Mit diesem Ausgangspuncte der wissenschaftlichen Kunst verhält es sich nun also. Kunst wird (§. 4) dadurch erzeugt, dass man deutlich versteht, was man und wie man es macht. Die besondere Wissenschaft aber ist in allen ihren einzelnen Fächern ein besonderes Machen und Verfahren mit dem Geistesvermögen; und man hat dies von jeher anerkannt, wenn man z. B. vom historischen Genie, Tact und Sinne, oder von Beobachtungsgabe u. dergl., als von besonderen, ihren eigenthümlichen Charakter tragenden Talenten gesprochen. Nun ist ein solches Talent allemal Naturgabe, und da es ein besonderes Talent ist, so ist der Besitzer desselben eine besondere und auf diesen Standpunct beschränkte Natur, die nicht wiederum über diesen Punct sich erheben, ihn frei anschauen, ihn mit dem Begriffe durchdringen und so aus der blossen Naturgabe eine freie Kunst machen könnte. Und so würde denn die besondere Wissenschaft entweder gar nicht getrieben werden können, weil es an Talent fehlte, oder, wo sie getrieben würde, könnte es, eben weil dazu Talent, das eben nur Talent sey, gehört, niemals zu einer besonnenen Kunst derselben kommen. So ist es denn auch wirklich. Der Geist jeder besonderen Wissenschaft ist ein beschränkter und beschränkender Geist, der zwar in sich selber lebt und treibet, und köstliche Früchte gewährt, der aber weder sich selbst, noch andere Geister ausser ihm zu verstehen vermag. Sollte es nun doch zu einer solchen Kunst in der besonderen Wissenschaft kommen, so müsste dieselbe, unabhängig von ihrer Ausübung, und noch ehe sie getrieben würde, verstanden, d. i. die Art und Weise der geistigen Thätigkeit, deren es dazu bedarf, erkannt werden, und so der allgemeine Begriff ihrer Kunst der Ausübung dieser Kunst selbst vorhergehen können. Nun ist dasjenige, was die gesammte geistige Thätigkeit, mithin auch alle besonderen und weiter bestimmten Aeusserungen derselben wissenschaftlich erfasst, die Philosophie: von philosophischer Kunstbildung aus müsste sonach den besonderen Wissenschaften ihre Kunst gegeben, und das, was in ihnen bisher blosse, vom guten Glücke abhängende Naturgabe war, zu besonnenem Können und Treiben erhoben werden; der Geist der Philosophie wäre derjenige, welcher zuerst sich selbst, und sodann in sich selber alle anderen Geister verstände; der Künstler in einer besonderen Wissenschaft müsste vor allen Dingen ein philosophischer Künstler werden, und seine besondere Kunst wäre lediglich eine weitere Bestimmung und einzelne Anwendung seiner allgemeinen philosophischen Kunst.

(Dies dunkel fühlend hat man, wenigstens bis auf die letzten durch und durch verworrenen und seichten Zeiten, geglaubt, dass alle höhere wissenschaftliche Bildung von der Philosophie ausgehen, und dass auf Universitäten die philosophischen Vorlesungen von Allen und zuerst gehört werden müssten. Ferner hat man in den besonderen Wissenschaften z. B. von philosophischen Juristen oder Geschichtsforschern oder Aerzten gesprochen, und man wird finden, dass von denen, welche sich selber verstanden, immer diejenigen mit dieser Benennung bezeichnet wurden, die mit der grössten Fertigkeit und Gewandtheit ihre Wissenschaft vielseitig anzuwenden wussten, sonach die Künstler in der Wissenschaft. Denn diejenigen, welche a priori phantasirten, wo es galt Facta beizubringen, sind ebenso, wie diejenigen, die sich auf die wirkliche Beschaffenheit der Dinge beriefen, wo das apriorische Ideal dargestellt werden sollte, von den Verständigen mit der gebührenden Verachtung angesehen worden.)

§. 17.

