Durch schriftliche Ausarbeitungen zu lösende Aufgaben an den Lehrling, immer im Geiste der Kunst, und also, dass nicht das Gelernte wiedergegeben, sondern etwas Anderes damit und daraus gemacht werden solle, also, dass erhelle, ob und inwieweit der Lehrling jenes zu seinem Eigenthum und zu seinem Werkzeuge für allerlei Gebrauch bekommen habe. Der natürliche Erfinder solcher Aufgaben ist zwar der Meister; es soll aber auch der geübtere Lehrling aufgefordert werden, dergleichen sich auszusinnen, und sie für sich oder für andere in Vorschlag zu bringen. — Es wird durch diese schriftlichen Ausarbeitungen zugleich die Kunst des schriftlichen Vortrages eines wissenschaftlichen Stoffes geübt, und es soll darum der Meister in der Beurtheilung auch über die Ordnung, die Bestimmtheit und die sinnliche Klarheit der Darstellung sich äussern.[25]
§. 10.
Vom Lehrlinge einer solchen Anstalt.
Die äussern Bedingungen, wodurch derselbe theils zu Stande kommt, theils in seinem Zustande verharrt, sind die folgenden:
1) Gehörige Vorbereitung auf der niederen Gelehrtenschule für die höhere. Welche Leistungen für die Bildung des Kopfs zur Wissenschaft der niederen Schule anzumuthen sind, haben wir schon oben (§. 6.) ersehen. Dies muss nun, wenn die höhere Schule mit sicherm Schritt einhergehen soll, von der niedern nicht wie bisher, wie gutes Glück und Ohngefähr es geben, sondern nach einem festen Plane, und so, dass man immer wisse, was gelungen sey und was nicht, geschehen. Die Verbesserung der höheren Lehranstalten setzt sonach die der niedern nothwendig voraus, wiewohl wiederum auch umgekehrt eine gründliche Verbesserung der letzten nur durch die Verbesserung der ersten, und indem auf ihnen die Lehrer der niedern Schule die ihnen jetzt grossentheils abgehende Kunst des Lehrens erlernen, möglich wird; dass daher schon hier erhellet, dass wir nicht mit Einem Schlage das Vollkommene werden hinstellen können, sondern uns demselben nur allmählig und in mancherlei Vorschritten werden annähern müssen.
Zur Verbreitung höherer Klarheit über unsern Grundbegriff füge ich hier noch folgendes hinzu. Dass der für ein wissenschaftliches Leben bestimmte Jüngling zuvörderst mit dem allgemeinen Sprachschatze der wissenschaftlichen Welt, als dem Werkzeuge, vermittelst dessen allein er, so zu verstehen, wie sich verständlich zu machen vermag, vertraut werden müsse, ist unmittelbar klar. Diese positive Kenntniss der Sprache aber, so unentbehrlich sie auch ist, erscheint als leichte Zugabe, wenn wir bedenken, dass besonders durch Erlernung der Sprachen einer andern Welt, welche die Merkmale ganz anders zu Wortbegriffen gestaltet, der Jüngling über den Mechanismus, womit die angeborne moderne Sprache, gleichsam als ob es nicht anders seyn könnte, ihn fesselt, unvermerkt hinweggehoben, und im leichten Spiele zur Freiheit der Begriffebildung angeführt wird; ferner, dass beim Interpretiren der Schriftsteller er an dem leichtesten und schon fertig ihm hingelegten Stoffe lernt, seine Betrachtung willkürlich zu bewegen, dahin und dorthin zu richten für einen ihm bekannten Zweck, und nicht eher abzulassen in dieser Arbeit, als bis der Zweck erreicht dastehe. Es wird nun, um dieses Verhältnisses willen der niedern Kunst des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches zu der höhern, nothwendig seyn, dass die Schule in ihrem Sprachunterrichte also verfahre, dass nicht bloss der erste Zweck der historischen Sprachkenntniss, sondern zugleich auch der letzte der Verstandesbildung an ihr sicher, allgemein und für klare Documentation ausreichend erfüllt werde; dass z. B. der Schüler auf jeder Stufe des Unterrichts verstehen lerne, was er verstehen soll, vollkommen und bis zum Ende, und wissen lerne, ob er also verstanden, und den Beweis davon führen lerne; keinesweges aber, wie es bisher so oft geschehen, hierüber vom guten Glücke abhänge, und im Dunkeln tappe, indem sehr oft sein Lehrer selbst keinen rechten Begriff vom Verstehen überhaupt hat, und gar nicht weiss, welche Fragen alle müssen beantwortet werden können, wenn man sagen will, man habe z. B. eine Stelle eines Autors verstanden.
