Diesen alten Vorsatz werde ich gleich bei der gegenwärtigen Gelegenheit ausführen; und dadurch einem Geschäfte, an welches ich, wenn es für eine blosse Vertheidigung meiner selbst gegen Nicolai angesehen würde, nicht ohne tiefe Beschämung gehen könnte, eine liberalere und allgemeinere Richtung zu geben suchen. Nicolai selbst, wenn darnach gefragt werden könnte, kann dies nicht übelnehmen. Er hat Zeit seines Lebens die grössten und verdientesten Männer der Nation auf eine Weise behandelt, dass er selbst, wenn er nur fähig wäre einen Augenblick lang andern dieselben Rechte gegen sich zuzuschreiben, die er sich gegen andere zuschreibt, es ganz billig finden müsste, dass man eine Rücksicht, die er nie gekannt hat, auch gegen ihn nicht beobachtet, keine Notiz davon nimmt, dass er noch unter den Lebendigen existirt, und ohne Bedenken eine Untersuchung, die ihn zum blossen Thema macht, unter seinen Augen anstellt.

Zwar sehe ich bei diesem Unternehmen den Tadel zweier durchaus entgegengesetzter Parteien voraus. Zuvörderst den Tadel derjenigen, welche über Kunst und Wissenschaft im Wesentlichen mit mir gleich denken. Ihnen ist, so viel ich habe bemerken können, Nicolai ein so unbedeutender und verächtlicher Gegenstand, dass man in ihren Augen nur sich selbst herabsetzt, wenn man ihn einer Erwähnung und Beachtung würdigt. Sie haben vollkommen recht, und ich bin ganz ihrer Meinung, wenn von Nicolai als von einer Person geredet werden sollte. Als Object aber, als vollendete Darstellung einer absoluten Geistesverkehrtheit ist er, meines Erachtens, dem Literarhistoriker und Pädagogen wichtig, und so interessant, als dem Psychologen ein origineller Narr, oder dem Physiologen eine seltene Misgeburt nur immer seyn kann. Ich bekenne, dass es meine Schuld seyn würde, wenn ich dieses Interesse für meinen Gegenstand nicht zu erregen vermöchte.

Sodann habe ich mich auf den Tadel der gutmüthigen Mittelmässigkeit gefasst zu halten, welche, seit die Urtheile der grössten deutschen Männer, eines Kant, Goethe, Schiller, über jenen Gegenstand in das Publicum gekommen, aus mehrern Winkeln der Literatur uns erinnern, denn doch auch die bedeutenden Verdienste des Mannes nicht zu vergessen. Ich werde tiefer unten meine Ueberzeugung, dass Nicolai für seine Person sein ganzes Leben hindurch nie etwas Kluges, sondern eitel Verkehrtes und Thörichtes angefangen habe, und dass auf ihm nicht das mindeste Verdienst, sondern eitel Schuld ruhe, weder verläugnen, noch sie zu begründen vergessen. Dass jene Stimmführer der Mittelmässigkeit wirklich zu wissen wähnen, was sie von jenen Verdiensten sagen, will ich glauben. Nicolai und sein Anhang haben es ja über ein Vierteljahrhundert lang genugsam wiederholt, dass Nicolai Verdienste habe, so dass endlich in dem Gedächtnisse jener wohl hangengeblieben seyn mag, dass so etwas gesagt worden. Sollten sie dieselbe Behauptung auch bei der gegenwärtigen Veranlassung wiederholen wollen, so ersuche ich sie, nur diesmal nicht so, wie sie immer zu thun pflegen, bloss ins unbestimmte hin zu versichern, sondern mir eines jener Verdienste namentlich anzugeben; mir irgend ein richtiges, treffendes Urtheil, das Nicolai gefällt, irgend eine gründliche Abhandlung, die er über etwas, das des Wissens werth ist, geschrieben, nachzuweisen, damit ich sie auch kennen lerne. Ich ersuche jene Stimmführer bei dieser Gelegenheit, sich zugleich vor sich selbst die Frage zu beantworten, welche Geisteskraft, oder welches Talent sie denn etwa Herrn Nicolai in einem vorzüglichen Grade zuschreiben möchten, ob Phantasie, oder Witz, oder Scharfsinn, oder Tiefsinn, oder, ich sage nicht eine vorzügliche, sondern auch nur richtige Schreibart; ob sie irgend etwas Eigenthümliches an ihm finden, als ein unversiegbares Geschwätz und die Kunstfertigkeit, alles, was ihm unter die Hände kommt, zu verdrehen; ich ersuche sie, diese Frage zuvörderst sich selbst, und sodann auch mir zu beantworten. Da ich sehr wohl wusste, dass sie keins von beiden befriedigend leisten würden, so mögen sie mir immer verzeihen, dass ich so gethan, als ob sie gar nichts sagen würden, und als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären.

