Diese Wahrheitsliebe treibt fürs zweite den, in welchem sie herrschend geworden ist, sich nach den Vorschriften seines Gewissens unparteiisch zu prüfen. — Es ist ihm nur um die Wahrheit zu thun; nur sie ist ihm werth und willkommen; sie ist ihm weit theurer als Er sich selbst; laute sie, wie sie wolle, wenn es nur Wahrheit ist. Er wird also, weit entfernt nach Entschuldigungen und Beschönigungen zu haschen, vielmehr sehr sorgfältig über sein betrügerisches Herz wachen. Er wird seine Fehler nicht geringer, seine Tugenden nicht grösser machen wollen, als sie sind. Er wird sich, wenn die Stimme der Wahrheit, — das heiligste, was er kennt — ihn verurtheilt, dem Schmerze der Reue und dem Gefühle der Scham vor sich selbst edelmüthig unterwerfen.

Diese Wahrheitsliebe nun treibt unwiderstehlich zur Tugend. Anerkennt man das Gewissen für sein höchstes Gesetz; prüft man sich unparteiisch nach demselben, so wird man die Pein, sich selbst verachten zu müssen, nicht länger ertragen, sich nicht entschliessen können, sich selbst für ungerecht und böse zu halten, und — es bleiben zu wollen. So ein Zustand ist wider die menschliche Natur. Sich für verdorben halten, und sich entschliessen, es zu bleiben, ist widernatürlich.

Dieser Wahrheitsgeist zeugt, laut unseres Textes, von Jesu. Er überzeugt Jeden, in dem er herrschend geworden, durch eigene Erfahrung, dass die Sittenlehre Jesu die reinste Darstellung der Aussprüche unseres Gewissens sey. So jemand will den Willen thun des, der mich gesandt hat, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sey, oder ob ich von mir selber rede, konnte er mit seinem vollen Rechte sagen.

Doch hört noch, a. Z., die eigenen Worte dieses Jesus über Wahrheitsliebe, damit ihr euch noch mehr überzeugt, dass ich euch jetzt nicht etwa philosophische Untersuchungen, sondern reine Bibellehre vorgetragen habe, die jeden Christen angeht. So sagt Jesus Joh. 3, 19-21.

Das ist das Gericht, d. h. das ist der wesentliche Unterschied, der zwei sehr verschiedene Arten von Menschen ihrer Denkungsart, und ihren damit genau verbundenen Schicksalen nach unterscheidet, dass einige, obgleich das Licht in die Welt gekommen ist, die Finsterniss mehr lieben, als das Licht, d. h. dass sie, obgleich die Stimme der Wahrheit laut genug in ihrem Gewissen redet, und sie auch von aussen aufmerksam auf dieselbe gemacht werden, dennoch die Wahrheit nicht anerkennen wollen, sie hassen und meiden, und nur den Betrug lieben, der ihnen schmeichelt, da ihre Werke böse sind. — Wer Arges thut, hasset das Licht, oder die Wahrheit, und er kömmt nicht an das Licht, er weicht der Erkenntniss der Wahrheit sorgfältig aus, damit seine Werke nicht gestraft werden, damit er nicht von seiner Verdorbenheit überführt, und vor sich selbst beschämt werde. — — Die von dieser Menschenklasse sehr Verschiedenen sind diejenigen, welche die Wahrheit thun, welche ihr Gewissen für das höchste Gesetz ihres Verhaltens anerkennen, und fest entschlossen sind, der Stimme desselben in allem zu gehorchen: — diese kommen an das Licht, sie mögen sich gern in ihrer wahren Gestalt erblicken, damit ihre Werke offenbar werden, und sie dadurch sich selbst kennen lernen, wie weit sie in der Tugend gekommen sind, und was ihnen zu thun noch übrig ist.

Dieser Geist der Wahrheit geht, nach den Worten Jesu in unserem Texte, vom Vater aus; er ist ein Geschenk der Gottheit, von welcher alle gute Gaben kommen, und das Edelste, was sie der Menschheit gab. Aber Gott gab dieses Geschenk nicht etwa nur einigen, und versagte es anderen, er gab die Anlage dazu allen; gab sie gewiss auch Jedem, der hier gegenwärtig ist. — — O, m. Br., warum kann ich nicht mit Jedem unter euch in die geheime Geschichte seines Herzens zurückgehen; warum kann ich nicht Jedem, Schritt vor Schritt, die Vorfälle aufzählen, bei denen die bessere Seele in ihm lauter wurde? —

Denkt zurück an die innige Bewegung, mit der die meisten unter euch das erste Mal beim Nachtmahle erschienen; an die Thränen der Rührung, mit denen ihr damals vor den Augen Gottes und den Augen der Gemeine angelobtet, der Stimme eures Gewissens stets zu gehorchen; an die ernsthaften Vorsätze der Besserung, mit denen ihr diese Handlung oft wiederholt habt; an die noch ernsthafteren Vorsätze, die ihr fasstet, wenn Krankheit oder eine andere Noth euch veranlasste, einen Blick in euer Innerstes zu thun; an den Schauder und das Herzklopfen, das auch den Verdorbensten unter uns übermannte, wenn er eine Sünde thun wollte, die ihm neu und grösser war, als seine vorhergehenden; an das Entsetzen, das uns alle befällt, wenn wir von einer harten Ungerechtigkeit, von einer grossen Schandthat hören — alles das waren und sind Spuren dieser besseren Seele in uns.

Und nun ist es unsere Sache, uns zu prüfen, wie viel von dieser ursprünglichen Wahrheitsliebe wir in uns übriggelassen haben. Und diese Prüfung, m. Br., ist nicht schwer; auf der Stelle können wir unser Herz auf dem Betruge ergreifen, wenn es uns betrügt.

Der gemeinste Begriff, den selbst der unausgebildetste von seiner Bestimmung hat, ist der, Gott zu gefallen und in den Himmel zu kommen. Wer ist unter uns, der das nicht hoffe? Worauf gründen wir nun diese Hoffnung, — nicht von Gottes Seite, davon ist hier nicht die Rede, — sondern von der unsrigen, oder, was denken wir zu thun, um in den Himmel zu kommen? Tröstet ihr euch etwa eures Kirchen- und eures Nachtmahlsgehens — oder wohl gar einer kalten Reue, die ihr einst auf eurem Sterbebette empfinden wollt — tröstet ihr euch irgend eines Dinges, ausser der gewissenhaften Erfüllung aller eurer Pflichten, und des ernstesten Entschlusses nichts zu thun, was ihr für unrecht haltet: so hat euch bisher euer Herz betrogen, denn es hat euch an ein ander Gesetz angewiesen, als an euer Gewissen.

Ihr habt alle irgend ein Vorhaben; ihr habt vielleicht ohnlängst irgend ein anderes ausgeführt. — Könnt ihr im Ernste wünschen, dass jeder eurer Nebenmenschen stets und immer so handle, dass er auch gegen euch so handle, wie ihr gehandelt habt, oder zu handeln im Begriffe steht; könnt ihr wünschen, in einer Welt zu leben, wo jeder so handelt? Solltet ihr dieses nicht wünschen können, — haltet ihr demohngeachtet eure Handlung noch für gerecht und billig? Haltet ihr sie dafür, so seyd versichert, dass euer Herz euch betrügt, und dass die Entschuldigungen, die es euch darbietet, eitel Täuschungen sind.