Es ist, wenn wir in dieser Prüfung unser Herz nicht ganz lauter befunden haben sollten, nun unsere Sache, zu sehen, wie wir diese Wahrheitsliebe in uns wieder herstellen wollen, — wenn wir anders nicht länger jeden Blick, den wir in unseren Busen werfen, mit Erröthen wieder zurückreissen wollen; nicht länger von dem Auge des ehrlichen Mannes uns gedrückt fühlen, und schüchtern suchen wollen, unser Herz vor ihm zu verbergen, dass er nicht durch irgend eine Spalte desselben unsere Schande entdecke; nicht länger dem Gedanken an Gott, den Herzenskündiger, und an die Zukunft, mit Angst ausweichen wollen.

Dazu giebt es nun leider kein Mittel, was nicht wenigstens einen Theil dieser Wahrheitsliebe voraussetzte, die dadurch erst hervorgebracht werden soll. Wer gar keine mehr hat, der ist ohne Rettung verloren; treibt ihn in die Enge, soviel ihr wollt, — er wird stets recht haben, und nie wird es ihm an Entschuldigungen und Ausflüchten fehlen; er wird, wie Jesus sagt, nicht glauben, und wenn die Todten auferständen, und ihm die Wahrheit predigten; daher denn auch die Gottesgelehrten diesen Zustand sehr passend das Gericht der Verstockung genannt haben. — Aber sollte es viele, sollte es überhaupt Menschen geben, die so tief verfallen seyen? Auf das verdorbenste Herz geschehen zuweilen noch gute Eindrücke; wenn ihnen ihr ganzer trauriger Zustand recht nach dem Leben vor Augen gemalt wird; oder, wenn sie in ein grosses Unglück verfallen, aus dem sie mit ihrer ganzen Kraft sich nicht retten können; oder wenn sie das Schauspiel einer grossen Unthat erblicken, und sich gestehen müssen, dass sie auf dem geraden Wege zu dem gleichen Verbrechen sind; oder, welches das letzte und härteste Rettungsmittel in der Hand der Vorsehung ist, — wenn sie selbst in eine grosse Missethat fallen, über die sie hinterher sich selbst entsetzen.

Gott gebe, dass keiner in unserer Mitte sey, der solcher Mittel bedürfe; er gebe, dass keiner, der ihrer bedarf, auch diese ungenützt lasse. Amen.

[29] Nemlich im Grundtexte: „Die Ausübung der Gastfreiheit verfolget; die Euch verfolgen, segnet.“

[30] Man wird mir für die Kanzel diese Namenerklärung verzeihen, und die Untersuchung, ob so etwas sich überhaupt nicht etwa widerspreche und nichts gesagt sey, schenken. — Wenigstens ist das hier Gesagte nicht aus Unwissenheit gesagt.

[31] Joh. 16, 7.

C.
Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe von Briefen. 1794.[32]

(Phil. Journal 1798. Bd. IX. S. 199-232. S. 292-305.)

Erster Brief.

Sie haben Ihre Erwartungen von der Philosophie noch nicht aufgegeben, mein theurer Freund; Sie fahren fort, an unseren Bemühungen um dieselbe Antheil zu nehmen, und füllen noch immer einen Theil Ihrer Erholungsstunden mit philosophischer Lectüre. Aber, so schreiben Sie mir, der Nachbar dürfte fast durch die Vorstellung einer neuen Gefahr Sie beunruhigen. Ihn macht der Unterschied bedenklich, den ein oder zwei neuere Schriftsteller zwischen Geist und Buchstaben in der Philosophie überhaupt, und insbesondere einer gewissen Philosophie und gewisser philosophischer Werke gemacht haben. Wo es hinauswolle, und was aus dem unermüdetsten Studiren werden könne, wenn es dem ersten dem besten erlaubt seyn solle, die mit saurer Mühe zusammengebrachten Kenntnisse im ersten Andrange des Kraftgenies zu streichen: unter dem Vorwande, dass dies doch nur der Buchstabe sey, und nicht der Geist? — Der Nachbar denkt auf Sicherheit, und Sie wünschen eine klare Einsicht in die Beruhigungsgründe, die Sie schon jetzt dunkel fühlen. Sie haben bemerkt, dass ich auch mit für diese Unterscheidung stimme, und verlangen von mir eine gründliche und gemeinfassliche Auseinandersetzung: was Geist der Philosophie, und Geist in der Philosophie heisse, und wie sich derselbe vom Buchstaben, und vom blossen Buchstaben unterscheide.