Der „Universitätsplan“ gehört in jene Reihe von Entwürfen zur Umgestaltung der gesammten Nationalbildung, von denen wir in der Vorrede zum siebenten Bande Bericht erstattet. Er schrieb ihn auf Anregung des damaligen preussischen Cabinetsraths Beyme, der in Betreff desselben „sein ganzes Vertrauen auf ihn setzte“ und bei dem Entwurfe selbst ihn davon lossprach, „an das Alte und Ueberlieferte sich zu binden“ (Worte aus einem ungedruckten Briefe des Letzteren).
So entstand jener Plan auf einer völlig neuen Grundlage des Begriffes einer Universität, und war ebenso auf ein neues Ziel gerichtet. In ersterer Beziehung wurde geltend gemacht, dass die Universität weit weniger Lehranstalt seyn solle, als Bildungsschule des freien Verstandesgebrauches: leitender Grundsatz sey, durchaus nichts mündlich zu lehren, was auch im Drucke vorliege und auf diese Weise weit besser und sicherer an den Zögling gebracht werden könne; vielmehr solle der akademische Unterricht nur in dem ununterbrochenen und innigen Wechselverkehr zwischen Lehrer und Lernenden bestehen, in Modificationen, welche der Plan ausführlich darlegt, um eben dadurch zur „Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches“ sich zu erheben. Als Ziel aber wurde gezeigt, dass dem Zöglinge dieser Kunstschule nach dem Eigenthümlichen seines Talentes und nach dem Ergebnisse seines Fleisses und seiner Ausbildung, auch die sichere Aussicht auf die höchsten Staatsämter eröffnet werde, ohne dass dabei, wie bisher, dem Stande oder sonstigen zufälligen Unterschieden der geringste Einfluss bleibe, damit der auch von daher neu umgestalteten Staatsverwaltung (auf Preussen wurde nemlich dabei zuerst gerechnet) die höchste Blüthe der Wissenschaft und des Talentes zu steter Erfrischung und Selbsterneuerung immerfort zu Gute komme.
Es ist leicht erklärbar, nachdem zugleich die oberste Leitung der Universitätsangelegenheiten in andere Hände gekommen war, warum unter den damaligen Umständen, die guten Theiles noch jetzt fortdauern, ein solcher Plan, sowohl in seinem Ausgangspuncte, als in seiner letzten Absicht, unausführbar befunden werden musste. Berlin wurde eine Hochschule, wie jede andere auch; und was ihr höheren Glanz verlieh, war nicht das Vollkommene oder Rationellere ihrer ursprünglichen Organisation, sondern der Ruf einzelner Lehrer, die verschwenderische Fülle der Lehrmittel, welche sie darbot, endlich das äussere Ansehen, das ihre eigenthümliche Stellung in der Nähe der obersten Regierungsgewalten ihr verlieh.
Dies Verhältniss erzeugte jedoch im weiteren Verlaufe eine andere, also noch nie dagewesene Erscheinung. Man sah vor Augen, wie mächtig der Einfluss der Wissenschaft sey auf die geistigen Bewegungen der Zeit, und so empfahl es sich als höchste Maxime der Staatsklugheit, eine Universität vor allen Dingen zur Bildungsanstalt künftiger Beamten zu stempeln, und den Geist derselben den jedesmal herrschenden Wünschen und Absichten der Regierung anzupassen. Hätte man bedacht, was eigentlich in diesem Grundsatze liegt, und könnte es gelingen, consequent ihn durchzuführen, so würde ans Licht kommen, dass er in Wahrheit nichts Geringeres fordert, als jeden Keim der Zukunft der jedesmaligen Gegenwart aufzuopfern und so den Stillstand zu verewigen!
