§. 20.

Beim Anfange und so lange, bis es dahin gekommen, müssen wir uns begnügen, die vorliegenden Fächer ohne organischen Einheitspunct bloss historisch aufzufassen, nur dasjenige, wovon wir schon bei dem gegenwärtigen Grade der allgemeinen philosophischen Bildung darthun können, dass es dem wissenschaftlichen Verstandesgebrauche entweder geradezu widerspreche, oder nicht zu demselben gehöre, von uns ausscheidend, das Uebrige aufnehmend, und es in seiner Würde und an seinem Platze bis zur besseren allgemeinen Verständigung stehen lassend; ferner in diesen Fächern die am meisten philosophischen, d. i. die mit der grössten Freiheit, Kunstmässigkeit und Selbstständigkeit in denselben verfahrenden unter den Zeitgenossen, zu Lehrern uns anzueignen; endlich, diese zu der am meisten philosophischen, d. i. zu der, Selbstthätigkeit und Klarheit am sichersten entwickelnden, Mittheilung ihres Faches anzuhalten und sie darauf zu verpflichten.

§. 21.

Ueber den ersten Punct, betreffend die Ausscheidung, werden wir demnächst beim Durchgehen der vorhandenen wissenschaftlichen Fächer uns erklären. Ueber den zweiten merke ich hier im allgemeinen nur das an, dass wir den Vortheil haben, in einigen der Hauptfächer diejenigen, welche als die freisten und selbstthätigsten allgemein anerkannt sind, schon jetzt die unserigen zu nennen, und dass, falls nicht etwa einige für die Herablassung und für das Wechselleben mit ihren Schülern, das dieser Plan ihnen anmuthet, sich zu vornehm dünken, wir hoffen dürfen, sie für unseren Zweck zu gewinnen, und dass in anderen Fächern, in denen wir nicht mit derselben Zuversichtlichkeit dasselbe rühmen können, der Unterschied zwischen den Zeitgenossen in Absicht des angegebenen Gesichtspunctes überhaupt nicht sehr gross ist, und wir darum hoffen dürfen, ohne grosse Schwierigkeit die nothwendigen Stellen so gut zu besetzen, als sie unter den gegenwärtigen Umständen überhaupt besetzt werden können; dass es aber ausschliessende Bedingung sey, dass dieselben schon vor ihrer Berufung und Anstellung sowohl über unseren Hauptplan, als über den dritten Punct in Absicht des zu wählenden Vortrages unterrichtet, und aufrichtig mit uns einverstanden seyen. In Absicht dieses dritten Punctes endlich, stellen wir als eine Folge aus allem Bisherigen fest, dass — die oben erwähnten Examina, Conversatorien und Aufgaben, als die erste charakteristische Eigenheit unserer Methode, deren Anwendung im besonderen Falle am gehörigen Orte näher wird beschrieben werden, noch abgerechnet, — alle mündliche Mittheilung über ein besonderes Fach ausgehen müsse von der Encyklopädie dieses Faches, und dass dieses die allererste Vorlesung jedes bei uns anzustellenden Lehrers seyn und von jedem Schüler zu allererst gehört werden müsse. Denn die bis zur höchsten Klarheit gesteigerten einzelnen Encyklopädien der besonderen Fächer, besonders wenn sie alle zusammen den Lehrern und Zöglingen der Anstalt bekannt sind, sind das zunächst in die von der Philosophie ausgehen sollende allgemeine Encyklopädie (§. 19. am Schlusse) eingreifende Glied, arbeiten derselben mächtig vor, und werden der letzteren, wenn sie entstehen wird, die vollkommene Verständlichkeit ertheilen müssen, indem auch sie selber umgekehrt von ihr neue Festigkeit und Klarheit erhalten werden. Sodann ist Einheit und Ansicht der Sache aus Einem Gesichtspuncte heraus der Charakter der Philosophie und der freien Kunstmässigkeit, die wir anstreben; dagegen unverbundene Mannigfaltigkeit und mit nichts zusammenhängende Einzelheit der Charakter der Unphilosophie, der Verworrenheit und der Unbehülflichkeit, welche wir eben aus der ganzen Welt austilgen möchten, und sie darum nicht in uns selbst aufnehmen müssen. Endlich, wenn auch dieses alles nicht so wäre, können wir aus Mangelhaftigkeit der niederen Schule zu Anfange bei unseren Schülern nicht auf ein solches schon fertiges Gerüst des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, wie es oben (§. 10.) beschrieben worden, rechnen, und müssen zu allererst diesen Mangel in unseren besonderen Encyklopädien ersetzen. Die Hauptgesichtspuncte einer solchen auf eine wissenschaftliche Kunstschule berechneten Encyklopädie sind die folgenden: dass sie zuvörderst die eigentliche charakteristische Unterscheidung des Verstandesgebrauches in diesem Fache, und die besonderen Kunstgriffe oder Vorsichtsregeln in ihm mit aller dem Lehrer selbst beiwohnenden Klarheit angebe, und sie mit Beispielen belege (und so eben z. B. das historische Talent, oder die Beobachtungsgabe mit dem Begriffe durchdringe); dass sie die Theile dieser Wissenschaft vollständig und umfassend vorlege, und zeige, auf welche besondere Weise jeder, und in welcher Zeitfolge sie studirt werden müssen; endlich, dass sie die für den Zweck des Lehrlings nöthige Literaturkenntniss des Faches gebe, und ihn berathe, was, und in welcher Ordnung und etwa mit welchen Vorsichtsmaassregeln, er zu lesen habe. Besonders in der letzten Rücksicht ist der Lehrer dem Lehrlinge ein allgemeines Register und Repertorium des gesammten Buchwesens in diesem Fache, inwieweit dasselbe dem Lehrlinge nöthig ist, schuldig; welches nun der Lehrling selber, nach der ihm gegebenen Anleitung, zu lesen, keinesweges aber vom Lehrer zu erwarten hat, dass auch dieser es ihm noch einmal recitire. Gehört nun ferner, wie wir hoffen, der Lehrer zu dem oben erwähnten edleren Bestandtheile der bisherigen Universitäten, dass er mit dem gesammten Buchwesen seines Faches nicht allerdings zufrieden und fähig sey, dasselbe hier und da zu verbessern, so zeige er in seiner Encyklopädie diese fehlerhaften Stellen des grossen Buches an, und lege dar seinen Plan, wie er in besonderen Vorlesungen diese fehlerhaften Stellen verbessern wolle, und in welcher Ordnung diese besonderen Vorlesungen, die insgesammt auf der festen Unterlage seiner Encyklopädie ruhen, und auf ihr geordnet sind, zu hören seyen. Ist dessen so viel, dass er es allein nicht bestreiten kann, so wähle er sich einen Unterlehrer, der verbunden ist, in seinem Plane zu arbeiten. Nur sage er nicht, was im Buche auch steht, sondern nur das, was in keinem Buche steht. (Als Beispiel: dass in den Schüler der niederen Schule sehr früh ein Inbegriff der Universalgeschichte hineingebildet werden müsse, versteht sich, und ist oben gesagt; wozu aber, ausser der Anweisung, wie man die gesammte Menschengeschichte zu verstehen habe, welche wohl am schicklichsten dem Philosophen anheimfallen dürfte, auf der höheren Schule ein Cursus der Universalgeschichte solle, bekenne ich nicht zu begreifen; dagegen aber würde ich es für sehr schicklich und alles Dankes werth halten, wenn ein Professor der Geschichte ein Collegium ankündigte über besondere Data aus der Weltgeschichte, die keiner vor ihm so richtig gewusst habe, wie er, und er mit diesem Versprechen Wort hielte.)

