Nicolai war und ist eigentlich seines Zeichens ein ausgemachter Berliner Badaud, so sehr er sich auch für einen Weltkenner hält. Es gehört eben mit zum Charakter eines Badaud, dass er sich für einen Weltkenner halte. Ein Berliner Badaud, habe ich gesagt; nicht, als ob man nicht ebensowohl ein Wiener, oder Pariser, oder auch ein Golitzer und Kohlgartenscher Badaud seyn könnte, oder als ob die Berliner mehr Hang hätten, es zu seyn, als die Bewohner anderer grossen Städte, sondern weil der Badaud, von welchem ich hier rede, nun einmal aus Berlin ist. Ein Badaud ist nemlich ein Mensch, der, um ganz populär davon zu sprechen, nie hinter seinem Backofen hervorgekommen ist, daher sich einbildet, es müsse allenthalben in der Welt so aussehen, wie hinter seinem Backofen, und, wenn er doch einmal hervorkommt, alles, was er erblickt, maulaufsperrend bewundert. Mein Dictionnäre übersetzt dieses Wort durch Maulaffe. Nicolai’s ganze Reise ist die Reise eines solchen Maulaffen. Alles, von den heiligen Bildern an bis zu den geflochtenen Zöpfen der Tübinger Mädchen begafft er voll Verwunderung. Und lediglich aus dieser bewundernden Gafferei des Berliner Badaud entstand das Geschrei über Katholicismus, und hinterher, da seine Bibliothek angefochten wurde, über Kryptokatholicismus.

Was hat man denn durch alles dieses Geschrei der Welt entdeckt, das nicht jeder, der weitergekommen als Nicolai, oder der auch nur die Geschichte und einige Reisebeschreibungen gelesen, oder einige Fremde gesprochen, schon vorher auch gewusst hätte? „Es sey mit der Aufklärung (es war immer nur von der Nicolaischen negativen Aufklärung, der Befreiung von diesem oder jenem Aberglauben, die Rede) der Katholiken noch gar nicht so weit gekommen, als etwa gutmüthige Protestanten glauben dürften.“ Ei, wer waren denn diese gutmüthigen Protestanten? Doch wohl nur Nicolai und seine Bibliothekare, welche ihr Licht in jene Länder verbreitet zu haben hofften. „Es werde in den katholischen Ländern durch die Mönche noch immer der alte Aberglauben aufrechterhalten, auch wohl noch neuer hinzugebracht.“ Wer hatte es denn je anders gewusst oder gesagt? „Der Papst nehme seine Behauptungen in der Regel nie zurück; er rechne auch die protestantischen Länder gewissermaassen noch immer unter seinen Sprengel, und suche sie besonders durch Bekehrungen in den deutschen fürstlichen Familien in den Schooss der Kirche zurückzuführen.“ Wer hat denn die Geschichte gelesen und dies nicht gewusst; wer hat aber auch nicht gewusst, dass in Absicht der Unterthanen dies nichts fruchtet, und sie sich ihre Religionsprivilegien nur noch fester versichern lassen? Woher denn nun jetzt auf einmal der Lärm, nachdem Friedrich Nicolai auf Reisen ging? War denn alles dies etwas Neues, erst jetzt Entdecktes? Ich könnte nicht sagen; ausser etwa für Nicolai und seines Gleichen. Oder wurden etwa jetzt jene Bemühungen kräftiger und glücklicher? Keinesweges, vielmehr geschah ihnen gerade in diesem Zeitpuncte durch die Unternehmungen Kaiser Josephs des Zweiten grosser Abbruch.

Ja; aber die eifrige Verbreitung der geheimen Orden, die Ceremonien in denselben, das Räuchern, Salben, Händeauflegen! Sind dies nicht offenbar katholische Ceremonien? Sieht man da nicht — so nemlich connectirt Nicolai — offenbar die Tendenz der Katholiken, die Protestanten an ihre kirchlichen Gebräuche zu gewöhnen, und dadurch u. s. w.? — Jedes Zeitalter hat sein besonderes Steckenpferd. Das des abgelaufenen Jahrhunderts waren geheime Ordensverbindungen. Es ist aus tausend Gründen begreiflich, dass höhere Grade entstanden, und dass diese durch besondere Ceremonien ausgezeichnet wurden. Warum sollen diese Ceremonien denn gerade katholisch seyn; warum nicht ebensowohl jüdisch und heidnisch? denn von daher sind sie erst in die christliche Kirche gekommen. Kurz, sie sind aus dem Alterthume. — Hätte Nicolai diesen Lärm erhoben, als der Baron Hund, der in Frankreich wirklich katholisch geworden, sein Tempelherrnsystem einführte, als Stark mit seinem allerdings sonderbaren Klerikate auftrat, so hätte die Sache einigen Anschein für sich gehabt. Aber zu der Zeit ihn zu erheben, da er ihn erhob, so lange nach dem Mittagsessen mit seinem Senfe zu kommen! Zeige er doch aus diesen Zeiten Ein Beispiel, dass jemand in geheimen Orden zur katholischen Religion gebracht worden!