Wird nun irgend einmal unter den Gegenständen, welche in unserem Vaterlande einer nothwendigen Umgestaltung entgegengehen, die Reihe auch an unsere Universitäten kommen; wird man sich sodann die Frage zur klaren Entscheidung bringen müssen, ob sie auch künftig bloss Pflanzschulen für Beamte seyn sollen, oder wirklich und ungeschmälert freie Pflegerinnen der Wissenschaft, von denen der erste Antrieb zu jedem Weiterschreiten im Staate selber ausgehen müsse: so wird man gewiss auf denselben höchsten Grundsatz und wenigstens auf ähnliche Einrichtungen zurückkommen müssen, wie sie in Fichte’s Universitätsplane vorgeschlagen sind, und dieser näheren oder ferneren Zukunft mag dann eine erneuerte Erwägung desselben vorbehalten bleiben. —
Von den nun folgenden „vermischten Aufsätzen“ schien uns jeder beachtenswerth in verschiedener Beziehung, als Zeugniss von den Interessen, welchen sich Fichte’s Geist zu verschiedenen Zeiten zugewandt. Ehe er ganz von der Kantschen Philosophie dahingenommen wurde, war es sein höchstes Ziel, sich zum Kanzelredner zu bilden: was er darin erstrebte und für das Rechte hielt, mögen die abgedruckten Predigten zeigen, zusammengehalten mit der schon früher, im dritten Bande der „Nachgelassenen Werke“ (S. 209.), mitgetheilten. Alle drei scheinen uns nicht ohne urkundliche Kraft und Eigenthümlichkeit, den künftigen wissenschaftlich-popularen Redner ankündigend.
Von den weiteren Abhandlungen müssen wir „die Briefe über Geist und Buchstab in der Philosophie“ (1794, ursprünglich für Schillers Horen bestimmt) auszeichnen. Sie stammen aus der ersten, frischesten Zeit der Erfindung seines Systemes, und geben zugleich am Ausführlichsten von seinen ästhetischen Principien Kunde. Der ästhetische Trieb wird darin als das Mittlere zwischen dem Erkenntniss- und dem praktischen Triebe bezeichnet, als das Ideelle, die Vernunft, aber in Form der Natur, der Unmittelbarkeit des Bewusstseyns, wodurch der ästhetische Sinn, beiden Welten angehörend, beide eben vermitteln kann, weil Vernunft und Natur in ihm auf ursprüngliche Weise als Eins gesetzt sind. So hätte, diesem unmittelbarsten Entwurfe seines Systemes nach, die Aesthetik die dritte vermittelnde Disciplin zwischen den beiden Theilen der Wissenschaftslehre, dem theoretischen und dem praktischen, seyn sollen, — eine Auffassung, welcher indess keine weitere Folge gegeben worden ist, wiewohl sie auch in Fichte’s Sittenlehre (Bd. IV. S. 353.) noch dem Begriffe des Schönen und der Kunst zu Grunde gelegt wird, indem er das Princip derselben dort also bezeichnet: „dass die schöne Kunst den transscendentalen Gesichtspunct“ (den der Vernunft) „zum gemeinen“ (unmittelbaren) „mache.“ Wir finden in dieser Bestimmung keinen wesentlichen Unterschied von der in den späteren Systemen, das Schöne sey die Idee in sinnlicher Unmittelbarkeit, vielmehr dasselbe, wiewohl noch unausgeführt und in unbestimmtem Umrisse. Nur dies hinderte bei Fichte die fruchtbare Entfaltung dieses Gedankens, dass ihm das eigentlich nächste und unmittelbarste Gebiet dieses Sinnlichwerdens der Idee, die Natur, fortwährend blosse Sinnenwelt, ein schematisches, der Idee untheilhaftes Bewusstseyn blieb. Er konnte kein Naturschönes anerkennen, und deshalb musste er auf die Frage, wo die Welt des schönen Geistes sey, antworten: „Innerlich in der Menschheit, und sonst nirgends“ (S. 354.). Diese Ausschliesslichkeit gegen die Natur tritt nun in jener Abhandlung noch nicht hervor: das neue Princip sucht noch das Reich der Wahrheit sich zu gewinnen, ohne genau die Grenzen abzustecken oder Etwas von sich auszuschliessen, und solche ursprünglichen Urtheile müssen immer für die bezeichnendsten und dem eigentlichen Sinne des Principes gemässesten gehalten werden.