Wenn man aber daran denkt, dass der menschliche Wille durch zwei sehr verschiedene Haupttriebe in Bewegung gesetzt wird, deren einer ihn antreibt, sich vor Beschädigungen seines Leibes und Lebens zu sichern, und die Mittel aufzusuchen, dieses Leben unter so vielen angenehmen Empfindungen hinzubringen, als möglich; — ein Trieb, den wir Eigenliebe nennen, und den wir mit den Thieren des Feldes gemein haben: — deren zweiter aber ihn drängt, das Gute zu verehren und das Laster zu verabscheuen; — ein Trieb, der uns in den Rang höherer Geister und zum Ebenbilde der Gottheit erhebt, und den wir das Gewissen nennen; — — Triebe, die so verschieden sind, dass daher einige zwei Seelen im Menschen angenommen haben; eine Bemerkung, welche allein es schon hinreichend erklärt, wie Jesus von dem verheissenen Geiste der Wahrheit, als von etwas ausser den Jüngern reden konnte, so wie auch schon ein Weiser einer anderen Nation das Gute und Edle, das er that oder sagte, den Eingebungen eines höheren Geistes zugeschrieben hatte: —
wenn man ferner bedenkt, dass diese beiden Antriebe, — der der Eigenliebe und der des Gewissens — sich oft geradezu widerstreiten, indem der erstere den Menschen antreibt, etwas als angenehm und nützlich zu begehren, was der zweite als schändlich und ungerecht ihn zu verabscheuen nöthigt:
wenn man dieses beides bedenkt, so lässt sich sehr leicht einsehen, wie der Mensch, dem die Tugend nicht lieb genug ist, um alles für sie aufzuopfern, in dem Gedränge, in welches er bei diesem Widerstreite geräth, und in der Wahl, entweder die Befriedigung seiner liebsten Neigungen aufzugeben, oder sich selbst für einen ungerechten und schändlichen Menschen zu halten, einen Ausweg suchen und ihn darin finden werde, dass er sich überrede, sein Vergehen sey so gross noch nicht, und er könne demohngeachtet doch noch ein guter Mensch seyn.
Solche Menschen sind nicht einmal stark genug, um ganz Bösewichter zu seyn, und begierig, die Lust des Lasters und die Freuden des guten Gewissens mit einander zu vereinigen, betrügen sie sich selbst, oder die schlechtere Seele in ihnen verfälscht die Aussagen der besseren. Der trüglichen Vorspiegelungen, deren sie sich dazu bedienen, sind unzählige.
Jetzt überreden sie sich, andere Bewegungsgründe bei ihren Handlungen gehabt zu haben, als sie wirklich hatten, und glauben es sich z. B. im Ernste, dass Gerechtigkeits- und Pflichtliebe, oder Wohlthätigkeit sie da geleitet habe, wo sie doch ihrer angeborenen Härte oder ihrer Eitelkeit fröhnten. — So waren die, von denen Jesus in unserem Evangelium sagt (Cap. 16, 2): sie werden, indem sie euch tödten, Gott einen Dienst damit zu thun meinen. — Eigentlich war wohl beleidigter Stolz und Rechthaberei dasjenige, was die verfolgungssüchtigen Juden, so wie die Verfolger aller Zeiten und Völker, trieb, nicht aber die Begierde, Gott einen Dienst zu thun. Das letztere banden sie sich wohl nur so auf; denn es ist sehr zweifelhaft, ob sie, wenn sie an ihrer Seite die Gemarterten, und ihre Gegner die Marterer gewesen wären, unter den Qualen des schmerzlichsten Todes gerufen haben würden: o, was für liebe fromme Leute sind doch unsere Mörder! Es ist wahr, dass uns der Tod schwer, und die Qualen desselben schmerzhaft ankommen; aber sie meinen es dabei doch so herzlich gut, und martern uns aus brennender Andacht und sehr thätiger Menschenliebe zu Tode.
Jetzt rechnen sie sich gewisse gute Handlungen, die sie darum thaten, weil sie ihnen die wenigste Aufopferung kosteten, so hoch als möglich an, und meinen damit alle ihre übrigen Vergehungen zu vergütigen. So soll etwa ein schweres Almosen, mit langsamer widerstrebender Hand dargereicht, für alle Ausbrüche unreiner Lüste, oder für eine Menge schreiender Ungerechtigkeiten genugthun.
Das ist Selbstbetrug in der Anwendung der Aussprüche unseres Gewissens auf unsere Handlungen; ein Betrug, der sich Keinem, dem es ein Ernst ist, sich selbst recht kennen zu lernen, lange verbergen kann; denn aus ihm entstehen die schreiendsten Widersprüche in den Grundsätzen, wonach wir uns, und in denen, wonach wir andere beurtheilen. Wir wollen dann immer die Ausnahme von allen übrigen Menschen seyn, und was für alle andere ungerecht ist, soll für uns erlaubt, was bei allen anderen höchst zweideutig ist, soll bei uns schön und edel seyn.