(Wir setzen der Erwähnung dieser von vielen so sehr angefeindeten Encyklopädien, zur Vorbauung möglichen Misverständnisses, noch folgendes hinzu. Mit derselben vollkommenen Ueberzeugung, mit welcher wir zugeben, dass das Bestreben, bei solchen allgemeinen Uebersichten und Resultaten stehenzubleiben, von Seichtigkeit, Trägheit und Sucht nach wohlfeilem Glanze zeuge, und diese Schlechtigkeiten befördere, sehen wir zugleich auch ein, dass das Widerstreben, von ihnen auszugehen, den Lehrling ohne Steuerruder und Compass in den verworrenen Ocean stürze, dass, obwohl einige sich rühmen hierbei ohne Ertrinken davongekommen zu seyn, man darum doch nicht das Recht habe, jederman derselben Gefahr auszusetzen, dass selbst die Geretteten gesunder seyn würden, wenn sie der Gefahr sich nicht ausgesetzt hätten; und dass die Quellen dieses Widerstrebens keinesweges aus einer besseren Einsicht, sondern dass sie grösstentheils aus dem persönlichen Unvermögen hervorgehen, solche encyklopädische Rechenschaft über das eigene Fach zu geben, indem diese, nur gross im Einzelnen, niemals zur Ansicht eines Ganzen sich erhoben haben. Wer nun eine solche Encyklopädie seines Faches geben nicht könnte oder nicht wollte, der wäre für uns nicht bloss unbrauchbar, sondern sogar verderblich, indem durch seine Wirksamkeit der Geist unseres Institutes sogleich im Beginne getödtet würde.)

