Hier ist es, wo das Bedürfniss der mechanischen Kunst eintritt.

Wer die Dinge einer gewissen Stimmung gemäss bearbeiten will, der muss es überhaupt verstehen, sie zu bearbeiten, und sie mit Leichtigkeit zu bearbeiten, so dass kein Widerstand sichtbar sey, und dass die todte Masse unter seinen Händen von selbst Bildung und Organisation angenommen zu haben scheine. Sobald die Materie widerstrebt, und es der Anstrengung bedarf, sie zu besiegen, ist die ästhetische Stimmung abgebrochen, und es bleibt uns anderen nichts übrig, als der Anblick des Arbeiters, der seinen Zweck zu erreichen strebt; ein nicht unwürdiger Anblick, den wir aber nur hier nicht haben wollten. Man hat diese Leichtigkeit der mechanischen Kunst sehr oft mit dem Geiste selbst verwechselt; und sie ist allerdings die ausschliessende Bedingung seiner Aeusserung, und jeder, der an das Werk geht, muss sie schon erworben haben; aber sie ist nicht der Geist selbst. Durch sie allein wird nichts hervorgebracht, als ein leeres Geklimper, — ein Spiel, das auch nichts weiter ist, denn Spiel, — das nicht zu Ideen erhebt, und höchstens einen Muthwillen und eine verschwendete Kraft ausdrückt, der man in der Stille eine bessere Anwendung wünscht. Zwar wird der leichteste und muthwilligste Pinselstrich des wahren Genies einen Anstrich von den Ideen haben; aber der blosse Mechaniker wird durch seine höchste Kunst nie etwas anderes hervorbringen, als ein mechanisches Werk, über dessen Bau man höchstens sich wundern wird.

So ist in den letzten Meisterwerken des begünstigten Lieblings der Natur unter unserer Nation, — im Tasso, in der Iphigenie, und in den leichtesten Pinselstrichen desselben Künstlers seitdem, — es ist in ihnen, sage ich, nicht die so einfache Erzählung, nicht die ohne allen Schwulst so sanft hingleitende Sprache, durch welche der gebildete Leser so mächtig angezogen wird. Es ist nicht der Buchstabe, sondern der Geist. Mit der gleichen Einfachheit der Fabel, der gleichen Leichtigkeit, dem gleichen Adel der Sprache ist es möglich, ein sehr schaales, sehr schmackloses, sehr unkräftiges Werk zu verfertigen. Die Stimmung ist es, welche in diesen Werken herrscht: diese edelste Blüthe der Humanität, welche durch die Natur nur einmal unter dem griechischen Himmel hervorgetrieben und durch eins ihrer Wunder im Norden wiederholt wurde. Es schmiegt sich an unsere Seele das lebendige Bild jener geendigten Cultur, die den Angriffen des Schicksals nicht mehr mit gewaltsamen Anstrengungen und Renkungen entgegengeht, und die eher alles, als die reine Ebenheit ihres Charakters und die leichte Grazie in den Bewegungen ihres Gemüths, verliert: jenes Beruhens in sich selbst und auf sich selbst, das es nicht mehr bedarf, durch Anstrengung seine Kraft aufzuregen und gegen den Widerstand anzustemmen, sondern das auf seiner eigenen natürlichen Last sicher steht; jener Unbefangenheit des Geistes, welche die Dinge, auch bei ihrem gewaltsamsten Andringen auf uns, dennoch keiner anderen Schätzung würdigt, als der, die ihnen gebührt, dass sie Gegenstände unserer Betrachtung sind, und welche auch dann noch den gefälligen Formen derselben ein ästhetisches Vergnügen, den Verzerrungen derselben ein leichtes Lächeln, wie Grazien lächeln, abzugewinnen vermag; jener Vollendung der Menschheit, die sich von der Sinnenwelt nicht losgerissen, sondern abgelöst fühlt, und die mit gleicher Leichtigkeit derselben ohne Misvergnügen entbehren, oder ihrer mit Freude auf ihre Weise geniessen kann. Wir finden uns mit Vergnügen in eine Welt versetzt, in der allein eine solche Stimmung möglich ist, unter eine Gesellschaft, deren Mitglieder alle gerecht und wohlwollend sind, und deren Trennungen nicht durch bösen Willen verursacht, sondern selbst nur Stürme des widrigen Schicksals sind; — (denn Ungerechtigkeiten freier Wesen können uns nie gleichgültig seyn, und werden immer ernste Misbilligung, keinesweges aber das leichte Lächeln erregen, wie die Verstösse der vernunftlosen Natur). Wir entdecken mit befriedigter Selbstliebe unter dem Einflusse des Künstlers eine Fassung in uns, die wir im Laufe des Lebens gewöhnlich nicht behalten; wir fühlen uns höher gehoben und veredelt, und innige Liebe ist der Lohn des Dichters, der uns so sanft schmeichelt, um uns zu bessern.

