„Nirgends als in der Tiefe seiner eigenen Brust kann der geistvolle Künstler aufgefunden haben, was meinen und Aller Augen verborgen in der meinigen liegt. Er rechnet auf die Uebereinstimmung anderer mit ihm; und rechnet richtig. Wir sehen, dass unter seinem Einflusse die Menge, wenn sie nur ein wenig gebildet ist, wirklich in Eine Seele zusammenfliesst, dass alle individuelle Unterschiede der Sinnesart verschwinden, dass die gleiche Furcht, oder das gleiche Mitleid, oder das gleiche geistige Vergnügen Aller Herzen hebt und bewegt. Er muss demnach, inwiefern er Künstler ist, dasjenige, was allen gebildeten Seelen gemein ist, in sich haben, und anstatt des individuellen Sinnes, der uns andere trennt und unterscheidet, muss in der Stunde der Begeisterung gleichsam der Universalsinn der gesammten Menschheit, und nur dieser, in ihm wohnen. — Wir alle sind auf mannigfaltige Weise von einander verschieden; kein Einzelner ist irgend einem andern Einzelnen, dem Geistescharakter so wenig, als dem körperlichen nach, vollkommen gleich.“
„Dennoch müssen wir alle, näher oder entfernter, nach Maassgabe der Gleichförmigkeit oder der Verschiedenheit unserer Ausbildung, schon auf der Oberfläche unseres Geistes, oder in seinen geheimeren Tiefen gewisse Vereinigungspuncte haben; denn wir verstehen uns, wir können uns einander mittheilen, und aller menschliche Umgang ist von Anbeginn an nichts anderes gewesen, als ein ununterbrochener Wechselkampf aller Einzelnen, jeden Einzelnen, mit dem sie im Gange des Lebens Berührungspuncte bekamen, mit sich selbst übereinstimmig zu machen. Was keinem so leicht, und keinem ganz gelingt, gelingt dem Künstler, indem er das Ziel verändert, und es aufgiebt, seine Individualität in andern darzustellen; vielmehr diese selbst aufopfert, und statt ihrer jene Vereinigungspuncte, die in allen Einzelnen sich wiederfinden, zum individuellen Charakter seines Geistes und seines Werkes macht. Daher heisst das, was ihn begeistert, Genius, und hoher Genius: ein Wesen aus einer höheren Sphäre, in welcher alle niedere und irdische Grenzlinien, die den individuellen Charakter der Erdenmenschen bestimmen, nicht mehr unterschieden werden und in einen leichten Nebel zusammenfliessen.“
„Da die Mittel, deren er sich bedient, um jenen Gemeinsinn in uns anzuregen und zu beschäftigen, und die Individualität, so lange er uns unter seinem Einflusse hält, verstummen zu machen, — da diese Mittel und ihr nothwendiger Zusammenhang mit der Wirkung durch kein Nachdenken, durch keine Beziehung auf ihren Zweck durch Begriffe, so leicht dürften aufgefunden werden, wenigstens alle bisherigen Bemühungen, sie auf diese Art aufzufinden, gescheitert sind: so kann er nur durch Erfahrung, durch eigene innere Erfahrung an sich selbst, zur Kenntniss derselben gelangt seyn. Er hat einst selbst empfunden, was er uns nachempfinden lässt, und dieselben Gestalten, die er jetzt vor unser Auge hinzaubert, — ununtersucht, auf welchem Wege sie vor das seinige kamen, — haben ihn einst selbst in jene süsse Trunkenheit, in jenen holden Wahnsinn eingewiegt, der uns alle bei seinem Gesange, oder vor seiner belebten Leinwand, oder bei dem Tone seiner Flöte ergreift. Er ist wieder zur kalten Besonnenheit gekommen, und stellt mit nüchterner Kunst dar, was er in der Entzückung erblickte, um in seine Verirrung, deren geliebtes Andenken ihn noch mit sanfter Rührung erfüllt, das ganze Geschlecht hineinzuziehen, und die Schuld, welche die Einrichtung seiner Gattung auf ihn lud, unter die ganze Gattung zu vertheilen. Wo gebildete Menschen wohnen, wird bis an das Ende der Tage das Andenken seiner längst erloschenen Begeisterung durch ihre Wiederholung gefeiert werden.“
So lösen Sie die vorgelegte Aufgabe; und ich glaube, Sie haben recht. Aber erlauben Sie, dass wir gemeinschaftlich uns Ihre Meinung weiter aufklären, sie in ihre feineren Bestandtheile zerlegen, sie aus ihren Gründen entwickeln, um uns etwas Bestimmtes zu denken unter jenem Universalsinne, den Sie Ihrer Erklärung zum Grunde legen; um klar einzusehen, wie jener Eindruck entstehe, den sie auf diesen Sinn in der Seele des Künstlers geschehen lassen; um zu begreifen, so gut es sich begreifen lässt, warum sich derselbe so leicht und so allgemein mittheile.
