Die erstere macht er zur Ursprache, und fügt hinzu, dass sich diese vielleicht erst nach Jahrtausenden in Gehörsprache verwandelt habe, weil für Ausbildung der letzteren schon eine wirkliche Thätigkeit der Vernunft vorauszusetzen sey, wie er dies im weiteren Verlaufe der Abhandlung an der Erzeugung der grammatischen Formen ausführlich nachweist. Dies ist ein bedeutender Wink, der nur weiter auszubilden wäre, und auch der dabei geforderte Zeitverlauf ist ein wichtiges, wohl zu beachtendes Moment.

Zunächst jedoch muss es als ungerechtfertigt erscheinen, Zeichen- und Tonsprache in ihrem unmittelbaren Ursprunge überhaupt von einander zu trennen, und diese später entstehen zu lassen. Unstreitig treten beide ursprünglich mit einander hervor, und gehen sogar noch immer, wie wir täglich bei lebhaft Sprechenden bemerken können, sich ergänzend und unterstützend nebeneinander her; ja bei Armuth der Tonsprache (wie im Chinesischen), oder bei dem Mangel derselben (wie in Taubstummheit), kann die Zeichensprache durch Reflexion und Absicht ebenso zur articulirten gesteigert werden, wie jene. Dennoch hat Fichte recht: nur allmählig, im Zeitverlaufe, wird die Tonsprache zum gegliederten Sprachorganismus, indem die bewusstwerdende Vernunft, das Denken, immer reicher in sie sich einbildet.

Hier sind wir nun, dem unmittelbaren Anscheine nach, in einen Cirkel gerathen, zu dessen Vermeidung Fichte eben seine Hypothese von dem allmähligen Uebergange der Zeichen- in Tonsprache ersann. Ohne Vernunftgebrauch keine Sprache; aber wie vermag umgekehrt die Vernunft sich auszubilden, wenn sie nicht eine Sprache vorfindet, als das gefügige Element ihrer eigenen Verwirklichung? Was ist hier das Erste, was das Letzte? Fichte hat, seinem Principe gemäss, der Vernunft den Primat gegeben, und was schon seine nächsten Vorgänger behaupteten, in der Abhandlung mit neuen, in ihrer Begrenzung schwer zu widerlegenden Gründen durchgeführt: die Sprache kann nur allmählig entwickelt seyn durch die steigende Vernunftthätigkeit. Die entgegengesetzte Ansicht (Bonalds, Franz Baders, Fr. Schlegels u. A.) legt den Nachdruck auf die andere Seite: die Sprache kann dem Menschen nur verliehen seyn, weil erst durch sie vermittelt die eigene Vernunft ihm objectiv, er ihrer bewusst wird. Am Sprechen lernt der Mensch erst zu denken; — was nicht minder richtig und unstreitig bleibt. Humboldt endlich hat die natürliche Grundlage hervorgehoben, aus deren unmittelbarer, aber tief gesetzmässiger Wirksamkeit alle Lautsprache hervorgeht, das ursprünglich tonbildende Vermögen des Menschen. Und so kann jetzt abschliessend ausgesprochen werden, dass zwischen jenen beiden Gegensätzen gar kein Widerstreit obwaltet, dass beide Geltung haben, aber in gegenseitig sich beschränkendem Sinne, der jedem daher seine scharfbegrenzte Wahrheit giebt. Die Sprache ist ebenso „eingeboren,“ — Ursprache, äusserlich bedingt durch das tonbildende Vermögen des Menschen, innerlich durch die Immanenz der Vernunft im Menschengeiste — als sie zu ihrer Ausbildung und Gliederung doch des steten Fortwirkens jener beiden Factoren bedarf. Es ist derselbe Process, nur energischer und reicher, der sich auch in den schon gebildeten Sprachen fortwährend entdecken lässt, indem die Denkweise eines Zeitalters unwillkürlich in den Veränderungen der Sprache sich abbildet, sie erweiternd oder verengend, vergeistigend oder entgeistend. Ebenso scheint von hier aus die Frage nach der Einheit und Verwandtschaft aller Sprachen von selbst sich zu lösen. Jene „Ursprache“ ist als vollendete und für sich bestehende, nicht geredet worden bei irgend einem Volke oder in einer bestimmten Zeit: sie wird noch immer geredet und spricht sich hinein in alle individuellen Sprachen, deren grössere oder geringere Verwandtschaft von daher stammt; denn sie ist nur jene im tonbildenden Vermögen liegende Gesetzmässigkeit alles Sprechens. —

