Für alles das, was wir hier über die ursprüngliche Gestalt der Zeitwörter sagen, können die Wurzelwörter der orientalischen Sprachen zur Bestätigung dienen; diese sind Neutra, haben aoristische Zeitbedeutung, und gehen von der dritten Person aus.
Jedes Ding wurde in der Ursprache durch seine höchste Eigenthümlichkeit ausgedrückt. Diese höchste Eigenthümlichkeit eines Gegenstandes bestand wohl in demjenigen, wodurch sich dieser Gegenstand dem Bewusstseyn der rohen Naturmenschen am lebhaftesten ankündigte. Dieses Auffallende an einem Dinge konnte nun schon an sich ein Ton seyn, und dann ahmte man denselben nach, um den Gegenstand, dem er angehörte, zu bezeichnen. Wenn es sich aber ursprünglich einem anderen Sinne, als dem Gehör entdeckte, so suchte man auf die oben beschriebene Art einen Ton, welcher mit jener ausgezeichneten Eigenschaft in Beziehung stand, um auf diese Art wenigstens mittelbar den Gegenstand durch seine Eigenthümlichkeit zu bezeichnen. Nun sollten aber noch andere Eigenschaften, die einem Gegenstande zukommen, auf Veranlassung der Umstände, auch ausgedrückt, als demselben zugehörig dargestellt werden. So wurde der Löwe durch Nachahmung seines Gebrülls angedeutet. Jetzt sollte ihm aber noch ein anderes Prädicat zugeschrieben werden, welches ihm zufällig zukam. In diesem Falle musste der Ton, welcher den Löwen bezeichnete, verbunden werden mit einem anderen, durch welchen die zweite Eigenschaft bezeichnet werden sollte. Z. B. es sollte ausgedrückt werden: der Löwe schläft: hier musste das Zeichen des Löwen mit dem des Schlafs (etwa mit dem Tone des Schnarchens) zusammengesetzt werden; und dies hiess denn: „der Löwe, der sonst brüllet, schläft.“ — Bei dieser Zusammensetzung konnte aber nicht so lange auf dem Tone des Löwen in der Aussprache verweilt werden, als sonst geschah, da man, unserer Voraussetzung zufolge, durch den Ton des Löwen den ganzen Satz: der Löwe kömmt, ausgedrückt hatte, wo freilich der Ton, welcher hier den ganzen mitzutheilenden Gedanken bezeichnete, gedehnt und mit Nachdruck ausgesprochen werden musste. Allein wenn dieses Zeichen mit einem anderen, auf welchem der Hauptsinn des ganzen vorzutragenden Satzes liegt, und welches also auch in der Aussprache durch einen längeren und stärkeren Ton unterschieden werden musste, verbunden werden sollte, so musste jenes erste Zeichen kürzer und leichter ausgedrückt werden, so dass es mit dem folgenden gleichsam in Ein Wort zusammenfloss. Auf diese Art entsteht aus einem Zeitworte ein Particip, das durch öfteren Gebrauch, vielleicht auch durch Hinzukunft einiger äusserer Zeichen sich leicht in ein Substantiv verwandeln kann. Es gehört also zum ursprünglichen Charakter des Substantivs, dass ein solches Wort kürzer und zusammenfliessend mit dem folgenden Worte vorgetragen wurde.
Daraus erhellt auch — was man sonst ebenfalls aus einer besonderen Verabredung erklären zu müssen glaubte — wie man darauf kommen musste, die Zeitwörter durch bestimmte Endsylben zu bezeichnen, und durch andere Endungen, z. B. us, os u. s. w., die Substantive zu charakterisiren. Nach unserer Deduction musste ein Wort, welches als Substantiv gebraucht werden sollte, den Satz eröffnen: und da das Wort, welches den Satz schloss, durchgängig den stärksten Ton erhielt, weil es denjenigen Begriff ausdrückte, auf dessen Mittheilung es hauptsächlich abgesehen war; so musste, weil unsere Kehle bei mehreren zugleich vorzutragenden Tönen nur Einen stärker aussprechen kann, nothwendig das Substantiv, als das vorangehende Wort, leichter und mit dem folgenden zusammenfliessend ausgedrückt werden; da hingegen das Zeitwort, welches, unserer Theorie gemäss, immer das letzte Wort in einem Satze war, sich dadurch auszeichnete, dass auf ihm der volle Ton ruhte.
