Es ist zu beklagen, dass ich daran ein Paradoxon sage; denn dies ist jede einem jedem gerade vor den Füssen liegende Wahrheit jedem verkünstelten Zeitalter. Könnte ich nur einige Augenblicke auf unbefangene Leser rechnen, so würde ich sie bitten, folgendes mit mir zu überlegen.
Der Leser will doch ohne Zweifel ein richtiges Urtheil über die Producte der Kunst und der Wissenschaft, auf das er sich auch verlassen könne. Wer kann denn nun, und wer soll diese Urtheile fällen? Doch wohl die ersten Meister in jedem Fache der Kunst und der Wissenschaft?
Wenn nun zuvörderst der einige grösste Meister in einem Fache — denn es ist doch wohl nicht anzunehmen, dass die Grossen wie Pilze aus der Erde wachsen — etwas schriebe, wer soll denn diesem sein Urtheil fällen? Wer soll gegenwärtig in der Kunst über Goethe, wer sollte zu seiner Zeit in der Philosophie über Leibnitz, wer sollte, als Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft hervortrat, über Kant urtheilen? Ueber den letzten etwa die Garve, die Eberharde? Nun, sie haben es gethan, und es ist darnach. Diesen Fall aber abgerechnet: sollten denn die grössten Meister die Geneigtheit haben, dieses Richteramt über die Schriften zu übernehmen; sollten sie nicht etwas Besseres thun können, das dem gemeinen Wesen noch erspriesslicher sey? — Der Lebenslauf jedes wahrhaften Künstlers oder wissenschaftlichen Kopfs ist eine fortgehende Entwickelung seiner eigenen Originalität. Seine Kunst oder seine Wissenschaft erlernt, und auf den Punct sich erhoben, wo das Zeitalter stand, hat er; das versteht sich, und dies ist nun vorbei. Er geht seinen Gang, entwickelt sich selbst in eigenen Schriften, die er bei der vorausgesetzten Ausbreitung des Buchhandels leicht ins Publicum bringen kann; von den Arbeiten anderer nimmt er Notiz, nur inwiefern sie gerade seinen Gang berühren, und ihm im oder am Wege liegen, und er wird ohne Zweifel in seinen eigenen Werken die nöthige Rücksicht darauf nehmen. Sollte er sich wohl in diesem Kreise unterbrechen lassen, um sich alle Wochen in einen ganz anderen Kreis eines ihm zur Recension zugesandten Buches zu versetzen? Es ist nicht wahrscheinlich.
Oder hat etwa das deutsche Publicum bis jetzt in allem Ernste geglaubt, dass es zwei Klassen grosser Gelehrten habe: die eine, deren Namen es kennt, und die die Bücher schreiben; und die zweite, wohl ebenso bedeutende, deren Namen es nicht kennt, und die die Recensionen schreiben?
Wer selbst ein Buch schreiben kann, der schreibt ein Buch und keine Recension, und für die Recensionen bleiben in der Regel nur diejenigen übrig, die kein Buch schreiben können: hinter ihrem Zeitalter zurückgebliebene Invaliden, deren Bücher keinen Absatz, und also keinen Verleger finden, und Schüler, die zwar ein Aufsätzchen in Grösse einer Recension zusammenbringen, aber nicht den Plan eines Buchs entwerfen können. Dafür, meine Leser, dafür ist die Anonymität der Recensenten. Das Publicum würde ein schönes Schauspiel erhalten, wenn die Redactoren der recensirenden Institute plötzlich genöthigt würden, die Verfasser aller seit 5 Jahren erschienenen Recensionen zu nennen. — In der Regel ist es so, habe ich gesagt: denn es ist möglich, dass ein wirklicher Schriftsteller etwas in seinen gegenwärtigen Gedankenkreis Fallendes beurtheile, und da er gerade kein Buch unter der Feder hat, in welches diese Beurtheilung passe, sie vorläufig in einem recensirenden Blatte abdrucken lasse. Auf dergleichen Beiträge aber rechnet ganz gewiss kein Redacteur, der seinen Messkatalog herunterrecensiren lassen, und sein Blatt alle Tage voll haben muss: er muss bestellte, pünctliche Arbeiter haben. Oder es dürfte sich, da das leidige Vorurtheil für Recensionen einmal in der Welt ist, und vor der Hand wohl nicht leicht auszurotten seyn dürfte, eine Gesellschaft von Männern, die allerdings selbst Meisterwerke liefern könnten, verbinden, sich selbst zu verläugnen, und auf dem Wege des Recensirens in das Zeitalter einzugreifen. Die Redaction der Erlanger Literaturzeitung leistet in einer neuerlichen Ankündigung Versprechungen dieser Art, und zeigt, dass sie durchaus wisse, worauf es dabei ankomme; so dass sich billigerweise annehmen lässt, sie sey im Besitze des Mittels, diese Versprechungen zu halten, und gründe sich auf eine solche patriotische Verbindung; auch berechtigt der Anfang zu immer grösseren Hoffnungen auf die Zukunft. Diese Zeitung würde sodann eine höchst seltene und höchst ehrenvolle Ausnahme von dem obigen allgemeinen Urtheile machen.
Ein Invalid also, oder ein Schüler wird in den 8 oder 14 Tagen, da er das Buch flüchtig durchläuft, und recensirt, sich über den Autor erheben, der Jahre lang, oder vielmehr, da jede seiner Arbeiten doch immer Resultat seines ganzen Lebenslaufes ist, sein ganzes Leben an diese Materie ausschliessend verwendete? Es ist nicht wahrscheinlich.
