Ich hoffe, dass Sie durch die Forderung der Gründlichkeit mich nicht über Vermögen verpflichten wollen: dass Sie durch dieselbe nicht mehr andeuten, als dass ich nach bestem Wissen und Gewissen, soweit ich selbst auf den Grund sehe, jenen Unterschied aus ihm ableite. Das würde denn auch in der Kürze geschehen können, wenn ich alles, was die unmittelbare Beantwortung Ihrer Frage voraussetzt, voraussetzen dürfte. Da dies aber Ihre Rechnung nicht zu seyn scheint, indem Sie zugleich Gemeinfasslichkeit fordern, so muss ich Sie einen längeren Weg führen, von welchem ich wünsche, dass er Ihnen nie als ein Umweg erscheinen möge. Sie sollen auf demselben langsam gehen, und zuweilen ruhen und Aussicht nehmen; aber mit ein wenig Geduld hoffe ich Sie an das Ziel zu bringen und ihre Besorgnisse zu heben. — Was die Belehrung des Nachbars anbelangt — doch, die Erfahrung, die Sie dabei zu machen haben, kann wenigstens für Sie selbst belehrend seyn.
Ehe ich Ihnen deutlich machen kann, was ich unter Geist in der Philosophie verstehe, müssen wir uns darüber vereinigen, was wir überhaupt Geist nennen.
Sie erinnern sich der Klagen, die Sie führten, als Sie ein gewisses, von einigen hochgepriesenes Buch lasen. Sie konnten sich in dasselbe nicht hineinlesen. Sie hatten es vor sich und Ihre Augen fest darauf geheftet; aber Sie fanden, so oft Sie auf sich selbst reflectirten, sich weit von dem Buche; jeder Ihrer Angriffe auf den Inhalt und den Gang desselben gleitete ab, und so oft auch Sie den spröden Geist desselben ergriffen zu haben glaubten, entschlüpfte er Ihnen unter den Händen. Sie hatten nöthig, immer und immer wieder sich selbst zu erinnern, dass Sie dieses Buch studiren wollten, es studiren müssten; und es bedurfte der oft wiederholten Vorstellung des Nutzens und der Belehrung, die Sie daraus erwarteten, um den fortdauernden Widerstand auszuhalten; bis Sie endlich aus anderen Gründen überzeugt wurden, dass Sie es ebensowohl ungelesen lassen könnten, und dass selbst die Ausbeute nur geringe und der aufgewandten Mühe nicht werth seyn werde. — Lag dabei die Schuld lediglich an Ihnen, an Ihrem Mangel an Aufmerksamkeit, an dem Nichtverhältnisse Ihres Talents gegen die Tiefe und Gründlichkeit jenes Buches? Sie schienen das nicht zu glauben; die Stimmung, in der Sie sich bei der Lectüre anderer, nicht minder gründlicher Schriften fanden, erlaubte Ihnen, eine günstigere Meinung von sich zu fassen. Sie fühlten von diesen sich angezogen und gefesselt; es bedurfte keiner Erinnerung an Ihren Vorsatz, das Buch zu studiren, und an den Vortheil, den Sie sich aus dem Studium desselben versprachen. Sie brauchten bei einer Lectüre, die allein Ihren ganzen Geist ausfüllte, keinen Zweck ausserhalb derselben aufzusuchen, und nur das kostete Ihnen Mühe, sich davon loszureissen, wenn andere Geschäfte Sie abriefen. Sie waren vielleicht mehrmals in einem ähnlichen Falle, wie eine gewisse französische Frau. Die Stunde, da der Hofball eröffnet wurde, traf dieselbe bei der Lectüre der neuen Heloise. Man meldete ihr, dass angespannt sey; aber es war noch zu früh, nach Hofe zu fahren. Nach zwei Stunden, da man sie wieder erinnerte, war es noch immer Zeit genug; und zwei Stunden darauf fand sie es zu spät. Sie las die ganze Nacht durch, und opferte für dieses Mal den Ball auf.
So gehts mit Büchern, so geht es mit anderen Producten der Kunst sowohl, als der Natur. Das eine lässt uns kalt und ohne Interesse, oder stösst uns wohl gar zurück; ein anderes zieht uns an, ladet uns ein, bei seiner Betrachtung zu verweilen und uns selbst in ihm zu vergessen.