Die erste und ausschliessende Bedingung der Möglichkeit, eine wissenschaftliche Kunstschule zu errichten, würde demnach diese seyn, dass man einen Lehrer fände, der da fähig wäre, das Philosophiren selber als eine Kunst zu treiben, und der es verstände, eine Anzahl seiner Schüler zu einer bedeutenden Fertigkeit in dieser Kunst zu erheben, mit welcher nun einige dieser wiederum den ihnen anderwärts herzugebenden positiven Stoff der besonderen Wissenschaften durchdrängen, und sich auch in diesen zu Künstlern bildeten; von welchen letzteren wiederum diejenigen, die es zu dem Grade der Klarheit dieser Kunst gebracht hätten, dass sie selbst Künstler zu bilden vermöchten, ihre Kunst fortpflanzten. Nachdem dieses Letztere über das ganze Gebiet der Wissenschaften möglich geworden, in einer solchen Ausdehnung, dass man auf die sichere Fortpflanzung der gesammten wissenschaftlichen Kunst bis ans Ende der Tage rechnen könnte: alsdann stände die beabsichtigte wissenschaftliche Kunstschule da, und wäre errichtet.

§. 18.

Dieser philosophische Künstler muss, beim Beginnen der Anstalt, ein einziger seyn, ausser welchem durchaus kein anderer auf die Entwickelung des Lehrlings zum Philosophiren Einfluss habe. Wer dagegen einwenden wollte, dass es, um die Jünglinge vor Einseitigkeit und blindem Glauben an Einen Lehrer zu verwahren, auf einer höheren Lehranstalt vielmehr eine Mannigfaltigkeit der Ansichten und Systeme, und eben darum der Lehrer geben müsse, würde dadurch verrathen, dass er weder von der Philosophie überhaupt, noch vom Philosophiren, als einer Kunst, einen Begriff habe. Denn obwohl, falls es Gewissheit giebt und dieselbe dem Menschen erreichbar ist (wer über diesen Punct sich noch in Zweifel befände, der wäre nicht ausgestattet, um mit uns über die Einrichtung eines wissenschaftlichen Instituts zu berathschlagen), der Lehrer, den wir suchen, selber in sich seiner Sache gewiss seyn und ein System haben muss, indem im entgegengesetzten Falle er mit seinem Philosophiren nicht zu Ende gekommen wäre, mithin die ganze Kunst des Philosophirens nicht einmal selber ausgeübt hätte und so durchaus unfähig wäre, dieselbe in ihrem ganzen Umfange mit Bewusstseyn zu durchdringen, und sie anderen mitzutheilen, und wir uns daher in der Wahl der Person vergriffen hätten — obwohl, sage ich, dies also ist, so wird er dennoch in seinem Bestreben, selbstthätige, die Gewissheit in sich selbst erzeugende und das System selbst erfindende Künstler zu bilden, nicht von seinem Systeme, noch überhaupt von irgend einer positiven Behauptung ausgehen; sondern nur ihr systematisches Denken anregen, freilich in der sehr natürlichen Voraussetzung, dass sie am Ende desselben bei demselben Resultate ankommen werden, bei dem auch er angekommen, und dass, wenn sie bei einem anderen ankommen, irgendwo in der Ausübung der Kunst ein Fehler begangen worden. Wäre irgend ein anderer neben ihm, der ihm widerspräche, so müsste dieser etwas behaupten; liesse er sich verleiten, dem Widerspruche zu widersprechen, so müsste nun auch er behaupten, und es entstände Polemik. Wo aber Polemik ist, da ist Thesis, und wo Thesis ist, da wird nicht mehr thätig philosophirt, sondern es wird nur das Resultat des, so Gott will, vorher ausgeübten thätigen Philosophirens historisch erzählt; somit hebt die Polemik das Wesen einer philosophischen Kunstschule gänzlich auf, und es ist ihr darum aller Eingang in diese abzuschneiden. —

