Sie ist, wie oben gesagt, selbst der höchste Grad der wissenschaftlichen Kunst, erfordernd die höchste Liebe und die höchste Fertigkeit und Geistesgewandtheit. Es ist darum klar, dass sie nicht allen angemuthet werden könne, wie man denn auch nur weniger, die sie ausüben, bedarf; aber sie muss allen angeboten und mit ihnen der Versuch gemacht werden, damit man sicher sey, dass nirgends dieses seltene Talent, aus Mangel an Kunde seiner, ungebraucht verloren gehe.
Für diesen Zweck wäre demnach der Lehrling, doch ohne Ueberspringen und nach erlangter hinlänglicher Gewandtheit in den niederen Graden der Kunst, zur Ausübung aller der oben erwähnten Geschäfte des Lehrers anzuhalten, unter Aufsicht und mit der Beurtheilung des eigentlichen Lehrers, so wie der anderen, in demselben Grade befindlichen Lehrlinge. So denselben Weg zurücklegend unter der Leitung des schon geübten Lehrers, und vertraut gemacht mit dessen Kunstgriffen, welchen Weg der Lehrer selbst, von keinem geholfen und im Dunkeln tappend, gehen musste, wird dieser Lehrling es ohne Zweifel noch viel weiter bringen in geübter und klarer Kunst, denn sein Lehrer, und einst selber nach demselben Gesetze eine noch geübtere und klarere Generation hinterlassen.
(Es geht hieraus hervor, dass eine solche Pflanzschule wissenschaftlicher Künstler überhaupt, nach den verschiedenen Graden dieser Kunst, auf ihrer höchsten Spitze ein Professor-Seminarium seyn würde, und also genannt werden könnte. Man hat homiletische Uebungen gehabt, um zur Kunst des Vortrages für das Volk, man hat Schullehrer-Seminaria gehabt, um den Vortrag für die niedere Schule zu bilden; an eine besondere Uebung oder Prüfung in der Kunst des akademischen Vortrages aber hat unseres Wissens niemand gedacht, gleich als ob es sich von selbst verstände, dass man, was man nur wisse, auch werde sagen können: zum schlagenden Beweise, dass man mit deutlichem Bewusstseyn, so weit dieses in dieser Region gedrungen, mit der Universität durchaus nichts mehr beabsichtigt, als dem gedruckten Buchwesen noch ein zweites redendes Buchwesen an die Seite zu setzen; wodurch unsere Rede wieder in ihren Ausgangspunct hineinfällt, zum Beweise, dass sie ihren Kreis durchlaufen hat.
§. 13.
Corollarium.
Der bis hierher entwickelte Begriff, selbst angesehen in einem wissenschaftlichen Ganzen, giebt der Kunst der Menschenbildung oder der Pädagogik den Gipfel, dessen sie bisher ermangelte. Ein anderer Mann hat in unserem Zeitalter die ebenfalls vorher ermangelnde Wurzel derselben Pädagogik gefunden. Jener Gipfel macht möglich die höchste und letzte Schule der wissenschaftlichen Kunst; diese Wurzel macht möglich die erste und allgemeine Schule des Volks, das letzte Wort nicht für Pöbel genommen, sondern für die Nation. Der mittlere Stamm der Pädagogik ist die niedere Gelehrtenschule.
Aber der Gipfel ruht fest nur auf dem Stamme, und dieser zieht seinen Lebenssaft nur aus der Wurzel; alle insgesammt haben nur an-, in- und durcheinander Leben und versicherte Dauer. Ebenso verhält es sich auch mit der höheren und der niederen Gelehrtenschule, und mit der Volksschule. Wir unseres Ortes, die wir die erstere beabsichtigen, gehen, so gut wir es unter diesen Umständen vermögen, aus unserem besonderen und abgeschnittenen Mittelpuncte aus, unseren Weg fort, nur auf die niedere Gelehrtenschule, mit der wir allernächst zusammenhängen, und ohne deren Beihülfe wir nicht füglich auch nur einen Anfang machen können, die nöthige Rücksicht nehmend. Ebenso geht ihres Orts, und unser, die wir nur selbst erst unser eigenes Daseyn suchen, unserer Hülfe und unseres leitenden Lichtes entbehrend, die allgemeine Pädagogik ihren Weg fort, so gut sie es vermag. Aber arbeiten wir nur redlich fort, jeder an seinem Ende: wir werden mit der Zeit zusammenkommen, und insgesammt in einander eingreifen; denn jedweder Theil, der nur in sich selber etwas Rechtes ist, ist Theil zu einem grösseren ewigen Ganzen, das in der Erscheinung nur aus der Zusammenfügung der einzelnen Theile zusammentritt. Da aber, wo wir zusammenkommen werden, wird der armen, jetzt in ihrer ganzen Hülfslosigkeit dastehenden Menschheit Hülfe und Rettung bereit seyn; denn diese Rettung hängt lediglich davon ab, dass die Menschenbildung im Grossen und Ganzen aus den Händen des blinden Ohngefährs unter das leuchtende Auge einer besonnenen Kunst komme.
Diese Einsicht und das Bewusstseyn, dass uns ein grosser Moment gegeben ist, der, ungenutzt verstrichen, nicht leicht wiederkehrt, bringe heiligen Ernst und Andacht in unsere Berathungen.
Anmerkung.
Da man oft unerwartet auf Verkennung jenes höchsten Grundsatzes alles unseres Lebens und Treibens stösst, so ist es vielleicht nicht überflüssig, hierüber noch einige Worte hinzuzufügen.
Ein blindes Geschick hat die menschlichen Angelegenheiten erträglich, und obgleich langsam, dennoch zu einiger Verbesserung des ganzen Zustandes geleitet, so lange in diese Dunkelheit das gute und böse Princip in der Menschheit gemeinschaftlich und mit einander verwachsen eingehüllt war. Diese Lage der Dinge hat sich verändert, durch diese Veränderung ist eben ein durchaus neues Zeitalter, gegen dessen Anerkenntniss man sich noch so häufig sträubt, und es sind durchaus neue Aufgaben an die Zeit entstanden. Das böse Princip hat nemlich aus jener Mischung sich entbunden zum Lichte; es ist sich selbst vollkommen klar geworden, und schreitet frei und besonnen und ohne alle Scheu und Scham vorwärts. Klarheit siegt allemal über die Dunkelheit; und so wird denn das böse Princip ohne Zweifel Sieger bleiben so lange, bis auch das gute sich zur Klarheit und besonnenen Kunst erhebt.