Jeder hat den feinsten Sinn für diejenige Art der Ausbildung, der er zunächst bedürfte, und mag in der Stunde der Täuschung am liebsten das an sich finden, wovon eine leise Ahnung ihm sagt, dass es auf der nächsten Stufe der Cultur liege, die er zu ersteigen hat. Ein beträchtlicher Theil unseres Publicums ist noch nicht so weit, dass ihm nichts mehr, als die Grazie in seinen Bewegungen, die Leichtigkeit und Ungezwungenheit in seiner Kraftäusserung abgehe. Vielen fehlt es an der Kraft selbst. Für diese sind Darstellungen, wie die, von welchen wir redeten, unschmackhaft; sie verwechseln die durch die Fülle der Kraft gehaltene Kraft, die sie nicht kennen, mit der Kraftlosigkeit, die sie nur zu wohl kennen. Diese mögen im Bilde lieber die rohe, aber kraftvolle Sitte unserer Urahnen sich angetäuscht sehen — eine Art, die so vorzüglich ist, als jede andere, wenn sie mit Geist behandelt wird — oder vergnügen sich wohl auch an den wunderlichen Renkungen in unsern gewöhnlichen Ritterromanen, und an hochtönenden und vermessenen Reden.

Dem Dichter, von dem ich rede, war es gegeben, zwei verschiedene Epochen der menschlichen Cultur mit allen ihren Abstufungen auszumessen. Er nahm sein Zeitalter bei der letzteren Stufe auf, um es bei der ersteren niederzusetzen. Aber sein Genius überflog, wie es seyn musste, den langsamen Gang desselben. Er bildete, wie jeder wahre Künstler soll, sein Publicum selbst, arbeitete für die Nachwelt, und wenn unser Geschlecht höher steigt, so ist es nicht ohne sein Zuthun.

Jene beiden Zustände, der der ersten ursprünglichen Begeisterung, und der der Darstellung derselben in körperlicher Hülle, sind in der Seele des Künstlers nicht immer verschieden, obwohl sie durch den genauen Forscher sorgfältig unterschieden werden müssen. Es giebt Künstler, die ihre Begeisterung auffassen und festhalten, unter den Materialien um sich herumsuchen, und das geschickteste für den Ausdruck wählen; die unter der Arbeit sorgfältig über sich wachen; die zuerst den Geist fassen, und dann den Erdkloss suchen, dem sie die lebendige Seele einhauchen. Es giebt andere, in denen der Geist zugleich mit der körperlichen Hülle geboren wird, und aus deren Seele zugleich das ganze volle Leben sich losreisst. Die ersteren erzeugen die gebildetsten, berechnetsten Producte, deren Theile alle das feinste Ebenmaass unter sich und zum Ganzen halten: aber das feinere Auge kann in der Zusammenfügung des Geistes und des Körpers hier und da die Hand des Künstlers bemerken. In den Werken der letzteren sind Geist und Körper, wie in der Werkstätte der Natur, innigst zusammengeflossen, und das volle Leben geht bis in die äussersten Theile; aber wie an den Werken der Natur entdeckt man hier und da kleine Auswüchse, deren Absicht man nicht angeben kann, die man aber nicht wegnehmen könnte, ohne dem Ganzen zu schaden. Von beiden Arten hat unsere Nation Meister.

