So sagt man, dass er allen mündlich geäusserten Vorstellungen und Bedenklichkeiten seiner Freunde, besonders wegen seiner spätern philosophischen Streitigkeiten, immer so zu begegnen gepflegt habe: man müsse überall mit der Sprache gerade herausgehn und die Wahrheit sagen. Ob sie gefalle oder nicht, ob man sich dadurch Feinde mache oder nicht, darnach könne nicht gefragt werden. Wenn die entgegengesetzte Maxime gelten solle, so hätten auch die Literaturbriefe nicht geschrieben werden müssen. So war er auf ewig gegen die Vermuthung befestigt und gesichert, dass irgend jemand glauben könne, er habe in der Sache selbst unrecht, und hielt jene Warnungen für nichts weiter, als für die zärtlichen Besorgnisse seiner schüchternen Freunde, durch die sie ihn verleiten wollten, aus Sorgfalt für seine persönliche Ruhe die Sache der Wahrheit zu verläugnen.
Fünftes Capitel.
Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus diesem höchsten Grundsatze.
Kam es nun wirklich zum Dispute, so machte unser Held es sich zum einzigen Augenmerk, die Wahrheit des Factums zu constatiren und dem Gegner den Ausweg des Abläugnens seiner That oder seiner Aeusserung abzuschneiden. Hierbei verfuhr er mit seiner gewöhnlichen Sorgfalt und Genauigkeit. Hatte er nur diesen Punct erst ins Reine gebracht, so schritt er ohne weiteres zum Endurtheile; denn er konnte den Glauben an den gesunden Menschenverstand seiner Gegner nie so weit aufgeben, um anzunehmen, dass sie der Thaten oder Aeusserungen, die sie aus seinem Munde wieder hören müssten, und von denen sie leicht abnehmen könnten, dass er sie misbillige, nicht sogleich sich innigst schämen, die Unrichtigkeit derselben einsehen und sie bereuen sollten.
So kam in jenen Tagen zu Jena eine gewisse auch allgemeine Literaturzeitung heraus, welche sogleich in ihr Nichts verschwand, nachdem unser Held die Zügel der allgemeinen deutschen Bibliothek mit starken Händen wieder ergriffen hatte, und jener Zeitung die, bei Gelegenheit des Schellingschen und Schlegelschen Streits mit ihr zu Tage gekommene Abhängigkeit vorrückte. Dieser Zeitung sagte er in der oben angeführten unsterblichen Besitzergreifungsacte[6], zwar mit grossmüthigem Bedauern, dass dieses ihr Factum gewesen, jedoch übrigens kurz, fest und entschlossen, auf den Kopf zu, dass sie Kant gelobt hätte, und Reinhold gelobt hätte, er fügte jedesmal in Schwabacher hinzu, dass dies nicht zu läugnen wäre. Freilich hatte jene Zeitung gehofft und geglaubt, dass kein Mensch als Nicolai jenen Verstoss entdeckt habe, und dass dieser es nicht weitersagen werde.
So muss in jenen Tagen ein gewisser Fichte, von dem seit dem Jahre 1804 alle Nachrichten verschwinden, sein Wesen getrieben haben. Diesem führt unser Held in derselben klassischen Acte mehrere seiner höchststräflichen Aeusserungen kurz und gut zu Gemüthe; dass z. B. dieser Fichte, und noch dazu vom Anfange an, und noch dazu ganz laut gesagt habe, kein einziger von Kants zahlreichen Nachfolgern habe verstanden, wovon eigentlich die Rede sey, — ausser er, Fichte, wie sich verstehe, setzt unser Held dazu. (Wenn dieser Fichte nur die gemeinste Logik hatte, so versteht sich dies freilich; wie hätte er urtheilen können, dass alle übrigen es nicht verständen, wenn er nicht selbst es zu verstehen geglaubt hätte?) Um allen Zweifel über die Sträflichkeit und Absurdität dieser Aeusserungen zu heben, versichert er, es seyen dies wirklich Fichte’s eigne Worte, und citirt allenthalben Buch und Seite; und in einigen Blättern, welche dem allgemeinen Austilgungskriege gegen Fichte vom Jahre 1803 entgangen, findet sich auch wirklich, dass diese Citationen richtig sind.
