Friedrich Nicolai’s
Leben und sonderbare Meinungen.

Ein Beitrag zur Literargeschichte des vergangenen und zur Pädagogik des angehenden Jahrhunderts.

Von
Johann Gottlieb Fichte.

Herausgegeben
von
A. W. Schlegel.

Erste Ausgabe: Tübingen, in der J. G. Cottaschen Buchhandlung. 1801.

Vorrede des Herausgebers.

Der Verfasser dieser Schrift hatte anfänglich die Absicht, sie unter seinen Augen dem Drucke zu übergeben. Da hiebei zufällige Hindernisse eintraten, und der nächste Zweck derselben durch die Unterhaltung, welche er bei ihrer Abfassung gefunden und seinen Freunden durch die Mittheilung verschafft hatte, eigentlich schon erreicht war, so wollte er von keiner weiteren Bemühung damit etwas wissen und zog seine Hand gänzlich von ihr ab. Das Manuscript kam in dem Kreise seiner Freunde auch an mich; ich bin durch keine Bevorwortung des Verfassers bei dem Gebrauche, den ich etwa davon möchte machen wollen, eingeschränkt, und so gestehe ich, dass ich mir ein Gewissen daraus machen würde, diese bündige und erschöpfende Charakteristik eines in seiner Art merkwürdigen Individuums dem Publicum vorzuenthalten. Der Würde Fichte’s wäre es vielleicht angemessener, sein bisheriges verachtendes Stillschweigen auch jetzt nicht zu brechen: allein da er einmal die gutgelaunte Grossmuth gehabt hat, so viel Worte und Federzüge an Nicolai zu wenden, so muthe ich ihm auf meine Gefahr auch die zweite zu, die Welt seine ausgeübte Herablassung erfahren zu lassen. Was Nicolai betrifft, so weiss ich wohl, dass ich ihm durch die Herausgabe dieser Schrift die grösste Wohlthat erweise. Was könnte ihm, der seine hauptsächlichen Gegner nicht einmal dahin bringen kann, seine weitläufigen Streitschriften zu lesen, geschweige denn zu beantworten, der ihnen höchstens nur einige hingeworfene Sarkasmen abgelockt, glorreicheres begegnen, als dass Fichte auf ihn, als auf ein wirklich existirendes Wesen, sich förmlich einlässt, ihn aus Principien construirt, und ihn wo möglich sich selbst begreiflich macht? Der Tag, wo diese Schrift erscheint, ist unstreitig der ruhmbekrönteste seines langen Lebens, und man könnte besorgen, er werde bei seinem ohnehin schon schwachen Alter ein solches Uebermaass von Freude und Herrlichkeit nicht überleben. Verdient hat er es ganz und gar nicht um mich, dass ich ihm ein solches Fest bereite, da er mir die Schmach angethan, mich in früheren Schriften ordentlich zu loben, und noch in den letzten mir Kenntnisse und Talente zuzugestehen. Indessen die Lesung der folgenden Schrift hat mich in die darin herrschende grossmüthige Stimmung versetzt, und wenn er sich diese Anmaassung nicht wieder zu Schulden kommen lassen will, so sey das bisherige vergeben und vergessen.

Einleitung.

Ich habe zu Friedrich Nicolai’s zahllosen Schmähungen und Verdrehungen meiner Schriften stillgeschwiegen, so lange es lediglich die Schriften traf; indem ich in demjenigen Theile des Publicums, wenn es einen solchen noch giebt, in welchem Nicolai über literarische Angelegenheiten eine Stimme hat, keine zu haben begehre. Nunmehro hat Nicolai auch meine persönliche Ehre angegriffen; — denn dass er der Verfasser sey von der in der neuen deutschen Bibliothek, 56. B. 1. St. zu Ende des zweiten und zu Anfange des dritten Heftes befindlichen Anzeige, in welcher jene Angriffe geschehen, leidet keinen Zweifel und bedarf keines Beweises. Selbst auf den unerwarteten Fall, dass Nicolai seine Autorschaft abläugnete, werde ich diesen Beweis nicht führen; denn es ist jedem, der die lebenden Schriftsteller kennt, unmittelbar klar, dass nur Einer, nur Friedrich Nicolai, dies schreiben konnte. — Ich bin es zwar nicht dem Herrn Nicolai, der die gegen mich vorgebrachten Beschuldigungen entweder selbst nicht glaubt, oder durch den Leichtsinn, mit welchem er sie vorbringt, auf alle persönliche Achtung Verzicht thut, — wohl aber dem Publicum, welches dieselben ganz oder halb glauben dürfte, schuldig, mich vor ihm zu stellen und mich zu verantworten. —

Nachdem es nun Nicolai endlich erzwungen, dass ich noch während seines Lebens von ihm spreche, so führe ich hiebei zugleich, früher als ich gerechnet hatte, einen alten Vorsatz aus. Nemlich ich scheue mich nicht zu gestehen, dass, seitdem ich die mich umgebende Welt kenne und selbst eine Meinung habe, nichts mir verhasster und verächtlicher gewesen ist, als die elende Behandlung der Wissenschaften, da man allerlei Facta und Meinungen, wie sie uns unter die Hände kommen, zusammenrafft, ohne irgend einen Zusammenhang oder einen Zweck, ausser dem, sie zusammenzuraffen und über sie hin und her zu schwatzen; da man über alles für und wider disputirt, ohne sich für irgend etwas zu interessiren, oder es ergründen auch nur zu wollen, und in allen menschlichen Kenntnissen nichts erblickt, als den Stoff für ein müssiges Geplauder, dessen Haupterforderniss dies ist, dass es ebenso verständlich sey am Putztische, als auf dem Katheder; jene schaale Wisserei und Stümperei, Eklekticismus genannt, die ehemals beinahe allgemein waren, und auch gegenwärtig noch sehr häufig angetroffen werden. — Ausser eignen Arbeiten und Untersuchungen, die für einen ernsthaften Zweck unternommen, und mit einem bessern Geiste geführt würden, und die immer das Gegenmittel gegen jenen verderblichen Hang bleiben müssen, schien mir auch noch ein zweites Gegenmittel sehr zweckmässig zu seyn: die lebendige Darstellung der unausbleiblichen Folgen jener Behandlung der Wissenschaft zur absoluten Ertödtung alles Sinnes für Wahrheit, Ernst und Gründlichkeit, und zur radicalen Verkehrung und Zerrüttung des Geistes. Das vollendetste Beispiel einer solchen radicalen Geisteszerrüttung und Verrückung in unserm Zeitalter war mir, seitdem ich ihn gekannt habe — ich lernte ihn in dem Streite zwischen Mendelssohn und Jacobi kennen — Friedrich Nicolai. Sein Bild wollte ich, wenn er seine verkehrte Laufbahn geschlossen haben würde, welches er freilich nur mit seinem Tode thun wird, allen studirenden Jünglingen, in denen ein Hang seyn könnte, seine Bahn zu betreten, und allen, die auf die Bildung dieser Jünglinge Einfluss hätten, zum warnenden Beispiele hinstellen.