Dazu kommt noch, dass, so wie sich allmählig die Bedürfnisse der Menschen vermehren, auch immer mehr Dinge in Gebrauch kommen, z. B. Zelte, Netze und andere Werkzeuge, die, ihrer Natur nach, keinen Ton von sich geben. Und doch soll auch für diese ein bezeichnender Laut gefunden werden.
Man beruft sich gewöhnlich, um die Erfindung solcher Bezeichnungen zu erklären, auf Verabredung: man nimmt an, die Menschen, in einer Lage, die ihnen eine Gehörsprache nothwendig machte, wären übereingekommen, diesen Gegenstand Fisch, jenen Netz zu nennen u. s. w. Allein dies ist grundlos. Denn erstlich: wie sollte man auch nur auf den Einfall gekommen seyn, Gegenstände durch willkürliche Töne bezeichnen zu wollen, nachdem man sie bisher immerfort durch natürliche Zeichen ausgedrückt hatte? Dann: wie kam es, dass derjenige, welcher die Töne vorschlug, sie selbst nicht wieder vergass, oder noch mehr — dass sie von der ganzen Horde behalten wurden? Endlich: wie wäre es denkbar, dass eine Menge ungebundener Menschen sich dem Ansehen eines Einzigen unbedingt unterworfen — dass sie einen Vorschlag, der sich auf nichts, als die Willkür dieses Einzigen gründete, so willig angenommen hätten?
Noch ist bei der ganzen Deduction der Sprache, und insbesondere bei der gegenwärtigen Untersuchung, wohl zu merken, dass die verschiedenen Momente der Erfindung und Modification einer Sprache nicht so schnell auf einander gefolgt sind, als sie hier erzählt werden. Wer weiss, wie viel tausend Jahre verflossen sind, ehe die Ursprache Sprache fürs Gehör wurde?
Ferner ist es durch die Erfahrung bestätigt, dass die Sprachen sich immer ändern, immer neue Modificationen annehmen; dass aber diese Veränderlichkeit nach Maassgabe der Cultur, welche eine bestimmte Sprache hat, sich stärker oder schwächer äussert. Vorzüglich zeigt sich durch Erfahrung, dass die Sprache sich am meisten bei einem Volk ändert, das noch nicht schreibt, sondern bloss spricht; weil der ursprüngliche Ton eines Zeichens, wenn er einmal verloren gegangen ist, nirgends wieder aufgefunden werden kann. Wo aber geschrieben wird, da wird der Ton festgehalten, und es lässt sich immer wieder bestimmen, wie ein Wort ausgesprochen werden muss. Durch Erfindung der Buchstaben wurde also die Sprache sehr befestigt.
Eine lebende Sprache verändert sich demnach immer im umgekehrten Verhältniss mit ihrer Cultur: je mehr Ausbildung sie erhalten hat, desto weniger rückt sie vorwärts, je uncultivirter sie noch ist, desto mehr modificirt sie sich; und sie verändert sich am stärksten, wenn ihre Laute noch nicht durch Schriftzeichen festgehalten werden. Diese Bemerkung brauchen wir, um uns zu erklären, wie die Ursprache sich in Gehörsprache verwandelt hat.
Nach diesen Vorerinnerungen kommen wir zur Beantwortung der Frage selbst: wie liess sich Hieroglyphensprache in Gehörsprache umschaffen?