Vollkommen unabhängig von aller äusseren Erfahrung, und ohne alles fremde Hinzuthun soll der Künstler aus der Tiefe seines eigenen Gemüthes entwickeln, was, Aller Augen verborgen, in der menschlichen Seele liegt; er soll nur unter Anleitung seines Divinationsvermögens Vereinigungspuncte für die gesammte Menschheit aufstellen, die sich in keiner bisherigen Erfahrung als solche bewährt haben. Aber das einzige Unabhängige und aller Bestimmung von aussen völlig Unfähige im Menschen nennen wir den Trieb. Dieser, und dieser allein ist das höchste und einzige Princip der Selbstthätigkeit in uns; er allein ist es, der uns zu selbstständigen, beobachtenden und handelnden Wesen macht. — So weit der Einfluss der äusseren Dinge auf uns sich auch immer erstrecken möge, so erstreckt er sicher sich doch nicht so weit, dass er dasjenige in uns hervorbringe, was jene selbst nicht haben, und dass in ihrer Einwirkung gerade das Gegentheil von demjenigen liege, was in ihnen selbst, als in der Ursache, enthalten ist. Die Selbstthätigkeit im Menschen, die seinen Charakter ausmacht, ihn von der gesammten Natur unterscheidet und ausserhalb ihrer Grenzen setzt, muss sich auf etwas ihm Eigenthümliches gründen; und dieses Eigenthümliche eben ist der Trieb. Durch seinen Trieb ist der Mensch überhaupt Mensch, und von der grössern oder geringern Kraft und Wirksamkeit des Triebes, des innern Lebens und Strebens, hängt es ab, was für ein Mensch jeder ist.
Lediglich durch den Trieb ist der Mensch vorstellendes Wesen. Könnten wir ihm auch, wie einige Philosophen wollen, den Stoff seiner Vorstellung durch die Objecte geben, die Bilder durch die Dinge von allen Seiten her ihm zuströmen lassen: so bedürfte es doch immer der Selbstthätigkeit, um dieselben aufzufassen und sie auszubilden zu einer Vorstellung, dergleichen die leblosen Geschöpfe im Raume um uns herum, denen die durch das ganze Weltall herumschweifenden Bilder so wohl als uns zuströmen müssen, nicht besitzen. Es bedarf dieser Selbstthätigkeit, um diese Vorstellungen nach willkürlichen Gesichtspuncten zu ordnen: jetzt die äussere Gestalt einer Pflanze zu betrachten, um sie wiederzuerkennen und von allen ähnlichen zu unterscheiden; jetzt den Gesetzen nachzuspüren, nach denen die Natur diese Bildung bewirkt haben mag; jetzt zu untersuchen, wie man jene Pflanze etwa zur Speise, oder zur Kleidung, oder zur Arznei gebrauchen könne. Es bedarf der Selbstthätigkeit, um unsere Erkenntniss von den Gegenständen unaufhörlich zu steigern und zu erweitern; und lediglich durch sie wird derselbe Stern für den Astronomen ein grosser, fester, in unermesslicher Entfernung nach unverbrüchlichen Gesetzen sich bewegender Weltkörper, der für den unbelehrten Naturmenschen immerfort ein Lämpchen bleibt, bei dessen Scheine er sein Ackergeräth zusammensuche.
Inwiefern der Trieb solchergestalt auf Erzeugung einer Erkenntniss ausgeht, in welcher Rücksicht wir ihn auch um der Deutlichkeit und der Kürze willen den Erkenntnisstrieb nennen können, gleichsam, als ob er ein besonderer Grundtrieb wäre — welches er doch nicht ist; sondern er und alle besonderen Triebe und Kräfte, die wir noch so nennen dürften, sind lediglich besondere Anwendungen der einzigen untheilbaren Grundkraft im Menschen, und man hat sich sorgfältig zu hüten, dergleichen Ausdrücke in dieser oder in irgend einer philosophischen Schrift anders, als so zu deuten; — der Erkenntnisstrieb demnach wird in gewissem Maasse immer befriedigt; in jedem Menschen sind Erkenntnisse, und ohne sie wäre er kein Mensch, sondern etwas anderes. Dieser Trieb äussert also im allgemeinen sich durch seine Wirkung; von dieser schliessen wir auf die Ursache im selbstthätigen Subject zurück, und lediglich auf diese Weise gelangen wir sowohl zur Idee vom Daseyn jenes Triebes, als zur Erkenntniss seiner Gesetze.
