Jene Anzeige ist sonach, ihrer wahren Bestimmung nach, eine Besitzergreifungsacte des alten Vertrauens für die alte Bibliothek, von dessen Verminderung der alte Herausgeber doch einige Spur haben muss.

Wir wünschen sehr, dass der scharfsinnige und scharftreffende Herr Hofrath Schütz diese wahre Tendenz jener Anzeige ja nicht merke, sondern sie unbefangen als eine blosse Ausstäupung dieser Schlegel, dieses Schellings, dieses Fichte hinunterschlucke; auch, dass nicht etwa diese unsere Note ihm zu Gesichte komme: denn sonst — möchten wir nicht an Herrn Nicolai’s Stelle seyn. Auch dürfte sodann vielleicht uns selbst unser Eifer für die Ehre und den Flor jenes grossen literarischen Instituts nicht zum Besten bekommen.

Sechstes Capitel.
Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers Helden, zufolge jenes höchsten Grundsatzes.

Mag der Grund in einer ursprünglichen Unfähigkeit der Natur unsers Helden, oder in einer frühern Verbildung desselben gelegen haben, kurz, es war unter seinen grössten Verehrern und wärmsten Freunden darüber nur Eine Stimme, dass er für die Philosophie ganz untauglich sey. Sein Geist war ein dürrer Chronikengeist. Nie vermochte er sich über die Erfahrung, und zwar über die Erfahrung im allerniedrigsten Sinne des Worts, über das blosse Aneinanderknüpfen von Sinneseindrücken und den Erzählungen davon hinweg, bis zum Begriffe eines allgemeinen Gesetzes, nach dem jene Erscheinungen erfolgten, oder erfolgen sollten, als dem Materiale aller Philosophie, zu erheben. Doch was rede ich von dem Begriffe eines Gesetzes? Nicht einmal zu dem Begriffe eines Vordersatzes wusste er sich zu erheben; wie hätte er sonach jemals die leiseste Ahnung, auch nur von dem Formalen der Philosophie, von dem Zusammenhange der Gedanken in einer philosophischen Untersuchung, von dem Werthe und der Bestimmung, die sie von der Stelle erhalten, da sie stehen, von einem organischen Ganzen des Denkens, haben können? Jeden möglichen Gedanken, den er äusserte, trug er vor als unmittelbar gewiss, und durch sich selbst klar; ob, weil er ihn sagte, oder durch die Art, wie er ihn sagte, lassen wir an seinen Ort gestellt. Diese alle gleich unmittelbar gewissen Gedanken setzte er nun zusammen, wie sie ihm unter die Hände kamen, jeden möglichen an jeden andern möglichen, und so verwandelte sich ihm alles menschliche Denken in einen grossen Sandhaufen, in welchem jedes Körnchen für sich besteht, und alle durcheinander geworfen werden können, ohne dass in dem Einzelnen etwas verändert wird. Wir werden tiefer unten Belege dieses Verfahrens anführen.

Nun ist zwar demjenigen, der zu einer gewissen Sache absolut unfähig ist, nicht füglich anzumuthen, dass er diese seine Unfähigkeit erkenne; denn gerade dasselbe, was ihn zur Sache unfähig macht, macht ihn auch unfähig, seine Fähigkeit zur Sache zu beurtheilen. Aber bei gewöhnlichen Menschen wird durch ein dunkles Gefühl ersetzt, was ihnen an klarem Urtheil abgeht. So ist es in Absicht des Faches, wovon wir hier sprechen, nichts Seltenes, Personen, wenn sie nur nicht als Professoren der Metaphysik, oder als philosophische Recensenten an der A. D. B. ihr Brot verdienen müssen, gestehen zu hören, dass Metaphysik ihr wahres Kreuz sey, dass es ihnen damit noch nie recht habe gelingen wollen, oder wenn sie mehr Eigendünkel haben, dass dies leere Spitzfindigkeiten seyen, mit denen sie sich den Kopf zerbrechen, — nur nicht möchten. — Ferner hat ja jeder Mensch irgend einen vertrautern Bekannten oder Freund; und Nicolai hatte deren so viele unter seinen Zeitgenossen, die sich doch auch ein Urtheil über Philosophie zuschrieben. Sollte denn niemals einer von diesen unserm Helden mit aller Bescheidenheit zu verstehen gegeben haben, dass er zwar in andern Geschäften des menschlichen Scharfsinns, in der Fähigkeit, die feinsten Machinationen der Jesuiten zu wittern, den seltensten Zuschnitt eines Predigerüberschlags oder einer Perrücke auszuspüren, seines Gleichen nicht habe; dass er aber in der eigentlich sogenannten höhern Philosophie nicht dieselbe Stärke besitze? Setzte nicht Kant, dem unser Held doch auch nicht allen Scharfsinn absprach, zutrauungsvoll von ihm voraus, er werde wohl selbst eines Urtheils über Gegenstände der höhern Speculation sich bescheiden?

