Von dieser noch an dem Faden der Wirklichkeit fortlaufenden Betrachtung, wo es uns schon nicht mehr um die wirkliche Beschaffenheit der Dinge, sondern um ihre Uebereinstimmung mit unserem Geiste zu thun ist, erhebt sich denn bald die dadurch zur Freiheit erzogene Einbildungskraft zur völligen Freiheit; einmal im Gebiete des ästhetischen Triebes angelangt, bleibt sie in demselben, auch da, wo er von der Natur abweicht, und stellt Gestalten dar, wie sie gar nicht sind, aber nach der Forderung jenes Triebes seyn sollten: und dieses freie Schöpfungsvermögen heisst Geist. Der Geschmack beurtheilt das Gegebene, der Geist erschafft. Der Geschmack ist die Ergänzung der Liberalität, der Geist die des Geschmackes. Man kann Geschmack haben ohne Geist, nicht aber Geist ohne Geschmack. Durch den Geist wird die an sich in die Grenzen der Natur eingeschlossene Sphäre des Geschmacks erweitert; seine Producte erschaffen ihm durch Kunst neue Gegenstände, und entwickeln ihn weiter, ohne ihn darum allemal zu sich emporzuheben. Seinen Geschmack bilden kann jeder; ob aber jeder sich zur Geistigkeit erheben könne, ist zweifelhaft.
Das unendliche, unbeschränkte Ziel unseres Triebes heisst Idee, und inwiefern ein Theil desselben in einem sinnlichen Bilde dargestellt wird, heisst dasselbe ein Ideal. Der Geist ist demnach ein Vermögen der Ideale.
Der Geist lässt die Grenzen der Wirklichkeit hinter sich zurück, und in seiner eigenthümlichen Sphäre giebt es keine Grenzen. Der Trieb, dem er überlassen ist, geht ins Unendliche; durch ihn wird er fortgeführt von Aussicht zu Aussicht, und wie er das Ziel erreicht hat, das er im Gesichte hatte, eröffnen sich ihm neue Felder. Im reinen ungetrübten Aether seines Geburtslandes giebt es keine anderen Schwingungen, als die er selbst durch seinen Fittig erregt.
Dritter Brief.[46]
Nur der Sinn für das Aesthetische ist es, der in unserem Innern uns den ersten festen Standpunct giebt; das Genie kehrt darin ein, und deckt durch die Kunst, die dasselbe begleitet, auch uns anderen die verborgenen Tiefen desselben auf. Derselbe Sinn ist es auch, der zugleich dem wohlerkannten und gebildeten Innern den lebendigen Ausdruck giebt.
Der Geist geht auf die Entwickelung eines Innern in dem Menschen, des Triebes, und zwar eines Triebes, der ihn als Intelligenz über die ganze Sinnenwelt erhebt, und von dem Einflusse derselben losreisst. Aber die Sinnenwelt allein ist mannigfaltig, und nur inwiefern wir durch einen uns schlechterdings unsichtbaren Berührungspunct mit derselben zusammenhangen und ihren Einwirkungen offen stehen, sind wir als Individuen verschieden; der Geist ist Einer, und was durch das Wesen der Vernunft gesetzt ist, ist in allen vernünftigen Individuen dasselbe. Dem einen mag diese Speise besser schmecken, dem anderen eine andere; der eine mag diese, der andere jene Farbe vorzüglich lieben. Aber die Wirkungen der Geistesproducte sind für alle Menschen, in allen Zeitaltern, und unter allen Himmelsstrichen gemeingültig, wenn auch nicht immer gemeingeltend. Für alle liegt auf der Stufenleiter ihrer Geistesbildung ein Punct, auf welchen dieses Werk den beabsichtigten Eindruck machen würde, und nothwendig machen müsste; wenn sie auch etwa bis jetzt diesen Punct noch nicht erstiegen hätten, oder ihn, wegen der niedrigen Stufe, auf der sie anheben, bei der Kürze des menschlichen Lebens, diesseits des Grabes gar nicht ersteigen könnten. Was der Begeisterte in seinem Busen findet, liegt in jeder menschlichen Brust, und sein Sinn ist der Gemeinsinn des gesammten Geschlechts.
Theils um diesen Sinn an anderen zu versuchen, theils um ihnen mitzutheilen, was für ihn selbst so anziehend ist, kleidet das Genie die Gestalten, die sich seinem geistigen Auge unverhüllt zeigten, in festere Körper, und stellt sie so auf vor seinen Zeitgenossen.