Nicht immer befriedigt wird der Trieb, inwiefern er nicht auf blosse Erkenntniss des Dinges, wie es ist, sondern auf Bestimmung, Veränderung und Ausbildung desselben, wie es seyn sollte, ausgeht, und praktisch heisst; dieses in engster Bedeutung, denn der Strenge nach ist aller Trieb praktisch, da er zur Selbstthätigkeit treibt, und in diesem Sinne gründet alles im Menschen sich auf den praktischen Trieb, da nichts in ihm ist, ausser durch Selbstthätigkeit: — oder, inwiefern er ausgeht auf eine gewisse bestimmte Vorstellung, bloss um der Vorstellung willen, keinesweges aber um eines Dinges willen, das ihr entspreche, oder auch nur um der Erkenntniss dieses Dinges willen; welchen letzteren Trieb, da er in seiner Allgemeinheit noch keinen Namen hat, wir vorläufig so bezeichnen wollen, wie man bisher einen Zweig desselben bezeichnet hat, und ihn den ästhetischen nennen. Es ist klar, dass man zur Kenntniss dieser Triebe nicht auf dem gleichen Wege, wie zu der des Erkenntnisstriebes, durch eine Folgerung von der Wirkung auf die Ursache, gelangen könne; und es fragt sich demnach, wie man zu derselben gelangt sey. Aber ehe wir diese Frage beantworten, lassen Sie uns die soeben aufgestellten Triebe noch ein wenig schärfer unterscheiden.
Der Erkenntnisstrieb zielt ab auf Erkenntniss, als solche, um der Erkenntniss willen. Ueber das Wesen, die äusseren oder inneren Beschaffenheiten des Dinges lässt er uns völlig uninteressirt; unter seiner Leitung wollen wir nichts, als wissen, welches diese Beschaffenheiten sind: wir wissen es und sind befriedigt. Auf seinem Gebiete hat die Vorstellung keinen andern Werth und kein anderes Verdienst, als das, dass sie der Sache vollkommen angemessen sey. Der praktische Trieb geht auf die Beschaffenheit des Dinges selbst, um seiner Beschaffenheit willen. Wir kennen dieselbe, wenn eine Anregung jenes Triebes eintritt, nur zu wohl; aber wir sind mit ihr nicht zufrieden: sie sollte anders und auf eine gewisse bestimmte Art anders seyn. Im erstern Falle wird ein durch sich selbst und ohne alles unser Zuthun vollständig bestimmtes Ding vorausgesetzt, und der Trieb geht darauf, es mit diesen Bestimmungen, und schlechterdings mit keinen andern, in unserem Geiste durch freie Selbstthätigkeit nachzubilden. Im zweiten Falle liegt eine, nicht nur ihrem Daseyn, sondern auch ihrem Inhalte nach durch freie Selbstthätigkeit erschaffene Vorstellung in der Seele zum Grunde, und der Trieb geht darauf aus, ein ihr entsprechendes Product in der Sinnenwelt hervorzubringen. In beiden Fällen geht der Trieb weder auf die Vorstellung allein, noch auf das Ding allein, sondern auf eine Harmonie zwischen beiden; nur dass im ersten Falle die Vorstellung sich nach dem Dinge, und im zweiten das Ding sich nach der Vorstellung richten soll. Ganz anders verhält es sich mit dem Triebe, den wir soeben den ästhetischen nannten. Er zielt auf eine Vorstellung, und auf eine bestimmte Vorstellung, lediglich um ihrer Bestimmung und um ihrer Bestimmung als blosser Vorstellung willen. Auf dem Gebiete dieses Triebes ist die Vorstellung ihr eigner Zweck: sie entlehnt ihren Werth nicht von ihrer Uebereinstimmung mit dem Gegenstande, auf welchen hierbei nicht gesehen wird, sondern sie hat ihn in sich selbst; es wird nicht nach dem Abgebildeten, sondern nach der freien unabhängigen Form des Bildes selbst gefragt. Ohne alle Wechselbestimmung mit einem Objecte steht eine solche Vorstellung isolirt, als letztes Ziel des Triebes, da, und wird auf kein Ding bezogen, nach welchem sie, oder welches nach ihr sich richte. Wie der praktischen Bestimmung eine Vorstellung zum Grunde liegt, die selbst ihrem Gehalte nach durch absolute Selbstthätigkeit entworfen ist, so liegt der ästhetischen Bestimmung eine auf die gleiche Weise entworfene Vorstellung zum Grunde; nur mit dem Unterschiede, dass der letztern, nicht so wie der erstern, etwas Entsprechendes in der Sinnenwelt gegeben werden soll. Wie der Erkenntnisstrieb eine Vorstellung zu seinem letzten Ziele hat, und befriedigt ist, nachdem diese gebildet worden, so der ästhetische; nur mit