Es wäre gewiss eine interessante Untersuchung anzustellen, wie dieses kostbare Ueberbleibsel des Alterthums in einen solchen Zustand gekommen, und wir muntern alle unsere jungen Kritikbeflissenen auf, an dieser Untersuchung ihre Kräfte zu üben. Zwar behauptet ein grosser Gelehrter, dessen wir mit hoher Ehrerbietung erwähnen, dass diese Handschrift von den berühmten Blutigeln, welche Friedrich Nicolai von aller Geisteserscheinung auf immer geheilt, so zerfressen worden: eine höchst scharfsinnige Muthmaassung. Jederman aber sieht ein, dass dieselbe ungereimt ist; denn die Blutigel fressen kein Papier.

Indessen gebe ich dem Leser mein Wort, dass ich dieses Capitel aus Handschriften sicher wiederherstellen, und es zu seiner Zeit durch den Druck bekannt machen werde. Ich schlage dafür den Weg der Pränumeration ein. Liebhaber haben die Güte sich im Comptoir der Allgemeinen Literaturzeitung zu melden.

Der erste wahre Autor dieser Lebensbeschreibung
im Jahre 1840.

[23] Es findet sich hier ein Dissensus der Geschichtschreiber. Einige sagen, dass auch das gegenwärtige dreizehnte Capitel in dem erwähnten diebischen Vordrucke mit abgedruckt gewesen, Nicolai daher unmöglich habe thun können, wovon ihm vorhergesagt worden, dass er es thun werde. Er habe bloss kurz gesagt: der zukünftige Verfasser dieser vorgedruckten Schrift müsse sehr eitel und einbildisch seyn, um zu glauben, dass man gegen seine leidenschaftliche und schmutzige Broschüre sich ernsthaft vertheidigen werde; so etwas übergehe ein Ehrenmann, wie er sey, mit stillschweigender Verachtung. — Die 48 Alphabete, das unablässige Dictiren und der Tod, welches alles an sich wohl guten Grund habe, habe sich auf eine andere Veranlassung begeben. Ein anderer Theil der Geschichtschreiber berichtet, dass entweder das gegenwärtige dreizehnte Capitel nicht mit vorgedruckt worden, oder dass Nicolai doch gethan, was er nicht lassen können, unerachtet man es ihm vorausgesagt, und dass alles sich durchaus so zugetragen habe, wie wir es oben erzählen. Hieraus ersieht sonach der geliebte Leser, dass das letztere die allein wahre und richtige Meinung ist; und wir wollen keinem rathen, das Gegentheil anzunehmen, widrigenfalls es ihm in der nächsten Recension, die wir verfertigen, übel ergehen soll.

Der erste einzig wahre Verfasser dieser Lebensbeschreibung
im Jahre 1840 — zugleich Recensent an der
weltberühmten allgemeinen Literaturzeitung.

[24] Das Folgende sind Herrn Nicolai’s eigne Worte, S. 174. f. der angeführten Anzeige; und selbst diese Citation geschieht in Nicolai’s eignen Worten.

Inhalt

Seite
Einleitung[4]
Erstes Capitel. Höchster Grundsatz, von welchem alle Geistesoperationen unsers Helden ausgegangen sind[10]
Zweites Capitel. Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten Grundsatze gekommen seyn möge[11]
Drittes Capitel. Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz im Leben unsers Helden sich geäussert habe[18]
Viertes Capitel. Worauf es, zufolge dieses höchsten Grundsatzes, unserm Helden bei allen seinen Disputen angekommen sey[21]
Fünftes Capitel. Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus diesem höchsten Grundsatze[23]
Sechstes Capitel. Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers Helden, zufolge jenes höchsten Grundsatzes[26]
Siebentes Capitel. Eine andere fast noch unglaublichere Meinung unsers Helden von sich selbst, zufolge jenes höchsten Grundsatzes[32]
Achtes Capitel. Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine und seiner Gegner gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten Grundsatze[36]
Neuntes Capitel. Wie unser Held, zufolge seines höchsten Grundsatzes, sich zu nehmen gepflegt, wenn derselbe angefochten worden[40]
Zehntes Capitel. Ein Grundzug des Geistescharakters unsers Helden, der aus jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte[49]
Eilftes Capitel. Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem ersten Grundzuge und höchsten Grundsatze unsers Helden erfolgt sind[51]
Zwölftes Capitel. Wie es zugegangen, dass unser Held unter allen diesen Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein Zeitalter gehabt[59]
Beilagen[61]

Deducirter Plan
einer
zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt.

Geschrieben im Jahre 1807
von
Johann Gottlieb Fichte.