§. 22.

Wir gehen an die historische Auffassung des auf den bisherigen Universitäten vorliegenden Stoffes, und schicken folgende zwei allgemeine Bemerkungen voraus. Eine Schule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches setzt voraus, dass verstanden und bis in seinen letzten Grund durchdrungen werden könne, was sie sich aufgiebt; sonach wäre ein solches, das den Verstandesgebrauch sich verbittet, und sich als ein unbegreifliches Geheimniss gleich von vornherein aufstellt, durch das Wesen derselben von ihr ausgeschlossen. Wollte also etwa die Theologie noch fernerhin auf einem Gotte bestehen, der etwas wollte ohne allen Grund; welches Willens Inhalt kein Mensch durch sich selber begreifen, sondern Gott selbst unmittelbar durch besondere Abgesandte ihm mittheilen müsste; dass eine solche Mittheilung geschehen sey, und das Resultat derselben in gewissen heiligen Büchern, die übrigens in einer sehr dunklen Sprache geschrieben sind, vorliege, von deren richtigem Verständnisse die Seligkeit des Menschen abhange: so könnte wenigstens eine Schule des Verstandesgebrauches sich mit ihr nicht befassen. Nur wenn sie diesen Anspruch auf ihr allein bekannte Geheimnisse und Zaubermittel durch eine unumwundene Erklärung aufgiebt, laut bekennend, dass der Wille Gottes ohne alle besondere Offenbarung erkannt werden könne, und dass jene Bücher durchaus nicht Erkenntnissquelle, sondern nur Vehiculum des Volksunterrichtes seyen, welche, ganz unabhängig von dem, was die Verfasser etwa wirklich gesagt haben, beim wirklichen Gebrauche also erklärt werden müssen, wie die Verfasser hätten sagen sollen; welches letztere, wie sie hätten sagen sollen, darum schon vor ihrer Erklärung anderwärtsher bekannt seyn müsse: nur unter dieser Bedingung kann der Stoff, den sie bisher besessen hat, von unserer Anstalt aufgenommen und jener Voraussetzung gemäss bearbeitet werden. Ferner haben mehrere bisher auf den Universitäten bearbeitete Fächer (als die soeben erwähnte Theologie, die Jurisprudenz, die Medicin) einen Theil, der nicht zur wissenschaftlichen Kunst, sondern zu der sehr verschiedenen praktischen Kunst der Anwendung im Leben gehört. Es gereicht sowohl einestheils zum Vortheile dieser praktischen Kunst, die am besten in unmittelbarer und ernstlich gemeinter Ausübung unter dem Auge des schon geübten Meisters erlernt wird, als anderentheils zum Vortheile der wissenschaftlichen Kunst selbst, welche zu möglichster Reinheit sich abzusondern und in sich selbst sich zu concentriren hat: dass jener Theil von unserer Kunstschule abgesondert, und in Beziehung auf ihn andere für sich bestehende Einrichtungen gemacht werden. Was inzwischen auch in dieser Rücksicht von der wissenschaftlichen Kunstschule zu beobachten sey, werden wir bei Erwähnung der einzelnen Fälle beibringen.

§. 23.

Nächst der Philosophie macht die Philologie, als das allgemeine Kunstmittel aller Verständigung, mit Recht den meisten Anspruch auf Universalität. Ob auch wohl überhaupt für das gesammte studirende Publicum auf der höheren Schule es eines philologischen Unterrichtes bedürfen, oder vielmehr dieser schon auf der niederen Schule beendigt seyn solle, ob insbesondere für diejenigen, die sich zu Schullehrern bestimmen, und für die es allerdings einer weiteren Anführung bedarf, die dahingehörigen Anstalten nicht schicklicher mit den niederen Schulen selbst vereinigt werden würden: — die Beantwortung dieser Frage können wir für jetzt dem Zeitalter, da die allgemeine Encyklopädie geltend gemacht seyn, und die niedere Schule seyn wird, was sie soll, anheimgeben, und vorläufig es beim Alten lassen.

§. 24.