Da nun bei einem so groben Selbstbetruge unser Herz immer in der Gefahr ist, auf seiner Falschheit ergriffen zu werden; da ferner gewisse Handlungen nach allen möglichen Milderungen und Beschönigungen doch noch immer ein sehr hässliches Aussehen behalten, so fällt der Mensch aus diesem gefährlichen Selbstbetruge leicht in einen noch gefährlicheren: er sucht sich nemlich des einzigen höchsten Gesetzes für seine Handlungen, seines Gewissens, das ihm so lästig geworden ist, ganz zu entledigen, und beruft sich, — ein Jeder nach Maassgabe seines Scharfsinnes — auf ein anderes: der Schwache auf das Beispiel der grösseren, oder der vom Schicksale begünstigteren Menge; der Scharfsinnigere geradezu auf seine Neigung, die er statt des zum Vorurtheile herabgewürdigten inneren Gefühls durch tausend Spitzfindigkeiten als höchstes Gesetz für die freien Handlungen vernünftiger Wesen aufzustellen sucht; endlich ganze Zeitalter — o unseligste Ausgeburt des menschlichen Verderbens! — auf erdichtete oder verfälschte Offenbarungen der Gottheit, die, unter der Gewährleistung eben des Gottes, der seinen Willen unauslöschlich in unser Herz schrieb, diesem in unser Herz geschriebenen Willen geradezu widersprechen und in seinem Namen das Laster in Tugend verwandeln. — Sehet da, m. Br., in dem Verderben der Menschen, und in ihrer Begierde, dieses Verderben vor sich selbst zu verbergen, die wahre Urquelle Jenes: „andere, die es doch besser verstehen sollten, machen es eben so“ — das man so oft hört; jener Gebäude von Sittenvorschriften, die jetzt feiner, jetzt gröber unsere Neigung als höchstes Sittengesetz aufstellen, und nach denen nichts unerlaubt ist, als wozu es uns an Kraft fehlt; jener Religionsgrundsätze, die uns dort durch Tausender, hier durch Eines fremdes Verdienst — nicht etwa das Fehlende eigener Verdienste bei dem möglichst thätigen guten Willen — eine solche Hoffnung bietet die Religion, und verstattet die Vernunft Jedem, der ihrer bedarf — sondern den gänzlichen Mangel an eigenem guten Willen ersetzen lehren, und uns am Ende eines gemisbrauchten Lebens dort in eine Mönchskutte, und hier an ein kaltes: Herr, ich glaube, verweisen!
Dies sind die Wege, die das menschliche Herz nimmt, um sich der Erkenntniss der Wahrheit zu entziehen. Um allen diesen Fallstricken, die der schlauste Verführer, unser eigenes Ich, uns legt, zu entgehen, bedarf es der Wahrheitsliebe: — der entschiedenen vorherrschenden Neigung, die Wahrheit bloss um ihrer selbst willen — sie falle für uns auch aus, wie sie wolle — anzuerkennen. — Diese Wahrheitsliebe, oder mit Jesu zu reden, dieser Geist der Wahrheit treibt uns fürs erste, unser Gewissen als den einzigen Richter über das, was recht oder unrecht ist, und als das höchste Gesetz anzuerkennen, dem wir immer und ohne Ausnahme zu gehorchen, schlechterdings schuldig sind. — Die schönste Uebersetzung des allgemeinen Ausspruchs dieses Gesetzes ist die, welche Jesus gegeben hat: Was ihr nicht wollt, dass es euch die Leute thun, das thut auch ihr ihnen nicht, oder allgemeiner: was euch an anderen ungerecht und schändlich vorkommt, das ists gewiss auch an euch; denn ebendieselbe Stimme in euch, die es an andern verdammt, verdammt es auch an euch.
Es ist also der erste und der Hauptgrundsatz der Wahrheitsliebe: nichts sich für erlaubt zu halten, was man nicht allen anderen stets und immer erlauben möchte. — Die Vernunftmässigkeit dieses Grundsatzes ist so einleuchtend, und es ist so unvernünftig, zu glauben, dass ein Einziger eine Ausnahme vom ganzen Menschengeschlechte und allen vernünftigen Wesen machen solle; dass Ihm allein erlaubt seyn solle, was er allen anderen nicht erlaubt, und für ihn allein gerecht und edel seyn solle, was er an allen anderen ungerecht und schändlich findet: dass es schwer wird, es zu glauben, dass der grösste Haufen der Menschen sein eigenes geliebtes Ich in diesen Rang setze, und diesem Gedanken gemäss handele.