Ueber die Wahrheitsliebe.

Eingang.

A. Z. Das Wort Wahrheit wird in einer doppelten Bedeutung gebraucht, und bezieht sich entweder auf die Erkenntnisse unseres Verstandes, oder auf die Gesinnungen unseres Herzens. Wenn in Absicht unseres Verstandes unsere Vorstellungen von den Dingen mit den Dingen an sich übereinstimmen,[30] wenn z. B. dasjenige, was wir für ein Glück halten, wirklich ein Glück, und dasjenige, was wir für ein Unglück halten, wirklich ein Unglück ist, so ist Wahrheit in unserer Erkenntniss, und dieser Wahrheit Gegentheil heisst Irrthum. — Wenn in Absicht unseres Herzens alle unsere Aeusserungen mit unseren inneren Gesinnungen übereinkommen, so ist dies Wahrheit in der zweiten Bedeutung, welcher wir Falschheit und Lüge entgegensetzen. Wenn man von Wahrhaftigkeit, von der Pflicht sich der Wahrheit zu befleissigen u. s. w. redet, so wird dies Wort in der letzteren Bedeutung gebraucht; denn Wahrheit in der ersteren, oder die Richtigkeit unserer Vorstellungen von den Dingen hängt von dem Maasse unserer Fähigkeiten und unserer Bildung, nicht aber von unserem freien Willen ab, und lässt sich mithin weder durch göttliche, noch durch menschliche Gesetze anbefehlen.

Wer wissentlich falsch und ein Lügner ist, wird dadurch nicht nur ein sehr schädlicher Gegenstand für die Gesellschaft, sondern auch ein sehr schändlicher für sich selbst: denn wie niederträchtig feige muss sich derjenige erscheinen, der sich nie getrauen darf, seines Herzens Meinung zu entdecken, und der im Innern seines Herzens ohne Unterlass eine Schande sieht, die er vor jedes Anderen Auge sorgfältig verbergen muss! Diese Pein der Selbstverachtung, oft um eines sehr geringen Vortheils willen, auf sich zu nehmen — dazu, sollte man meinen, würden die wenigsten Menschen Entschlossenheit genug haben; und es müsste mithin der Falschheit und der Lügen weit weniger unter ihnen seyn, wenn sie nicht meistentheils damit angefangen hätten, sich selbst zu betrügen, ehe sie andere betrogen, wenn ihr Herz in der Falschheit gegen andere sich nicht erst an ihnen selbst geübt, und dieser unselige Selbstbetrug sie nicht gegen die Schande, Betrüger Anderer zu seyn, abgehärtet hätte. — Ich habe jetzt, a. Z., ich habe die giftige Quelle genannt, aus welcher unser ganzes sittliches Verderben herfliesst. Nur diese lasst uns, wenigstens in uns selbst, zu verstopfen suchen. Hört mich deswegen aufmerksam an, wenn ich heute von der Gemüthsverfassung, welche vor jenem unseligen Selbstbetruge verwahrt — wenn ich von Wahrheitsliebe mit euch rede.

Du aber, o Gott, lautere Quelle aller Wahrheit, erwärme mich heute mit einem Strahle deines Lichtes, da ich zu deinem Ebenbilde von dem, was dein Wesen ausmacht, und wodurch allein der Sterbliche dir ähnlich wird, von Wahrheitsliebe, reden soll. Geuss Licht und Wärme über meinen Vortrag, und Verstand über den Geist meiner Zuhörer herab, die sich mit mir vereinigen Dich darum anzurufen, u. s. w.

Text. Das Evangelium am Sonntage Exaudi, besonders Joh. 15. v. 26.

Abhandlung.

Die verlesenen Worte sind aus der Abschiedsrede Jesu an seine Jünger. Jesus, der sorgfältige Führer derselben, sollte sie, eben im Begriffe ihr für die Menschheit so wichtiges, für sie selbst so schwieriges Lehramt anzutreten, noch überhäuft von Vorurtheilen des Verstandes, und noch grosser Schwachheiten des Herzens fähig, verlassen. Um sie hierüber zu beruhigen, versprach er ihnen einen anderen Tröster, oder richtiger Führer, der ihre Vorurtheile ebenso berichtige, und sie vor Schwachheiten ebenso sorgfältig warne, als er selbst es bisher gethan hatte, den Geist der Wahrheit. Ich lasse ununtersucht, was man in diesen Worten etwa alles finden kann, wenn man recht begierig etwas recht Wunderbares sucht. Ungekünstelt erklärt sagen sie das, was ein zärtlicher Vater sagen würde, wenn er in der Todesstunde seine noch nicht völlig ausgebildeten Kinder um sich her versammelte, und zu ihnen spräche: Bisher habe ich eure Handlungen geleitet; jetzt muss ich euch verlassen, und das ist gut für euch, damit ihr endlich euch selbst regieren lernt.[31] Statt meiner verweise ich euch an einen erhabenern Führer, an euer Gewissen. Wie ihr bisher auf meine Warnungen horchtet, ebenso horcht hinführo auf die Warnungen dieses; und wie bisher mein Beifall euer höchstes Ziel war, ebenso sey es hinführo der Beifall eures eigenen Herzens: und dass dieses euch nie täuschen werde, dafür bürgt mir die Wahrheitsliebe, die ich in euch bemerkt und gepflegt habe. — Jesus sagt, dass er ihnen diesen Wahrheitsgeist senden wolle, nicht als ob sie etwa erst jetzt durch irgend ein Wunderwerk umgeschaffen die Wahrheit würden lieben lernen, — die Jünger Jesu, die an sich weder besser unterrichtet, noch tugendhafter waren, als die übrigen Juden ihrer Zeit, zeichneten sich eben durch Wahrheitsliebe, und bloss durch sie von anderen aus, und wurden bloss um dieser willen Schüler Jesu — sondern, weil sie erst jetzt, nach dem Verluste ihres äusseren Führers, dieses inneren Führers bedürfen würden.

Wir alle, meine th. Fr., sind eben so, wie die Jünger Jesu, an unser Gewissen gewiesen, und eben so nöthig, als Jene, bedürfen wir der Wahrheitsliebe, um seine Stimme zu hören. Es ist also der Mühe werth, diese Wahrheitsliebe genauer kennen zu lernen.

Die Wahrheitsliebe, von der wir hier und heute reden, besteht kürzlich darin: dass man sich in seiner Meinung von seiner eigenen Tugend nicht betrügen wolle. Dies nun scheint Anfangs widersprechend; denn es scheint auf den ersten Anblick unmöglich, sich selbst zu hintergehen, und hintergehen zu wollen.