Also: die lediglich auf eine willkürliche Terminologie sich gründende, durch nichts bewiesene Prämisse des Fichteschen Idealismus ist der Satz: Ich, oder Intelligenz, oder Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft sind durchaus identisch. — Diesem Satze stellt Nicolai als unmittelbar gewissen Satz entgegen: Mein Ich ist freilich unter anderen auch Intelligenz (denn indem er sagt, dass es nicht blosse Intelligenz sey, sagt er ohne Zweifel, dass es diese doch auch mit sey); aber es gehören noch ausser der Intelligenz mit dazu, Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft. — Durch diese Gegensetzung nun hebt er jene Fichtesche Prämisse auf, und sprengt, da ganz allein auf diese sich der ganze transscendentale Idealismus gründet, diesen zugleich mit in die Luft; denn cessante fundamento cessat fundatum.
Es ist zu beklagen, dass Nicolai nicht unmittelbar darauf, als er diese Widerlegung zu Ende gebracht hatte, aufgehenkt worden, damit er im Bewusstseyn dieses glorreichen Arguments seine speculative Laufbahn beschlossen hätte, und die Nachkommen hierbei seiner gedenken möchten. Zuvörderst ist sehr merkwürdig, dass in jenem Gegensatze, ausser und neben der Intelligenz, auch noch Vernunft, Denkkraft, Sinnlichkeit (denn die körperliche Kraft können wir ihm hier erlassen) aufgezählt wird. Hätte Nicolai seinen Fleiss auf eine Beschreibung der preussischen Armee gerichtet, so würde er bemerkt haben, dass der König ausser seiner Armee auch noch Infanterie gehalten hätte, und Husaren und Pfeifer.
Ferner stellt Nicolai, wie er immer thut, seinen Gegensatz so hin, als ob sich die Wahrheit desselben von selbst verstände. Also er führt ihn als eine Thatsache des unmittelbaren Bewusstseyns. Hatte denn Nicolai gar keinen philosophischen Freund — er selbst freilich konnte dies nicht wissen, ohnerachtet er sich zum Richter in Sachen der Philosophie aufwarf — der ihm gesagt hätte, dass es wohl etwa Thatsache genannt werden könne, dass man in einem bestimmten Falle vernehme, denke, empfinde, sinnlich wirke, dass aber Vernunft in Bausch und Bogen, und die Sinnlichkeit, und die Denk- oder körperliche Kraft, als Kraft, für Thatsachen des Bewusstseyns auszugeben, in jenem Zeitalter nur noch einem durchaus unkritischen Ignoranten zu verzeihen war?
Endlich war der Satz, dass das Ich, inwiefern es Subject-Object sey, die Intelligenz selbst, also Vernunft, Denkkraft, Willensvermögen, sinnliche Anschauung, physische Kraft sey, so wenig eine Prämisse jenes Systems, dass er vielmehr das System selbst war; und dieses in seinem ganzen Umfange nichts anderes zu thun hatte, als zu zeigen, dass alle jene Erscheinungen im Gemüthe nichts wären, denn die verschieden gebrochene und sich zu einander verhaltende Subject-Objectivität selbst. Auf diese Beweise und Ableitungen musste sich ein Gegner dieses Systems einlassen, und sie zu entkräften, oder Lücken und Mängel in ihnen zu entdecken suchen. Statt dessen zu widersprechen, wie unser Held es that, war gerade so, als ob ein Physiker aufgetreten wäre, und gesagt hätte: mir ist es ausgemacht, dass alle mögliche Farben nichts sind, als verschiedene Brechungen des Einen farblosen Lichtstrahls; und Euch anderen will ich dieses durch eine Reihe von Experimenten beweisen, indem ich durch bestimmte Brechungen desselben farblosen Lichtstrahls alle andere Farben vor euren eigenen Augen entstehen lasse; und einer aus dem Pöbel, ohne nach seinen Experimenten nur zu sehen, die Zunge herausgesteckt, dem Physiker Esel gebohrt, und geschrien hätte: der Narr denkt, alle Kühe sind weiss, er weiss noch nicht, dass es auch schwarze und gefleckte Kühe giebt. So wurde beim Hindurchgehen durch das Sehorgan unseres Helden alles schief, verzerrt und gar wunderlich. Es ist ihm während seines Lebens sehr häufig vorgeworfen worden, dass er alles, was er unter die Hände bekäme, hämischerweise verdrehe, und schmutzigerweise besudle. Wir nehmen ihn gegen diese Beschuldigung in Schutz. Es war sehr wahr, dass aus seinen Händen alles beschmutzt und verdreht herausging; aber es war nicht wahr, dass er es beschmutzen und verdrehen wollte. Es ward ihm nur so durch die Eigenschaft seiner Natur. Wer möchte ein Stinkthier beschuldigen, dass es boshafterweise alles, was es zu sich nehme, in Gestank, — oder die Natter, dass sie es in Gift verwandle. Diese Thiere sind daran sehr unschuldig; sie folgen nur ihrer Natur. Ebenso unser Held, der nun einmal zum literarischen Stinkthiere und der Natter des achtzehnten Jahrhunderts bestimmt war, verbreitete Stank um sich, und spritzte Gift, nicht aus Bosheit, sondern lediglich durch seine Bestimmung getrieben.
