Es ist schwer auszumachen, ob unser Held schon damals im ganzen Ernste von sich selbst geglaubt, was er von nun an freilich gegen alle Welt behaupten und unerschütterlich voraussetzen musste. Das Wahrscheinlichste ist, dass es ihm ergangen, wie allen, die in die Lage kommen, unaufhörlich eine Aussage zu wiederholen, von der sie selbst nicht recht überzeugt sind. Am Ende glauben sie selbst an ihre Wahrheit. Für möglich konnte Nicolai jene Voraussetzung von sich immer halten; er fand nirgends ausser sich eine höhere Weisheit, als die seinige, indem er nur die seinige begriff, derjenigen Seelenkraft aber, die da Ahnung eines Höhern heisst, von jeher gänzlich ermangelte. Auf die Wirklichkeit dieser Voraussetzung hätte er damals vielleicht noch nicht geschworen. Aber seitdem er die Redaction seiner Bibliothek ergriff, musste er alle Stunden seines Lebens jene Meinung voraussetzen, sie behaupten, jeden Zweifel dagegen kräftigst niederschlagen, und kam von dieser Arbeit nie zur ruhigen Besinnung; so dass es durchaus begreiflich wird, wie dieser Glaube diese langen Jahre hindurch sich ihm fest einverleiben und mit ihm zusammenwachsen musste.
Das Unternehmen jener Bibliothek ergriff das Zeitalter. Die leichte Weisheit und die wohlfeile Gelehrsamkeit, welche durch das grosse Werk herbeigeführt, und schnell von einem Ende Deutschlands bis zum andern verbreitet wurden, fand Beifall. Der geringste unter den Lesern glaubte sich selbst zu lesen; gerade so hatte er die Sache sich auch von jeher gedacht, und nur nicht den Muth gehabt, es sich laut zu gestehen. Die Unmündigen erhielten die Sprache, und das gefiel ihnen. Unser Held sahe diese grosse Revolution, deren Stifter, die schnelle allgemeine Erleuchtung, deren Urheber er war. Warum hätte nicht der Glaube andrer an sein Werk seinen eignen Glauben an sich bestärken sollen?
Schriftsteller, denen an dem Beifalle des grossen Volks gelegen war, versammelten sich um den Ausspender dieses Beifalls, gaben ihm Beiträge, liessen sich von ihm berathen und erziehen, und schmeichelten auf jede Weise seiner Eitelkeit[3]. Man glaubt leicht, was man wünscht; Nicolai nahm in aller Unbefangenheit alles für baare Münze, und ihm fiel nicht bei, dass diese Lobeserhebungen vielleicht nur dem Redacteur der allgemeinen deutschen Bibliothek, keinesweges aber seinen persönlichen Verdiensten gelten möchten. Jene Männer waren seinem Princip nach ohnehin, als Mitarbeiter an der Bibliothek, die ersten Köpfe der Nation. Er fand sich sonach von den ersten Männern der Nation gelobt, anerkannt, zu ihrem Meister erhoben. Wer konnte es ihm verargen, dass er ihnen glaubte?
Und so verschmolz allmählig in seiner Seele der Begriff von deutscher Literatur und Kunst mit dem Begriffe seiner Bibliothek; diese mit dem Begriffe von ihm selbst. Die Bibliothek wurde ihm zum Mittelpuncte des deutschen Geistes, er selbst zur innersten Seele dieses Mittelpuncts. An den Recensionen dieser Bibliothek mussten alle literarische und artistische Bestrebungen der Nation, und hinwiederum an seiner Einsicht — diese Recensionen sich orientiren. Ausser jener Bibliothek war ihm jetzt und zu ewigen Zeiten kein Heil und keine Wahrheit für die Wissenschaft; und für die Bibliothek selbst kein Heil und keine Wahrheit ausser ihm. Jene war seine Welt, und er die Seele dieser Welt; was er erblickte, erblickte er durch jene hindurch, jene aber erblickte er durch sich hindurch. In dieser beruhigenden Stimmung lebte er und starb im frohen Glauben an die Unsterblichkeit seines Werks.
Anmerkungen.
