Diese Meinung setzte ihn nicht nur vor sich selbst über alle Zweifel, alle spätere Untersuchung und alle Besorgniss hinweg, dass er sich doch etwa über dieses oder jenes im Irrthume befinden möchte; sondern er war noch überdies von allen andern Menschen ebenso fest überzeugt, und muthete es ihnen an, dass sie über alle Zweifel hinausseyn müssten, sobald sie nur recht wüssten, wie er selbst eine Sache fände. Alle seine Widerlegungen gingen von dem Hauptsatze aus: ich bin anderer Meinung; daher er denn zu diesem Hauptgrunde noch andre Nebengründe hinzuzufügen gewöhnlich unterliess. Die Gegner, glaubte er, könnten schon daraus sattsam ersehen, dass sie unrecht hätten. Bei allen Verweisen und Züchtigungen, die er in seinen spätern Jahren an das ausser der Art schlagende Zeitalter ergehen zu lassen genöthigt wurde, hob er nur immer davon an, dass er zeigte, man habe nicht nach seinem Rathe gehandelt; dies allein, glaubte er, würde sie schon dahin bringen, dass sie sich schämten und in sich gingen.

In dieser Voraussetzung liess er sich denn auch durch keinen noch so sonderbaren Vorfall, der sich etwa ereignen mochte, irre machen. Sogar wenn ihm, wie dies in seinem spätern Alter häufig begegnete, von allen Seiten her einmüthig zugerufen wurde: er werde wohl selbst eines Urtheils über gewisse Dinge sich bescheiden, oder auch — er sey ein geborner Dummkopf, ein Salbader, ein alter Geck, und was man noch alles für Freiheiten sich mit ihm herausnahm, mochte er doch immer lieber voraussetzen, man sage dies bloss aus Schalkheit, und um sich für die empfangenen Züchtigungen zu rächen, als dass er irgend einem Menschen die Verkehrtheit zugetraut hätte, dass er fähig wäre, in allem Ernste und im Herzen einen Nicolai nicht anzuerkennen.

Diese Meinung von ihm selbst war ihm nach und nach so zur fixen Idee geworden, hatte sich so mit seinem Selbst verwebt und war selbst zu seinem innersten eigensten Selbst geworden, dass man keine Spur hat, er habe dieselbe je deutlich in sich wahrgenommen und sie zum bestimmten Bewusstseyn erhoben. Er räsonnirte, urtheilte, richtete von ihr aus, als seinem einzig möglichen Standpuncte, niemals über sie. Er starb daher alt und lebenssatt, ohne je mit seinem Denken, auch nur in sich selbst zu Ende gekommen zu seyn.

Zweites Capitel.
Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten Grundsatze gekommen seyn möge.