Zwölftes Capitel.
Wie es zugegangen, dass unser Held unter allen diesen Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein Zeitalter gehabt.
Wir würden ein grosses Mistrauen in die Penetration unseres Lesers setzen, wenn wir nöthig fänden, nach allem Gesagten hinzuzusetzen, dass wir Friedrich Nicolai für den einfältigsten Menschen seines Zeitalters halten, und nicht glauben, dass irgend etwas recht Menschliches an ihm gewesen, ausser der Sprache.
Dass er nun von dieser seiner grossen Geistesgebrechlichkeit selbst durchaus nichts gespürt, und mit der Meinung aus der Welt gegangen, er, der allereinfältigste, sey gerade der allerklügste, ist kein Wunder; denn diese Meinung von sich selbst, und diese totale Unerschütterlichkeit durch irgend ein fremdes Urtheil, folgte aus seiner extremen Dummheit selbst, und er hätte um ein gutes Theil weniger dumm seyn können, ehe er begriffen hätte, dass er dumm sey.
Aber er hat auf seine Zeitgenossen gewirkt, und ist, zwar nicht öffentlich anerkannt, aber wie der unparteiische Forscher gestehen wird, wirklich und in der That, der Urheber eines grossen Theils des Meinungssystems gewesen, welches in seinem Zeitalter die Mittelmässigkeit zu dem ihrigen gemacht hatte. Wir geben wohl etwa in einer Beilage nähere Nachweisung über dieses Meinungssystem[16].
Wie in aller Welt ging es nun zu, dass diesmal die Armuth ihr Eigenthum beim Bettel, die Einfalt ihre Weisheit bei der Dummheit, die Schielenden ihre Einsichten beim Stockblinden holten, da sie doch dieses alles auf eigenem Boden, und durch ihre eigenen Augen weit besser hätten erzeugen können?
Den Menschenkenner kann dies sonderbare Phänomen nicht befremden, wenn er nur weiss, dass unser Held bei seiner extremen Dummheit zugleich einer der rührigsten und der allerunverschämteste unter seinen Zeitgenossen war. Er trug kein Bedenken, alles, was ihm durch den Kopf ging, sogleich auf allen Dächern zu predigen, und es unaufhörlich an allen Ecken den Leuten in die Ohren zu rufen; und liess sich schlechthin durch nichts irre machen oder aus der Rede bringen. Das Volk, das nicht selbst arbeiten mag, und dem von allen Seelenkräften beinahe nur das Gedächtniss zu Theil geworden, konnte nicht umhin, jene Weisheit sich endlich zu merken. Sie hatten nun längst vergessen, von wem sie dieses alles zuerst gehört hätten, sie erinnerten sich nur noch dunkel, dass sie es einmal gewusst, und glaubten nach und nach, sie hätten es selbst entdeckt und wahr befunden. Es fiel ihnen in den Gemeinschatz der ausgemachten Wahrheiten und Thatsachen: und es war allerdings Thatsache, dass sie es oft genug gehört hatten. Und so ward unser Held der Urheber eines grossen Theils der Denkart seines Zeitalters, ohne dass eben jemand ihm sonderlich dafür dankte, noch wusste, woher diese Denkart eigentlich wäre. Er aber wusste es; und die schreiende Unerkenntlichkeit der Zeitgenossen, um die er sich doch so sehr verdient gemacht, mag sehr viel zu der üblen Laune seines höheren Alters beigetragen haben.