(Dieselbe Unbekanntschaft mit dem Wesen der Philosophie würde verrathen eine andere Bemerkung, die folgende: es müsse auf einer solchen Anstalt die Vollständigkeit der sogenannten philosophischen Wissenschaften beabsichtigt werden, und dies, da sie einem Einzigen nicht wohl anzumuthen sey, werde eine Mehrheit der Lehrer der Philosophie verlangen. Denn wenn nur wirklich der philosophische Geist und die Kunst des Philosophirens entwickelt ist, so wird ganz von selbst diese sich über die gesammte Sphäre des Philosophirens ausbreiten, und diese in Besitz nehmen; sollte aber für andere, an welchen das Streben, sie in diese Kunst einzuweihen, mislingt, die wir aber dennoch, aus Mangel besserer Subjecte, in den bürgerlichen Geschäften anstellen und brauchen müssten, irgend ein historisch zu erlernender philosophischer Katechismus, als Rechtslehre, Moral u. dergl. nöthig seyn, so wird ja wohl dieser in gedruckten Büchern irgendwo vorliegen, an deren eigenes Studium auch hier, so wie in den anderen Fächern, dergleichen Subjecte vom Lehrer der Philosophie hingewiesen, und erforderlichenfalles darüber examinirt würden.)

§. 19.

Mit diesem also entwickelten philosophischen Geiste, als der reinen Form des Wissens, müsste nun der gesammte wissenschaftliche Stoff in seiner organischen Einheit auf der höheren Lehranstalt aufgefasst und durchdrungen werden, also dass man genau wüsste, was zu ihm gehöre oder nicht, und so die strenge Grenze zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft gezogen würde; dass man ferner das organische Eingreifen der Theile dieses Stoffes ineinander, und das gegenseitige Verhältniss derselben unter sich allseitig verstände, damit man daraus ermessen könnte, ob dieser Stoff am Lehrinstitute vollständig bearbeitet werde, oder nicht; in welcher Folge oder Gleichzeitigkeit am vortheilhaftesten diese einzelnen Theile zu bearbeiten seyen; bis zu welcher Potenz die niedere Schule denselben zu erheben, und wo eigentlich die höhere einzugreifen habe; ferner, bis zu welcher Potenz auch auf der letzteren alle, die auf den Titel eines wissenschaftlichen Künstlers Anspruch machen wollten, ihn auszubilden hätten, und wie viel dagegen der besonderen Ausbildung für ein bestimmtes praktisches Fach anheimfiele und vorbehalten bleiben müsse. Dies gäbe eine philosophische Encyklopädie der gesammten Wissenschaft, als stehendes Regulativ für die Bearbeitung aller besonderen Wissenschaften.

(Wenn auch allenfalls die Philosophie schon jetzt fähig seyn sollte, zu einer solchen encyklopädischen Ansicht der gesammten Wissenschaft in ihrer organischen Einheit einige Auskunft zu geben, so ist doch die übrige wissenschaftliche Welt viel zu abgeneigt, der Philosophie die Gesetzgebung, die sie dadurch in Anspruch nähme, zuzugestehen, oder dieselbe in dergleichen Aeusserungen auch nur nothdürftig zu begreifen, als dass sich hiervon einiger Erfolg sollte erwarten lassen. Auch müssten, da es hier nicht um theoretische Behauptung einiger Sätze, sondern um Einführung einer Kunst zu thun ist, erst eine beträchtliche Anzahl von Männern gebildet werden, die da fähig wären, eine solche Encyklopädie nicht bloss zu verstehen und wahr zu finden, sondern auch nach den Regeln derselben die besonderen Fächer der Wissenschaft wirklich zu bearbeiten; dass es daher am schicklichsten seyn wird, hierüber sich vorläufig gar nicht auszusprechen, sondern jene Encyklopädie durch das wechselseitige Eingreifen der Philosophie und der philosophisch kunstmässigen Bearbeitung der nun eben vorhandenen besonderen Fächer der Wissenschaft, allmählig von selber erwachsen zu lassen; dass mithin in Absicht dieses ihr sehr wesentlichen Bestandtheiles die Kunstschule sich selbst innerhalb ihrer selbst erschaffen müsste.)