Das philosophische Fragment endlich, „Bericht über den Begriff der Wissenschaftslehre und die bisherigen Schicksale derselben“ (1806), dessen erster Abschnitt bereits in den „Nachgelassenen Werken“ erschienen war, glaubten wir jetzt, trotz seines polemischen Inhaltes, in seiner Vollständigkeit nicht mehr zurückhalten zu dürfen, indem es als Actenstück in der Geschichte des Fichteschen und Schellingschen Systemes eine wesentliche Stelle einnimmt. Wenn es aber überhaupt mitgetheilt wurde, so musste dies in ungeschmälerter Ursprünglichkeit geschehen. Was dagegen zu erinnern wäre, verschwindet grossentheils vor der Betrachtung, dass hierbei die Erneuerung alter Kämpfe nicht zu besorgen steht: beide Systeme in ihrer damaligen Gestalt gehören der Geschichte an, und sind uns zu parteilosem Urtheile schon in eine so bedeutende Ferne gerückt, dass der Kundige, nach der einen wie der anderen Seite hin des Rechten nicht verfehlen oder aus anderen Quellen es leicht sich aneignen kann.

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Unter den wiederabgedruckten Recensionen machen wir namentlich auf die beiden letzten aufmerksam. Die eine (von Gebhards Schrift über sittliche Güte, 1793) stellt an ihrem Schlusse, hier am Frühesten und zum Erstenmale, das neue Princip auf, mit welchem Fichte über Kants Idealismus hinausging. Es wird in der Wendung ausgedrückt: die praktische Vernunft habe nicht bloss, wie bei Kant, den Primat über die theoretische, sondern das Praktische, die That, sey als die Eine Grundbestimmung aller Vernunft und als Fundament alles Wissens zu bezeichnen. — Ebenso ist die kurze Recension von Kants Schrift „zum ewigen Frieden“ (1796), gedankenreich und bedeutend: sie enthält in gedrängter Darstellung das Unterscheidende der eigenen Rechtslehre von der Kantischen, und kann so zur Ergänzung des dritten Bandes der Werke und unserer Vorrede desselben dienen. Aber sie erhebt sich auch zu weiteren Fragen über die Zukunft der Geschichte; und hier werden Ansichten über die nothwendige Fortbildung der Gegenwart zum wahren Staate angedeutet, welche schon im Keime die Ideen seiner späteren Staatslehre zeigen.