In der Ursprache mussten bald die Zeichen fürs Gehör, welche Nachahmung natürlicher Töne waren, z. B. die Bezeichnung des Löwen, des Tigers u. s. w., die durch das ihnen eigenthümliche Gebrüll ausgedrückt wurden, merkliche Veränderungen leiden. Bei einem Volke, das — wie von den Stämmen der Wilden bekannt ist — die Zusammenkünfte liebt, in Gesellschaft arbeitet und schmaust u. s. w., wird es leicht dahin kommen, dass Ein Mensch durch die Ueberlegenheit seines Geistes einen Vorzug vor den übrigen behauptet, und, ohne durch Stimmen dazu erwählt zu werden, den Heerführer im Kriege, und in ihren Versammlungen den Sprecher vorstellt. Ein solcher Mensch, auf dessen Reden man vorzüglich achtet, wird sich durch Gewohnheit eine Geläufigkeit im Sprechen erwerben, und durch diese Geläufigkeit bald dahin kommen, dass er die Dinge nur flüchtig bezeichnet, sich es nicht übel nimmt, den oder jenen Ton im Reden zu überspringen. Man wird sich an diese Abweichung bald gewöhnen, und diese flüchtigere Bezeichnung leicht verstehen lernen. Allmählig wird er sich von der eigentlichen Nachahmung der natürlichen Töne immer mehr entfernen, seine Bezeichnung wird nach und nach flüchtiger, kürzer und leichter werden; so dass sich — vielleicht nach einem Zeitraum von einigen Jahrzehnden schon — zwischen seiner Bezeichnung eines Gegenstandes und dem natürlichen Ton, durch welchen sich dieser dem Gehör ankündigt, kaum noch eine Aehnlichkeit wird entdecken lassen. Die Anderen, die sich bemühen, diese leichteren Gehörzeichen verstehen zu lernen, werden es bald bequemer finden, diese Art zu sprechen, die sich durch ihre grössere Leichtigkeit empfiehlt, auch nachzuahmen.
Je weiter nun die Menschen in dieser von der Natur sich entfernenden Bezeichnungsart fortgingen, desto lebhafter musste sich ihnen, selbst bei der flüchtigsten Aufmerksamkeit auf sich selbst und ihre Art, sich auszudrücken, die Bemerkung aufdringen, dass, da man Dinge fürs Gehör auf eine andere Art, als sie von Natur tönen, ausdrücken könne, man vielleicht auch Dinge, die an sich tonlos sind, durch einen Ton bezeichnen könnte. — Welchen Weg musste man nun einschlagen, um diesen Gedanken zu realisiren?
Wenn auch gewisse Dinge sich nicht ausdrücklich unserem Ohr ankündigen, so kömmt ihnen doch zufälligerweise, unter besonderen Umständen, ein Ton zu. Z. B. der Reif hat an sich keinen Ton, wenn man aber über denselben weggeht, so entsteht ein gewisses charakteristisches Rauschen, von welchem er leicht benannt werden konnte: der Wald tönt an sich nicht, wohl aber, wenn man durchs Gesträuche geht, u. s. w. Oft konnte auch ein Zufall, welcher sich ereignete, als gerade ein Mensch mit der Betrachtung eines Gegenstandes sich beschäftigte, die Erfindung eines Tons für denselben veranlassen. Z. B. jemand sah eine Blume, indem flog eine Biene, welche Honig aus derselben gesaugt hatte, sumsend davon; er sah beides noch nie, in seiner Phantasie vereinigte sich jetzt das Sumsen mit dem Gedanken an die Blume, und diese Verbindung leitete ihn sehr natürlich darauf, für die Blume und Biene eine Bezeichnung zu finden.
Auf diese Weise kam man darauf, Dinge nach gewissen, zufällig mit ihnen verbundenen, oder auf sie bezogenen Tönen zu benennen. Man denke sich nun den Trieb, eine Zeichensprache in Gehörsprache umzuschaffen, selbst dann noch in fortdauernder Wirksamkeit, als schon die bekanntesten Gegenstände — diejenigen, die im Kreise der täglichen Beschäftigungen des Menschen lagen, für das Ohr bezeichnet waren: so ist es sehr begreiflich, wie man endlich darauf geleitet wurde, auch Töne zu Bezeichnung eines Gegenstandes festzusetzen, zu welchen auch nicht einmal ein zufälliger Laut Veranlassung gab. Um die Bedeutung eines solchen Tones zu erklären, musste der Erfinder ihn durch andere schon bekannte Töne erläutern, durch deren Zusammensetzung er selbst neue Worte bilden konnte. So war es ihm leicht möglich, durch Zusammenstellung mehrerer Töne, deren Gegenstände mit dem zu bezeichnenden Objecte in gewisser Beziehung standen, seine Sprache mit neuen Bezeichnungen zu bereichern.