Gewisse höhere Stimmungen sind, wie soeben gesagt worden, nicht für gemeine Augen, und lassen sich denselben nicht mittheilen; bei anderen, die mittheilbar sind, ist wenigstens unsichtbar, woher es komme, dass das Werk zu ihnen erhebe; und nicht sehr feine Beobachter sind daher versucht, der Gestalt und dem Baue des Körpers die bewegende Kraft zuzuschreiben, die nur der Geist hat. Die Verhältnisse dieses Körpers und die Regeln, nach denen er gebildet ist, sind zu berechnen, zu lernen und durch Kunst auszuüben, da, wie oben zugestanden worden, der Körper des geistreichsten Werkes selbst nur durch Kunst hervorgebracht ist. Es giebt mancherlei Ursachen, die den geistlosesten Menschen bewegen können, auf diese Weise den mechanischen Theil eines geistvollen Products nachzubilden; und da auch dieser sein Gutes hat, verlieren manche Zuschauer nichts dabei. Solche Arbeiter sind Buchstäbler. Derjenige, der ohne Geist selbst der mechanischen Kunst nicht mächtig ist, heisst ein Stümper. — Stelle Pygmalion seine beseelte Bildsäule hin vor die Augen des jauchzenden Volkes; er soll ihr, — da nichts uns verhindert, die Fabel zu ergänzen, — mit dem Leben zugleich den geheimen Vorzug ertheilt haben, nur von geistvollen Augen als lebend erblickt zu werden, für gemeine und stumpfe aber kalt und todt zu bleiben. Kostet es nicht mehr, um berühmt zu werden? denkt, — indess das ganze Volk dem Künstler huldigt, ein Mann, der seinen Meissel auch zu führen versteht, misst mit Cirkel und Lineal genau die Verhältnisse der Bildsäule, geht hin, fertigt sein Werk, stellt es neben das Werk des Künstlers, und es sind viele, die keinen Unterschied zwischen beiden finden können.

Die Regeln der Kunst, die sich in den Lehrbüchern finden, beziehen sich meist auf das Mechanische der Kunst. Sie müssen im Geiste gedeutet werden, und nicht nach dem Buchstaben. So lehren sie uns, wie wir die Fabel erfinden, mittheilen, allmählig entwickeln sollen, und es thut dem Künstler allerdings noth, dies zu verstehen. Versteht er aber auch nichts weiter, als die Beobachtung dieser Regeln, so hat er am Ende eine gute Fabel, die die Neugier reizt, unterhält, befriedigt; aber wir forderten noch etwas mehr von ihm. Die Einheit der geistigen Stimmung, die in seinem Werke herrscht, und die dem Gemüthe des Lesers mitgetheilt werden soll, ist die Seele des Werkes; ist diese Stimmung angedeutet, entwickelt, durchaus gehalten und siegend, dann ist das Werk vollendet, ob die äussere Begebenheit für die leere Neugier geschlossen sey, oder nicht; der Triumph dieser Stimmung über die mannigfaltigen Störungen derselben ist die wahre Entwickelung, obschon der gedankenlose Leser, der ein Mährchen hören wollte, frage, wie es nun weiter geworden sey.

Sie rathen uns, zu täuschen; durch die Erzählung, meint der Buchstäbler, bietet er alle seine Künste auf, um uns sein Mährchen für eine wirkliche Begebenheit aufzubinden, und wenn alles mislingt, versichert er uns auf sein Ehrenwort, dass er eine wahre Geschichte erzähle. Nun wohl, so erzähle er, bis alle Gaffer sich wundern; aber er glaube nicht ein Kunstwerk geliefert zu haben. Unsere Erhebung zu einer ganz anderen, uns fremden Stimmung, in welcher wir unsere Individualität vergessen: — das ist die wahre Täuschung, und für diesen Endzweck reicht diejenige Wahrheit der Geschichte, die er allein als Wahrheit kennt, nicht hin. In dieser handeln Erdenmenschen, wie wir unter den gleichen Umständen ungefähr auch handeln würden.

Sie halten über reine Moral; und so thue denn wer kann und will das gute Werk, uns wichtige moralische Lehren durch Erzählungen anschaulich und eindringend zu machen. Er will uns dahin bringen, dass wir durch eigenen freien Entschluss das Bessere wählen; er ist unseres Dankes werth, und seine Bemühungen sind nicht allemal an uns verloren. Nur wisse er, was er ist, und stelle sich nicht in eine ihm fremde Klasse. Der begeisterte Künstler wendet sich gar nicht an unsere Freiheit, er rechnet auf dieselbe so wenig, dass vielmehr sein Zauber erst anfängt, nachdem wir sie aufgegeben haben. Er hebt durch seine Kunst uns ohne alles unser Zuthun auf Augenblicke in eine höhere Sphäre. Wir werden um nichts besser; aber die unangebauten Felder unseres Gemüths werden doch geöffnet, und wenn wir einst aus anderen Gründen uns mit Freiheit entschliessen, sie in Besitz zu nehmen, so finden wir die Hälfte des Widerstandes gehoben, die Hälfte der Arbeit gethan.[33]