Betreffend das Grundgerüst des vorhandenen wissenschaftlichen Stoffes, als das zweite Stück der nöthigen Vorbereitung, die der Schule zukommt, mache ich durch folgende Wendung mich klarer. Man hat wohl, um den Forderungen einer solchen geistigen Kunstbildung, wie sie auch in diesem Aufsatze gemacht werden, auszuweichen, die Bemerkung gemacht: eine solche besonnene Ausbildung der Geistesvermögen sey wohl bei den alten klassischen Völkern möglich gewesen, weil das sehr beschränkte Feld der positiven Kenntnisse, die sie zu erlernen gehabt, ihnen Zeit genug übriggelassen hätte; dagegen unsere Zeit und Vermögen durch das unermessliche Gebiet des zu Erlernenden gänzlich aufgezehrt werde, und für keine anderen Zwecke uns ein Theil derselben übrigbleibe. Als ob nicht vielmehr gerade darum, weil wir mit ihm weit mehr zu leisten haben, eine kunstmässige Ausbildung des Vermögens um so nöthiger würde, und wir nicht um so mehr auf Fertigkeit und Gewandtheit im Lernen bedacht seyn müssten, da wir eine so grosse Aufgabe des Lernens vor uns haben. In der That kommt jenes Erschrecken vor der Unermesslichkeit unsers wissenschaftlichen Stoffes daher, dass man ihn ohne einen ordnenden Geist und ohne eine mit Besonnenheit geübte Gedächtnisskunst, deren Hauptmittel jener ordnende Geist ist, erfasset; vielmehr blind sich hineinstürzt in das Chaos, und ohne Leitfaden in das Labyrinth, und so im Herumirren bei jedem Schritte Zeit verliert; also, dass die wenigen, welche in diesem ungeheuren Oceane, vom Versinken gerettet, noch oben schwimmen, beim Rückblicke auf ihren Weg erschrecken vor der eigenen Arbeit und dem gehabten Glücke, und, die noch immer vorhandenen Lücken in ihrem Wissen entdeckend, glauben, es habe ihnen nichts weiter gemangelt, denn Zeit, — da doch die ordnende Kunst, die sie nicht kennen, indem sie keinen Schritt vergebens thut, die Zeit ins Unendliche vervielfältigt und eine kurze Spanne von Menschenleben ausdehnt zu einer Ewigkeit. Wenn schon die erste Schule für den Anfänger nicht länger das fähige Gedächtniss des einen Knaben für einen glücklichen Zufall, das langsamere eines andern für ein unabwendbares Naturunglück halten, sondern lernen wird, das Gedächtniss sowohl überhaupt, als in seinen besonderen, für besondere Zweige passenden, Fertigkeiten kunstmässig zu entwickeln und zu bilden; wenn sie diesem Gedächtnisse erst ein ganz ins Kurze und Kleine gezogenes, aber lebendiges und klares Bild des Ganzen eines bestimmten wissenschaftlichen Stoffes (z. B. für die Geschichte ein allgemeines Bild der Umwandlungen im Menschengeschlechte durch die Hauptbegebenheiten der herrschenden Völker, neben einem Bilde von der allgemeinen Gestalt der Oberfläche des Erdbodens, als dem Schauplatze jener Umwandlungen 1) hingeben, und unaustilgbar fest in die innere Anschauung einprägen wird; sodann diese Bilder Tag für Tag wieder hervorrufen lassen, und sie allmählig, aber verhältnissmässig nach allen ihren Theilen, nach einer gewissen Regel der nothwendigen Folge der Gesichtspuncte, und so, dass kein einzelner zum Schaden der übrigen ungebührlich anwachse, vergrössern wird: so wird jenes Entsetzen vor der Unermesslichkeit gänzlich verschwinden, und die also gebildeten Köpfe werden leicht und sicher alles, was ihnen vorkommt, auf jene mit ihrer Persönlichkeit verwachsenen Grundbilder, jedes an seiner Stelle auftragen, nicht auf ein unbekanntes Weltmeer versprengt, sondern in ihrer väterlichen Wohnung die ihnen wohlbekannten Kammern mit Schätzen ausfüllend, die sie nach jedesmaligem Bedürfnisse wieder da hinwegnehmen können, wo sie dieselben vorher hingestellt.
