Dieser gesetzte, geordnete, gemässigte Gang wurde nun durch einige excentrische Köpfe gestört. In der Kunst erschien Goethe, Schiller, in der Philosophie Jacobi, Kant, die transscendentalen Idealisten. Was hätte an ihnen daran seyn können? — Hatten sie sich denn erst in der A. D. B. unter Nicolai’s Aufsicht im Schreiben geübt? Oder hatten sie ihm ihre Pläne vor der Ausführung vorher vorgelegt, und mit ihm darüber correspondirt, wie Lessing in seiner guten Zeit, und Mendelssohn, und alle die, welche Meisterwerke geliefert haben? Keins von diesen allen hatten sie gethan; sie hatten ein so böses Gewissen gehabt, dass sie ihm ihre Arbeiten nicht einmal zum Verlage angeboten; die letzte Gelegenheit, bei der sie hätten erfahren können, wie sie mit denselben daran wären, und was sie darüber zu urtheilen hätten.

Dass an ihren vermeinten Kunstwerken und Entdeckungen durchaus nichts seyn konnte, war sonach ohne weitere Untersuchung und Prüfung, mit der man nur die ohnedies so beschränkte Zeit verloren haben würde, unmittelbar klar; und man konnte ohne weiteres mit den Waffen des Lächerlichen, welche unser Held zu führen glaubte, wie kein andrer, dagegen vorschreiten. So entstanden Freuden Werthers, die witzige Schrift gegen die Xenien, der dicke Mann, Sempronius Gundibert, die spasshaften Theile der Reisebeschreibung; und was weiss ich, was noch alles entstand.

Zwar liess sich einigen jener excentrischen Subjecte und Querköpfe nicht alles Talent und alle Kenntniss ganz absprechen, nur verhinderte sie ihre eigenliebige Meinung, dass sie ausser dem Umkreise der richtigen Schule für sich allein fortkommen könnten, daran, diesem Talente die wahre Richtung zu geben. Man musste suchen, diese etwanigen Gaben doch noch nützlich zu machen und sie der deutschen Literatur, d. i. dem Umkreise der allgemeinen deutschen Bibliothek, wiederzugeben. Unser Held fand sich sonach in der Nothwendigkeit, jene Menschen scharf zu züchtigen, ob sie nicht etwa in sich gehen und den rechten Weg einschlagen möchten. Man sah es ihm — sein Geschichtsschreiber sagt dies an seiner Urne mit der vollsten Ueberzeugung — man sah es ihm an, dass nie persönlicher Hass oder Feindschaft, sondern immer der redlichste Eifer für die Literatur ihn trieb; dass er mit einer Art von Wehmuth an das Amtsgeschäft einer solennen und ausführlichen Ausstäupung ging (mit kleinen beiläufigen Hieben nahm er freilich es etwas leichter); man bemerkte, wie ein geheimes väterliches Wohlwollen gegen die Bestraften selbst seinem Feuereifer für die Literatur eine gewisse rührende Milde beimischte, und wie er schon ein Vorgefühl von dem Danke hatte, den ihm die Gezüchtigten selbst, wenn sie einst zu Verstande kämen, bringen würden. Er war daher nicht leicht zu bewegen, alle Hoffnung an einem Menschen aufzugeben, und er wusste geschickt diese Hoffnung zu zeigen, um dem Sünder nicht allen Muth zur Besserung zu benehmen.

Traf es sich nun, dass einer wirklich sich besserte, so war die Milde rührend, mit der er ihn wieder zu Gnaden annahm. So gab es in diesen Tagen einen gewissen höchst perfectibeln Krug, welcher freilich in der allgemeinen Achtserklärung gegen die philosophischen Querköpfe mitbegriffen war. Dieser ging in sich und gab unserm Helden eine Aehrenlese von den Feldern anderer Philosophen zum Verlage, worüber er vermuthlich auch Nicolai’s Rath eingezogen; — denn den pflegte dieser keinem, der bei ihm verlegen liess, vorzuenthalten. Dafür segnete auch Gott diesen Krug, dass ihm auf eignem Boden eine Rechtslehre erwuchs, die einem philosophischen Recensenten an der allgemeinen deutschen Bibliothek wie aus der Seele geschrieben ist[5]. Jederman war damals der Meinung, dass wenn der junge Mann nur so fortführe, er es mit der Zeit wohl selbst bis zum ordentlichen Recensenten an der allgemeinen deutschen Bibliothek unter Nicolai’s eigener Redaction bringen könnte.

Anmerkungen.

[4] M. s. z. B. den 6ten Band der Nicolai’schen Reisen. S. 337 ff.

[5] M. s. in demselben Hefte der N. D. B., in welchem die Eingangs erwähnte Anzeige sich befindet (56. B. St. 1. Heft 2.), kurz vor derselben die Recension des Krugschen Buches.

Viertes Capitel.
Worauf es, zufolge dieses höchsten Grundsatzes, unserm Helden bei allen seinen Disputen angekommen sey.

So oft unser Held im Begriff war, seinen Mund öffentlich aufzuthun, um dem Zeitalter einen Rath zu geben, oder eine Thorheit zu misbilligen und zu züchtigen, so trieb ihn seine liebenswürdige Bescheidenheit immer an, zuvörderst sich zu entschuldigen, dass er gerade die Sache zur Sprache bringe, dass er sie jetzt, in diesem Zeitpuncte, bei dieser Veranlassung zur Sprache bringe. Hierüber gab er immer seine guten Gründe an. Dass er aber die Sache, wovon die Rede war, verstehe, und dass er die Wahrheit, die pure lautere Wahrheit sagen könne, darüber gab er nie einen Beweis, indem es ihm gar nicht beikam, dass über diesen Punct irgend ein Leser oder Gegner den mindesten Zweifel hegen würde.

So hub er, als er im 11. Bande seiner Reisebeschreibung von Tübingen aus auf die Horen, und von diesen aus auf die neue Philosophie schmälen wollte, damit an, dass er beklagte: es scheine nun einmal sein Beruf, dem Zeitalter unangenehme Wahrheiten zu sagen; und fuhr dann fort und sagte seine unangenehme Wahrheit; und alle Leser waren überzeugt und alle Gegner beschämt. Entweder hatten die letzten bisher, mit dem eignen guten Bewusstseyn, dass sie unrecht hatten, ihr Wesen getrieben, lediglich um etwas Neues, in der allgemeinen deutschen Bibliothek Unerhörtes anzubringen und Aufsehen zu erregen, und Nicolai wollte dies nun offenbaren; oder, wenn sie wirklich geglaubt hatten, recht zu haben, so sollten sie jetzt aus Nicolai’s Versicherung, dass er ihnen die wahrste Wahrheit sage, vernehmen, dass sie denn also doch unrecht hätten.