Gleiche Ursachen bringen allenthalben die gleichen Wirkungen hervor. Nun haben die ausser unserm Helden selbst liegenden Umstände, welche unsers Erachtens die beschriebene sonderbare Meinung in ihm erzeugt, sich auch bei andern Menschen gefunden, und haben auch bei ihnen in einem gewissen Grade denselben Erfolg gehabt. Aber so unerschütterlich auf jenem Princip beharrt, so allumfassend und so consequent durchgeführt hat es, so viel uns bekannt ist, keiner, ausser unserm Helden; und dies eben ist es, was ihm die Ehre erwirbt, als Muster seiner Gattung aufgestellt und der Nachwelt überliefert zu werden. Es muss sonach bei ihm, zu jenen anzuführenden äussern Umständen der Entwickelung jenes Princips, noch eine vorzügliche innere Empfänglichkeit seiner Natur dafür hinzugekommen seyn. Zum grössten Glücke für die Menschheit hat unser Held selbst — denn warum sollte ich nicht ebensowohl wie Klopstock, in seiner Zueignungsschrift vor Herrmanns Schlacht, als schon geschehen ankündigen, was geschehen wird, und weit sicherer geschehen wird, als das durch Klopstock Verkündigte geschehen konnte — er selbst hat, nachdem im Jahre 1803 sein letzter Feind, der transscendentale Idealismus, ausgetilgt, und die A. D. B. wiederum gehörig in den Gang gebracht war[2], seine glorreich errungene Musse dazu angewendet, die Geschichte seiner Bildung bis in seine Knaben- und Kindesjahre, und bis zu seiner Wiege zurückzuführen; hat diese Krone seiner Werke vollendet, und dann seinen Geist dem Himmel wiedergegeben. In den ersten drei Bänden dieses klassischen Werks können die Leser sich unterrichten, wie der erste Schrei des Neugebornen die Schriftstellerwelt erschütterte und alle Sünder in ihr erbeben machte, und wie schon seine Windeln von dem attischen Salze dufteten, das er seitdem in unsterblichen Worten ausgehaucht und angesetzt hat, so dass alle Umstehenden sich verwunderten, und sprachen: was will aus dem Kindlein werden? In den folgenden Bänden können sie finden, wie er, seitdem er sich seiner erinnern kann — und er kann sich seiner seit den frühesten Jahren erinnern — durch seine lebhafte Phantasie, einen Trieb zu lernen und eine Fassungskraft, weit über alle Kinder seiner Gesellschaft und seines Alters in sich verspürt, so dass er von seinen Eltern und seinen Lehrern als ein wahres Wunderkind ausgerufen worden. Aber wir überlassen den Lesern, dieses in der ausführlichen und grazienvollen Beschreibung des Helden selbst nachzulesen, und schränken uns, sowohl hier als ins künftige, auf dasjenige ein, was der berühmte Verfasser übergeht, und was wir nur aus andern Denkmälern jenes Zeitalters schöpfen können.

Ich will hier nicht untersuchen, ob es nothwendig sey, dass der Uebergang der Schriftstellerei einer Nation aus der gelehrten in die lebende Sprache eine Epoche des Verfalls der wahren gründlichen Gelehrsamkeit bei sich führe. Bei den Deutschen wenigstens war dies der Erfolg. Man bildete sich etwas ein darauf, endlich deutsch schreiben gelernt zu haben; man wollte, dass es auch für Deutsch anerkannt würde, und bemühte sich daher, über alle Gegenstände so zu schreiben, dass denn auch in der That nichts weiter zum Verstehen gehöre, als die Kenntniss der deutschen Sprache. Der Vortrag wurde die Hauptsache, das Vorzutragende mochte sich bequemen; was sich nicht so sagen liess, dass die halbschlummernde Schöne an ihrem Putztische es auch verstände, wurde eben nicht gesagt; — und da man nur um sagen zu können lernte, auch nicht weiter gelernt, — späterhin verachtet, als elende Spitzfindigkeit und Pedanterie: kurz, das elende Popularisiren kam an die Tagesordnung und von nun an wurde Popularität der Maassstab des Wahren, des Nützlichen und des Wissenswürdigen. In diese Epoche fiel unsers Helden erste Bildung. Er wollte schon früh etwas bedeuten, und dünkte sich schon früh etwas zu bedeuten; ohne alle klassische Gelehrsamkeit, wie er damals war, und trotz des Anscheins derselben, mit dem er späterhin sich behängte, immer blieb, musste dieser Dünkel bei ihm um so verderblicher werden. Zu seinem Unglücke kam er in die Bekanntschaft zweier Männer, deren erster ohne Zweifel weit mehr Ernst und Reinheit der Gesinnung hatte, als Nicolai; aber dieselbe Beschränktheit des Geistes, der Einsicht und des Zwecks. — Hatte wohl im Grunde einer von diesen beiden anfangs eine höhere Tendenz, als die, dieses und jenes Aberglaubens ihrer Kirchen sich zu erwehren, ihre Confessionen so vernünftig zu machen, als sie selbst wären, und, wenn das Glück gut wäre, sich eine natürliche Religion zu bauen, bei der sie jener Confessionen ganz entbehren könnten; nur dass es der Andere auch hierin ernstlicher und herzlicher meinte, als unser Held? — Der zweite dieser Männer, in deren Bekanntschaft unser Held kam, war ein allumfassender, lebendiger, rastloser Geist, und ein Charakter, für das Wahre, Rechte und Gute gebildet; nur dass er damals in der Unendlichkeit seines Wesens noch nichts Bestimmtes zu ergreifen und festzuhalten vermochte. Unser Held, der damals noch nicht alle Fähigkeit verloren hatte, eine Superiorität ausser sich anzuerkennen, anerkannte die dieses gewaltigen Geistes; aber nachdem er sich mit Mühe und Noth einiges Vermögen erworben hatte, mitzutreiben, womit dieser noch nicht fixirte Geist sein Spiel trieb, hielt er dieses Spielwerk für das Höchste, und sich selbst für jenes Geistes gleichen.