[2] Mit dem im Texte erwähnten Jahre 1803 verhält es sich so: Nicolai hatte im 11. Bande seiner Reisebeschreibung vorher verkündigt, dass Fichte und alle seine Schriften im Jahre 1840 rein vergessen seyn würden. Er wurde hierüber, wie über so manches andere, in gewissen Briefen über die Guckkastenphilosophie des ewigen Juden verspottet. In dem Aerger hierüber decretirte und enuncirte er, — in der Schrift gegen die Xenien, wo ich nicht irre, — es solle nunmehr mit Fichte nicht einmal bis zum Jahre 1840 Frist haben, sondern schon Anno 1804 solle er vergessen seyn. Das Jahr 1800 ist verflossen, das 1801 angebrochen; das fatale Jahr der Vorhersagung tritt näher, und noch zeigen sich keine Spuren, dass die Weissagung anfange in Erfüllung zu gehen. Dies fiel unserem Helden bei Abfassung der im Eingange erwähnten Anzeige aufs Gewissen; er fand nun doch, „dass andere Gelehrte wohl etwa glauben möchten, hinter den Spitzfindigkeiten der neuen Philosophie u. s. w. stecke etwas, dass er aber sagen könne, dass es durchaus eine Nullität sey, und dass i. J. 1803 sich darüber mehr werde reden lassen.“ Freilich, wenn i. J. 1804 diese Philosophie rein vergessen seyn sollte, so müsste wenigstens i. J. 1803 die Nullität derselben dargethan werden.
[3] Damit ja niemand in Zweifel stelle, ob deutsche Gelehrte sich so weit herabgelassen, unserm Helden zu schmeicheln, hat er selbst, in seiner Schrift gegen die Xenien, bezeugt: „ihm sey von jeher sehr geschmeichelt worden.“
Drittes Capitel.
Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz im Leben unsers Helden sich geäussert habe.
Theils nach den öffentlichen Handlungen und Aeusserungen unsers Helden, theils nach mehreren Anekdoten von ihm, die zu seiner Zeit im allgemeinen Umlaufe waren, schrieb er sich selbst ausschliessend die Fähigkeit zu, alle Gegenstände des menschlichen Wissens mustermässig zu bearbeiten. Er pflegte, so oft in seiner Gegenwart das Gespräch auf irgend einen solchen Gegenstand fiel, nur das zu beklagen, dass seine übrigen Geschäfte ihm nicht Zeit liessen, ein Muster der Behandlung desselben zu liefern. Alles, zu dessen Bearbeitung er ohnerachtet dieser überhäuften Geschäfte denn doch noch Zeit fand, bearbeitete er auch wirklich mustermässig. So war seine Topographie von Berlin das Muster, wornach alle Arbeiten dieser Art gemacht werden sollten, und er ergriff jede Gelegenheit, sie als solches zu empfehlen; keinesweges, wie er hinzuzusetzen pflegte, aus Eigenlob, sondern weil sich die Sache wirklich so verhielt[4]. Wozu er nicht Zeit fand, mochten seine Zeitgenossen bearbeiten. Dass sie ihr Muster nie erreichen, dass sie nie es so machen würden, wie unser Held es gemacht hätte, wenn er nur die Zeit dazu gefunden, das verstand sich. Aber sie hatten ja ihn bei sich; und er ertheilte gern Rath, wenn man ihn bescheiden darum ersuchte.
Diesen Rath sollten sie lehrbegierig und folgsam annehmen, fortarbeiten und sich bestreben, seine Idee immer besser zu treffen. Sie sollten ja nur die Zeit zur Ausführung hergeben, die ihm mangelte; den Geist und die Uebersicht wollte er hergeben. So würden sie immer höher steigen, und ihm, ihrem Muster, stets näher kommen. Auf diese Weise hatte er in der Schule seiner Bibliothek und seines handschriftlichen Rathes die grössten Schriftsteller der Nation gebildet: einen Lessing, der nur leider in seinen spätern Jahren umschlug, rechthaberisch und unfolgsam wurde, und dafür zur wohlverdienten Strafe in Zweifel an der Gründlichkeit der bibliothekarischen Aufklärung und an der Evidenz der Mendelssohnschen Demonstrationen verfiel; einen Mendelssohn; einen Justus Möser, und so viele noch Lebende, deren Bescheidenheit mir verbietet, sie zu nennen: — hat er nicht Schriftsteller allein, sondern durch die vortrefflichen Bildnisse deutscher Gelehrten vor der Bibliothek und der Berliner Monatsschrift in seinem Verlage, welche, wie ich als Augenzeuge betheuren kann, in Berlin noch immer regelmässig ausgegeben wird — hat er dadurch auch junge bildende Künstler herangezogen, ermuntert und unterstützt. Die Bildung ging von ihm aus, als ihrem Centrum, und verbreitete sich regelmässig umher.