Unser Held war ein unbarmherziger Gegner. Wie muss es den armen Fichte niedergedrückt haben, durch Nicolai an den Tag gebracht zu sehen, was von ihm zum Drucke befördert sey.
Anmerkung.
[6] Wir nennen die oft erwähnte Anzeige eine Besitzergreifungsacte; denn lasst uns nur in einer Note, die mancher Leser vielleicht auch nicht liest, bekennen, dass alle die getroffenen Anstalten nicht lediglich um der Herren Schelling, W. und F. Schlegel, Tieck, Fichte, und wie die Gezüchtigten noch alle heissen, unternommen sind; dass diese nur das Mittel sind zum höhern Zwecke, und die gegen sie aufgestellten Truppen nur dazu dienen, den Punct des eigentlichen Angriffs zu verdecken. Dieser geht, dass wir es nur zu unsrer eigenen Demüthigung gerade heraussagen, eigentlich — gegen die Jenaische Literaturzeitung.
Nicht von den anzuzeigenden Schriften — eigentlich den zwischen Schelling, A. W. Schlegel und der A. L. Z. gewechselten Streitschriften — nein, vom unsterblichen Stifter der A. D. B. hebt die Rede an, wie dieser zuerst die Idee gefasst, zur Verhütung aller Einseitigkeit und Parteilichkeit (!) Mitarbeiter aus allen deutschen Ländern und Provinzen einzuladen. S. 145. lässt sich zwar nicht läugnen, dass auch die Redactoren der A. L. Z. dieser Idee gefolgt. S. 150 aber sind bei ihr gerade die unangenehmen Fälle eingetreten, „welche der Stifter der A. D. B. eben durch die Einladung von Mitarbeitern aus allen deutschen Ländern und Provinzen — vom Anfange an — so vorsichtig zu vermeiden wusste.“ Es bekamen nemlich nun — wie denn nun? folgten denn nun die Redactoren der A. L. Z. nicht mehr der Idee des unsterblichen Stifters der A. D. B.? Ei, was weiss ichs: kurz — „es bekamen nun durch die individuelle Lage der Redactoren der A. L. Z. gegen Mitarbeiter, die mit ihnen in zu naher Verbindung an Einem Orte lebten, und gegen deren Freunde, persönliche Rücksichten einen merklichen Einfluss auf das Werk, welcher demselben sicher nicht vortheilhaft war, und — bei unparteiischen Lesern das Vertrauen zu demselben sicher verminderte.“ — In der ganzen Anzeige kann man weiter ersehen, wie eben durch jene Streitschriften der A. L. Z. und ihrer Gegner, „die freilich keinem von beiden Theilen vortheilhaft sind“ und deren deswegen, „gegen die sonstige Gewohnheit der D. B., in anderen gelehrten Zeitschriften erhobene Streitigkeiten aufzunehmen und fortzuführen,“ allerdings erwähnt werden musste — wie, sage ich, durch jene Streitschriften so recht an den Tag gekommen, dass die Schlegel und Schelling in die L. Z. Einfluss gehabt, dass diese von ihnen abgehangen. Nun kann der scharfsinnige Leser selbst ermessen, welch’ ein erbärmlicher Wicht die L. Z. seyn möge, da sie von so erbärmlichen Wichten, deren und ihrer Freunde Personalien eben deswegen hier wieder in frisches und geschärftes Gedächtniss gebracht werden mussten, abgehangen; — diese L. Z., von der sich ohnedies nicht läugnen lässt, dass sie Kant gelobt, und Reinhold gelobt.
Dagegen kann jeder Leser wissen, dass die D. B. der neuen und neusten Philosophie von jeher im Wege gestanden; die unartigen Schleifwege, auf denen sich doch einmal ein gutes Wörtchen über sie in diese B. eingeschlichen, sind nun auch entdeckt und, besonders seit Nicolai wieder das Regiment führt, sicherlich verhauen. Es ist der Bescheidenheit, die alles Selbstlob verschmäht, angemessen, dieses anonym in den letzten Heften der bei Bohn herauskommenden neuen B. zu der Zeit, da die ersten Bände der wieder alt gewordenen B. bei Nicolai erscheinen, und das Vertrauen der Leser zur A. L. Z. durch den Schellingschen Streit in frischer Verminderung begriffen ist, gehörig auseinanderzusetzen, damit die Leser wissen, wohin sie sich nun mit ihrem Vertrauen zu wenden haben.