Diese Erfahrung ist um so merkwürdiger, da die Gründe, aus denen man sie etwa auf den ersten Anblick dürfte erklären wollen, nicht auslangen. Der weniger ernsthafte und oberflächliche Leser, der nur Vergnügen sucht, und an den die Belehrung fast nur durch einen feinen Betrug unter der Gestalt des ersten gelangen kann, mag im ganzen freilich lieber durch Erzählungen unterhalten seyn, als mit dem Schriftsteller nachdenken und forschen. Aber oft gelingt es der reichsten Erzählung, wo Begebenheiten auf Begebenheiten folgen, die eine immer abenteuerlicher als die andere, nicht, die Aufmerksamkeit des Lesers anzuziehen; und es giebt ihrer in Menge, die, ohne alle Rücksicht auf Belehrung, lieber mit Voltaire räsonniren, oder mit Lessing polemisiren, als die Begebenheiten der schwedischen Gräfin sich erzählen lassen. Es scheint daher allerdings der Mühe werth, und liegt vielleicht auf unserem Wege, zu untersuchen: was es doch eigentlich seyn möge, das uns hier, es sey zu Frivolitäten oder zu ernsthaften und wichtigen Untersuchungen, so mächtig hinzieht; dort, so wichtig und nützlich auch der abgehandelte Gegenstand sey, so unwiderstehlich zurückstösst?
So viel ist klar, dass ein Werk der erstern Art unsern Sinn selbst für seinen Gegenstand anregen, beleben, stärken möge; dass ein solches Werk uns nicht bloss das Object unserer geistigen Beschäftigung, sondern zugleich das Talent gebe, uns mit demselben zu beschäftigen, uns nicht das Geschenk allein, sondern sogar die Hand darreiche, mit der wir es ergreifen sollen; dass es das Schauspiel und die Zuschauer zugleich erschaffe, und, wie die Lebenskraft im Weltall, mit demselben Hauche der todten Materie Bewegung und Organisation, und der organisirten geistiges Leben mittheile: da hingegen ein Product von der letztern Klasse gerade denjenigen Sinn, dessen man zu seinem Genusse bedürfte, aufhält und hemmt, und durch den fortdauernden Widerstand ermüdet und tödtet; so dass der in jedem Augenblicke abgelaufene Mechanismus des Geistes durch einen neuen Druck der Haupttriebfeder in ihm, der absoluten Selbstthätigkeit, wieder hergestellt werden muss, um im nächsten Augenblicke wieder unterbrochen zu werden. Im ersten Falle denkt unser Verstand, oder dichtet unsere Einbildungskraft von selbst mit dem Künstler zugleich, und sowie er es will, ohne dass wir ihr gebieten; die gehörigen Begriffe, oder die beabsichtigten Gestalten bilden und ordnen sich vor unserem geistigen Auge, ohne dass wir die Hand daran gelegt zu haben glauben. Im zweiten Falle müssen wir immer über uns selbst wachen und uns in strenger Aufsicht haben, stets das Gebot der Aufmerksamkeit wiederholen und über seine Beobachtung halten. Wie wir unser geistiges Auge wegwenden, entfleucht unsere Aufmerksamkeit vom Ziele, die unbewachte Phantasie sucht wieder ihre gewohnte Bahn, oder auch der Geist fällt in sein dumpfes Hinbrüten zurück. Mit einem Worte: Producte der erstern Art scheinen eine belebende Kraft zu haben für den innern Sinn, und insbesondere jedesmal für denjenigen besonderen Sinn, für den ihre Auffassung gehört; Producte der letztern Art mögen Ordnung und Gründlichkeit und Nutzbarkeit, sie mögen alles haben, was man will, jene Kraft haben sie nicht.
Wir nennen diese belebende Kraft an einem Kunstproducte Geist, den Mangel derselben Geistlosigkeit, und stehen sonach gerade vor dem Gegenstande, welchen wir zu untersuchen haben.
Wie erhält ein menschliches Product jene belebende Kraft, und woher hat der geistvolle Künstler das Geheimniss, sie ihm einzuhauchen? Mit angenehmem Befremden entdecke ich bei Betrachtung seines Werkes Anlagen und Talente in mir, die ich selbst nicht kannte. Hat er auf diese Anlagen in mir die Wirkung seiner Kunst berechnet? Ohne Zweifel; denn woher sonst dieser Erfolg? Aber wer hat ihm mein Inneres aufgedeckt, in welchem ich selbst ein Fremdling war? Wenn er noch allenfalls durch hohe Vorstellungen aus der Religion mich in überirdische Welten erhöbe, oder durch die Schrecken des Weltgerichts erschütterte, oder durch die Leiden der sanftduldenden Unschuld mir Thränen entlockte, möchte es seyn; unerachtet es noch immer wunderbar bliebe, wie er es dahin bringt, dass ich auf seine Dichtungen, die ich für nichts als Dichtungen halte, mich nur einlasse und ihnen Empfindungen widme, die nur zu wahr sind. Aber mit der gleichen Zuversicht schildert sein Griffel einen ländlichen Tanz, wirft sein Pinsel eine Feldblume auf die Leinwand, und mein Herz ist immer seine gewisse Beute. Wo liegt der unbegreifliche Zusammenhang dieser Mittel mit jenem Zwecke, und durch welche Kunst hat er errathen, was durch kein Nachdenken sich dürfte finden lassen?
Zweiter Brief.
Sie nehmen die am Ende meines vorigen Briefes hingeworfene Frage auf, und beantworten sie folgendermaassen: