Nicolai verwendete gegen diese also erschienene Lebensbeschreibung seine ganze polemische Taktik. Zuerst versuchte er, dieselbe zu ignoriren, und an der Erziehung Fichte’s und seiner Genossen so unbefangen, wie bisher, fortzuarbeiten. Als dieses sich nicht thun liess, griff er zum Fache des Erhabenen, verbreitete selbst die Schrift durch seinen Buchhandel, erklärte öffentlich, dass der Spass so übel nicht sey, und dass er selbst bei mehreren Stellen gelacht habe; — nur hätte, fügte er hinzu, der Autor sich kürzer fassen sollen. Hierauf begab er sich mitten in das Gründliche und Ausführliche hinein; erzählte, zur Widerlegung des Vorgebens, dass er nie eines gelehrten Unterrichts genossen, seine ganze Jugendgeschichte, wie er erst die Buchstaben kennen gelernt, darauf buchstabiren, dann lesen, sodann schreiben; wiederholte alle Lectionen, die er von Jugend auf erhalten, vollständig, legte zum Beweise seiner Wahrhaftigkeit seine Schreibebücher, in einem saubern Holzschnitte nachgestochen, und abgedruckt, und alle seine exercitia stili bei. Dies gab 4 Alphabete; Format und Druck, wie in den Beilagen zu seinen Reisen. Er setzte hierauf sein wahres Verhältniss mit Lessing durch ausführlichere und deutlichere Noten zu dem schon gedruckten Briefwechsel, und durch die Erzählung aller „Discurse,“ die er in seinem Leben mit jenem geführt, auseinander; ebenso bewies er durch die vollständige und ausführliche Aufführung aller Discurse, die er mit Moses Mendelssohn geführt, dass derselbe keinesweges ein Mann von eingeschränkten Begriffen und Zwecken gewesen. Dies gab abermals 4 Alphabete, in besagtem Format und Druck. Er erzählte ferner alle die Gedanken, die er so bei sich geführt, als er mit der Stiftung der allgemeinen deutschen Bibliothek umgegangen; erzählte die pragmatische Geschichte jeder in dieser Bibliothek befindlichen Recension, so wie jeder seiner eignen Schriften; brachte, um zu beweisen, wie er ehedessen geschätzt worden sey, alle Briefe der Gelehrten an ihn bei; bewies nochmals, noch einleuchtender als ehemals, die für den Kryptokatholicismus beigebrachten Facta; zählte, um zu zeigen, dass er kein Badaud und Tölpel, sondern ein Mann von Welt und Lebensart sey, alle königliche und fürstliche Personen, Minister, Generale, Gesandte u. s. w. auf, die er in seinem Leben gesehen, und mit ihnen gesprochen, erzählte, was er mit ihnen gesprochen, bei ihnen gegessen und getrunken, welche witzige Einfälle er gehabt, legte alle die Schachpartien vor, die er in seinem Leben mit hohen Personen gespielt: — und wir müssten die Geduld haben, die er hatte, oder die Inhaltsanzeige seines Werks nachdrucken lassen, um vollständig zu verzeichnen, was er alles beibrachte. Das Ganze belief sich auf 16 Alphabete, in besagtem Format und Druck, und war um einen äusserst civilen Preis in seiner Handlung zu haben. Kein Mensch las oder kaufte diese 16 Alphabete.

Unser Held stutzte; aber bescheiden, wie er immer gewesen, sahe er bald ein, wo der Fehler läge, und war aufrichtig genug gegen sich selbst, sich denselben zu gestehen. Er fand, dass er noch nicht deutlich, ausführlich, kräftig, lebhaft und witzig genug geschrieben habe. Er verfasste daher 32 Alphabete in demselben Format, um auf die ersten 16 aufmerksam zu machen; erläuterte, ergänzte, verstärkte, und brachte noch weit mehr Spässe an. Diese 32 Alphabete waren um einen noch civilern Preis in seiner Buchhandlung zu haben; aber kein Mensch kaufte oder las diese 32 Alphabete, ebensowenig, als die sechszehn.

Noch nicht deutlich genug! sagte er bei sich selbst. Das sind die fatalen Geschäfte, die einem alle Zeit rauben. Aber ich will mich endlich frei machen.“ So übergab er seine Handlung und die Redaction seiner geliebten allgemeinen Bibliothek in treue Verwaltung, zog auf das Land, schloss sich ein, und dictirte unablässig Tag und Nacht fort einem Dutzend Schreibern. Aber auch die nunmehrige Deutlichkeit und Vollständigkeit genügte ihm nicht, und sein Stündlein überfiel ihn, ehe er vollendet hatte und mit sich selbst zufrieden war.[23]

Sein alter Freund hatte die Besorgung der Verlassenschaft übernommen. Gern hätte er den schriftstellerischen Nachlass des Vollendeten durch den Druck der Welt mitgetheilt; aber es fand sich, dass das Unternehmen einiger Tausende von starken Bänden die Kräfte des Zeitalters übersteige, er beschloss daher auf einem ganz andern Wege diesen kostbaren Nachlass aufzulösen, den Geist desselben zu entbinden und in das Universum hineinströmen zu lassen.

Es wurde auf seinen Befehl unter freiem Himmel folgendes Denkmal errichtet. Man gab den hinterlassenen Handschriften die Form eines ruhenden Kolossen, dessen äussere Gestalt und Bildung dem Seligen so nahe kam, als möglich. Zur Unterlage diente ihm die allgemeine deutsche Bibliothek, zum Kopfkissen die alte und neue Berliner Monatsschrift, die Backenseiten waren durch die neuern Hefte der Jenaischen Literaturzeitung unterstützt. Der alte Freund hatte von allen Parteien einige zur Einweihung des Denkmals eingeladen, damit sie unter der Beschattung desselben sich brüderlich vereinigen möchten. Da standen, durch das gemeinschaftliche Leid endlich verträglich gemacht, und insgesammt Ein Herz und Eine Seele, Reinhard und Zöllner, Gedike, die beiden Schlegel, Biester, Tieck, Jacobi, der Hofrath Schütz, Reinhold, die Jesuiten, die Bibliothekare, und die Grossen alle.

Durch eine wunderbare Fügung hatten Fichte und Schelling, die unter den Eingeladenen sich befanden, und mit den Rücken an das papierne Denkmal sich angelehnt hatten, sich gerade,[24] „jener mit Hasenbraten, dieser mit einer wilden Schweinskeule allzuvoll gestopft, — wie denn dies dem ernsthaftesten Philosophen unvermerkt begegnen kann — und der eine konnte nun schlechterdings nicht, er mochte sich anstrengen, wie er wollte, an der Bestimmung des Menschen, noch der andere an der Deduction der Kategorien der Physik weiter fortarbeiten, sondern sie mussten endlich die Feder wegwerfen und zum Rhabarber greifen.“ — — — —

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O, nie genug zu beweinender Schade! Gerade von dieser Stelle an, wo man nun das Interessanteste erwartet, ist unsre Handschrift so zerfressen, dass wir mit aller Conjecturalkritik keinen Sinn herausbringen können, und uns durchaus ausser Stand befinden, anzugeben, was es mit der in der Aufschrift gemeldeten Wiederbelebung unsers Helden für eine Bewandtniss gehabt, durch welches wunderbare Mittel sie erfolgt, und ob es der eigentliche wahre fleischliche Leib desselben, oder der beschriebne papierne gewesen, in welchen die Seele zurückgekehrt. So viel wird uns aus einigen übriggebliebenen Sylben wahrscheinlich, dass alle die genannten, und noch mehrere an dem Wunder Antheil gehabt; und nach manchen ganz unleserlichen Seiten bringen wir gegen das Ende der Schrift noch folgendes heraus:

— „vordere Mund, den der Freund so inbrünstig küsste. — Indessen dehnten und reckten sich die zwei fest umschlungenen Heroen aus über das ganze Land, die Umrisse ihrer Glieder verschwanden, so wie sie selbst, und es blieb an ihrer Stelle nur eine lieblich dämmernde Aufklärung übrig. Alle Umste“ — —

Von da an ist das Manuscript wieder völlig zerfressen und unleserlich.