Wir gehen jetzt zu einer anderen Untersuchung fort, bei welcher uns, wie bei allen folgenden über die verschiedenen Arten der Wortfügung, die Aufschlüsse leiten werden, welche das soeben gefundene Resultat uns über die Entstehungsart fast aller Formen der Wortverbindung giebt. In dem vorher angeführten Falle sollte ein Gegenstand durch zwei Bestimmungen bezeichnet werden. Gesetzt nun aber, ein Gegenstand soll mit drei oder mehreren Bestimmungen zugleich ausgedrückt werden, es soll z. B. angedeutet werden: der schlafende Löwe ruht aus, so muss hier nach der von uns aufgestellten Regel der Löwe, als der Hauptbegriff im ganzen Satze, zuerst bezeichnet werden: hierauf folgt die nähere Bestimmung des Löwen, nemlich, dass er schläft: und zuletzt kömmt eine besondere Bestimmung dieses Schlafs — das Ausruhen. In dieser Verbindung muss demnach das Zeichen des Schlafs, welches in der vorher angeführten Zusammensetzung als das Hauptwort einen starken und gedehnten Ton hatte, abgekürzt, und zusammenfliessend mit dem Zeichen des Ausruhens, das hier den Hauptsinn des ganzen Satzes enthält, auf dem folglich in der Aussprache am längsten verweilt werden muss, vorgetragen werden.
Man sieht ohne meine Erinnerung ein, dass in dieser Zusammensetzung die Bezeichnung des Schlafs, welche vorher ein Zeitwort war, auf dieselbe Art, wie in dem vorher aufgestellten Satze die Bezeichnung des Löwen, zu einem Particip geworden ist; woraus sich leicht, etwa durch einige äussere Modificationen, ein Adjectiv bilden kann. — So entstehen Participien, Substantive und Adjective. Aber man könnte fragen: warum ist aus manchen Bezeichnungen ein Substantiv, aus anderen ein Adjectiv entsprungen, da doch sowohl das eine, als das andere, sich aus einem Zeitworte, und durch die Zusammensetzung desselben mit einem anderen Zeitworte gebildet hat? — Die Antwort darauf liegt sehr nahe. Bei den ersten rohen Versuchen einer Wortfügung mochten nemlich Adjectiv und Substantiv nicht so streng unterschieden seyn, als wir sie jetzt in unseren Sprachen unterschieden finden: zumal, da die Verschiedenheit beider Bezeichnungsarten nicht sowohl auf inneren Merkmalen, als auf dem besonderen Gebrauche beruht, der von der einen und von der anderen gemacht wird. Substantiv war der Natur der Sache nach dasjenige Wort, welches den Hauptbegriff, oder das Subject eines Satzes bezeichnete: Adjectiv hingegen war jedes Wort, sobald es eine nähere Bestimmung des Hauptbegriffes auszudrücken gebraucht wurde. Auf diese Art konnte dasselbe Wort, wenn es in dem einen Satze das Subject der Rede, in dem anderen nur ein Prädicat dieses Subjects ausdrückte, bald in substantiver, bald in adjectiver Bedeutung vorkommen. — Die eigenthümliche Unterscheidung zwischen Substantiv und Adjectiv ist auch wohl erst später hinzugekommen. Für uns sind sie nun, nachdem durch gewisse äussere Merkzeichen der schwankende Unterschied zwischen beiden fixirt ist, scharf von einander abgeschnitten; aber in der Ursprache dürfen wir sie uns noch nicht ebenso von einander unterschieden denken.
Aus dieser Gleichartigkeit ergiebt es sich auch, warum sich Substantiv und Adjectiv fast immer in den Endungen gleichen. Da beide durch Abkürzung des Stammwortes und durch Verkettung desselben mit einem anderen stärker und gedehnter auszudrückenden Worte entstehen, so folgt, dass sowohl das eine, als das andere mit einem Tone enden muss, der sich leicht dem folgenden Worte anschliessen lässt: da hingegen die Zeitwörter einen rauhen, harten Ton haben mussten, weil sie den Satz schliessen, und ihm den Nachdruck geben mussten. In cultivirten Sprachen werden freilich die Zeitwörter diesen rauhen Ton mehr oder weniger verlieren, weil sie dann ebenso oft in der Mitte, als am Ende eines Satzes vorkommen. Denn der gebildete Mensch begnügt sich nicht mit Sätzen, wie sie hier aufgestellt sind: mit der einfachen Zusammenstellung eines Substantivs, Adjectivs und Zeitworts. Sowie sich sein Geist mehr und mehr mit Vorstellungen bereichert, wird auch durch die mancherlei Bestimmungen, die er den vorgetragenen Begriffen als Erläuterungen beifügt, die Zusammensetzung verwickelter, der schlichte Satz zur Periode erweitert, und die ursprüngliche Wortfügung folglich verändert.