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In Betreff der am Schlusse des Bandes mitgetheilten poetischen Versuche sind wir nicht frei von der Besorgniss, dass mancher Leser einen anderen Maassstab des Urtheiles zu ihnen hinzubringe, als hier zulässig wäre. Nicht eigentlich als dichterische Erzeugnisse sind sie aufzufassen, — ob überhaupt nemlich poetische Productivität zum Talente des Denkers sich gesellen könne, welcher in der bildlosen Reine des Begriffes und in der Virtuosität der Abstraction waltet, ist durchaus zu bezweifeln, — sondern um das Bild von Fichte’s Charakter nach einer Seite hin zu vollenden, die in diesen Werken bisher am Wenigsten hervortreten konnte; — wir meinen die gesammte Gemüthsweise, welche in solchen Productionen am Unverkennbarsten sich darstellt, und die in ihm allezeit ebenso entschieden zur Einheit ausgeprägt war, wie seine wissenschaftliche Denkart, ja in dieser nur ihr übereinstimmendes Gegenbild fand. Jene nun, der tief religiöse Ernst, das kraftvolle Erfassen des Lebens auch in seinen äusseren und scheinbar gleichgültigen Spitzen, aus diesem höchsten Mittelpuncte, ist der gemeinsame Faden, der sich auch durch seine Poesien zieht, selbst bis in den Humor hinein; darum schienen sie uns charakteristisch und aufbehaltenswerth, und so möge auch die Aufnahme seines ältesten poetischen Versuches (einer „Novelle“ aus dem Jahre 1786, überhaupt des Frühesten, was im Nachlasse übriggeblieben ist) erklärt und gerechtfertigt seyn. Vielleicht verdient sie als literarische Merkwürdigkeit selbst einige Beachtung, wenn man sie mit dem damals herrschenden Geiste in solchen Erzählungen vergleichen will.

Von hier aus können wir zugleich auf seine ästhetischen Neigungen noch einen Blick werfen. Wie er in der neueren Poesie dem objectiven Werthe nach Goethe unbedingt am Höchsten stellte und unter seinen Werken, gegen die gewöhnliche, auch bis jetzt noch geltende Annahme, seine „natürliche Tochter,“ könnte aus seinem Briefwechsel bekannt seyn (Leben und Briefwechsel, Bd. II. S. 326 ff.). Dennoch war er auch der Romantik, namentlich der religiösen, bis in ihre Nebenabsenker mit Vorliebe zugethan, während ihm Jean Pauls Gefühlsweichheit ebenso, wie sein geschraubter Humor, ungeniessbar blieb. In Novalis, besonders seinen geistlichen Liedern, sah er neue Quellen ächter, tieferfrischender Poesie seinem Zeitalter geöffnet, und Tiecks „heilige Genoveva“ erregte bei ihrem ersten Erscheinen ein so nachhaltiges Interesse in ihm, dass er diese Gattung romantisch religiöser Dramen selbst zur Darstellung philosophischer Ideen glaubte erheben zu können. Es ist noch von ihm der ausführliche Entwurf eines romantischen Trauerspiels: „der Tod des heiligen Bonifacius“ vorhanden, in welchem er den Sieg der Idee eben dadurch, dass sie äusserlich sich opfert und in sinnlicher Gegenwart untergeht, zu schildern gedachte. — In späteren Jahren endlich, als ihn das Studium des Italiänischen, Spanischen und Portugiesischen beschäftigte, war es besonders Dante, der ihn mächtig ergriff und zu dessen Betrachtung er mit immer neuem Interesse zurückkehrte. Von seinem Purgatorio ist eine zum Theil metrische Uebersetzung mit Commentar im Nachlasse vorhanden (wovon ein Fragment in der Zeitschrift: „Vesta, Königsberg 1807“ abgedruckt ist). Die anderen grossen Dichter jener Nationen, Petrarca, Cervantes, Calderon, Camoens schlossen sich in diesen Studien an, und von vielen Uebersetzungsversuchen aus ihren Werken haben wir einige zum Abdruck ausgewählt, welche uns die nach Wahl eigenthümlichsten, nach Ausführung gelungensten schienen.

[1] Bekanntlich hat Solger im Erwin (I. S. 77.) Fichte’s ästhetisches Princip einer Kritik unterworfen; ebenso ist es neuerdings von Th. W. Danzel charakterisirt worden in einer sehr beachtenswerthen Abhandlung: „über den gegenwärtigen Zustand der Philosophie der Kunst“ (in des Herausgebers Zeitschrift für Philosophie etc. Bd. XIV. S. 165 ff.). Das Obenangedeutete und Fichte’s hier wiederabgedruckte Abhandlung mögen dafür zur Ergänzung und Berichtigung dienen.