Nicolai ist zwar stets bereit, jedem Gelehrten, der ihm in dieser Sache widerspricht, zu antworten: auf der Studirstube freilich erfahre man so etwas nicht, und durch Schlüsse a priori lasse es sich nicht herausbringen: das erführen nur Weltleute seiner Art; denn für einen solchen hält er sich, weil er über Wien und München nach Zürich gereist, und mit dem Minister von Wöllner Schach gespielt. Der Verfasser dieses hat über acht Jahre in Ländern, wo Protestanten und Katholiken vermischt sind, gelebt, und ist in ihnen gereist: in der Lausitz, im südlichen Deutschlande, in der Schweiz, in Polen, in Westpreussen. Er ist diese Länder nicht durchflogen, um sie in der Eile zu beschreiben, zu lauern und, wie es Leuten dieser Art geht, zu sehen und sich aufbinden zu lassen, was man gern sehen und hören will; er hat in ihnen gelebt, Geschäfte gehabt, und selbst mitgehandelt, wo man ohne Zweifel besser sieht, als wenn man nur durchreiset; hat Umgang gehabt mit Leuten von allerlei Confessionen und Meinungen, und glaubt seine Augen eben auch offen gehabt zu haben, ob er gleich keine seiner Beobachtungen so neu und so interessant gefunden, um sie dem Publicum vorzulegen. Das Sichtbare, was Nicolai gesehen, hat er eben auch gesehen; aber er hat keine Veranlassung gefunden, darauf die Schlüsse zu bauen, die Nicolai aufbaut. Ebenso ist er mit dem Innern der geheimen Orden vielleicht so gut bekannt, als Nicolai, vielleicht besser. Er würde nie darauf gefallen seyn, ihnen die Wichtigkeit und die Tendenz zuzuschreiben, die Nicolai ihnen zuschreibt.

Halte doch Nicolai sich nicht so sehr auf über den Abt Barruel! Die Jacobinerriecherei ist das ächte Gegenstück zur Jesuitenriecherei, und Barruel ist in der erstern ganz dasselbe, was Nicolai in der zweiten war.

Fünfte Beilage.
(Zum neunten Capitel.)

Die A. d. B. war allerdings ein der Religiosität der Nation höchst schädliches Unternehmen. Religiosität ist Tiefe des Sinns, und geht aus ihr hervor; die ganze Tendenz jenes Unternehmens geht auf Oberflächlichkeit; Religion deutet auf das übersinnliche höhere Leben; der ganze Zweck jenes Unternehmens ist unmittelbare Brauchbarkeit und Nützlichkeit für das Gröbste dieses Lebens. Die von dieser Clique haben die Religionsaufklärung und einen Volkslehrer sattsam gelobt, wenn sie erzählt haben, dass die Bauern weniger Processe führen, sich seltener betrinken, und die Stallfütterung eingeführt haben.

Doch was soll ich hier noch viel Worte über diesen Gegenstand machen? Jene Appellation an das Publicum etc., die Nicolai auch so zuwider ist, und von der er glaubt, dass sie nur im Zorne geschrieben seyn könne (der arme Mann!), redet, indem sie von wahren Gottesläugnern, Götzendienern, Dienern eines bösen Weltgeistes spricht, ganz eigentlich von Nicolai und denen, die ihm gleichen. Wem diese nicht bewiesen hat, was hier zu beweisen wäre, für den ist jeder andere Beweis verloren.

Noch eine Beilage
oder
Dreizehntes Capitel.
Von den letzten Thaten, dem Tode und der wunderbaren Wiederbelebung unsers Helden.

Die Betriebsamkeit gewisser Buchhändler ging in jenen Tagen so weit, dass sie, nachdem beim Nachdrucken nicht genug mehr zu gewinnen war, die Kunst erfanden, Vordrucke zu veranstalten. Auf diese Weise erschien noch bei Nicolai’s Lebzeiten ein unrechtmässiger Vordruck der gegenwärtigen Lebensbeschreibung unsers Helden, die wir jetzt in der ersten, einzig rechtmässigen Ausgabe den rechtlichen und gewissenhaften Lesern mitgetheilt haben.