Mit diesem Augenblicke war er vollendet und fiel. Er ist seitdem nicht weiter gekommen, und nicht zur Besinnung. Später hat er sich noch für einen weit höhern Geist gehalten als jenen, den er nun für ein, gutem Rathe nicht folgendes, überspanntes Genie ausgab.

Unser Held hatte, mit jenen vereinigt, einen kritischen Kreuzzug gethan; entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, z. B. dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein grosser Mitkämpfer wurde allmählig inne, dass dies ein schlechtes Geschäft sey, und dass er es nicht in der besten Gesellschaft treibe. Er zog sich zurück, und unser Held beschloss nunmehro, die Sache in das Weitere zu treiben, und sich selbst, sich allein, zum Mittelpuncte der deutschen Literatur und Kunst zu constituiren. Die allgemeine deutsche Bibliothek entstand, schon an sich ein widersinniges Unternehmen, verderblich durch die Art, wie es ausgeführt wurde, am allerverderblichsten für den Urheber selbst.

Unser Held mag von dem sehr richtigen Vordersatze ausgegangen seyn: der Redacteur eines die ganze Literatur und Kunst umfassenden periodischen Werks muss selbst die ganze Literatur und Kunst umfassen; muss, und zwar in jedem besonderen Fache, höher stehen und alles besser wissen, als irgend einer seiner Zeitgenossen. Er muss in jedem Fache die grössten Meister, zu Beurtheilung derer, die unter ihnen sind, wählen, sie zu finden, sie sich zu verbinden wissen; er muss aber sogar diese grössten Meister der Fächer übersehen, um ihre eingesendeten Beurtheilungen zu prüfen und ersehen zu können, ob sie mit dem gewohnten Fleisse und Gründlichkeit bearbeitet sind, ob nicht etwa diese Männer sinken, ob nicht jüngere grössere neben ihnen aufkommen.

Anstatt nun von diesem richtigen Vordersatze aus weiter so zu folgern: Ich wenigstens habe diese notwendigen Erfordernisse nicht an mir, und von mir wird jene Idee einer allgemeinen deutschen Bibliothek wohl unausgeführt bleiben; schloss er umgekehrt: da ich nun jene Idee ausführen will, so muss ich annehmen und mich betragen, als ob ich alle jene Erfordernisse an mir hätte; als ob ich ein allumfassender Polyhistor und der geistreichste und geschmackvollste Mann meines Zeitalters und aller vergangenen und künftigen Zeitalter wäre. Ich muss Untrüglichkeit mir kräftigst zueignen. Da ein Ausführer jener Idee die grössten Männer aller Fächer erkennen, wählen und mit sich verbinden muss, so muss ich den Satz umkehren und annehmen, dass diejenigen, die ich erkennen, wählen und mit mir verbinden werde, die grössten Männer in ihren Fächern sind.