Wir gehen an unser Vorhaben.

Sollen das Leben und die sonderbaren Meinungen unsers Helden nicht rhapsodisch, so wie jedes uns in den Wurf kommt, oder chronologisch, sondern systematisch, in einer festen Charakterschilderung dargestellt werden: so müssen wir ein Grundprincip dieses Charakters nachweisen, aus welchem, und aus welchem allein, alle Phänomene in dem Leben unsers Helden sich befriedigend erklären lassen. Es kommt hierbei nicht auf Häufung der Phänomene an. Ein einziges, das sich durchaus nicht erklären lässt, ausser aus dem vorausgesetzten Princip, beweist so gut, wie tausende, dass dieses Princip und kein anderes dem zu erklärenden Leben zum Grunde gelegen habe.

Jedem nur festen und ausgebildeten Charakter liegt ein solches Princip der Einheit zum Grunde; und der Unterschied dabei ist nur der: ob der Besitzer dieses Charakters wisse, dass dies sein Princip sey, oder ob er es nicht wisse. Ist der Charakter mit Freiheit und Bewusstseyn nach jenem Grundsatze gebildet, so ist dieser Grundsatz freilich dem Besitzer des Charakters bekannt; ist er ihm durch das Ungefähr, durch Natur und Schicksal angebildet, so ist ihm dieses Princip nicht bekannt. Unser Held befand sich in dem letztern Falle; es ist daher gar nicht zu glauben, dass ihm der Grundsatz alles seines Denkens und Handelns je bekannt geworden.

Wir haben nach allem Gesagten zuvörderst das Grundprincip von unsers Helden intellectuellem Charakter (denn von diesem allein soll hier die Rede seyn) aufzustellen, und von gewissen Phänomenen zu zeigen, dass sie durchaus nur aus jenem Princip erschöpfend und vollkommen hinreichend zu erklären sind. Auf diesem Puncte der absoluten Unmöglichkeit jeder andern Erklärung beruht die Richtigkeit unserer Angabe des Princips; wir ersuchen daher unsere Leser, darauf vorzüglich ihre Aufmerksamkeit zu richten. Wir werden sodann noch einige originelle Grundzüge des Charakters unsers Helden, die sich nur aus jenem Princip erklären lassen, anführen, sie mit ihren Phänomenen belegen, und so den Beweis der Richtigkeit unsers Grundprincips vollenden.

Wir werden in dieser ganzen Schilderung unsern Helden betrachten als einen todten Mann, und von ihm reden, wie von einer Person aus der vergangenen Zeit. Dies ist jeder Charakterschilderung eigen. Der Grund, warum anderwärts man den Charakter eines Mannes während seines noch fortdauernden Lebens nicht zu schildern vermag, — weil nemlich die Reihe der Erscheinungen noch nicht geschlossen und es nie sicher ist, dass nicht neue Phänomene eintreten, die auf ein anderes Princip der Erklärung führen dürften, auch man nicht wissen kann, ob nicht etwa die Person noch durch Freiheit ihre Maximen ändern werde — fällt bei Nicolai ganz weg. Es wird sich hoffentlich in der folgenden Schilderung zeigen, dass das Princip seiner Denkweise die Unabänderlichkeit unmittelbar in sich selbst enthält. Unser Held ist befestigt, er kann sich nicht mehr ändern oder geändert werden; ist auch die Reihe der Phänomene seines Lebens nicht beschlossen, so ist es doch der Charakter. Der Verfasser dieser Beschreibung ist dessen so innig überzeugt, dass er sehr gern allen seinen Anspruch auf Menschenkenntniss aufgeben will, wenn sich finden sollte, dass Friedrich Nicolai vor seinem Ende noch irgend einen der ihm hier als charakteristisch beigelegten Grundzüge und Handelsweisen abänderte.

Erstes Capitel.
Höchster Grundsatz, von welchem alle Geistesoperationen unsers Helden ausgegangen sind.

Unser Held war seit seinen reifen Jahren der festen Meinung, dass alles mögliche menschliche Wissen in seinem Gemüthe umfasst, erschöpft und aufbewahrt sey, dass sein Urtheil über die Ansicht, die Behandlung, den Inhalt und den Werth aller Wissenschaft untrüglich und unfehlbar sey, und dem Urtheile aller andern vernünftigen Wesen zur Richtschnur und zum Kriterium ihrer eignen Vernünftigkeit dienen müsse; mit Einem Worte, dass er alles, was in irgend einem Fache richtig und nützlich sey, gedacht habe, und alles dasjenige unrichtig und unnütz sey, was er nicht gedacht hätte, oder nicht denken würde.