Aber wer war es denn, der für die Erfindung und Ausbildung einer Gehörsprache zu sorgen hatte? und wie konnte eine solche willkürliche Bezeichnung, die von einem Individuum aufgestellt wurde und wozu in dem Gegenstande entweder gar keine oder nur eine zufällige Veranlassung war, als ein allgemeinverständlicher Ausdruck in Umlauf gebracht werden? Der Natur der Sache nach musste dieses Geschäft vorzüglich dem Hausvater und der Hausmutter einer Familie angehören, die bei ihren häuslichen Geschäften oft Gelegenheit hatten, mancherlei neue Töne zu erfinden, womit sie ihren Hausgenossen die Bearbeitung eines Gegenstandes in einem Ausdrucke auftragen konnten, den sie anfänglich durch Vorzeigung des Gegenstandes erklärten. Durch den häufigen Gebrauch wurden diese Ausdrücke dem Vater und der Mutter selbst geläufiger.
Allein, wenn auch der Hausvater sich durch die von ihm erfundenen Bezeichnungen seiner Familie verständlich machte; wenn ihm auch z. B. sein Sohn, wenn er eine Rose verlangt hatte, die Blume brachte, welche er mit diesem Ausdruck meinte: wie sollte dies Wort in der ganzen Horde gemeinbekannt werden? Warum sollte doch der zweite und dritte Nachbar nicht die Freiheit gehabt haben, die Rose anders zu benennen? Mithin liesse sich aus dem Vorgetragenen nur erklären, wie die Sprache der Familie gebildet und erweitert wurde; nicht aber, wie die Sprache der ganzen Horde sich entwickeln konnte. — Dieser Einwurf lässt sich auf folgende Art auflösen.
Es wird unter uncultivirten Völkern immer wenige geben, welche Kopf und Lust genug besitzen, sich mit Ausbildung der Sprache vorzüglich zu beschäftigen. Daher werden diejenigen, welche Fähigkeit und Neigung zu diesem mühsamen Geschäfte zeigen, schon dadurch bald über die Horde grossen Einfluss gewinnen. Wenn nun dieselbigen Menschen ausser diesem Verdienste auch noch andere Talente besitzen, die sie zur Besorgung der öffentlichen Angelegenheiten ihres Volkes geschickt machen (und dies lässt sich um so leichter annehmen, da die Menschen, wie wir sie hier uns denken, noch nicht durch äussere Verhältnisse zu einer einseitigen Bildung verleitet, leicht von mehreren Seiten zugleich sich auszeichnen konnten): so werden sie bald an der Spitze der Horde stehen, und in ihren Rathsversammlungen das Wort führen. Diese werden nun die Bezeichnungen, die sie für die Bedürfnisse ihrer Familie erfunden hatten, in die Volksversammlung bringen; man wird sie annehmen und fortbrauchen. Auf diese Art wird sich die Erfindung eines Hausvaters bald durch die ganze Horde verbreiten.
Aber wie sollte man diese Ausdrücke immer verstehen und behalten? — Man muss sich nur nicht vorstellen, dass dies alles auf einmal und plötzlich geschehen sey. Der Sprecher brachte nicht etwa ganze Reihen neuer Töne vor, die er auf einmal zu behalten ausdrücklich aufgab; sondern die Ausdrücke kamen im Fluss der Rede einzeln vor, und waren, wenn auch nicht an sich, doch durch den Zusammenhang mit anderen bekannten Worten verständlich. Aller Augen und Ohren sind auf den Redner gerichtet; man merkt genau auf ihn, prägt sich das Gehörte sorgfältig ein, und gebraucht die gelernten Zeichen nachher auch in seiner Familie.