Der Invalid — mit ihnen sind diejenigen literarischen Institute, die auf Reputation halten, am meisten besetzt, damit sie im Falle der Noth sich mit einem Namen decken können, der vor 20 Jahren galt — der Invalid wird das Zeitalter, in welchem er etwas bedeutete, in seinen Recensionen zurückzuführen suchen, und alles neue verurtheilen, weil es neu ist. Der Schüler wird, wenn er noch am unbefangensten ist, auf seinem Richterstuhle herumtappen, und vor den Lesern, die ein Urtheil von ihm erwarten, zu begreifen suchen, worüber er richtet. Seine Recension wird eine seiner Schulübungen werden.[21]
Und welche verächtliche Leidenschaften werden durch diese ganze Verfassung erregt und genährt! Welcher Eigendünkel bei guten Jünglingen, welche grösstentheils dergleichen Einrichtungen wirklich für das halten, was sie seyn müssten, wenn sie überhaupt seyn sollten! Der Wahl tappender und schielender Redactoren vertrauend, glauben sie vom Tage ihrer Einladung zur Mitgliedschaft einer berühmten Recensentengilde wirklich die Fähigkeiten zu besitzen, die sie in ihrer Unbefangenheit den Recensenten zuschreiben, zürnen auf ihre redlichen Lehrer, welche vielleicht diese Fähigkeiten in ihnen noch nicht bemerken wollten, und ergreifen die Gelegenheit, diesen ihre Uebermacht fühlbar werden zu lassen![22] Welche schöne Aussichten für Literaten aller Art, ihre gelehrte Eifersucht, ihren Neid, ihre Rachsucht gegen jeden, der ihnen irgendwo im Wege gestanden, zu befriedigen, ohne dass jemand wisse, woher die Streiche kommen! Jeder Gedrückte tröstet sich in aller Stille damit: ei, ich will ihm schon einmal in einer Recension eins versetzen; und er hält Wort. — Welches Schauspiel würde das Publicum auch in dieser Rücksicht erhalten, wenn die Redactoren plötzlich genöthigt würden, die Verfasser der bisher erschienenen Recensionen anzugeben; und die recensirten oder gelegentlich angezapften Schriftsteller hierauf anfingen, Particularia und Personalia zu erzählen!
Welch ein ganz eigener Ton, der besonders in den Verantwortungen angefochtener Redactoren und noch stärker in den Antworten der durch die Anonymität gedeckten Recensenten auf Antikritiken, in seiner ganzen Originalität erscheint! Da stösst ein Mann, der im Grunde weder witzig noch hitzig ist, und es sehr gut weiss, dass er unrecht hat, sich bei jedem Athemzuge in die Rippen, um die Langmüthigkeit seiner Natur zum Zorne, zur Grobheit, zur Pöbelhaftigkeit zu reizen; jener lediglich, um sein Blatt beim Publicum, dieser, um sich beim Redacteur, der allein ihn kennt, in Respect zu erhalten. „Ei, die verstehns; die wissen recht einem jeden eins zu versetzen,“ soll der Lesepöbel denken.
Welch ein abenteuerliches System von Begriffen und Meinungen, das aus dieser Einrichtung hervorgegangen ist! Zuvörderst der Begriff einer Kritik, die ausserhalb der Meister und der Meisterschaft und von ihnen abgesondert wohnen soll! Eine Partei, die die Werke liefert, ohne Kritik; eine andere Partei, die die Kritik besitzt, und sie über die Werke anderer hingiesst, ohne selbst Werke hervorzubringen. Dann der Begriff von einer Urtheilsfreiheit der Gelehrten: d. h. dass es jedem, der einige Perioden deutsch zu schreiben vermag, erlaubt seyn müsse, über alles Geschriebene in den Tag hineinzuschreiben, ob er davon etwas gelernt habe, oder nicht, und dass über sein Geschwätz kein anderer lachen dürfe. Dann die Meinung, dass jedes erscheinende Buch ein corpus delicti sey, das sogleich vor den Richterstuhl gezogen werden müsse; dass die Bücher eigentlich nur darum geschrieben würden, um recensirt zu werden; und dass die Recensenten weit vornehmere Wesen seyen, als die Schriftsteller; dass nur schlechte Schriftsteller sich gegen die — Kritik, verstehe die Recensenten, auflehnen, gute aber sich ihr demüthig unterwerfen und sich bessern. — Armes Publicum, dass du dir dergleichen Dinge aufbinden lassen! Wisse, dass jedes Werk, das da werth war zu erscheinen, sogleich bei seiner Erscheinung gar keinen Richter finden kann; es soll sich erst sein Publicum erziehen, und einen Richterstuhl für sich bilden; es ist eine Lection an dich, gutes Publicum, und kein corpus delicti. Spinoza hat über ein Jahrhundert gelegen, ehe ein treffendes Wort über ihn gesagt wurde; über Leibnitz ist vielleicht das erste treffende Wort noch zu erwarten, über Kant ganz gewiss. Findet ein Buch sogleich bei seiner Erscheinung seinen competenten Richter, so ist dies der treffendste Beweis, dass dieses Buch ebensowohl auch ungeschrieben hätte bleiben können.