[1] Vielleicht auch eines Kunsturtheils wegen kann der Aufsatz für merkwürdig gelten. In jener Zeit, als ganz andere Dichter das Publicum beherrschten, verkündete er, als einer der frühesten, die Grösse des Goetheschen Dichtergeistes, nicht in seinen damals allein etwa beliebten Jugendwerken, sondern in seinen späteren Dichtungen, indem es ihnen gelungen sey, gerade durch Mässigung der höchsten Kraft, die in sich harmonische Schönheit darzustellen. —
Die Abhandlung: „über Sprachfähigkeit und Ursprung der Sprache“ wird auf den ersten Anblick vielleicht merkwürdig erscheinen durch das befremdliche Resultat, auf welches sie hinausgeht. Entschieden ist wenigstens, dass Fichte späterhin die Sprache nicht bloss mehr für freies Erzeugniss einer schon ausgebildeten Vernunftthätigkeit hielt, wiewohl zuzugeben ist, dass er die volle Bedeutung der Sprache überhaupt zur Verwirklichung des Vernunftbewusstseyns im Einzelsubjecte, in keiner von seinen wissenschaftlichen Darstellungen vollständig gewürdigt hat.
Dennoch war der Grund von diesem Allem, wie eben aus jener Abhandlung deutlich erhellt, ein tiefer und ächt idealistischer. Die Vernunft ist das Ursprünglichste, Selbstständigste, Unabhängigste im Menschen; sie bedarf zu ihrer Wirklichkeit nicht, sich an Tonbildern zu befestigen, die sie vielmehr — (so sah man überhaupt damals dies Verhältniss an) — nur in zufällig willkürlicher Gestaltung aus sich hervorbringt. Statt sprechend, kann sie sich daher auch in der stolzen Innerlichkeit des Schweigens genügen. Deshalb behauptete er, dass man die Tonsprache für viel zu wichtig gehalten habe, wenn geglaubt worden sey, dass ohne sie kein Vernunftgebrauch habe stattfinden können. So war er auch bei anderer Gelegenheit auf die Frage: ob man nur in Worten zu denken vermöge, geneigt, darauf mit Nein zu antworten, wo jedoch die genauere Selbstbeobachtung ihn im Stiche lässt.
Es sey daher gestattet auf den gegenwärtigen Standpunct dieser Frage einen Blick zu werfen, um das Verhältniss jener Abhandlung zur philosophischen Sprachwissenschaft der Gegenwart bestimmter festzustellen. Seit W. von Humboldts Untersuchungen über diesen Gegenstand steht fest, dass von der Vorstellung, die auch Fichte hier vertritt, die Tonsprache sey erst ein Product des Bedürfnisses bei schon erwachter Vernunftthätigkeit gewesen, völlig abgesehen werden müsse. Das tonbildende Vermögen, so zeigte Humboldt, ist ein durchaus ursprüngliches, vom Seyn des Menschen unabtrennliches, mit unwillkürlicher Kraft, aber in tiefer Gesetzlichkeit, sich Luft machend: — was er nun an einer vergleichenden Physiologie und Semiotik der Laute weiter durchführt und mit grossem Reichthume der Beobachtung im Einzelnen begründet. Bis so weit nun, als Humboldt hierin führt, und von dieser Seite, ist der Grund und Ursprung der Sprachbildung aufgedeckt; aber die eigentliche Mitte des Problems ist damit noch nicht erreicht worden. Dies zum Bewusstseyn zu bringen, ist Fichte’s Abhandlung geeignet, die zugleich noch eine andere, von jener unabtrennliche Frage anregt, die Frage über das Verhältniss der Zeichen- zur Tonsprache.