Bisher waren wir beschäftigt, zu zeigen, wie einzelne Gegenstände fürs Gehör bezeichnet wurden. Mit mehreren Schwierigkeiten wird die uns nun bevorstehende Untersuchung über Bezeichnung allgemeiner Begriffe verbunden seyn. Es giebt in der Wirklichkeit keinen Gegenstand, der, ausser dem Merkmale seines Geschlechts, nicht auch das Merkmal einer besonderen Gattung dieses Geschlechts an sich trüge. Es giebt zum Beispiel keinen Gegenstand, von welchem sich weiter nichts sagen liesse, als dass er ein Baum, und nicht zugleich, dass er etwa eine Birke, Eiche, Linde u. s. w. sey. Wie kam man demnach darauf, allgemeine Begriffe, z. B. den des Baumes, auszudrücken?
Zu Bezeichnungen der Gattungsbegriffe gelangte man sehr leicht. Ein Hausvater zeigte einem seiner Kinder eine Blume, die er Rose nannte. Bald darauf schickt er es, ihm die Rose zu holen. Das Kind hatte mit diesem Tone gewiss den Begriff jener bestimmten individuellen Blume verbunden, welche ihm der Vater gezeigt hatte. Es findet aber die bestimmte Blume nicht mehr, doch erblickt es daneben eine Blume von gleicher Gestalt, welche dem Kinde nun auch Rose heisst. Es reisst sie ab und bringt sie dem Vater, der die Blume als Rose anerkennt. So kommen beide überein, dass der Schall Rose nicht bloss jenen einzelnen Gegenstand auf jener bestimmten Stelle, sondern überhaupt alle Blumen von derselben Gestalt, derselben Farbe, demselben Geruche bedeute. — So war vielleicht in der gleichen Zeitreihe mit dem ersten Versuche einer Gehörsprache die Bezeichnung der Gattungsbegriffe möglich. — Richtig ist überhaupt, dass die Gattungsbegriffe sich eher entwickelten, als die des Geschlechts, weil, um sich die letzteren zu denken, ein höherer Grad von Abstraction erfordert wird. Folglich mussten auch wohl die Bezeichnungen für jene früher entstanden seyn, als die Bezeichnungen für die letzteren. Auch ist kein so dringendes Bedürfniss da, den Geschlechtsbegriff — z. B. den des Baums zu bezeichnen, als etwa die Gattungsbegriffe Birke, Eiche u. s. w.
Diejenigen Namen von Gattungsbegriffen, denen das Zeichen des Geschlechtsbegriffs, zu welchem sie gehören, nicht angehängt ist, sind gewiss früher erfunden worden, als die Namen ihrer Geschlechtsbegriffe; hingegen, wo man den Ausdrucke eines Gattungsbegriffs die Bezeichnung seines Geschlechts beigefügt findet, da ist der erstere gewiss später erfunden worden. So sagt man nicht Birkenbaum, Fichtenbaum, weil die Namen dieser Gattungen von Bäumen früher waren, als die Bezeichnung des Geschlechts. Hingegen sagt man Birnbaum, Apfelbaum, Nussbaum u. s. w., weil hier der Gattungsbegriff später zu unserer Kenntniss kam, als der seines Geschlechts. Denn es ist bekannt, dass diese Gattungen von Bäumen in Deutschland nicht einheimisch, sondern erst zu uns gebracht worden sind, da schon die wilden Baumarten, und das Geschlecht selbst bezeichnet war. Man nannte demnach die nun eingeführten fremden Bäume, ehe man einen bestimmten Namen für sie wusste, mit dem Geschlechtsworte: Bäume. Die Frucht hatte indess schon vorher einen Namen, den man vielleicht durch die Kaufleute erfahren hatte, und so entstand denn der Ausdruck: Apfelbaum, Birnbaum u. s. w.