Durch diese Zusammenfügung mehrerer Worte bildete sich auch allmählig ein eigenthümlicher Unterschied des Substantivs von dem Zeitwort, welche ursprünglich ein gemeinschaftliches Stammwort ausmachten, das einen Gegenstand und eine Handlung zugleich andeutete (wie nach dem oben angeführten Beispiele der ursprüngliche Ton, der den Löwen bezeichnete, zugleich auch die Ankunft des Löwen ausdrückte). In der Verbindung mit anderen Worten, wo es nicht mehr den ganzen Gedanken ausdrücken sollte, musste ein solches Wort nicht mit dem vollen Ton, sondern leicht und fliessend ausgesprochen werden, weil ein anderes Zeichen folgte, auf welches der Nachdruck gelegt werden musste. Durch einen solchen leichteren und kürzeren Ton konnte sich das Substantiv in der Folge überhaupt recht wohl von dem Zeitworte, von welchem es abstammte, unterscheiden, ohne dass im Ganzen die Aehnlichkeit verloren ging, welche selbst noch in unseren Sprachen zwischen Substantiv und Zeitwort, wenn sie aus derselben Quelle entsprungen sind, stattfindet.
Hier noch etwas über die Stellung der Worte, welche zusammengefügt werden sollen. Wenn ausgedrückt werden soll: der Löwe schläft und ruht aus; so wird zuerst der ursprüngliche Ton des Löwen, hier in substantiver Bedeutung, d. h. nicht mit der ganzen Stärke des Tons als Hauptwort, sondern kürzer abgebrochen mit dem folgenden Ton zusammenfliessend, vorgetragen: zu diesem wird, als ein Adjectiv, der Ton des Schlafens hinzugefügt, und zuletzt kömmt das Zeitwort ausruhen. Der ursprünglichen Wortfügung gemäss, gehört also dem Substantiv der erste Platz. Wie kömmt es zu dieser Stelle? — Der Naturmensch hält sich im Vortrage seiner Gedanken genau an die Ordnung, in welcher die Vorstellungen in der Seele auf einander folgen. Immer kömmt aber im Denken das am wenigsten Bestimmte zuerst, und hierauf folgen die näheren und noch näheren Bestimmungen. Folglich musste auch in der Natursprache das für uns Unbestimmte, oder am wenigsten Bestimmte zuerst gesetzt werden, und die näheren Bestimmungen erst nachfolgen. Nun ist das Substantiv immer das Unbestimmteste: durch ein Adjectiv, das hinzukömmt, wird es näher, und durch das Zeitwort endlich nach der Absicht hinlänglich bestimmt.
Dieser Ordnung zufolge steht also in der Ursprache das Adjectiv immer nach dem Substantiv. Aber wir finden, dass diese Ordnung nach Maassgabe der Cultur der Sprachen sich ändert. Sobald eine Sprache nicht mehr bloss Natursprache ist und sich der Sprache der Vernunftcultur nähert, wird in ihr das Adjectiv bald vor bald nach gesetzt. Bei Homer z. B. finden wir meistens das Adjectiv nach dem Substantiv. In der lateinischen Sprache stehen die Adjective schon häufig voran. In der deutschen Sprache aber kann das Adjectiv niemals nach dem Substantiv gesetzt werden. Im Französischen setzt man auch das Adjectiv mehr vor als nach; wenn aber mehrere Adjective mit dem Substantiv verbunden werden sollen, so lässt man immer jene auf das letztere folgen, z. B. un homme vertueux et bienfaisant; welche Verbindungsart, um des Nachdrucks willen, der auf jedes der Adjective gelegt werden kann, allerdings einen entschiedenen Vorzug vor der deutschen hat. — Wie kann es in einer Sprache dahin kommen, dass das Adjectiv, jener Ordnung des Denkens gerade entgegen, zuerst gesetzt wird? — In dem Fortschritt der Cultur einer Sprache müssen die Wörter nicht mehr als einzelne gedacht werden, sondern mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werden als Ein Begriff gedacht. So wird auch das Substantiv nicht mehr als einzelner Begriff gedacht, der nachher durch Adjective bestimmt werden solle, sondern er wird mit diesen sogleich zusammen gedacht als Ein Begriff, und jene können ihm also auch vorhergehen.
Eine andere Frage, die wir jetzt zu untersuchen haben, betrifft die Entstehung des Activs und Passivs. Die ersten Zeitwörter waren Neutra. Aus dem ursprünglichen Neutrum lässt sich das Activ leicht entwickeln. Das Neutrum bezeichnet, wie wir schon bemerkt haben, einen Zustand, in welchem sich der Gegenstand der Rede befindet: bezieht man nun diesen Zustand auf ein anderes Object, welches mit demselben in Verbindung steht, so wird auch das Neutrum in ein Activ verwandelt. Z. B. in dem Satze: der Löwe frisst — drückt das Wort fressen einen durch sich selbst völlig bestimmten Zustand des Löwen aus, und hat also eine völlig neutrale Bedeutung. Sage ich aber: der Löwe frisst das Schaaf, so ist dieses Zeitwort ein Activ: denn hier wird die durch dasselbe dem Löwen zugeschriebene Handlung auf ihr Object bezogen.