dem Unterschiede, dass die Vorstellung der ersteren Art mit dem Dinge übereinkommen, die der letztern Art mit gar nichts übereinkommen soll. — Es ist möglich, dass eine Darstellung des ästhetischen Bildes in der Sinnenwelt gefordert werde; aber das geschieht nicht durch den ästhetischen Trieb, dessen Geschäft mit der blossen Entwerfung des Bildes in der Seele vollkommen geschlossen ist, sondern durch den praktischen, der dann aus irgend einem Grunde in die Reihenfolge der Vorstellungen eingreift, und einen möglichen äusserlichen und fremden Zweck jener Nachbildung in der Wirklichkeit aufstellt. So kann es gleichfalls geschehen, dass die Vorstellung eines wirklich vorhandenen Gegenstandes dem ästhetischen Triebe vollkommen angemessen sey; nur bezieht sich die dann eintretende Befriedigung dieses Triebes schlechterdings nicht auf die äussere Wahrheit der Vorstellung; das entworfene Bild würde nicht minder gefallen, wenn es leer wäre, und es gefällt nicht mehr, weil es zufälligerweise zugleich Erkenntniss enthält. — So musste es denn auch seyn — woran ich Sie hier nur im Vorbeigehen erinnere, und um mich noch deutlicher zu machen, nicht aber um daraus vorläufig weiter zu folgern — so musste es denn auch seyn, wenn beide unverträgliche Triebe, der, die Dinge zu lassen, wie sie sind, und der, sie überall und ins Unendliche hinaus umzuschaffen, sich vereinigen und einen einzigen untheilbaren Menschen darstellen sollten, nach unserer gegenwärtigen Ansicht der Sache; oder auch nach unserer obigen Weise sie anzusehen, welche der Strenge nach die einzig richtige ist, — wenn beide Triebe Ein und ebenderselbe Trieb seyn, und nur die Bedingungen seiner Aeusserung verschieden seyn sollten. Der Trieb konnte nicht auf die Vorstellung des Dinges gehen, ohne überhaupt auf die Vorstellung um ihrer selbst willen zu gehen, und ebenso unmöglich war ein Trieb, auf das Ding selbst einzuwirken und es umzuarbeiten, nach einer Vorstellung, die ausser aller Erfahrung, und über alle mögliche Erfahrung hinausliegen sollte, wenn es nicht überhaupt Trieb und Vermögen gab, unabhängig von der wirklichen Beschaffenheit der Dinge Vorstellungen zu entwerfen.
Wie mögen nun diese beiden zuletzt genannten Triebe sich äussern, wenn der ästhetische Trieb gar nicht, der praktische wenigstens nicht immer Handlungen hervorbringt, in denen sie der Beobachtung dargestellt würden? Auch dann noch bleibt folgendes Mittel übrig, um ihnen auf die Spur zu kommen. Da der Trieb, so wie sein Wirken im Menschen eintritt und überwiegend wird, die gesammte Selbstthätigkeit desselben anregen und aufreizen, und dieselbe auf etwas Bestimmtes, es sey nun ein Ding ausser ihm, oder eine Vorstellung in ihm, gänzlich hinrichten soll: so muss nothwendig die zufällige Harmonie des Gegebenen mit jener Richtung des Selbstthätigen, in einem fühlenden Wesen, wie der Mensch doch wohl seyn soll, sich durch ein überwiegendes Gefühl seiner selbst, seiner Kraft und Ausbreitung, welches man ein Gefühl der Lust nennt; die zufällige Disharmonie des Gegebenen mit jener Richtung sich durch ein ebenso überwiegendes Gefühl seiner Ohnmacht und Einengung offenbaren, welches letztere man ein Gefühl der Unlust nennt. So denken wir uns im Magnete eine Kraft, und als Grund dieser Kraft einen Trieb, alles Eisen anzuziehen, das in seine Wirkungssphäre kommt. Lassen wir ihn wirklich ein Stück Eisen anziehen — sein Trieb äussert sich, er ist befriedigt, und geben wir dem Magnete das Gefühlsvermögen, so wird in ihm nothwendig ein Gefühl dieser Befriedigung, d. i. ein Gefühl der Lust entstehen. Lassen wir dagegen das Gewicht des Eisens seine Kraft überwiegen, so bleibt darum in ihm noch immer der vorige Trieb; denn er würde dasselbe Stück Eisen wirklich anziehen, wenn wir vom Gewichte desselben so viel wegnähmen, als seine Kraft überwiegt; aber er wird nicht befriedigt; und wenn wir dem Magnete das Gefühlsvermögen zuschreiben, so müsste er nothwendig einen Widerstand, eine Einschränkung und Einengung seiner Kraft, mit Einem Worte, Unlust empfinden. Dieses ist die einzige Quelle aller Lust und Unlust.