Somit fällt die Vorbereitung, welche der Lehrling einer höhern Kunstschule auf der niedern erhalten haben muss, die Rechenschaft, die er vor der Aufnahme von seiner Tüchtigkeit zu geben hat, und die Vollkommenheit, bis zu welcher die niedere Schule verbessert werden muss, zu folgenden zwei Stücken zusammen. Zuvörderst muss der Adspirant eine seinen Fähigkeiten angemessene, ihm vorgelegte Stelle eines Autors in gegebener Zeit gründlich verstehen lernen, und den Beweis führen können, dass er sie recht verstehe, indem sie gar nicht anders verstanden werden könne. Sodann muss er zeigen, dass er ein allgemeines Bild des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, erhoben und bereichert bis zu derjenigen Potenz des Gesichtspunctes, an welche die höhere Schule ihren Unterricht anknüpft, in freier Gewalt und zu beliebigem Gebrauche als sein Eigenthum besitze.
2) Aufgehen seines gesammten Lebens in seinem Zwecke, darum Absonderung desselben von aller andern Lebensweise, und vollkommene Isolirung. Der Sohn eines Bürgers, welcher ein bürgerliches Gewerbe treibt, besucht vielleicht auch des Tages mehrere Stunden eine gute Bürgerschule, worin mancherlei gelehrt wird, das die gelehrte Schule gleichfalls vorträgt. Dennoch ist die Schule nicht der Sitz seines wahren, eigentlichen Lebens, und er ist nicht daselbst zu Hause, sondern sein wahres Leben ist sein Familienleben, und der Beistand, den er seinen Eltern in ihrem Gewerbe leistet; die Schule aber ist Nebensache und blosses Mittel für den bessern Fortgang des bürgerlichen Gewerbes, als den eigentlichen Zweck. Dem Gelehrten aber muss die Wissenschaft nicht Mittel für irgend einen Zweck, sondern sie muss ihm selbst Zweck werden; er wird einst, als vollendeter Gelehrter, in welcher Weise er auch künftig seine wissenschaftliche Bildung im Leben anwende, in jedem Falle allein in der Idee die Wurzel seines Lebens haben, und nur von ihr aus die Wirklichkeit erblicken, und nach ihr sie gestalten und fügen, keinesweges aber zugeben, dass die Idee nach der Wirklichkeit sich füge; und er kann nicht zu früh in dieses sein eigenthümliches Element sich hineinleben und das widerwärtige Element abstossen.
