s. Jacobi wider Mendelssohns Beschuldigungen etc. (Leipzig bei Goeschen 1786, eine Schrift, deren Inhalt noch immer zur Tagesordnung gehört) S. 99., wo Jacobi die A. D. B. 65. B. 2. St. S. 630. citirt. — Eben daselbst sind die Beschuldigungen nachgewiesen, dass Jacobi nicht schreiben könne, seiner Materie nie mächtig sey, u. s. w.

[8] M. s. S. 167 der oft angeführten Anzeige in der N. D. B.

[9] In dem von ihm selbst herausgegebenen Lessingschen Briefwechsel mit Ramler, Eschenburg, Ihm (bei Ihm 1794) sagt Nicolai in der Vorrede, nachdem er beklagt, dass Mendelssohn Lessings Charakteristik nicht herausgegeben, — woran bekanntermaassen diesen Freunden Lessings zufolge Jacobi’s Notiz über Lessings wahres speculatives System ihn verhindert haben sollte: „dies ist nicht der erste Schaden, den die in Deutschland so übliche Anekdotenjägerei“ — oder vielmehr Klatscherei (gab es in Deutschland wohl je eine ärgere Klatsche, als der Verfasser der bekannten Reisen?) „angerichtet hat, da jeder mittelmässige Kopf, was er etwa im Discurse hört, — oder halb hört, gleich drucken lässt — um (Nicolai’s bekannte pragmatische Methode) sich ein Ansehen zu geben.“ Jacobi eben sollte nur halb gehört haben; er war es, durch dessen Druckenlassen die allein heilbringende Philosophie so aufgebracht war. Er war dieser Eine unter den mittelmässigen Köpfen.

Armer Wicht, ahnete dir denn gar nicht von den Versuchungen des Teufels, als du diese Stelle niederschriebst? Hattest du denn gar keinen Freund, der dir in die Ohren geraunt hätte, dass wenn die Geisteskraft dieses mittelmässigen Kopfes, Friedrich Heinrich Jacobi, unter zehnmalzehnmal zehn Nicolai zu gleichen Theilen vertheilt würde, jeder dieser Nicolai seinen Kopf doch noch mit weit mehr Ehre durch die Welt tragen würde, als du, allererbärmlichster Friedrich Nicolai?

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Und hiebei denn für mehrere Stellen dieser Schrift folgende Bemerkung. Ohnerachtet zwischen Jacobi und mir sich merkliche Differenzen erhoben haben, deren Hauptgrund ich darin finde, dass Jacobi über sehr wesentliche Puncte mich nicht genug verstanden, oder, wenn der Fehler an meinem Ausdrucke liegt, diese Puncte nicht in den Zusammenhang hineindenkt, aus welchem sie in meinem Denken hervorgehen, und in welchen ich sie sobald als möglich für alle Denker deutlich hineinsetzen werde — vielleicht auch mit darin, dass Jacobi in seinem Kriege gegen den Nicolaismus sich gewöhnt hat, bei jedem seiner Gegner wenigstens eine kleine Portion dieses Nicolaismus, d. i. der leeren zwecklosen Denkerei, vorauszusetzen; — ferner, wie Jacobi über mich und meine Unternehmungen auch je sich äussern, und ich nöthig finden möchte, diesen Aeusserungen zu begegnen; endlich, wenn es sich auch zutragen sollte, dass Jacobi nach dem allgemeinen menschlichen Schicksale späterhin durch Altersschwäche herabsänke, es selbst nicht bemerkte, keinen Freund hätte, der ihn warnte, und so vor dem Publicum seinem ehemaligen Selbst unähnlich erschiene: so soll mich doch dieses alles nicht abhalten, ihn für das Vergangene für einen der ersten Männer seines Zeitalters, für eines der wenigen Glieder in der Ueberlieferungskette der wahren Gründlichkeit, laut anzuerkennen: und dies nicht, um irgend jemandes Neigung mir zu erhalten, sondern weil es sich so gebührt. Hochachtung vor Männern gründet sich nicht auf zufällige Beziehungen, sondern auf Erkenntniss ihrer Verdienste; und es giebt des Achtungswürdigen wahrlich nicht so viel, dass man Ursache hätte, selbst dieses noch um kleiner Verstösse, oder wohl gar aus persönlichen Gründen, herabzusetzen. Ich erinnere dieses einmal für immer für diesen und ähnliche Fälle zur Vermeidung alles Anstosses und Misverständnisses, in unserm Zeitalter der Parteien. Es giebt nur Eine Partei, die man zu ergreifen hat, die für das Talent und die Gründlichkeit, und gegen die Dummheit und die Bosheit; von dieser Partei zu seyn, hat der Verfasser immer gewünscht.