[20] In seiner Schrift: über das idealistisch-atheistische System des Herrn Prof. Fichte.

Zweite Beilage.
(Zum zweiten Capitel.)

Gegen die Schilderung Mendelssohns im Texte, dass er ein Mann von dem besten Willen, aber von eingeschränkten Einsichten und Zwecken gewesen sey, wird ohne Zweifel niemand etwas einwenden, der diesen Mann aus seinen Schriften und öffentlichen Verhandlungen, aus dem Lessingschen Briefwechsel, und etwa auch aus mündlichen Erzählungen kennt; — wenn nemlich der Beurtheiler nicht etwa selbst von eingeschränkten Einsichten und Zwecken ist. Mit Beurtheilern der Art aber wollen wir hier nicht die Zeit verlieren.

Dass Lessing — wir beziehen uns hier allenthalben auf die früheren Schriften desselben und die von seinem Bruder herausgegebene Lebensbeschreibung und Briefwechsel, und wünschten, dass der Leser, der ein Urtheil in dieser Sache begehrt, damit sehr bekannt wäre, — dass, sage ich, Lessing in seiner frühen Jugend sich in einer unbestimmten literarischen Thätigkeit herumgeworfen, dass alles ihm recht war, was nur seinen Geist beschäftigte und übte, und dass er hierbei zuweilen auf unrechte Bahnen gekommen, wird kein Verständiger läugnen. Die eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes scheint in seinen Aufenthalt in Breslau zu fallen, während dessen dieser Geist, ohne literarische Richtung nach aussen, unter durchaus heterogenen Amtsgeschäften, die bei ihm nur auf der Oberfläche hingleiteten, sich auf sich selbst besann, und in sich selbst Wurzel schlug. Von da an wurde ein rastloses Hinstreben nach der Tiefe und dem Bleibenden in allem menschlichen Wissen an ihm sichtbar; und eine der deutlichsten Erscheinungen dieser Veränderung war eine sich durchaus nicht verbergende Verachtung gegen Nicolai’s Person, und ganzes Werk und Wesen, indess er die gutmüthige Beschränktheit Mendelssohns fortdauernd mit schonendem Stillschweigen trug.

Schon früher hatte er unserem Helden die Verweise seiner Unwissenheit, Ungeschicktheit und Suffisance nicht erlassen. (M. s. S. 98 ff. u. S. 109 ff. des von Nicolai selbst edirten Briefwechsels.) Von jetzt an correspondirte er mit ihm nur noch über Verlagsangelegenheiten, um ihm Aufträge zu geben, z. B. dass er ihm Schuhe überschicken solle, und um Neuigkeiten von der Buchhändlermesse durch ihn zu erhalten. Sein Vertrauen hatte Nicolai so wenig, dass Lessing unverhohlen über einen gewissen Plan ihm schrieb: den könne er ihm nicht mittheilen, der müsse unter den Freunden (Klopstock, Bode u. a.) bleiben; ohnerachtet er freilich fürchtete, dass ihm beim Herumgehen um das Thor zu Leipzig ein Wink darüber entschlüpft seyn möchte (S. 177 des angeführten Briefwechsels); seine literarische Unterstützung und Billigung der Unternehmungen so wenig, dass Lessing nie eine Recension in die D. B. verfertigt, so sehr auch Nicolai suchte, ihm dergleichen abzuschmeicheln (S. 147), und sich genöthigt fand, dies öffentlich zu erklären (S. 255), und dass er nicht dazu zu bringen war, ihm Beiträge aus der Wolfenbüttelschen Bibliothek für seine (Nicolai’s) Volkslieder zu senden, „indem doch der ganze Spass nur auf Verwechselung des Pöbels mit dem Volke hinauslaufe“ (S. 393). Man sehe dagegen, mit welcher Dienstfertigkeit und innigen Achtung derselbe Mann Conrad Arnold Schmid (29. Theil der Lessingschen Schriften) und den fleissigen, biederen Reiske (28. Theil) behandelte. Einen Zug in einer Nicolaischen Recension nannte Lessing, kurz und gut, sowie er es wirklich war, ihm unter die Augen hämisch (S. 213 d. a. Briefwechsels). Nicht nur Nicolai’s Person, sein ganzes Werk und Wesen verachtete er. So war ihm die Aufklärerei und der Neologismus in der Theologie, wie er in der D. B. getrieben wurde, ein wahrer Gräuel, und er drückte unter vier Augen sich oft kräftig darüber aus. So schreibt er seinem Bruder (30. Theil S. 286): „was ist sie anders, unsere neumodische Theologie gegen die Orthodoxie, als Mistjauche gegen unreines Wasser?“ Und auf der folgenden Seite: „Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, welches man jetzt (wo anders als in der D. B.?) an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluss auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaasst.“

Wielands Pläsanterie über den Bunkel findet er so gerecht als lustig (29. Theil S. 495). Was er daselbst noch weiter hinzusetzt, — ohnerachtet es auf eine unseres Erachtens sehr unrichtige Voraussetzung sich gründet, — um Nicolai zu entschuldigen, zeigt doch wenigstens an, zu welcherlei Handwerk Lessing diesen Mann allenfalls noch tauglich gefunden: „zu Verbreitung — solcher Ideen, die für ein gewisses Publicum, das doch auch mit diese Stufe besteigen müsse, wenn es weiter kommen solle, ihren Werth hätten, durch — so einen Roman.“

Und Nicolai, der sich mit Lessings Freundschaft brüstete, der die Ehre des Todten gegen den Vorwurf vertheidigte, dass er — kein so seichter Kopf gewesen sey, als ein Nicolai, hat die Stirn, seinen Briefwechsel mit Lessing, aus dem wir oben Auszüge geliefert, selbst herauszugeben? Warum nicht? Er hat lange Noten dazu gemacht, in denen er sich herausredet, Lessing für einen wunderlichen Kopf, für einen übellaunigen Brummer, für ein überspanntes Genie ausgiebt, und seine ihm (dem Nicolai) selbst ungelegenen Meinungen aus der leidigen Paradoxie und Disputirsucht erklärt.

Heiliger Schatten, vergieb uns, dass wir in demselben Zusammenhange von dir redeten und von ihm. Wenn auch keine deiner Behauptungen, wie du sie in Worte fasstest, die Probe halten, keines deiner Werke bestehen sollte, so bleibe doch dein Geist des Eindringens in das innere Mark der Wissenschaft, deine Ahnung einer Wahrheit, die da Wahrheit bleibt, dein tiefer inniger Sinn, deine Freimüthigkeit, dein feuriger Hass gegen alle Oberflächlichkeit und leichtfertige Absprecherei unvertilgbar unter deiner Nation!

Dritte Beilage.
(Zum zweiten Capitel.)

Ich nenne die deutsche Bibliothek ein an sich widersinniges Unternehmen. Dies ist unter einer Nation, die in ihrer eigenen Sprache schreibt, ihre eigene Literatur und einen sehr verbreiteten Buchhandel hat, und viel liest, der Strenge nach jedes allgemeine Recensionswerk.