Die Aufgabe zur Sprache ist jetzt vorhanden: wie soll ihr aber nun Genüge geschehen?
Die Natur offenbart sich uns besonders durch Gesicht und Gehör. Zwar kündigt sie sich uns auch durch Gefühl, Geschmack und Geruch an: aber die Eindrücke, welche wir auf diesen Wegen erhalten, sind theils nicht lebhaft, theils nicht bestimmt genug, und wir lassen uns daher bei äusseren Wahrnehmungen vorzüglich durch Gesicht und Gehör leiten, wenn und wo uns der Gebrauch dieser Sinne nicht versagt ist. So wie die Natur den Menschen etwas durch Gehör und Gesicht bezeichnete, gerade so mussten sie es einander durch Freiheit bezeichnen. — Man könnte eine auf diese Grundregel aufgebaute Sprache die Ur- oder Hieroglyphensprache nennen.
Die ersten Zeichen der Dinge waren, nach diesen Grundsätzen, hergenommen von den Wirkungen der Natur: sie waren nichts weiter, als eine Nachahmung derselben. Hier war die Mittheilung der Gedanken selbst willkürlich, wie sie es bei jeder Sprache seyn muss, aber nicht die Art dieser Mittheilung: es stand in meiner Willkür, ob ich dem anderen meine Gedanken bezeichnen wollte, oder nicht; aber im Zeichen selbst war keine Willkür.
Diese Bezeichnung der Dinge durch die Nachahmung ihrer in die Sinne fallenden Eigenschaften gab sich leicht. Der Löwe wurde z. B. durch die Nachahmung seines Gebrülles, der Wind durch die Nachahmung seines Sausens ausgedrückt. So wurden Gegenstände, die sich durch das Gehör offenbaren, durch Töne ausgedrückt: andere, die sich durchs Gesicht ankündigen, konnten im leichten Umriss etwa im Sande nachgebildet werden. Z. B. Fische, Netze, mit einigen Gesticulationen und Winken gegen das Ufer hin begleitet, waren für den, an welchen diese Zeichen gerichtet waren, eine Aufforderung zum Fischen.
Diese Sprache war leicht erfunden, und hinreichend, wenn etwa zwei beisammen waren, um sich zu unterhalten, oder in der Nähe zusammen arbeiteten. Jeder giebt auf des anderen Zeichen Acht: der eine ahmt einen Ton nach, der andere auch; der eine zeichnet etwas mit dem Finger, der andere auch. So verstehen sie einander: der eine weiss, was der andere denkt, und dieser weiss, was jener will, dass er denken solle. Man stelle sich aber vor, dass diese zwei für sich arbeiten und entfernt von einander sind, z. B. auf der Jagd. Einer will dem anderen einen Gedanken mittheilen, der sich nur durch ein Zeichen fürs Gesicht ausdrücken lässt; aber zum Unglück richtet der andere seine Blicke nicht auf ihn, oder kann seine Zeichen wegen der grossen Entfernung nicht bestimmt erkennen. Hier ist die Unterredung unmöglich.
Ferner: man denke sich mehrere, die um sich zu berathschlagen versammelt sind. — Dies wird bei rohen und uncultivirten Menschen, wie wir hier sie uns denken, oft der Fall seyn, weil sie oft des gegenseitigen Rathes bedürfen. — Man erwäge, ob die angenommene Hieroglyphensprache für eine so grosse Gesellschaft bequem seyn werde. Gesetzt, es sind ihrer zehn beisammen; während einer redet und acht zuhören, fällt es dem zehnten ein, auch etwas vorzutragen. Aber alle seine Zeichen werden nicht beobachtet, weil die übrigen auf den ersten merken. Wie soll er es anfangen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen?
Man erinnere sich einer Bemerkung, welche die tägliche Erfahrung bestätigt. — Das Gehör leitet unwillkürlich die Augen: man richtet sich nach der Gegend, wo ein Schall herkam, selbst ohne sich mit Bewusstseyn die Absicht zu denken, der Ursache dieses Schalles nachzuspüren; ja, man hat oft Mühe, sich des Hinsehens zu erwehren. Da es der vorausgesetzten Person in der Ursprache freisteht, sich sowohl fürs Gesicht, als fürs Gehör auszudrücken, so wird er, unserer, nicht gerade deutlich gedachten, aber dunkel gefühlten Bemerkung zufolge, auf den letzteren Sinn zu wirken suchen, um die Gesellschaft fürs erste nur aufmerksam auf sich zu machen, und mag vielleicht zuerst einen unarticulirten Ton, etwa ein Hm! von sich geben. Jetzt werden die anderen ihre Blicke auf ihn richten, und er kann durch Zeichen für das Gesicht mit ihnen sprechen. Aber sie sind vielleicht in den Gedankenkreis desjenigen, der zuerst zu ihnen sprach, und der jetzt unterbrochen ist, unwiderstehlich hineingerissen, er allein interessirt sie, und sie wenden ihre Blicke von dem Zehnten wieder hinweg. Dies wird demselben nicht gleichgültig seyn. Er ist überzeugt, dass das, was er vortragen will, von der grössten Bedeutung sey, — und wird sich nicht so ruhig gefallen lassen, dass seine Rede so wenig Eingang findet. Je stärker in ihm das Verlangen ist, sich mitzutheilen, desto lebhafter muss er auch sein Unvermögen fühlen, durch Zeichen fürs Gesicht der Versammlung seine Gedanken bemerkbar zu machen: und dieses Unvermögen, verbunden mit der Erinnerung an die Wirkung, welche der Laut, den er gleich anfangs von sich gab, auf die Gesellschaft machte, muss nothwendig die Vorstellung in ihm veranlassen, dass er die Gesellschaft nöthigen würde, auf seine ganze Rede zu achten, wenn sein Vortrag aus blossen Gehörzeichen bestehen würde.
Noch mehr. Man verwandle die vorausgesetzte Gesellschaft in eine solche, wo jeder reden will — jeder wird wünschen, dass er die Hieroglyphensprache, in welcher Zeichen fürs Gesicht mit Gehörzeichen abwechseln, in eine blosse Gehörsprache umschaffen könnte, um mehr Eingang und Aufmerksamkeit zu finden. Durch eine solche Auskunft würde auch derjenige, der sich in dem zuerst angeführten Falle befand, in den Stand gesetzt werden, dem anderen auch in der Entfernung, oder in der Dunkelheit seine Gedanken anzuzeigen.
Durch diese Mängel der Ursprache, dass sie die Aufmerksamkeit nicht erregt, sondern sie schon voraussetzt, dass sie nur in der Nähe und am Tage anwendbar ist, entstand nothwendig die Aufgabe, dieselbe in eine blosse Gehörsprache zu verwandeln.
Wie soll nun aber diese Aufgabe gelöst werden? Wie soll der Mensch Gegenstände, die sich durch den Ton nicht charakterisiren, durch Töne bezeichnen? Der Hirt wird sein Vieh, und die Feinde desselben, den Löwen, den Tiger, den Wolf, durch die Nachahmung ihrer Stimmen bezeichnen. Aber wie soll er einen Fisch, Vegetabilien und andere Gegenstände, welche uns die Natur nicht durch Töne ankündigt, fürs Gehör bezeichnen?