Um seinen Sinn zu versuchen zuvörderst: nicht, als ob er der Beistimmung der Menge bedürfte, um in der Stunde der Begeisterung zu glauben, was sich ihm durch ein unwiderstehliches Gefühl, — so unwiderstehlich als das seines Daseyns, — offenbart; sondern um auf die Stunde der Erkältung und des Zweifels sich seines Glaubens im voraus zu versichern. Mein Werk ist aus der Fülle der menschlichen Natur geschöpft, darum muss und soll es Allen gefallen, die derselben theilhaftig sind, und wird unsterblich seyn wie sie: so schliesst er; der geistlose Schreiber, der nicht die leiseste Ahnung seines hohen Berufes hat, kehrt es um, und folgert: mein Product wird von der Menge gelesen, es bereichert die Buchhändler, und die Recensenten wetteifern, dasselbe zu lobpreisen, darum ist es vortrefflich: aber dennoch wird der Glaube des ersteren an sich selbst den Beifall gebildeter Menschen, als eine Zugabe, nicht verschmähen. So ist der Gläubige sicher, dass das Auge der Fürsehung über ihm walte, und dass jenseits des Grabes ein besseres Leben seiner warte; und in gewissen Stimmungen würde der Widerspruch des gesammten Reichs der vernünftigen Wesen ihn nicht um eines Haares Breite bewegen: denn sein Glaube kömmt ihm nicht von aussen, sondern er hat ihn in seinem eigenen Herzen gefunden. Dennoch fragt und forscht er sorgsam, ob andere dasselbe glauben, in dunklem Vorgefühle banger Stunden, wo er einer sonst so gering geschätzten Stütze, als die Beistimmung anderer ist, doch bedürfen könnte. So wird das wahre Genie durch die kaltsinnige Aufnahme seiner Meisterwerke oder durch den lautesten Tadel derselben nie aus seiner Fassung gebracht: er ist seiner Sache sicher und gewiss des Geistes, der ohne sein Verdienst in ihm wohnt; aber er will aus Achtung für denselben ihn auch von anderen anerkannt und geehrt wissen. — Es verhält sich so mit allem, was wir bloss zufolge unseres Gefühls annehmen und nur glauben können. Wenn alle Anwesende einstimmig versichern, dass ein Gegenstand, den wir zu erblicken glauben, nicht vorhanden sey, so werden wir, wenn wir nur ein wenig mit den Täuschungen unserer Sinne und unserer Einbildungskraft bekannt sind, leicht irre, und fangen an, den Grund der Erscheinung in uns selbst zu suchen. An unser inneres Gefühl glauben wir schon weit fester; doch sehen wir auch dieses gern durch das Gefühl anderer unterstützt.
Um seine Stimmung mitzutheilen. Es ist, wie Sie selbst angemerkt haben, in allen Menschen der Trieb, andere um sich herum sich selbst so ähnlich zu machen, als möglich, und sich selbst in ihnen, so vollkommen als es gehen will, zu wiederholen; und dies um desto mehr, je mehr wir zu diesem Wunsche durch eigene höhere Bildung berechtigt sind. Nur der ungerechte Egoist will der einzige seiner Art seyn, und kann seines Gleichen ausser sich nicht dulden; aber der edle Mensch möchte, dass alle ihm glichen, und thut, so viel an ihm ist, um es dahin zu bringen. So der begeisterte Liebling der Natur. Er möchte, dass aus allen Seelen sein eigenes liebliches Bild ihm zurückstrahlte. Drum drückt er die Stimmung seines Geistes ein in eine körperliche Gestalt. Was in der Seele des Künstlers vorgeht, die mannigfaltigen Biegungen und Schwingungen seines inneren Lebens und seiner selbstthätigen Kraft sind nicht zu beschreiben; keine Sprache hat Worte dafür gefunden, und wenn sie gefunden wären, so würde die gedrungene Fülle des Lebens in der allmähligen, und zu einem einfachen Faden ausgedehnten Beschreibung verhauchen. Leben wird nur in lebendigem Handeln dargestellt; und sowie alle gesetzmässige Thätigkeit des menschlichen Geistes, so muss auch diese freie Geschäftigkeit desselben einen Gegenstand bekommen, den sie bearbeite, und in welchem durch die Weise ihres Verfahrens sie ihre innere Natur verrathe. So besteht das Wesen, das Grundprincip des Tons in den harmonischen Bebungen und Schwingungen der Saite, die im luftleeren Raume nicht minder einander hervorbringen und bestimmen, ihre innere Wirksamkeit erfüllen, und für die Saite selbst den Ton bilden würden; aber nur in der umgebenden Luft bekommen dieselben einen äusseren Wirkungskreis, drücken sich selbst in sie ein, und pflanzen sich fort bis zum Ohre des entzückten Hörers, und lediglich aus jener Vermählung wird der Ton geboren, der in unserer Seele wiederhallt. So drückt der begeisterte Künstler die Stimmung seines Gemüthes aus in einem beweglichen Körper, und die Bewegung, der Gang, der Fortfluss seiner Gestalten ist der Ausdruck der inneren Schwingungen seiner Seele. Diese Bewegung soll in uns die gleiche Stimmung hervorbringen, welche in ihm war; er lieh der todten Masse seine Seele, dass diese sie auf uns übertragen möchte; unser Geist ist das letzte Ziel seiner Kunst, und jene Gestalten sind die Vermittler zwischen ihm und uns, wie die Luft es ist zwischen unserem Ohre und der Saite.
Diese innere Stimmung des Künstlers ist der Geist seines Products; und die zufälligen Gestalten, in denen er sie ausdrückt, sind der Körper oder der Buchstabe desselben.