Was that unser Held? Leistete er etwa, durch jenes dunkle Gefühl gewarnt, gleich von vornherein Verzicht auf dieses ihm durch seine Natur verschlossene Fach, oder achtete er auf jene Warnungen, und gab späterhin seine Theilnahme an demselben auf?

Wie konnte er? Gehört denn nicht die Philosophie zum Umfange der menschlichen Kenntnisse, und ist sie nicht von jeher von allen Besitzern dieser Kenntnisse sogar an die Spitze derselben gestellt worden? Hatte nicht die Bibliothek von jeher auch das Fach der Philosophie umfasst? War es denn möglich, dass jemand Redacteur dieser Bibliothek, sonach die Seele derselben, sonach die Seele aller Geistesbildung wäre, der nicht eben darum der erste untrüglichste und allumfassendste aller Philosophen sey? Das Höchste, was er aus Herablassung gegen den alten Mann, den Kant, thun konnte, war, dass er einen historischen Bericht über seine philosophische Bildung abstattete. Aber gerade das, dass man fähig gewesen war, jenen Zweifel über unsers Helden Fähigkeit zu erheben, zeigte am deutlichsten den tiefen Verfall und die schreckliche Verwilderung in diesem Fache, und machte es ihm zur dringendsten Pflicht, von nun an alle seine Kräfte der Wiederherstellung desselben zu widmen.

Auch hier, so wie allenthalben ging unser Held von dem Princip aus: ich, Friedrich Nicolai, bin anderer Meinung als ihr; und daraus könnt ihr ersehen, dass ihr unrecht habt. Er hat diesen höchsten Grundsatz seines speculativen Systems mehrere Male in bestimmten Worten ausgesprochen, ohnerachtet er sonst mehr für den rhapsodischen als für den systematischen Gang war. Es gehört zur Geschichte des Helden, wenigstens einige jener Aussprüche anzuführen.

Jacobi hatte geäussert, und durch eine mit Lessing gehabte Unterredung belegt, dass der letztere in der höhern Speculation den Spinozischen Principien zugethan gewesen. Jene Aeusserung Jacobi’s musste — so wollten es die Freunde und — Ehrenretter des Verstorbenen — nicht wahr seyn; Lessing musste von den gesunden und moderaten Begriffen eines Nicolai und Mendelssohn nicht abgewichen seyn. Auch unser Held brachte seinen Beweis gegen Jacobi an. Und was für einen Beweis brachte er an? — Er, Nicolai, könne am gewissesten sagen, dass Jacobi Lessing sicherlich misverstanden hätte, indem er sagen könne, dass — Er selbst mit Lessing über jene Materie disserirt hätte[7]. Freilich war Jacobi nun hinlänglich beschämt. Welcher Leser hätte nach einem solchen Zeugnisse noch ein Wort von ihm angehört; und was hätte er auch vorbringen können, ohne vor sich selbst bis in die innerste Seele zu erröthen? — Auf dieselbe Weise fürchtete er in der erwähnten berühmten Acte, dass freilich wohl andere Gelehrte glauben möchten, hinter den spitzfindigen Grübeleien der Ichphilosophie und der daraus gefolgerten speculativen Physik und Poetik stecke vielleicht etwas Wichtiges verborgen. Er aber, Er Nicolai wusste sehr wohl und verkündigte laut, dass die Nullität jener Philosophie nur immer deutlicher erhellen werde, und dass man im Jahre 1803 darüber mehr würde sprechen können[8].

Aus diesem hier und da deutlich ausgesprochenen Princip führte nun unser Held unverrückt sein Richteramt in der Philosophie; auch da, wo er jenes Princip nicht deutlich aussprach. Alle seine Beweise beruhten allein darauf. Er hatte, seiner Bildung zufolge, einst gleichfalls Philosophie studirt, die philosophische Wahrheit ausgemessen, umfasst und in sich aufgenommen. Was damit übereinstimmte, — war freilich nie so stark, so durchgeführt, so trefflich gesagt, als er es gesagt haben würde, wenn er nur Zeit dazu gehabt hätte, aber da er diese nun einmal nicht hatte — mochte es doch existiren! Was damit nicht übereinstimmte, bei jener allgemeinen Ausmessung des philosophischen Gebiets von Nicolai nicht mit ermessen war, — Jacobi’s, Kants, der transscendentalen Idealisten Philosopheme — welche Frage, ob sie falsch seyen? Wie konnten sie anders? — indem ja, wenn sie wahr wären, Nicolai sie schon ehedem, eh’ von allen diesen Menschen etwas gehört wurde, gefunden haben müsste. Falsch waren sie, das verstand sich, und unser Held musste, seinem beständigen Kriegsplane nach, ohne weiteres mit den Waffen des Lächerlichen dagegen vorschreiten.