Es ist eine bekannte Bemerkung, dass bisher auf Universitäten, die in einer kleinern Stadt errichtet waren, bei einigem Talente der Lehrer, sehr leicht ein allgemeiner wissenschaftlicher Geist und Ton unter den Studirenden sich erzeugt habe, was in grössern Städten selten oder niemals also gelungen. Sollten wir davon den Grund angeben, so würden wir sagen, dass es deswegen also erfolge, weil in dem ersten Falle die Studirenden auf den Umgang unter sich selber, und den Stoff, den dieser zu gewähren vermag, eingeschränkt werden; dagegen sie im zweiten Falle immerfort verfliessen in die allgemeine Masse des Bürgerthums, und zerstreut werden über den gesammten Stoff, den dieses liefert, und so das Studiren ihnen niemals zum eigentlichen Leben, ausser welchem man ein anderes gar nicht an sich zu bringen vermag, sondern wo es noch am besten ist, zu einer Berufspflicht wird. Jener bekannte Einwurf gegen grosse Universitätsstädte, dass in ihnen die Studirenden von einem Hörsaale zum andern weit zu gehen hätten, möchte sonach nicht der tiefste seyn, den man vorbringen könnte, und er möchte sich eher beseitigen lassen, als das höhere Uebel der Verschmelzung des studirenden Theiles des gemeinen Wesens mit der allgemeinen Masse des gewerbtreibenden oder dumpfgeniessenden Bürgerthumes; indem, ganz davon abgesehen, dass bei einem solchen nur als Nebensache getriebenen Studiren wenig oder nichts gelernt wird, auf diese Weise die ganze Welt verbürgern, und eine über die Wirklichkeit hinausliegende Ansicht der Wirklichkeit, bei welcher allein die Menschheit Heilung finden kann gegen jedes ihrer Uebel, ausgetilgt werden würde in dem Menschengeschlechte; und mehr als jemals würde hierauf Rücksicht zu nehmen seyn in einem solchen Zeitalter, welches in dringendem Verdachte einer beinahe allgemeinen Verbürgerung steht.
3) Sicherung vor jeder Sorge um das Aeussere, vermittelst einer angemessenen Unterhaltung fürs Gegenwärtige, und Garantie einer gehörigen Versorgung in der Zukunft. Dass das Detail der kleinen Sorgfältigkeiten um die täglichen Bedürfnisse des Lebens zum Studiren nicht passt; dass Nahrungssorgen den Geist niederdrücken; Nebenarbeiten ums Brot die Thätigkeit zerstreuen, und die Wissenschaft als einen Broterwerb hinstellen; Zurücksetzung von Begüterten Dürftigkeits halber, oder die Demuth, der man sich unterzieht, um jener Zurücksetzung auszuweichen, den Charakter herabwürdigen: dieses alles ist, wenn auch nicht allenthalben sattsam erwogen, denn doch ziemlich allgemein zugestanden. Aber man kann von demselben Gegenstande auch noch eine tiefere Ansicht nehmen. Es wird nemlich ohnedies gar bald sehr klar die Nothwendigkeit sich zeigen, dass im Staate, und besonders bei den höheren Dienern desselben, recht fest einwurzele die Denkart, nach welcher man nicht der Gesellschaft dienen will, um leben zu können, sondern leben mag, allein um der Gesellschaft dienen zu können, und in welcher man durch kein Erbarmen mit dem eigenen, oder irgend eines Anderen, Lebensgenusse bewegt wird, zu thun, zu rathen, oder, wo man hindern könnte, zuzulassen, was nicht auch gänzlich ohne diese Rücksicht durch sich selber sich gebührt; aber es kann diese Denkart Wurzel fassen nur in einem durch das Leben in der Wissenschaft veredelten Geiste. Mächtig aber wird dieser Veredelung und dieser Unabhängigkeit von der erwähnten Rücksicht vorgearbeitet werden, wenn die künftigen Gelehrten, aus deren Mitte ja wohl die Staatsämter werden besetzt werden, von früher Jugend an gewöhnt werden, die Bedürfnisse des Lebens nicht als Beweggrund irgend einer Thätigkeit, sondern als etwas, das für sich selbst seinen eigenen Weg geht, anzusehen, indem es ihnen, sogar ohne Rücksicht auf ihren gegenwärtigen zweckmässigen Fleiss, der aus der Liebe zur Sache hervorgehen soll, zugesichert ist.