Sehr abstracte Begriffe wurden erst ganz spät benannt, und die Zeichen derselben sind öfters vorher Zeichen der Gattung gewesen. — Einer der allerabstractesten Begriffe ist der eines Dinges; durch welches Wort ein Seyendes überhaupt bezeichnet wird. Im Deutschen ist die Ableitung dieses Wortes weniger verwickelt, als im Lateinischen, da das Wort Ens in dieser Sprache nicht das Existiren, sondern den reinen Begriff des Seyns ausdrückt. Im Deutschen hiess wohl anfänglich alles, was als Werkzeug zu etwas gebraucht wird, ein Ding. Dies sieht man bei Kindern und ungebildeten Menschen, die anstatt des eigentlichen Ausdrucks (wenn sie etwas entweder noch nicht kennen, oder sich dessen nicht sogleich entsinnen können) z. B. für Feder sagen: ein Ding, womit man schreibt. — Diese Bedeutung des Wortes Ding bestätigt sich dadurch, dass es sehr nahe mit Düng und Dung zusammenhängt, und auch sonst oft damit verwechselt wurde. Z. B. bei Luther kommt das Wort Ding häufig als Endung eines Wortes vor; als, statt Deutung — Deutding u. s. w., und wenn man in den älteren Denkmälern unserer Sprache nachforschen wollte, so würde man es noch öfter in dieser Gestalt finden. Nach und nach schob man nun diesem Worte einen höheren Sinn unter, und so wurde endlich aus der Bezeichnung eines Gattungsbegriffs, aus dem Ausdrucke für ein Etwas, das zum Behuf eines anderen da ist, die Bezeichnung eines der allgemeinsten Begriffe, die Bezeichnung eines Etwas überhaupt.
Noch mehr Schwierigkeit findet sich bei der Erklärung des Wortes seyn. Seyn drückt den höchsten Charakter der Vernunft aus, und der Mensch muss sehr ausgebildet seyn, um sich zu der reinen Vorstellung desselben erheben zu können. Da wir indess die Worte: seyn, ich bin, du bist u. s. w. auch in den Sprachen uncultivirter Völker antreffen, so kann es wohl jene hohe, nur der schärfsten Abstraction zugängliche Idee nicht seyn, was ursprünglich durch diese Zeichen ausgedrückt wurde. Sie bezeichnen in jenen früheren Perioden einer Sprache — was sie auch uns in den meisten Fällen, wo wir uns ihrer bedienen, bedeuten — das Dauernde im Gegensatz des Wandelbaren, oder den sinnlichen Begriff der Substanz. Es versteht sich, dass ich dieses Wort hier in dem Sinne nehme, in welchem man es vor der Wissenschaftslehre genommen hat, und nehmen musste. Ich erkläre den Begriff der Substanz transscendental nicht durch das Dauernde, sondern durch synthetische Vereinigung aller Accidenzen. Die Dauer ist nur ein sinnliches Merkmal der Substanz, welches man aus dem Zeitbegriff hineinträgt. Offenbar ist nicht das Dauernde, sondern nur das Wandelbare Gegenstand unserer Wahrnehmungen. Denn da jede äussere Vorstellung nur durch ein Afficirtwerden entsteht, welches nur dadurch möglich ist, dass ein Eindruck auf unser Gefühl geschieht, folglich eine Veränderung in uns veranlasst wird: so ist klar, dass jeder Gegenstand, dessen wir uns bewusst werden sollen, sich uns durch und in einer Veränderung ankündigen müsse. Etwas Bleibendes ist demnach nicht wahrnehmbar; aber wir müssen alle Verwandlung auf etwas Bleibendes beziehen — auf ein dauerndes Substrat, welches aber nur ein Product der Einbildungskraft ist. Auf dieses Substrat wird nun das Wort seyn oder ist angewendet. Keine Handlung unseres Geistes wäre ohne ein solches Substrat, und ohne eine Bezeichnung für dasselbe keine Sprache möglich. Daher kömmt das Wort seyn in einer Sprache vor, sobald sie nur anfängt, sich zu entwickeln. Aber es kömmt unter keiner anderen Bedeutung vor, als dass es das Dauernde, welches allem Wechsel zum Grunde liegt, anzeigt.
Eine andere noch schwierigere Untersuchung, welche wir anzustellen haben, betrifft die Erfindung von Zeichen für geistige Begriffe. Zuvor muss der Begriff dagewesen seyn, ehe man eine Bezeichnung für ihn suchen konnte. Wir wollen also zuerst versuchen, den Weg, auf welchem jene Ideen sich entwickelten, ausfindig zu machen.